Efeu - Die Kulturrundschau

He liked it hot

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01.10.2015. Die NZZ freut sich schon auf die Arbeiten von 35 Künstlern mit 35 berufstätigen Zürchern für die Manifesta 11. Regisseur Joshua Oppenheimer erklärt im Interview mit Negativ, warum selbst ein Film über die Massaker an Oppositionellen in Indonesien unterhaltsam sein muss. Und: Alle trauern um Literaturkritiker Hellmuth Karasek, den vorletzten großen Feuilleton-Promi der alten Bundesrepublik.

Film



Mit seinem Essayfilm "The Act of Killing" über die "anti-kommunistischen" Massaker in Indonesien in den 60er Jahren (hier unsere Kritik) sorgte Joshua Oppenheimer vor wenigen Jahren für Aufsehen. Mit "The Look of Silence" folgt der zweite Film zum Thema, der diesmal die Perspektive der Hinterbliebenen und Überlebenden in den Mittelpunkt rückt. Zentral ist der Optiker Adi, dessen älterer Bruder ermordet wurde. Dieser "ist nicht einfach ein Surrogat für die Toten, eher ist er ein zusätzlicher Aufnahmeapparat, der diesmal zwischen Oppenheimers Kamera und die Täter geschaltet wird und der dadurch die Anordnung grundlegend verändert (zum Beispiel auch: intimisiert)", schreibt Lukas Foerster im Perlentaucher. "Vielleicht fasst das den Unterschied zwischen den Filmen: Handeln wird durch Sprechen und vor allem durch Blicken ersetzt. Beide Filme Oppenheimers sind dabei mehr performativ als diskursiv, mehr moralisches Experiment als historische Untersuchung." (Für IndiekinoBerlin bespricht Thomas Groh den Film.)

"Gute Absichten führen nicht unbedingt zu guter Kunst, meistens tun sie es nicht, aber man kann keine gute Kunst ohne gute Absichten machen", sagt Joshua Oppenheimer auf Negativ im Interview mit Sven Safarow. Aber sie sollten auch unterhalten, erklärt er weiter. "Unterhaltung klingt erstmal billig, aber sie ist wichtig, denn wenn ich einen zweieinhalbstündigen Film wie "The Act of Killing" mache oder einen anderthalbstündigen Film wie "The Look of Silence" und ich etwas wichtiges zu sagen habe und jede Szene baut auf der vorangegangen auf und schafft ein Erlebnis, in das man eintauchen soll, dann sollte man besser von dem Ganzen gefesselt, gefangen, absorbiert werden. Und "unterhalten" ist einfach ein populistisches Wort für "absorbiert sein"."

Mit dem Regisseur sprechen außerdem Cristina Nord (taz) und Susanne Lenz (Berliner Zeitung). Beim Bayerischen Rundfunk gibt es Florian Frickes Feature über Oppenheimer zum Download.

Großer Jubel bei Andreas Busche im Freitag über Pixars neuen Animationsfilm "Alles steht Kopf", der den turbulenten Gefühlshaushalt eines jungen Mädchens sehr konkret visualisiert: Dieser Film ist "selbst für Pixar-Verhältnisse (...) bemerkenswert smart, weil der Film sehr prinzipiell und im wahrsten Sinne des Wortes bewusstseinserweiternd durchexerziert, worum sich das Kerngeschäft Pixars (und mehr noch das von Disney) im Wesentlichen dreht: die Produktion von Gefühlen in allen möglichen Farben, Formen und Gestalten." Jörg Wunder von ZeitOnline bestaunt "die Bilder, die das Team um Pete Docter für die Visualisierung abstrakter Vorgänge gefunden hat."

Weiteres: Silvia Hallensleben empfiehlt in der taz die Reihe "Asynchron" im Berliner Kino Arsenal. Im Freitag resümiert Fabian Tietke die Kölner Filmreihe "African Diaspora Cinema." Fritz Göttler (SZ) gratuliert Julie Andrews zum 80. Geburtstag. Ihr größter Auftritt war bekanntlich dieser:



Besprochen werden Denis Villeneuves "Sicario" (Perlentaucher, Spex, Welt), Lars Kraumes "Der Staat gegen Fritz Bauer" (Berliner Zeitung, ZeitOnline, Tagesspiegel, taz, SZ), Andrew Haighs Ehedrama "45 Years" (NZZ), Alejandro Amenábars "Regression" (NZZ) und Gillo Pontecorvos auf DVD erschienener Film "La grande strada azzurra" aus dem Jahr 1966 (taz).
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Kunst

Kurator Christian Jankowski hat in Zürich erste Projekte für die Manifesta 11 annonciert, berichtet in der NZZ Philipp Meier. Da in Zürich zwar viel mit Kunst gehandelt, aber wenig Kunst produziert wird, will Jankowski 35 Künstler mit 35 berufstätigen Zürchern zusammentun, auf dass je ein Paar ein Kunstprojekt verwirkliche. Die Künstler "sollen sich ihre "Gastgeber" aus der Zürcher Berufswelt selber aussuchen. Das kann ein Zahnarzt sein, eine Hundesalon-Besitzerin oder auch die Feuerwehr. Wobei es keineswegs Einschränkungen bei den Berufen geben soll. Besonders viele Berührungspunkte und Affinitäten will Jankowski etwa zwischen Kunstschaffenden und Prostituierten - oder auch Therapeuten - festgestellt haben . . . Im besten Fall also soll das ganze Berufsspektrum des Zürcher Stadtlebens einbezogen werden. Jankowski setzt auf das Prozesshafte dieser Kollaborationen. Was dabei herauskommen wird, ist eine vorerst verschlossene Wundertüte."

Weitere Artikel: Das vor-Ort-Produzieren und Mitmachen fremder Berufsgruppen ist in der Kunst derzeit groß angesagt: Auch bei den Biennalen in Moskau und Kiew geht man diesen Weg, berichtet Stefanie Peters in der Zeit.

Besprochen werden Chitti Kasemkitvatanas Ausstellung in der Berliner DAAD-Galerie (Tagesspiegel), die Ausstellung "Von Hockney bis Holbein" der Sammlung Würth im Berliner Martin-Gropius-Bau (FR) und die Ausstellung der Turner-Preis-Kandidaten in der Tramway-Galerie in Glasgow (SZ).
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Bühne

Die Oper Frankfurt und das Nationaltheater Mannheim sind nach einer Kritikerumfrage zu den Opernhäusern des Jahres gewählt worden, meldet Judith von Sternburg in der FR.

Besprochen werden Constanza Macras" im Maxim Gorki Theater in Berlin aufgeführte Choreografie "On Fire" (Tagesspiegel, taz), "Back to Black" am Deutschen Theater (Welt) und Roger Vontobels am Schauspiel Dresden inszeniertes Stück "Die Zuschauer" (SZ).
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Musik

Christoph Meier-Siem rückt im Freitag die professionellen, aber anonym bleibenden Bühnenmusiker großer Stars ins Rampenlicht. Im Logbuch Suhrkamp sammelt Thomas Meinecke weiter Clips. In der NZZ porträtiert Hans Keller die Bossa-nova-Sängerin Bebel Gilberto, Tochter von João und Nichte von von Chico Buarque und selbst "Miterfinderin von sogenanntem Electro-Bossa".

Besprochen werden ein Goldberg-Abend mit dem London Philharmonic Orchestra und Marc-André Hamelin in Frankfurt ("Querverbindungen sausten durch dieses extravertierte Programm", meint Judith von Sternburg in der FR), ein Konzert der Indieband Django Django (Tagesspiegel) und die aktuellen HipHop-Mixtapes des Monats (The Quietus).
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Literatur

Große Trauer um Hellmuth Karasek, einen der letzten großen Feuilleton-Promis der alten Bundesrepublik. Jetzt gibt es "nur noch Joachim Kaiser", schreibt Iris Radisch auf ZeitOnline in melancholischer Rückschau auf die Ära, die sich da neigt, und versichert, dass ihre "Erinnerungen an Hellmuth Karasek (...) die allerbesten" seien. "Die schnellen Wechsel von Themen und Topoi gehörten zu Hellmuth Karaseks Naturell", erklärt Felicitas von Lovenberg auf FAZ.net. Obwohl Karasek als Kulturchef des Spiegel den Ton im Betrieb angab, sei er immer auch gern "Clown" geblieben, schreibt Dirk Knipphals in der taz: "Grandseigneur und Weißrücken ist er nie geworden."

Kurz vor seinem Tod hat Karasek noch das meistgelesene Buch der Welt rezensiert: den Ikea-Katalog. Das Youtube-Video wurde ein Hit. Kein Wunder, erklärt Andreas Breitenstein in der NZZ, da steckt der ganze Karasek drin: "Schon immer war es sein Talent gewesen, das einfache und das gelehrte Publikum gleichermaßen zu bedienen. Die Eingangssequenz, wonach der vorliegende "möblierte Roman" von einem Verfasser namens Ikea daran leide, dass er "mehr Bilder als Personen" habe, in ihm zwar "viel erzählt" werde, aber doch alles "vollgemüllt [sei] mit Gegenständen", zwischen denen sich die Figuren durchdrängen müssten, ohne kaum je zu Wort zu kommen, war ein Brüller auch für jene, die nie ein Buch lesen."



Die deutsche Presselandschaft verliert einen Empathiker und Enthusiasten, trauert Christian Thomas in der FR: "Der Komödiant Karasek dachte immer in irrwitzigen Fallhöhen." Überhaupt kommen einige Nachrufer auf Karaseks Humor zu sprechen: David Hugendick würdigt den Verstorbenen auf ZeitOnline als "jemanden, der den Witz, das Verschelmte zu kultivieren suchte". Im Tagesspiegel, den Karasek von 1998 bis 2004 als Feuilletonchef mitherausgab, schreibt Lorenz Maroldt: "Angst davor, dass ein Gag zu flach sein könnte, hatte er jedenfalls nie". Weiteres aus dem Tagesspiegel: Karasek war "völlig einzigartig", meint Peter von Becker. Rüdiger Schaper schreibt: "Sprache war für einen wie Karasek, der sich nicht als journalistischer Lehrmeister oder Wortschatzhygieniker aufführte, ein feinstimmiges, wandelbares und dann auch ordinäres Organ. He liked it hot."

Den Lebemann Karasek, der das moderne Theater der 1960er Jahre feierte und dennoch vor der Unterhaltung keine Scheu hatte, würdigt in der Berliner Zeitung Arno Widmann, der sich nicht darüber wundert, dass Karasek sich in den 90ern mit großer Freude in die TV-Arena gestürzt hat: "Allerdings war er da schon sechzig und seine Witze eher noch älter. Auch sein Ernst lugte hinter den Kulissen einer vergangenen Zeit neugierig hervor in die ihn befremdende aber sichtlich auch erregende Gegenwart. Aber er verkroch sich nicht in den Schmollwinkel des Alters, sondern hatte seinen Spaß daran, diese neue Welt mit sich und seinen alten Göttern und Halbgöttern zu konfrontieren." In der Welt erinnert sich Matthais Matussek: "Wie vielseitig er angelegt war, wie barock, und wie sehr ihm jedes Getue fremd war. Er war der Gegentypus zu Fritz J. Raddatz. Den gespreizten kleinen Finger fand er lächerlich."

Außerdem dokumentiert der Tagesspiegel Karaseks Text "Wie Österreich aus Hitler einen Deutschen machte" aus dem Jahr 2003 und Marcel Reich-Ranickis Geburtstagsgruß von 2004. Im Archiv des Spiegel lassen sich Karaseks Texte aus seiner Zeit beim Hamburger Nachrichtenmagazin über die Suchfunktion recherchieren. Ähnliches gilt für das Online-Archiv der Zeit, wo Karasek in den späten 60ern als Theaterkritiker anheuerte. Im Fernsehen war Karasek nicht nur beim Literarischen Quartett (hier eine Playlist mit zahlreichen Sendungen) zu sehen. 1984 unterhielt er sich in der Sendung Autor-Scooter mit dem Schriftstellerrebellen Jörg Fauser:



Weiteres: Susanne Lenz denkt in der Berliner Zeitung über das Faszinosum Karl Ove Knausgård nach. Florian Bissig stellt in der NZZ die neue Ausgabe der Literaturzeitschrift Delirium vor. Auch wenn man ihn sich in Frakturschrift erarbeiten muss: Die Lektüre des arabischen Dichters Al-Mutanabbi ist unbedingt lohnenswert, meint Reinhard J. Brembeck in der SZ.

Besprochen werden Marcel Reich-Ranickis "Meine deutsche Literatur seit 1945" (Freitag), Jordi Lafebres und Zidrous Comic "Lydie" (Tagesspiegel), Ulrich Weinzierls Band "Stefan Zweigs brennendes Geheimnis" (das NZZ-Rezensent Hans-Albrecht schon kannte) und Ralph Dutlis "Die Liebenden von Mantua" (SZ).
Archiv: Literatur