Efeu - Die Kulturrundschau

Essenz entsteht durch Quetschen

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02.05.2015. In der Welt erklärt der britische Architekt David Chipperfield, warum Plattenbauten ein Segen für Berlin sind. Außerdem stellt sie das Konzept des Biennale-Kurators Okwui Enwezor vor. Im Freitag wünscht sich Ex-Volksbühnendramaturg Carl Hegemann Frank Castorf an die Tate Modern. Die Berliner Zeitung durchlebt in Stephan Kimmigs "Don Carlos"-Inszenierung ein herzrhythmushetzendes Mitdenkabenteuer. Die NZZ würdigt die erste deutsche Übersetzung von Emily Dickinsons Gesamtwerk.

Kunst


Erstmals auf der Biennale in Venedig zu sehen: alle 87 Filme von Harun Farocki. Bild: Antje Ehmann, Harun Farocki, Labour in a Single Shot, 2013-2015. Still from Lucas Penaforte, BA Stock Exchange, Buenos Aires, 2013

In der Welt sucht Swantje Karich einen Zugang zu dem Kurator Okwui Enwezor. Im Gespräch ahnt sie, warum der Mann, der gerade die Biennale kuratiert, in Vendig mit einer Einstellung Erfolg haben könnte, die ihm die Münchner, deren Haus der Kunst er vorsteht, eher übel nehmen: "Er zerstört bewusst jede Form der Identifizierung. ... Seine Ausstellungen waren nie Predigten, eher Dienstleistungen: Enwezor half den Museen, dem Wandel zu begegnen, der mehr Kunst aus mehr Weltgegenden und Kontexten zugänglich macht. Man kann das, was er leistet, mit der Arbeit von Informationstechnikern vergleichen, die das Wirtschaftsleben umkrempeln: Wie gehen wir mit neuen Daten aus neuen Quellen um? Das ist eine nicht nur technische, politische, soziale, sondern eben auch eine urästhetische Frage."

Weiteres: In der Welt fragt sich Hans-Joachim Müller: Kann man Liebe malen? Rolf Lautenschläger stellt in der taz den Fotografen Cecil F.S. Newman vor, dessen Berlinbilder von 1945 im Berliner Stadtmuseum ausgestellt werden. In New York mögen sich die Galleristen dumm und dämmlich verdienen, dafür sieht man unter ihren Berliner Berufskollegen "zahllose Idealisten am Werk", freut sich Christiane Meixner im Tagesspiegel. Außerdem besucht sie bei der Gelegenheit neue, der Berliner Öffentlichkeit abgetrotzte Kunsträume. Im Tagesspiegel gratuliert Oliver Ristau dem philippinischen Comiczeichner Alex Nino zum 75. Geburtstag. Außerdem bringt ZeitOnline eine Strecke mit Fotografien von Lothar Wolleh, die derzeit in der Berliner Galerie Pavlov"s Dog ausgestellt werden. Online aus der letzten FAS nachgereicht: Lars Jensens von äußerstem Unbehagen gekennzeichneter Blick in die Welt der amerikanischen Museen, die sich - im wesentlichen von Mäzenen finanziert - im Wettstreit in immer wuchtigeren repräsentativen Auftritten gegenseitig überbieten.

Besprochen werden eine Keith-Harring-Ausstellung in der Kunsthalle München (SZ) und die Ausstellung "Neue Nachbarschaften II - Rubens, Rembrandt, Reni, Murillo" in der Alten Pinakothek in München (SZ).
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Architektur

Der britische Architekt David Chipperfield schwärmt im Interview mit der Welt von Berlin, den Berlinern und - Plattenbauten: "Ich weiß, Plattenbauten sind hässlich, aber aus gesellschaftlicher Sicht sind sie auch interessant. Sie sind für diesen Bezirk sehr hilfreich. Ich freue mich immer, wenn ich sie sehe, weil sie für mich eine Art von sozialer ... gesellschaftlicher Durchmischung [darstellen]. Und dieses Problem haben wir überall: Die Gentrifizierung der urbanen Zentren bedeutet, dass diese Durchmischung dort verloren geht. Es ist schwer vorstellbar, Plattenbauten zu gentrifizieren. Man könnte die Fassade ändern, man könnte sie anders streichen, aber sie verlieren wohl nie dieses Stigma."
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Bühne

Wenig bis gar nichts hält Carl Hegemann, selbst lange Zeit Dramaturg an der Volksbühne unter Castorf, davon, dass nun Chris Dercon kommt: Ohne Pollesch und Bert Neumann werde die Volksbühne nicht mehr wiederzuerkennen sein. Im Freitag schlägt er vor, die angekündigten, zusätzlichen fünf Millionen Budget stattdessen lieber in eine Achse Volksbühne/Tate Modern zu investieren: "Damit würde die ästhetische Spiegelung zweier dem Kapitalismus unterschiedlich entgegentretender Metropolen ermöglicht und Theater und bildende Kunst auf zwanglose Art institutionell zusammengebracht. Dann könnten Castorf und Neumann oder Pollesch oder Fritsch dort mal für ein, zwei Jahre die Leitung übernehmen und die Volksbühne in der durchökonomisierten Tate Modern aufschlagen lassen. Und Dercon könnte mit den besten Künstlern der Welt (...) in Berlin und der Volksbühne neue, im Theater nie dagewesene antiökonomische Impulse liefern."


Alexander Khuon (Don Carlos) und Andreas Döhler (Marquis von Posa) in Friedrich Schillers "Don Carlos". Regie Stephan Kimmig, Deutsches Theater. Foto: Arno Declair

Nach all dem Theater ums Theater, ist es jetzt endich mal wieder an der Zeit, tatsächlich ins Theater zu gehen, meint Ulrich Seidler (Berliner Zeitung) und traf mit den gerade am Deutschen Theater in Berlin gegebenen Inszenierungen von Schillers "Don Carlos" und Handkes "Immer noch Sturm" gleich ins Schwarze - vor allem bei Stephan Kimmigs "Don Carlos"-Inszenierung: "Was für ein nervenzerfetzendes und herzrhythmushetzendes Mitdenkabenteuer! Mit so gut wie nichts als Schauspielern, die dürfen, was sie können, sagen, was sie meinen und wissen, was sie tun. Und die uns damit ihre Freiheit im Spiel und unsere Unfreiheit im Leben vorführen." Weit weniger vergnüglich berichtet Christine Wahl von dieser Doppelpremiere: Hier "wabern, wie so häufig im (Deutschen) Theater, Gegenwartsbehauptungen herum."

Martin Wuttke spricht im Interview mit der Welt über seine liebsten Regisseure, sein Ende als Tatort-Kommissar und den Unterschied zwischen den Theaterstädten Berlin und Wien, wo er gerade Ibsens "John Gabriel Borkman" probt: "Die Leute wissen, wer man ist. In Berlin ist das nicht so, dazu ist die Stadt zu dynamisch und mit sich selbst beschäftigt. Hier in Wien ist es - charmant. Gestern bin ich bei dem herrlichen Wetter spazieren gegangen. Da lächeln einen Leute dann an. Und das hängt nicht mit der "Tatort"-Ausstrahlung vom Wochenende zusammen, sondern die wissen: "Ah, das ist der. Und jetzt hat er die Haare ab." Die fragen auch: "Ist das für eine neue Rolle?""

Weitere Artikel: Dass Martin Kusejs Intendanz am Münchner Residenztheater verlängert wurde, findet Egbert Tholl in der SZ ganz ausgezeichnet, schließlich kristallisiere sich hier zusehends ein künstlerisches Projekt heraus: "Und auf diesem Weg gibt es noch viel anzuschauen, er ist noch längst nicht angekommen." Und: Sieglinde Geisel berichtet in der NZZ von einem Theaterfestival in Timisoara über "Die Kunst des Alterns".

Besprochen werden Johan Simons" "Hoppla, wir sterben!" in München (SZ, FAZ), Lilja Rupprechts Camus-Inszenierung "Caligula" am Münchner Volkstheater (SZ) und Eva Maria Höckmayrs Berliner Inszenierung von Telemanns "Emma und Eginhard" (FAZ, mehr)
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Archiv: Bühne

Film

Jürgen Kiontke berichtet in der Jungle World vom Festival Achtung Berlin. Paul Katzenberger war für die SZ beim goEast-Festival in Wiesbaden. Deutschlandfunk bringt ein einstündiges Feature zum 100. Geburtstag von Orson Welles. Und immer wieder schön: Rainer Knepperges" assoziative Screenshot/Text-Collagen auf New Filmkritik. Zum nunmehr fünften Mal erkundet er Karten und Pläne im Film.

Besprochen werden Annekatrin Hendels Porträtfilm "Fassbinder" (FR, mehr dazu hier), Mia Hansen-Loves "Eden" (ZeitOnline) und der Actionthriller "The Gunman" mit Sean Penn (Tagesspiegel).
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Literatur


Emily Dickinson (1830-1886). Photograph: ©Amherst College Archives and Special Collections

""Essenz entsteht durch Quetschen", übersetzt Kübler kongenial pointiert. In Dickinsons Werk ist alles auf Konzentration angelegt", schreibt Jürgen Brocan in der NZZ angesichts der ersten zweisprachigen, kommentierten Übersetzung der ganzen Emily Dickinson durch Gunhild Kübler, eine Leistung, die er "allemal höchst beachtlich" findet, "erschließt sich doch das Werk Dickinsons für den deutschsprachigen Leser erstmals in seiner Gesamtheit und wirft Licht auch auf jene kleinen Preziosen, die in Auswahlen übersehen werden, die man aber ungern missen möchte, etwa diese präzise Impression: "Aus Gelbem war der äußre Himmel / In Gelbres Gelb gehaun / Bis Safran in Zinnoberrot / Hineinglitt ohne Saum -"."

Krimi-Spezial im Freitag: Jochen Vogt schreibt über den passionierten Krimileser Bertolt Brecht. Thomas Wörtche liest eine Essaysammlung des großen französischen Schriftstellers Jean-Patrick Manchette (hier unsere Besprechung). Und Marcus Müntefering trifft sich in Hamburg mit Hardboiled-Meister James Ellroy, der sich einmal mehr als Meister der Bescheidenheit erweist: "Ich weiß, wie ich mich von der Welt fernhalte, um das bestmögliche Buch zu schreiben. Ich sitze allein in einem Raum, ein älterer Mann, der viel erreicht hat in seinem Leben, und ich weiß, ich werde den verdammt besten Roman aller Zeiten schreiben. In einem Moment denke ich: "Leckt mich, ich bin größer als Tolstoi, ich bin der amerikanische Beethoven.""

Weitere Artikel: In der Welt lesen kann man die Erzählung "Nachts" von Mercedes Lauenstein. Rainer Moritz sichtet neue Romane unter dem Aspekt Sex und "trifft auf ein erschreckendes Ausmaß an erotischer Müdigkeit". In der taz spricht Elise Graton mit der Comicautorin Nina Bunjevac. Dana Buchzik schaut sich für die FAZ in der Welt der (erfolgreichen) Amazon-Selfpublisher um. Der Bayerische Rundfunk lässt aus Heinz Reins "Finale Berlin" lesen.

Besprochen werden Anne Webers "Ahnen" (taz), Anthony Trollopes "Septimus Harding, Spitalvorsteher" (taz), Merle Krögers "Havarie" (Freitag), John Banvilles unter dem Pseudonym Benjamin Black verfasste Chandler-Hommage "Die Blonde mit den schwarzen Augen" (Freitag), Anne Kuhlmeyers "Night Train" (Freitag), Ben Atkins" "Stadt der Ertrinkenden" (Freitag), Jochen Rauschs Kurzgeschichtenband "Rache" (Freitag), Manfred Wieningers "Der Mann mit dem goldenen Revolver" (Freitag), Bariş Uygurs "Flucht aus dem Höllenhof" (Freitag), Siri Hustvedts "Die gleißende Welt" (SZ, FAZ), Alexander Kluges "30. April 1945" (FAZ) und Kristine Bilkaus Debüt "Die Glücklichen" (FAZ).
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Musik

Das neue Album von Tocotronic beschäftigt die Feuilletons auch weiterhin (was bisher geschah). Arno Frank (Freitag) etwa dankt es Dirk von Lowtzow, dass dieser mit seinem Gesang eine Brücke schlägt zwischen Herz und Verstand dieser Band und darüber hinaus auch obskureren Nischen der deutschen Grammatik zum Revival verhilft: "Es ist nicht erinnerlich, wann man zuletzt - oder jemals - im deutschen Pop etwas so Unwahrscheinliches wie den Konjunktiv II gehört hätte. Aber nur hier, wo das Schöne und das Schreckliche, das Lächerliche und das Erhabene zusammenfließen, entsteht Neues. Let there be Pop."

Thomas Stillbauer (FR) stapelt da etwas tiefer und findet das Album "schon in Ordnung", wenn auch "arrogant". Prächtig im Strahl übergeben muss er sich allerdings über die an Satire grenzende Pressemappe, die die Platte der Kritik mit blumigster Hyperbolie andient: Wer diese gelesen habe, "kann gar nicht mehr anders, als die Platte zur überheblichen Unverschämtheit zu erklären." Thomas Ewald baut in der Jungle World Vorbehalte ab, auch wenn er "die klugen Sachen, die Tocotronic mit ihrer Musik ausdrücken, weiterhin lieber in Interviews lesen wollen" wird. Für die Spex hat sich Daniel Gerhardt mit der Band unterhalten, die im Zuge dessen bekräftigt, mit Hippies auch weiterhin nichts zu tun haben zu wollen, auch wenn sie auf diesem Album vor allem über die Liebe singen. Außerdem schreiben die SZ-Autoren über ihre liebsten Tocotronic-Hits.

Selbst Papstwahlen laufen nicht so klandestin ab: Am 11. Mai ziehen sich die Berliner Philharmoniker zur Wahl von Simon Rattles Nachfolge an einen bislang geheimen Ort zurück, berichtet Peter Uehling in der Berliner Zeitung. Eine Prognose wagt er unterdessen nicht, versichert aber: "Die Philharmoniker hatten immer einen sicheren Instinkt, welcher Chef sie in die Zukunft führen würde, und sie wählten stets einen ganz anderen Dirigententypus als den, der ihnen zuletzt vorstand ... Unter den jungen Kandidaten Andris Nelsons, Gustavo Dudamel oder Kirill Petrenko wird man niemanden finden, der sich vergleichsweise scharf gegen Rattle profiliert. Und man wird ohnehin niemanden finden, der eine organisatorische Idee davon hat, wie Orchestermusik im 21. Jahrhundert weiter interessant bleiben und sich mit dem Leben in der Stadt verbinden kann. Deswegen ist die Wahl diesmal so spannend - und irgendwie auch verzweifelt, denn es gibt keinen zwingenden Kandidaten".

Auch schon wieder 25 Jahre alt: "Repeater", das erste Album von Fugazi und ein zentraler Klassiker des Post-Hardcore, schreibt Angus Batey auf The Quietus: "Perhaps what comes through loudest and strongest from "Repeater" is the way they record addresses how the personal becomes the political - which is in itself almost, in a way, a description of what Fugazi as a band ultimately have come to represent." Hier kann man ein Ohr wagen:



Außerdem: Frédéric Schwilden erliegt in der Welt dem Charme der Sängerin Balbina. Das Logbuch Suhrkamp bringt Thomas Meineckes 19. Videoclip-Rundschau. Für die taz plaudert Thomas Winkler mit Rammstein-Keyboarder Christian "Flake" Lorenz. In der Berliner Zeitung schreibt Jens Balzer, in der SZ Jonathan Fischer, in der NZZ Jürg Zbinden zum Tod von Ben E. King. Neben "Stand By Me" zählt "Spanish Harlem" zu dessen größten Hits:



Besprochen werden neue Popveröffentlichungen, darunter das neue Album von Mumford & Sons (ZeitOnline), neue, schwere Doom-Musik von Bell Witch (Pitchfork), ein Konzert der Tuareg-Band Terakraft (SZ), ein Konzert von Matthew E. White (FR), ein Konzert von Nick Cave (The Quietus), ein Konzert der New Yorker Philharmoniker in Frankfurt (FR) und das neue Album "Cherry Bomb" von Tyler, the Creator (taz).

Außerdem: Konzertmitschnitte fürs Wochenende! Über Soundcloud stellt der WDR seine Mitschnitte von den Wittener Tagen für neue Kammermusik zur Verfügung (wenn auch nur befristet für wenige Tage). In dieser Playlist finden Sie alle Aufnahmen.

Archiv: Musik