Efeu - Die Kulturrundschau

In Haute-Couture erzählt

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05.05.2015. In Mailand hört die NZZ eine elektrisierende Schlacht ums hohe C zwischen Nina Stemme und Aleksandr Antonenko. Der Tagesspiegel beobachtet geniale Dilettanten in Minsk. In der Welt kritisiert die Pianistin Gabriela Montero einen der Favoriten für die Rattle-Nachfolge, Gustavo Dudamel, als Kollaborateur der venezolanischen Linkspopulisten. Die Presse sorgt sich vor allem um die fehlende harmonische Klangkultur der Berliner.

Bühne



Liefern sich eine Schlacht ums hohe C: Calaf (Aleksandrs Antonenko) und Turandot (Nina Stemme). Foto: Marco Brescia & Rudy Amisano, Teatro alla Scala

Während der persische Prinz enthauptet wird, schwebt Puccinis Turandot in Riccardo Chaillys Mailänder Aufführung "wie ein überirdisches Wesen ... in einem mondsichelförmigen Erscheinungsfenster hoch über ihm und schaut aus wie eine ins Chinesische versetzte Schwester der Maschinenfrau Maria aus "Metropolis"", notiert ein hingerissener Christian Wildhagen in der NZZ. "Sehr weit ist der Weg aus dieser alles Menschliche verbergenden Umhüllung bis zu dem schlichten schwarzen Abendkleid, worin sie am Ende, gemeinsam mit ihrem Erwecker Calaf, mild und leise von der Bühne verschwinden wird. Selten dürfte der Wandel dieser Figur so schlüssig in Haute-Couture erzählt worden sein wie in den phantasievollen Kostümen von Andrea Schmidt-Futterer."


Eugène Labiches Komödie "Ich Ich Ich" in der Inszenierung von Martin Kušej bei den Ruhrfestspiele. Foto: © Andreas Pohlmann

Mit Martin Kušejs Inszenierung von Eugène Labiches kapitalismuskritischer Salonkomödie "Ich ich ich" aus dem 19. Jahrhundert eröffnen die Ruhrfestspiele Recklinghausen ihren Schwerpunkt mit französischen Stücken. Recht überzeugen wollte der Abend die Kritiker allerdings nicht: "Während Labiche all die Egoisten seiner Zeit mit liebevollem Spott bedenkt, sie dabei aber immer auch mit einer gewissen Sympathie betrachtet, sie haben fast schon etwas Tragisches, - will Martin Kušej ihnen einfach nur die Masken vom Gesicht reißen. Doch das würde in letzter Konsequenz so etwas wie Gewalt erfordern oder zumindest eine inszenatorische Radikalität, wie sie Herbert Fritschs Arbeiten auszeichnet. Davor schreckt Kušej allerdings zurück", notiert Sascha Westphal in der nachtkritik. Andreas Rossman spricht in der FAZ von "unverbindlichem Edel-Boulevardtheater", SZ-Kritiker Egbert Tholl findet immerhin "reizende Petitessen".

Mit dem Schwerpunkt Mexiko hat der Heidelberger Stückemarkt den richtigen Riecher bewiesen, freut sich Jürgen Berger in der SZ: Das war "ein Glücksfall", zumal sich das Theater des Landes ganz besonders mit dem Thema "Migration" befasst: "Das größte Land auf dem Scharnier zwischen Süd- und Nordamerika ist kein Aufnahmeland wie Deutschland, sondern es bildet die Bühne für eine humanitäre Katastrophe. ... Mexikanische Theatermacher haben gar keine Zeit, sich der Frage zu widmen, was angesichts solch einer Situation politisch korrekt sein könnte. Also suchen sie nicht nur nach bühnenreifen Umsetzungsmöglichkeiten, sie mischen sich auch ein."

Weitere Artikel: Zum Berliner Theatertreffen hat sich Martin Eich vom Freitag mit den Regisseurinnen Katrin Plötner, Anna Bergmann, Bernadette Sonnenbichler und Judith Kuhnert über Theatermachen in Deutschland im Zuge einer zugespitzten Situation zwischen Markt und Subvention unterhalten. Susanne Lenz besucht für die Berliner Zeitung die Proben zum Roboter-Stück "My Square Lady" an der Komischen Oper Berlin.

Besprochen werden die beim Theatrtreffen aufgeführte Fengler/Fassbinder-Adaption "Warum läuft Herr R. Amok?" von Susanne Kennedy - im übrigen eine der Regisseurinnen, die Chris Dercon an die Volksbühne holen will (Tagesspiegel, Berliner Zeitung, mehr dazu auch hier), eine konzertante Aufführung von Richard Strauss" "Ägyptische Helena" (FR) und ein Berliner "Don Carlos" in der Inszenierung von Stephan Kimmig (SZ).
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Musik

Unmittelbar vor der Wahl des neuen Dirigenten der Berliner Philharmoniker kritisiert die Pianistin Gabriela Montero in der Welt einen der Favoriten für den Posten, Gustavo Dudamel, der "das Gesicht" der venezolanischen Musikprojektes El Sistema sei. Früher ein vorbildliches Projekt sei El Sistema heute "das beste Propagandainstrument der politischen Führung. Man hat das Sistema ganz bewusst "gekauft", und zwar, um das politische System weltweit promoten zu können. El Sistema ist inzwischen ein korrumpiertes Instrument der Macht und auch der Lüge. [...] Man konnte Dudamel, der innerhalb des Sistema groß geworden ist, früher gewiss noch mit seiner Jugend entschuldigen. Doch diese Zeit, ehrlich gesagt, ist wohl vorbei. Was er tut, ist Kollaboration."

In der Presse zeigt sich Wilhelm Sinkovicz vom jüngsten Konzert der Philharmoniker unter Simon Rattle in Wien nicht gerade begeistert: Bei Bruckners Siebter fügen die Berliner "Phrase an Phrase, Themengruppe an Themengruppe, lassen auch das Adagio nahtlos fließen, nicht einmal vor dem Beckenschlag gibt es einen retardierenden Atemzug. Solche Unbeirrbarkeit mag man als Interpretation werten, jedenfalls spielen die einzelnen Gruppen beinah makellos, lassen freilich auch hören, dass in der Ära Rattle wenig Mühe an die harmonische Klangkultur verschwendet wurde."

Weitere Artikel: Andreas Müller wirft im Tagesspiegel einen Blick auf das Programm des X-Jazz-Festivals in Berlin.

Besprochen werden Tocotronics "Rotes Album" (FAZ), das neue Album von Sufjan Stevens (FR, SZ), ein Konzert der Alabama Shakes (Tagesspiegel) und die Uraufführung von Peter Eötvös" "Senza sangue" durch die New Yorker Philharmoniker (FAZ).
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Film

In der NZZ schreibt Björn Hayer zum hundertsten Geburtstag von Orson Welles: "Sein Tod am 10. Oktober 1985 markiert letztlich nicht mehr und nicht weniger als die treffende Vollendung des Unvollkommenen. "Beinahe alle Erzählungen der Welt", so schreibt er einmal, seien "Berichte über ein Scheitern, das im Tode endet - aber mehr als vom bloßen Misserfolg handeln sie vom verlorenen Paradies. Genau das ist für mich die zentrale Thematik westlicher Kultur: das verlorene Paradies." Welles Raffinement besteht darin, es nie ganz zu offenbaren, nie vollständig den Vorhang zu heben."

Weiteres: Kaspar Heinrich spricht auf ZeitOnline mit der Filmemacherin Sonja Heiss über deren Film "Hedi Schneider steckt fest", in dem sie frühere eigene Angststörungen auf komödiantische Weise verarbeitet. Auf ZeitOnline rekapituliert Dirk Peitz die neueste Folge von "Game of Thrones".
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Archiv: Film

Literatur

Besprochen werden Andreas Doraus und Sven Regeners "Ärger mit der Unsterblichkeit" (taz), Fouad Larouis "Die alte Dame in Marrakesch" (Tagesspiegel), Matthias Wittekindts Krimi "Ein Licht im Zimmer" (Tagesspiegel), Jan Brandts "Tod in Turin" (Tagesspiegel), Inger-Maria Mahlkes "Wie Ihr wollt" (SZ) und der Band "Das Krokodil" mit Erzählungen von Dostojewski (FAZ).

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Kunst

Eine vom Goethe-Institut konzipierte Ausstellung über die "Genialen Dilletanten" aus dem BRD-Punk-Underground der 80er Jahre stößt ausgerechnet im weißrussischen Minsk aufs rege Interesse der dortigen Kulturszene, zumal diese sich auch mit der eigenen, jüngeren Kunstgeschichte kurzschließen lässt, berichtet Birgit Rieger im Tagesspiegel: "Das Zusammenarbeiten verschiedener Kunstrichtungen und den Hang zum Do-it-Yourself gab es ab der ersten Phase der Perestroika auch in Minsk. In dieser Zeit kamen neue Impulse vor allem aus den Reihen der Kunststudenten, die begannen ihre Grenzen auszutesten. ... Für die belarussische Kunstszene ist der Blick auf die eigene Geschichte im Moment mindestens genauso wichtig wie der Blick ins Ausland. An der Kunstakademie fehlt das Fach Kunstgeschichte, Veröffentlichungen über die nonkonformistischen Kunstbewegungen des Landes gibt es so gut wie gar nicht."

Außerdem: Annette Selg (Tagesspiegel) besucht die gerade mit dem Comicbuchpreis der Berthold-Leibinger-Stiftung ausgezeichnete Comiczeichnerin Birgit Weyhe. Christiane Meixner (Tagesspiegel) zieht nach dem Berliner Gallery Weekend Bilanz. Für die SZ spricht Helmut Mauró mit Fotograf und Filmemacher Larry Clark.

Besprochen werden eine Willy-Maywald-Schau im Museum für Fotografie in Berlin (taz), die Ausstellung "Ape Culture" im Haus der Kulturen der Welt in Berlin (ZeitOnline) und eine Schau zum Schaffen John Singer Sargents in der National Portrait Gallery in London (FAZ).
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