Efeu - Die Kulturrundschau

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05.02.2015. Vorfreude auf die Berlinale, die noch größer wäre, hätten die einzelnen Sektionen etwas künstlerisches Profil. Die Zeit plädiert für mehr kuratorisches Profil der Museumsbestände - auch durch Verkaufen. Die NZZ protokolliert die Überwachung des Brecht-Erbes. Der Freitag beklagt den Verfall der Kulturindustrie. Die Welt erzählt die traurige Geschichte von Harper Lees angeblich neuem Roman.

Film


Szene aus Isabel Coixets Berlinale-Eröffnungsfilm "Niemand will die Nacht" mit Juliette Binoche und Rinko Kikuchi

Heute abend eröffnet Isabel Coixets Film "Niemand will die Nacht" die Berlinale, die immerhin quantitativ einiges vorzuweisen hat. Wohl auch deshalb dürfte Dieter Kosslicks Intendanz vor kurzem bis 2019 verlängert worden sein, mutmaßt Cristina Nord in der taz, ohne diesem Ausblick allerdings viel abgewinnen zu können. Warum? "Weil die Haltung nicht stimmt. Die Berlinale mag zwar in den Details großartig sein, aber im Ganzen bietet sie einen konturlosen Anblick. Das Festival verschreibt sich einem Anything goes, die Entscheidungen scheinen Umständen und Zufällen geschuldet, nur am Rande wird nach der gegenwärtigen Lage des Kinos gefragt ... Wer Kino als Spaß für die Massen betrachtet und die spezifische, reiche Geschichte des Films ignoriert, dem fällt es vermutlich nicht auf, wenn das wichtigste deutsche Filmfestival kein künstlerisches Profil hat."

Das trifft leider auch aufs "notorisch unübersichtliche Panorama" und aufs Forum zu, meint im Perlentaucher - trotz aller Vorfreude - Lukas Foerster: "Auch im Forum fällt die Orientierung nicht leicht; wieder dominieren Erst- und Zweitwerke, eine Programmierungsstrategie, die es nach den Erfahrungen der letzten Jahre vielleicht einmal zu überdenken gälte (wie viele echte Entdeckungen waren dabei? Und wieso werden nicht statt dessen einzelne Filmografien konsequenter verfolgt?)."


Wim Wenders: "Im Lauf der Zeit"

Der große Wim Wenders wird siebzig. Die Berlinale widmet ihm eine Hommage. Perlentaucher Thierry Chervel hat einige Filme nach langer Zeit wiedergesehen - zum Beispiel "Im Lauf der Zeit": "Der Film war erst ab 18 zugelassen, obwohl er eigentlich völlig harmlos ist. Ich weiß auch, warum. Wegen zwei Einstellungen, die mir bis heute in Erinnerung blieben. Sie haben mich schockiert! In der einen Einstellung geht Rüdiger Vogler zum Straßenrand. Auf einem weitläufig einzusehenden, aber menschenleeren Gelände knöpft er sich die Latzhose auf (ein Requisit damaliger Zeit!), legt den Hintern frei und begibt sich in die Hocke. Man sieht ihn seitlich, wie er in aller Seelenruhe eine beachtliche Wurst in den Sand setzt und sich dann abwischt. An Tempo-Taschentücher hatte er zum Glück gedacht." Für Harald Jähner (Berliner Zeitung) bilden die mit einer Hommage geehrten Filme von Wim Wenders "ein Museum sentimentaler Kultobjekte" (für die FAZ unterhält sich Verena Lueken ausführlich mit dem gewürdigten Regisseur).

Katja Nicodemus hat für ihren Vorbericht zu Berlinale für die Zeit auch jene Lagerhalle in Moabit aufgesucht, wo alle tausend Filme des Festivals in einem koffergroßen Festplattenaggegat lagern, von dem aus sie auch in die Kinos projiziert werden: "Dagegen muten technische Verhältnisse, die nur einen Wimpernschlag zurückliegen, fast steinzeitlich an: Vor wenigen Jahren waren es noch 20 Kilogramm schwere Filmkopien, die zwischen Festivalkinos hin- und hergefahren wurden. Vielleicht muss man sich die Verwandlung der Berlinale von einem riesigen Berg Zelluloid in ein lachhaft kleines Computertürmchen vor Augen führen, um den heute so normal erscheinenden und doch epochalen Umbruch des Mediums Kino zu begreifen."

Als interessante Alternative zu Kosslicks Themen- und Kulinarik-Kino empfiehlt Thomas Groh in der taz die "Woche der Kritik", eine von Filmkritikern veranstaltete, cinephile Film- und Debattenreihe, die parallel zum Festival stattfindet. Außerdem hat Groh sich mit Frédéric Jaeger unterhalten, der die Reihe mitkuratiert hat. Kevin B. Lees heute zur Eröffnung gezeigten Videoessay "Transformers - The Premake" kann man auch sehen, wenn man nicht in Berlin vor Ort ist:



Weitere Berlinaleartikel: Mit der Technicolor-Retrospektive würdigt die Berlinale am Zeitpunkt des vollzogenen Wechsels von analogem zu digitalem Filmmaterial "noch einmal die oft unterschlagene Technikgeschichte des Kinos, die mit dem Technicolor-Verfahren ihr Meisterstück vorweisen kann", schwärmt Andreas Busche in der taz. In der NZZ berichtet Jörg Becker über die Retrospektive. In Zeiten von Pegida und Charlie Hebdo nimmt Christiane Peitz im Tagesspiegel die Berlinale in die Pflicht, "das Fremde und Ferne, das Seltsame, Randständige" zu verteidigen: "Gäbe es die Berlinale-typische Neugier auf andere Lebenswelten auch sonst, wäre Deutschland tatsächlich eine tolerante, offene Gesellschaft." In der Berliner Zeitung unterhält sich Anke Westphal mit Andreas Dresen, der mit einer Verfilmung von Clemens Meyers Roman "Als wir träumten" im Wettbewerb vertreten ist. Enrico Ippolito würdigt in der taz den iranischen Filmregisseur Jafar Panahi als "Rebell". Daniela Sannwald (Tagesspiegel) empfiehlt Filme über komplizierte Familienkonstellationen aus dem Forum und dem Panorama. Danny Gronmaier (critic.de), Patrick Wildermann (Tagesspiegel) und Claus Löser (Berliner Zeitung) führen durch das Programm der Nachwuchs-Sektion Perspektive Deutsches Kino. Die Übergänge zwischen Kino und Fernsehen werden fließender, beobachtet Susan Vahabzadeh (SZ) mit einem Blick auf das reichhaltige Fernsehserien-Angebot des Festivals. Tobias Kniebe (SZ) war bei den Dreharbeiten von Sebastian Schippers in einem Take gedrehten Wettbewerbsfilm "Victoria". Im Tagesspiegel porträtiert Frank Noack den Jurypräsidenten Darren Aronofsky. Und Filmlöwin Sophie Charlotte Rieger weist auf diverse Filmfrauen-Veranstaltungen und -Panels während der Berlinale hin.

Abseits vom Potsdamer Platz: Bei seiner Frankfurter Poetikvorlesung verteidigte der Regisseur Dominik Graf den Voice-Over-Erzähler im Film, berichten Judith von Sternberg (FR) und Verena Lueken (FAZ). Fabian Tietke (Freitag) gratuliert der Dokumentarfilmemacherin Helga Reidemeister, deren Filme derzeit in Berlin gezeigt werden, zum 75. Geburtstag. Außerdem erfahren wir von Carolin Ströbele (ZeitOnline), dass das ZDF bereits ab morgen und also zwei Wochen vor dem eigentlichem Sendetermin sämtliche Folgen der TV-Verfilmung von Ferdinand von Schirachs "Schuld" im Netz zum Stream anbietet.

Besprochen werden Ronit und Shlomi Elkabetz" israelische Scheidungsgeschichte "Get - der Prozess der Viviane Amsalem" (NZZ), die Space Opera "Jupiter Ascending" der Wachowski-Geschwister (Welt-Kritiker Jan Küveler genießt den folgenlosen Highspeed-Rausch, "nett", meint auch Dietmar Dath, Science-Fiction-Experte der FAZ), Züli Aladağs Politkomödie "300 Worte Deutsch" (Welt), Bennett Millers Sportlerdrama "Foxcatcher" (Welt) und Helmut Käutners auf DVD veröffentlichter "Epilog - Das Geheimnis der Orplid", der laut Rajko Burchardt auf kino-zeit.de "nicht nur film-, sondern auch zeithistorisch" eine Wiederentdeckung wert ist.
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Literatur

Joachim Güntner resümiert in der NZZ für die Schweizer Leser den Streit um Frank Castorfs Münchner "Baal"-Inszenierung und hat auch mit der Brechterbin Barbara Brecht-Schall telefoniert: "Die Drecksarbeit des Verhinderns muss ja Suhrkamp übernehmen. Ehemalige Leiter von Suhrkamps Theaterverlag könnten ein Lied davon singen. Jahrelang war es Pflicht für sie, einen Beobachter an Brecht-Premieren zu entsenden, der protokollieren musste, ob denn auch alles seine Richtigkeit habe. Fragt man heute Frau Brecht-Schall, ob sie denn Castorfs Münchner Inszenierung gesehen habe, antwortet sie: "Ich werde informiert.""

In der Welt erzählt Wieland Freund die traurige Geschichte von Harper Lees angeblich neu entdeckten Roman, der wohl eher ein erster Entwurf von "Wer die Nachtigall stört" ist: "Die Harper Lee, die nun zumindest via Pressemitteilung ins Rampenlicht tritt, gibt an, das alte Manuskript verschollen geglaubt zu haben und "überrascht und erfreut" gewesen zu sein, als ihre "liebe Freundin und Anwältin Tonya Carter es entdeckte". Und vielleicht war es ja genau so. Vielleicht aber war es auch wie meist in Harper Lees Leben - dass sie nämlich, was ihr gehörte, in andere Hände legte."

Weitere Artikel: Jens Uthoff berichtet in der taz von Jochen Distelmeyers Vorstellung seines Debütromans "Otis" in Berlin. Eine Sensation meldet Fritz Göttler in der SZ: Harper Lee wird nach über 50 Jahren wieder einen Roman veröffentlichen. In der Zeit porträtiert Peter von Becker den Dramatiker und Filmautor Tom Stoppard.

Besprochen werden Teju Coles "Jeder Tag gehört dem Dieb" (Zeit, FAZ, mehr), Jhumpa Lahiris Roman "Tiefland" (NZZ), Frédéric Gros" "Die Politisierung der Sicherheit" (Freitag), Ian McEwans "Kindeswohl" (Freitag), Joan Schenkars Biografie über die Schriftstellerin Patricia Highsmith (FR), T.C. Boyles "Hart auf Hart" (SZ, mehr), Ulrike Draesners Gedichtband Subsong" (FAZ), Arno Geigers Roman "Selbstporträt mit Flusspferd" (Zeit) und Saphia Azzeddines "Mein Vater ist Putzfrau" (SZ).
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Bühne

In der Jungen Welt unterhält sich der nun auch zum Theatermann gewordene Undergroundfilm-Regisseur Wenzel Storch mit Sven Jachmann über seine am Theater Dortmund mit beträchtlichem Erfolg aufgeführte Religionssatire "Komm in meinen Wigwam". Außerdem hat die FAZ das große Gespräch mit Lars Eidinger aus der FAS online nachgereicht.

Besprochen werden eine Mainzer Bühnenadaption von Kurt Vonneguts "Die Sirenen des Titan" (FR), Karin Henkels in Zürich aufgeführtes Serienkillerstück "Roberto Zucco" (Freitag), André Bückers in Dessau aufgeführte "Rheingold"-Inszenierung (FAZ) und Volker Löschs Weimarer Verdi-Inszenierung der "Räuber" (SZ).
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Archiv: Bühne

Architektur

K. Erik Franzen besucht für die taz die David Adjaye gewidmete Ausstellung im Haus der Kunst in München: "Als Wanderer zwischen den Welten weiß Adjaye, dass es Räume braucht, in denen man sich auf Augenhöhe begegnen können muss. Also entwirft er sie." Patricia Grzonka würdigt in der NZZ den Wiener Architekten Harry Glück.
Archiv: Architektur
Stichwörter: David Adjaye, Harry Glück

Kunst

Angesichts eines boomenden Kunstmarkts und übervoller Depots der Museen plädiert Sven Behrisch in der Zeit dafür, dass Museen ihren Bestand sehr wohl aktiv pflegen und ab und zu auch mal ein Werk verkaufen, das nicht in die Sammlung passt: "Was die Besucher von den Beständen eines Museums zu sehen bekommen, ist nur ein Bruchteil. In den Depots auch kleinerer Museen lagern Hunderte von Werken, die seit Jahrzehnten an keiner Galeriewand mehr gehangen haben. Oft sind die Archive so vollgestopft, dass nicht einmal die Kuratoren genau wissen, was sie eigentlich alles haben. Manches gammelt unbesehen vor sich hin, womit man dem kulturellen Erbe einen größeren Schaden zufügt, als wenn man es an einen neuen Besitzer verkaufte, der damit sachgerecht umzugehen weiß und auch die dafür nötigen Mittel hat."

Besprochen wird die Fotoausstellung "Gute Aussichten" in den Deichtorhallen in Hamburg (SZ).

Archiv: Kunst
Stichwörter: Kunstmarkt, Museen

Musik

Sehr gallig kommentiert Jörg Augsburg (Freitag) das in einer Auflage von exakt einem, aber aufwändig verpacktem Exemplar auf den Auktionsmarkt gebrachte Album "The Wu - Once Upon A Time In Shaolin" des Wu-Tang Clan: "Willkommen im Kunstmarkt, der einzigen Kultursparte, die moralisch noch verrotteter anmutet als die Musikindustrie. "

Weitere Artikel: Klaus Walter (SZ) würdigt Robert Wyatt. Für die Zeit berichtet ein gerührter Peter Kümmel über eine Konzerthommage an den großen Jazzbassisten Eberhard Weber, der wegen eines Schlaganfalls nicht mehr spielen kann (dafür aber gerade eine Erinnerungsbuch veröffentlichte) .

Hier das Konzert:



Besprochen werden ein Klavierkonzert mit András Schiff (Isabel Herzfeld bezeugt im Tagesspiegel "schockartige Brüche und zarteste Traumwelten"), Psychedelic Pop von Jib Kidder (taz) und die zweibändige Aufsatzsammlung "Pop-Geschichte" (FAZ).
Archiv: Musik