Efeu - Die Kulturrundschau

Die Klassik muss mal boxen üben

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.01.2015. Welt und Presse diskutieren über die Verbindung von HipHop und Islam. Die FR konstatiert: Michel Houellebcqs Roman "Unterwerfung" provoziert, aber nur zum Denken. Die NZZ nimmt Lyndon B. Johnson gegen Ava DuVernays Bürgerrechtsfilm "Selma" in Schutz. Die taz ärgert sich über die Berliner Ausstellung "Queensize", die dem etwas überholten Konzept des weiblichen Blicks huldige. Im Tagesspiegel spricht Regisseur Armin Petras über das, was links und rechts vom Theater passiert. Die SZ huldigt dem Jules Verne der Architektur.

Musik

Dass Bushido mehr als zweideutig im Paris-Shirt mit Nike-Schriftzug posierte, sieht Felix Zwinzscher in der Welt eher als etwas blödes Eigenmarketing. HipHop und Islam seien seit Malcolm X und Muhammad Ali, seit Grandmaster Flash und dem WuTang-Clan Geschwister am Rande der Gesellschaft: "Obwohl Hip-Hop weit im Mainstream angekommen ist und trotz all seiner Bling-Bling-Auswüchse, ist er im Herzen doch noch immer ein Mittel des Protests. Im HipHop bricht sich die Wut der Ungehörten Bahn, was überall noch immer gern gehört wird. Und aufgrund dieser doppelten Identifikation ist er unter extremistischen Fanatikern noch immer ein beliebtes Propagandawerkzeug. Rap ist immer schon dort, wo die Extremisten hin wollen. Wenn es nun also wieder heißt, dass der Pariser Attentäter Cherif Kouachi Hip-Hop gehört und selbst gerappt habe, dann hat das nichts mit seinem Extremismus zu tun, sondern mit den Umständen, unter denen er aufgewachsen ist."

In der Presse ärgert sich Thomas Kramar über Bushido sehr: "Das mehr oder weniger offene Liebäugeln eines Teils der deutschen HipHop-Szene mit Islamismus ist nicht einfach als Ausreizen des Provokationspotenzials zu verharmlosen. Das zeigt der Fall des Berliners Denis Mamadou Gerhard Cuspert, der in den Nullerjahren als Gangsta-Rapper Deso Dogg aktiv war: Heute ist er als Abu Talha al-Almani federführend bei der Medienorganisation des IS, die im August 2014 das Video von der Enthauptung des US-Journalisten James Foley veröffentlichte."

Heute wird die neue Philharmonie in Paris eröffnet, berichtet Frederik Hanssen im Tagesspiegel. Vor Ort ist man sehr stolz darauf, dass das Gebäude abseits des Stadtzentrums und im Einzugsgebiet der Trabantenstädte rings um Paris steht. "Die Frage ist nur: Wenn man Kultur für alle machen will, genügt es dann, symbolisch einen Konzertsaal ins Arbeiterviertel zu setzen?"

Immer dieses Gejammere im Klassikbetrieb, ärgert sich Volker Hagedorn auf ZeitOnline, dabei wächst das Publikum nicht nur, es wird auch jünger und das Angebot insbesondere im Netz wächst täglich: "Die Klassik muss wohl mal boxen üben, um sich das Jammern abzugewöhnen."

Weiteres: Große Freude bei Aram Lintzel in der Spex über das neue Album "Girls In Peacetime Want To Dance" von Belle and Sebastian. Detektor.FM und FAZ feiern es als "Album der Woche", beim NPR kann man es sich anhören. Begeisterung auch bei Andreas Hartmann über das Debütalbum "Ex Machina" des Duos Gamut Inc, das darauf mit "selbstgebastelten Maschinen" ordentlich Radau macht. Hier eine Hörprobe (mehr hier):




Besprochen werden das neue Album von Panda Bear (Pitchfork), der sechste, dem Album "Electric Café" gewidmete Auftritt aus der Berliner Kraftwerk-Konzertreihe (Tagesspiegel) und ein Auftritt von Manfred Krug und Uschi Brüning (Tagesspiegel).
Archiv: Musik

Film


Ava DuVernays "Selma"

In der NZZ berichtet Andrea Köhler von der Kritik, die Ava DuVernay mit ihrem Bürgerrechtsfilm "Selma" in den USA auf sich zieht, weil sie nach Ansicht etlicher Historiker die Rolle Lyndon B. Johnsons völlig verdreht darstelle: "Darf die Regisseurin aus Gründen der Dramatisierung die historische Realität so weit verfälschen, dass sie aus einem Befürworter einen Gegner macht? Oder ihm eine Abhöraktion in die Schuhe schiebt, die in Wahrheit nicht Johnson, sondern Robert Kennedy in Auftrag gab und die FBI-Chef und King-Gegner J. E. Hoover eigenmächtig ausnutzte?" In der FAZ hat sich Andreas Platthaus den Film angesehen, der in Deutschland im Februar startet).

Ein weitergegebener Hinweis: Andere A-Festivals führen eine "Semaine de la Critique" sehr selbstverständlich im Eigenprogramm (hier etwa Cannes), in Berlin braucht es dafür eine explizite Gegen- oder wenigstens Alternativveranstaltung: Unter dem Titel "Woche der Kritik" wird es nun parallel zur Berlinale ein vom Verband der deutschen Filmkritik organisiertes Alternativprogramm geben. Versprochen wird ein "Ankerpunkt für alle, die intellektuelle Reflexion mit sinnlicher Lust am Filmerlebnis verbinden." Zum fünfköpfigen Auswahlteam zählt übrigens auch Perlentaucher-Filmkritiker Lukas Foerster.

Patrick Heidmann (Berliner Zeitung) hat sich die Vergabe der Golden Globes angesehen. Auf Vice erklärt Paul Thomas Anderson, was ihn an der Verfilmung von Thomas Pynchons 60er-Jahre-Krimi "Natürliche Mängel" gereizt hat. Auf critic.de unternimmt Pelle Felsch eine Expedition durchs Unterholz der philippinischen Trashfilme von Eddie Romero und John Ashley. In der SZ spricht Jens-Christian Rabe mit Regisseur Marcel Wehn, dessen Dokumentarfilm über die Hells Angels diese Woche ins Kino kommt. In der Welt feiert Elmar Krekeler Sönke Wortmanns Elternabendfilm "Frau Müller muss weg" als "unheimlich lustig und böse und als herrliches Gemetzel".

Besprochen wird Eckhart Schmidts auf Blu-Ray wiederveröffentlichter Thriller "Der Fan" (ein "einzigartiges und - bei allem Achtziger Jahre-Kolorit - zeitloses Kleinod", schwärmt Nicolai Bühnemann in der Filmgazette).
Archiv: Film

Kunst


Monika Baer, Ohne Titel, 2004, © the artist and Galerie Barbara Weiss, Berlin

Ziemlich erbost kommt Anne-Sophie Balzer in der taz aus der Ausstellung "Queensize", die in Berlin Werke von Künstlerinnen aus der Sammlung von Thomas Olbricht versammelt, sich dabei aber im Großen und Ganzen eher unfeministisch positioniert. Bei Balzer regt sich Widerwillen: Nicht nur verhält sich die Ausstellung recht unbekümmert zu einem "durchaus strittigen Konzept" wie dem weiblichen Blick, auch "beschleicht einen das Gefühl, dass die porträtierten Frauen eigentlich dem männlichen Blick huldigen. Für diesen posieren sie, für diesen öffnen sie ihre Schenkel, für diesen sterben sie einen gewaltsamen Tod. Und an den binären Geschlechterkategorien wird schon mal gar nicht gerüttelt. Dabei wäre ein Ausflug abseits der Männlich/Weiblich-Kodierung gerade mit Künstlerinnen wie Cindy Sherman durchaus möglich gewesen." Zuvor war bereits Sabine Weier vom Tagesspiegel in der Ausstellung.

Weiteres: Beim Besuch des Kongresses "Artist Organisations International" am Berlin HAU Theater staunt Ingo Arend in der taz, "wie rasant sich die globale Kunstwelt derzeit politisiert ... Kaum ein Weltproblem blieb ausgespart." Im Standard kommt Anne Katrin Fleißer ausgesprochen enttäuscht aus der Jasper-Johns-Ausstellung "Regret" im Wiener Belvedere: "Statt prunkvoll wirken die zwei Säle jedoch deprimierend: Das Licht ist gelblich-staubig, das Rahmenglas spiegelt."

Besprochen werden die Ausstellung "Courbet - Daubigny" in der Neuen Pinakothek München (NZZ), ein Fotoband mit Heinrich Zilles Aufnahmen aus dem "Alten Berlin" (Tagesspiegel), die Dieter-Roth-Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart (Freitag) sowie Markus Metz" und Georg Seeßlens Polemik wider den Kunstmarkt "Geld frisst Kunst - Kunst frisst Geld" (SZ, mehr).
Anzeige
Archiv: Kunst

Literatur

Nicht gar so skandalös findet Cornelia Geissler in der Berliner Zeitung den neuen, vieldiskutierten Roman "Unterwerfung" von Michel Houellebecq: Gewiss, das Buch ist provokant, schreibt sie, doch der Autor "provoziert nicht zum Steinewerfen, Brandschatzen, Schießen, sondern zum Nachdenken. ... Dieser Roman ist sein "1984", eine böse Vision." Unsere Rezensionsnotizen finden Sie hier.

In Paris schließt die letzte deutschsprachige Buchhandlung, berichtet Jürg Altwegg in der FAZ. Weißrussland gängelt seine Verlagsszene, erklärt Ingo Petz (FAZ). Felicitas von Lovenberg (FAZ) wundert sich über den immensen Erfolg von Lori Nelson Spielmans offenbar in jeder Hinsicht ziemlich trivialem Roman "Morgen kommt ein neuer Himmel", den sich auch der S. Fischer Verlag selbst nicht erklären kann.

Besprochen werden Ian McEwans Roman "Kindeswohl" (NZZ) Gerhard Roths "Grundriss eines Rätsels" (SZ), Stephen Kotkins Stalin-Biografie (FAZ) und Jochen Schimmangs "Grenzen Ränder Niemandsländer" (FAZ).
Archiv: Literatur

Bühne

Peter Laudenbach unterhält sich im Tagesspiegel mit Armin Petras, der 2013 vom Maxim Gorki in Berlin ans Staatstheater Stuttgart wechselte und jetzt für eine Inszenierung von Christa Wolfs "Der geteilte Himmel" an der Berliner Schaubühne gastiert. Der Wechsel von Berlin nach Stuttgart, erklärt er, hat sich durchaus in seinem Schaffen niedergeschlagen: "Es gibt zwei Sorten von Theaterleuten. Die einen machen ihr Theater, egal wo sie sind. ... Die anderen, und zu denen gehöre ich, interessieren sich massiv für das, was links und rechts neben dem Theater passiert. Das ist gar keine Wertung, da funktionieren Regisseure einfach verschieden. Ich brauche die Umgebung, die Stadt, sonst habe ich keinen Impuls zu arbeiten. Ich reiche mir selber nicht aus."

Weiteres: Jürgen Kesting schreibt in der FAZ zum Tod der Opernsängerin Elena Obraszowa. Stefan Ender preist im Standard die Wiener Aufführung von Wagners "Tristan und Isolde" für "einen erstklassigen Dirigenten, fulminante Sänger und ein großartiges Orchester".

Besprochen werden Roland Schimmelpfennigs in Mannheim aufgeführtes neues Stück "Das schwarze Wasser" (taz, FAZ), eine Bühnenadaption der "Blechtrommel" am Schauspiel Frankfurt ("Warum dies alles", fragt sich Judith von Sternburg in der FR) und eine am Schauspiel Köln aufgeführte Adaption von Joseph Roths Roman "Hiob" (SZ).
Archiv: Bühne

Architektur

Eine Ausstellung in Paris würdigt den Architekten Eugène Viollet-le-Duc, der im 19. Jahrhundert an seiner ganz eigenen Version mittelalterlicher Architektur arbeitete. Für den Tagesspiegel war Bernhard Schulz vor Ort und entdeckte dabei einen sympathisch säkularen Architekten: "An der Gotik interessierte ihn die Rationalität der Konstruktion. Er versuchte sie für seine Gegenwart fruchtbar zu machen. ... Für ihn war die sakrale Baukunst ausschließlich eine Sache technischer Vernunft - zu einer Zeit, da überall in Europa der Historismus in den Formen gleich welcher Vergangenheit schwelgte."

Joseph Hanimann sieht in Viollet-le-Duc "eine Art Jules Verne der Architektur" und hatte auch ansonsten durchaus sein Vergnügen: "Bemerkenswert ist an der Ausstellung in Paris, dass sie das Visionäre des Mannes nicht als Vorgriff in die Zukunft heroisiert, sondern auf die Gruselromantik von Wasserspeiern und sonstigem mittelalterlichen Zauberspuk zurückbindet."
Archiv: Architektur