Efeu - Die Kulturrundschau

Sechzig Mal - das ist absurd

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06.11.2014. Die taz sieht mit Laba Ndaos Gangsterfilm "Dakar Trottoirs" asiatisches Kino aus Afrika. Slate.fr verteidigt Benjamin Parents Film "Ce n'est pas un film de cowboys" - Schüler diskutieren über "Brokeback Mountain" - gegen die Angriffe von Neokatholiken. Im Freitag stellt Manfred Metzner vom Wunderhorn Verlag seine neue Reihe AfrikAWunderhorn vor. Die Berliner Zeitung versinkt mit dem neuen Pink-Floyd-Album in einem Daunenbett aus feinstem Hall und Echo. Die FAZ lässt sich in Marbach von Manuskripten betrachten.

Film


Willem Dafoe als Pasolini

Abel Ferrara plaudert mit der Presse am Rand der Viennale über sein neues Pasolini-Biopic mit Willem Dafoe in der Hauptrolle (Bilder). Dafür hat er sogar Szenen aus Pasolinis letztem, nie verfilmten Drehbuch nachinszeniert. Ziemlich mutig, meint Interviewer Markus Keuschnigg. Ferraras Antwort: "Wenn mir jemand meinen Kopf abschneiden will, habe ich Angst. Aber doch nicht bei einem Film. Da habe ich doch nichts zu verlieren. Wir machen, was wir lieben. Und da hat man keine Angst, da hat man im Gegenteil sehr viel Vertrauen in sich selbst. Da gibt es keinen verdammten Graubereich."

In der taz schreibt Lukas Foerster über die Filme des Afrikamera Festivals, das im Berliner Arsenal Kino stattfindet. Vor allem Hubert Laba Ndaos Gangsterfilm "Dakar Trottoirs", der großen Vorbildern aus dem asiatischen Kino mit zwar wenig Budget, aber umso mehr Herz nacheifert, hat es ihm angetan: Es ist "ein dynamischer, dreckiger, dabei erstaunlich komplex gebauter Gangsterfilm, der zu weiten Teilen on location auf den Straßen der senegalesischen Hauptstadt gedreht wurde. ... Dem Film mag es an Budget, der Inszenierung hier und da an Routine fehlen; wer über solche vermeintliche Makel hinwegsehen kann, wird jedoch mit einem hochenergetischen Stück Kino beschenkt".

Eindrücke daraus bieten diese Ausschnitte:



Benjamin Parents Zwölfminutenfilm "Ce n"est pas un film de cowboys" hat in Cannes große Erfolge gefeiert. Jugendliche auf einem Schulhof streiten über den Film "Brokeback Mountain", den sie am Vorabend im Fernsehen gesehen haben. Der Film sollte an französischen Schulen gezeigt werden und stieß auf Proteste der erstarkten neokatholischen Kräfte in Frankreich, berichtet Charlotte Pudlowski in Slate.fr und zitiert aus einem Interview mit dem Regisseur: "Dieser Film spricht von Zärtlichkeit und Liebe, er ist nicht mal politisch, er wendet sich ans allgemeine Publikum... Das einzige, was darin schockieren kann, ist die grobe Sprache der Jguendlichen, aber so sprechen sie nun mal auf den Schulhöfen. Es ist nur die Geschichte von ein paar Jugendlichen, die über Männlichkeit sprechen und über einen Film, der sie berührt hat."

Weitere Artikel: Darren Aronofsky wird Jurypräsident der Berlinale 2015, meldet Peter Uehling in der Berliner Zeitung und macht sich bei diesem "bildbesoffenen Regisseur" schon jetzt "auf irrlichternde Bewertungen gefasst". Nach vierzig Jahren soll Orson Welles Filmruine "The Other Side of the Wind" ins Kino kommen, berichtet Andrea Köhler in der NZZ. In der Zeit porträtiert Marie Schmidt die Filmemacherin Laura Poitras. Für die SZ unterhält sich Philipp Stadelmaier mit Christopher Nolan über dessen neuen Film "Interstellar" (mehr), der heute ins Kino kommt (Besprechungen im Perlentaucher und in der taz.)

Besprochen werden weiter Laura Poitras" heute anlaufender Film "Citizenfour" über Edward Snowden (Perlentaucher, SZ), Giulio Ricciarellis "Im Labyrinth des Schweigens" über die Frankfurter Auschwitz-Prozesse (FR, NZZ, FAZ), Mike Leighs "Mr. Turner" (Tagesspiegel, taz, Welt), Jessica Hausners Film "Amour Fou" über Kleist und Henriette Vogel (Standard), Christian Bachs Film "Hirngespinster" über einen an Schizophrenie Erkrankten (Standard) und die Sexkomödie "Plötzlich Gigolo" mit John Turturro und Woody Allen (Berliner Zeitung).
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Musik

Robert Rotifier (Berliner Zeitung) durfte sich auf David Gilmours Hausboot "The Endless River", das letzte, aus Jam-Session-Material zusammengestellte Album von Pink Floyd vorab anhören und begab sich auf "eine Zeitreise in eine versunkene Ära der Musikindustrie, als Rockbands noch so unaufhaltsam und träge wie Supertanker den Planeten bereisten. Als Synthesizer so viel kosteten wie ein Haus, Schlagzeugeinsätze auf sich warten ließen wie Monarchen, und schwarze Stratocasters sich in luxuriöse Daunen aus feinstem Hall und Echo betteten." (In der Zeit gibts ein langes Interview mit Pink-Floyd-Schlagzeuger Nick Mason.)

In der SZ schreibt und staunt Helmut Mauró über den Pianist Igor Kamenz, den zwar kaum jemand kennt, der aber aus unfassbaren 60 Wettbewerben mit Auszeichnungen hervorgegangen ist: "Normalerweise probiert man den Karrierestart mittels Wettbewerb einmal, und wenn man sehr schlecht abschneidet und gute Nerven hat, versucht man es ein zweites Mal. Ein drittes Mal ist schon ungewöhnlich. Aber sechzig Mal - das ist absurd. Außer, man glaubt, ein Wettbewerbssieg müsse, wie noch bis vor vierzig Jahren, eine Blitzkarriere auslösen. Oder aber man fühlt sich von dunklen Mächten verfolgt."

Weitere Artikel: Für die Spex spricht Ulrich Gutmair mit Blixa Bargeld über das neue Neubauten-Album "Lament", das eine Performance zum Ersten Weltkrieg in Belgien dokumentiert. Ulrich Olshausen resümiert in der FAZ das Jazzfest Berlin. Die amerikanische Carnegie Hall überträgt künftig ihre Konzerte gratis als Live-Stream, meldet der Standard. In der Zeit stellt Mirko Weber den tschechischen Komponisten Ondrej Adamek vor. Besprochen wird Damien Rice" neues Album "My Favourite Faded Fantasy" (ZeitOnline).

Und hier noch das neue Video "Ugly Boy" der südafrikanischen Meisterrapper und Konzeptkünstler Die Antwoord - mit Marilyn Manson, Jack Black, Flea, Cara Delevingne und dem marmorweißen Busen Dita von Teeses (alle hier). Aber der Typ in Blackface und "Hi, My Name is God"-Sweatshirt ist nicht Aphex Twin, versichert Pitch Fork.


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Literatur

Einen Schwerpunkt zu afrikanischer Literatur bietet der Freitag in seiner neuen Ausgabe. Manfred Metzner vom Wunderhorn Verlag hat der zeitgenössischen Literatur aus Afrika eine eigene Reihe gewidmet, AfrikAWunderhorn. Das musste sein, erklärt er im Interview, weil deutsche Verlage hauptsächlich die ältere Generation afrikanischer Autoren publizieren, Nadine Gordimer oder Wole Soyinka: "Die heutige jüngere Generation afrikanischer Schriftsteller ist da oft nicht vertreten. Die Folge ist, dass aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen nicht vorkommen. Und in den deutschen Medien wird immer noch ein sehr einseitiges Bild von Afrika produziert, das nach wie vor auf einem eurozentristischen Denken basiert und den damit verbundenen Exotismus feiert."

Außerdem: Robert Stockhammer stellt zwei Autoren vor, die schon deshalb kein exotisches Klischee bedienen, weil sie so amerikanisch wie afrikanisch sind: NoViolet Bulawayo und Dinaw Mengestu. Nach fünf Wahlgängen hat sich die Jury des mit zehn Euro dotierten Prix Goncourt für Lydie Salvayres Roman über den spanischen Bürgerkrieg "Pas pleurer" entschieden, meldet der Standard: "Mit fünf zu vier Stimmen setzte sie sich gegen den Algerier Kamel Daoud durch." Und: In der Zeit gibt es heute ein Krimi-Spezial.

"Reichhaltig und anregend" ist die große Ausstellung "Der Wert des Originals", mit dem das Literaturarchiv Marbach beherzt aus seinem großen Fundus an Nachlässen schöpft, meint Hubert Spiegel von der FAZ, der mit gründlichem Blick die Aura der Exponate erkundet: "Wann schlägt ein Objekt die Augen auf und blickt zurück und wann nicht? Das Original lebt von seiner Wirkung auf den Betrachter."

Die Zeit bringt heute ihre Krimi-Beilage mit BestenListe. Besprochen werden außerdem Kitty Kahanes, Alexander Lahls und Max Mönchs Comic "Treibsand" (taz), Fadhil al-Azzawis "Der Letzte der Engel" (SZ) (Leseprobe "Vorgeblättert") und Kai Kauffmanns Biografie über Stefan George (FAZ).
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Archiv: Literatur

Bühne

Philipp Rhensius war für die taz dabei, als der amerikanische Hacker Nathan Andrew Fain vor Theaterwissenschaftlern beim "Diskurs Festival" in Gießen über seine Zusammenarbeit mit Rimini-Protokoll und die Durchsichtigkeit im digitalen Zeitalter sprach: "Ein Schauereffekt, der sich auch kurz unter den hiesigen Anwesenden einstellt, als Fain plötzlich die persönlichen Browser-Historys aller Anwesenden, die sich ins lokale W-LAN eingeloggt haben, präsentiert."

Beim Theaterfestival "New Hamburg" des Hamburger Schauspielhauses im stark migrantisch geprägten Viertel Veddel kamen die Besucher aus dem Kulturbetrieb bei den Bewohnern gut an, berichtet Till Briegleb in der SZ.

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Kunst

Ab heute zeigt die Frankfurter Schirn eine große Überblicksschau zur Geschichte der westdeutschen Pop-Art. Viele Werke und auch den "archäologischen Eifer" der Ausstellungsmacher findet Alexander Jürgs im Freitag bemerkenswert: "Was an der Schau irritiert, ist die Vehemenz, mit der hier eine Sonderstellung der deutschen Pop-Art, eine Distanz zu den US-amerikanischen Künstlern behauptet wird. Sehr pauschalisierend wird da vom "plakativen und glamourösen Vokabular" von Künstlern wie Andy Warhol, Roy Lichtenstein oder Robert Indiana gesprochen. Die deutsche Pop-Art wird dagegen als kritisch, ironisierend, die bieder-bürgerliche Wirklichkeit der 50er Jahre hinterfragend beschrieben. ... Doch ist diese Polarität - kritische Geister hier, affirmative Zuflüsterer der Konsumgesellschaft dort - wirklich zutreffend? Spätestens wenn man vor Gerhard Richters "Motorboot" von 1965 [Bild] steht, beginnt man zu zweifeln." (Eine Besprechung gibts auch in der FAZ.)

Weitere Artikel: In der Berliner Zeitung führt Ingeborg Ruthe durch das überwältigende Programm des Europäischen Monats der Fotografie in Berlin und kommt sich dabei ziemlich erschlagen vor: Denn "in homöopathischen Dosen ist Kunst in Berlin längst nicht mehr zu vermitteln. Alles Mega, alles Groß-Event." Christiane Hoffmans hat sich für die Welt mit verbundenen Augen von dem Künstler Gregor Schneider in das Geburtshaus von Joseph Goebbels führen lassen: Schneider hat das Haus gekauft, schließlich entkernt und stellt den Schutt jetzt auf einem Lastwagen vor dem Nationalen Kunstmuseum Zacheta in Warschau aus. Anlässlich einer kommenden Ausstellung in Rostock spricht Norbert Bisky mit der Zeit über Gewalt, die Rolle des Künstlers und seine Familie.

Besprochen werden die Ausstellung "Fantastische Welten" im Städel in Frankfurt (FR), die Ausstellung "Germany - memories of a nation" im British Museum (Standard) und die Ausstellung über die Kunst der Mayas im Musée du Quai Branly in Paris (SZ).
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Architektur



In der NZZ stellt Roman Hollenstein den Neubau des Musée d"Ethnographie von Marco Graber und Thomas Pulver in Genf vor: "Das Bauwerk wirkt geheimnisvoll fremdländisch, erinnert bald an ein indonesisches Langhaus, bald an einen thailändischen Tempel und steht doch so selbstverständlich da, als wäre hier keine andere Architektur denkbar. Seine rautenförmig geflochtene Fassade besteht aber nicht aus Palmwedeln oder Stein, sondern aus Aluminium. In mehreren Knicken zieht sie sich wie ein Teppich über den hoch aufragenden Giebel und um das schlanke Vordach, das wie eine Hutkrempe auf die Esplanade auskragt."
Archiv: Architektur