Efeu - Die Kulturrundschau

Der große Hinterhof des Lebens

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20.10.2014. Die NZZ bestaunt die riesige neue Markthalle in Rotterdam. Der Tagesspiegel bewundert die Stille in den Fotografien von Michael Wesely. Die Jungle World erliegt dem extremen Charisma Isild le Bescos. Die FAZ erlebt eine intensive Verschmelzung in Hans van Manens Choreografie "Alltag". In der Welt donnert Werner Spies gegen die neue Hängung im Picasso Museum: So nicht!

Kunst



Als Berliner kann man nur neidisch werden: Während hier fast jedes neue Gebäude wie spießige Abschreibungsarchitektur aussieht, hat Rotterdam sich von den MVRDV-Architekten eine riesige neue Markthalle mit integrierten Wohnungen bauen lassen, die ein Experiment in Sachen städtischer Verdichtung wagt. In der NZZ ist Paul Andreas etwas ängstlich, was die Folgen sein werden, aber das Gebäude hat ihn doch beeindruckt: "Die über 250 Eigentums- und Mietwohnungen erhielten nicht nur einen Ausblick vom Balkon - viele von ihnen besitzen auch mindestens ein Fenster in den großen Hallenraum. Wo in einem konventionell gestrickten Projekt kaum mehr als die leblose Aussicht über die Dachlandschaft der Einkaufshalle geblieben wäre, öffnet sich nun die Markthal als der große Hinterhof des Lebens. Dem Treiben darin wohnen die Bewohner wie die Zuschauer einer auf den Kopf gestellten Tribüne bei. Besonders schwindelerregend geht es in den obersten 24 Penthousewohnungen zu: In deren Lichthöfen lässt ein Bodenfenster die Bewohner geradezu über der Halle schweben."

Mit großem Genuss versenken sich Hans-Jörg Rother und Nicola Kuhn vom Tagesspiegel in die Fotografien von Michael Wesely, die derzeit in Berlin in zwei Ausstellungen (hier und hier) zu sehen sind. Das bestimmende Thema ist dabei die Zeit, die der Künstler mittels verlängerter Belichtungszeiten in seine Fotos zurückholt: "Schnee lastet schwer auf den Ästen eines Baumes. Weselys Kamera kostet hier die Stille aus wie ein Geschenk und schafft kleine Gleichnisse vom Werden und Vergehen. Bewusst greift der Wahlberliner dabei ins 19. Jahrhundert zurück, als die Plattenkameras lange Belichtungszeiten erforderten. Der Gewinn solcher Mühen ist groß, arbeitet sich Wesely damit an die zeitgenössische Malerei heran, die - wie bei Gerhard Richter - das Gegenständliche zwar auflösen, aber nicht aufgeben will." (Bild: Michael Wesely, Am Großleuthener See, 11.53 - 12 Uhr, 4.9.2009)

Mit der von Frank Gehry entworfenen Fondation Louis Vuitton erhält Paris "ein neues Wahrzeichen", meint Stefan Brändle in der FR: "So leichtfüßig das Gebäude daherkommt, birgt es doch mehr Stahl als der Eiffelturm, was allein seine Enormität belegt."

Wenn Picasso für das 21. Jahrhundert von Bedeutung sein soll, dann jedenfalls nicht mit der Ausstellung im demnächst neueröffneten Picasso Museum in Paris, meint ein stinksaurer Werner Spies in der Welt: "Die Neuhängung im Haus - und ich halte mich noch zurück - ist schlichtweg ein Skandal und Ausdruck inkompetenter Spielerei mit den Tausenden Werken des Hauses. Diese Arbeit wurde der früheren Direktorin, bevor man sie verabschiedete, noch zugestanden. Sie behauptet, für die Präsentation einen ikonografischen und chronologischen Weg eingeschlagen zu haben. Das stimmt vorne und hinten nicht."

Weitere Artikel: Die NZZ hat einen Artikel des amerikanischen Kunstkritikers Jed Perl über die Jeff-Koons-Retrospektive aus der NYRB übersetzt. In der Welt fordert Stefan Grund strenge Bestrafung der Vandalen, die in Paris der als "Arschstöpsel" denunzierten Skulptur von Paul McCarthy die Luft herausgelassen haben. Peter Sötje spricht im Tagesspiegel mit dem türkischen Fotograf Ara Güler, dessen Arbeiten derzeit das Berliner Willy-Brandt-Haus präsentiert. Für den Tagesspiegel war Christiane Meixner auf der Frieze & Frieze Masters in London. In der Berliner Zeitung plaudert Kerstin Krup mit Bernd Scherer vom Berliner Haus der Kulturen der Welt, das derzeit sein 25-jähriges Bestehen feiert. In der FAZ stellt Niklas Maak das von Markus Bader in Montreal gebaute Fountain House vor.

Besprochen werden die Ausstellung "The Dark Abyss of Time", mit der das Berliner Haus der Kulturen der Welt sein Anthropozän-Projekt abschließt (Tagesspiegel), die Giacometti-Retrospektive im Leopold Museum (Standard) und Camillo José Vergaras Fotoband "Tracking Time - Documenting America"s Post-Industrial Cities" (SZ).
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Musik

In der Welt plaudern Sänger Sven Regener und Schlagzeuger Richard Pappik über das neue Album von Element of Crime, Bier und Polysaccharide. In der Zeit stellt Ulrich Stock neue Jazztrios vor.

Besprochen werden ein Konzert von Farin Urlaub (Berliner Zeitung), die große Callas-Box (Zeit), das neue Album von Kraftklub (SZ) und eine CD mit Haydn-Aufnahmen von Yaara Tal (FAZ).
Archiv: Musik
Stichwörter: Maria Callas, Sven Regener

Literatur

Auf Martin Amis" Shoah-Roman "The Zone of Interest", den Hanser, der Verlag des Autors, in Deutschland nicht veröffentlichen will, kann Lukas Latz vom Freitag sehr gut verzichten: "In Deutschland hat ein Nazimelodram Bestsellerpotenzial. Auch linguistische und narrative Experimente erfreuen sich eines Publikums. Beides in einem ist krude."

In der NZZ porträtiert Thomas Stauder den vor 100 Jahren geborenen italienischen Dichter Mario Luzi, ein Vertreter "des "ermetismo", jener wegen ihrer vordergründigen Dunkelheit und Verschlossenheit so genannten Dichtung, deren bekannteste Vertreter Montale, Ungaretti und Quasimodo sind".

Weitere Artikel: Im Standard analysiert der Literaturwissenschaftler Thomas Antonic den Plagiatsvorwurf gegen den Schriftsteller Urs Mannhart und findet ihn berechtigt: "Dass bei literarischen Texten im Gegensatz zu wissenschaftlichen die rechtliche Situation in Plagiatsfällen eine Grauzone sei, ist ein weitverbreiteter Irrglaube". In der Presse nimmt Anne-Catherine Simon Landesklischees am Buchmarkt aufs Korn: von Schwedenkrimis bis zu englischen Moorkrimi. Julia Löffler porträtiert im Freitag die Schriftstellerin Olga Grjasnowa. Im Tagesspiegel schreibt Leonard Hillmann über seine Leidenschaft für die Arbeiten des Disney-Zeichners Don Rosa. Arno Schmidts Science-Fiction-Roman "Die Schule der Atheisten" beginnt im Oktober 2014, erinnert Ulrich Stock in der Zeit.

Besprochen werden Tom Rachmans Roman "Aufstieg und Fall großer Mächte" (Presse), Nino Haratischwilis "Das achte Leben (für Brilka)" (Berliner Zeitung), Kristof Magnussons "Arztroman" (Jungle World), Barbara Yelins Comic "Irmina" (FR), Stephanie Barts "Deutsche Meister" (SZ) und eine Ausstellung in Lübeck über Günter Grass" Militärzeit ("erkennbar um Ausgewohnheit bemüht", findet Hubert Spiegel in der FAZ).
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Bühne

Aufregend fand Sandra Luzina vom Tagesspiegel einen Berliner Auftritt des Béjart Ballet Lausanne zu Musik von Gustav Mahler: Béjart "zeigt die verschiedenen Spielarten des Eros, nicht nur das Verschmelzen von Mann und Frau in raffinierten Posen, sondern auch überaus sinnliche Duette und Körperverkettungen von Männern. ... [Diese] Choreografie von 1959 ist kein düsterer Opern-Ritus, sondern ein wildes Fruchtbarkeitsritual. Fast ein Jahrzehnt vor der 68er-Revolte nahm Béjart die sexuelle Befreiung vorweg."


Alltag (Uraufführung) / Hans van Manen. Foto: Gert Weigelt

Ebenfalls im Ballett, in Düsseldorf bei Hans van Manens uraufgeführtem "Alltag", war Wiebke Hüster von der FAZ. Und sie war schlicht umgeworfen: "Von der Gegenwart als großartigem, tief empfundenem Augenblick intensivster Wahrnehmung, zwischen Vergangenheit und Zukunft erzählt van Manens Studie. "Alltag" hält dies als die choreographische Erfahrung und Aufgabe schlechthin fest und wird so zum Doppelbildnis. Porträtierter und Porträtist verschmelzen zu einer Figur, dem Künstler (...) Das muss man sehen, um es glauben zu können."

Außerdem: Wolfgang Behrens liest für die Nachtkritik aktuelle Theatermagazine. Gunda Bartels porträtiert im Tagesspiegel den Schauspieler Hans-Werner Meyer. Jan Feddersen gratuliert in der taz dem Theamtermann Corny Littmann aus Sankt Pauli, der für seinen Einsatz gegen Homophobie den Maneo-Award erhält. Jan Bosse erklärt im Interview mit der Presse, warum er ausgerechnet jetzt "Dantons Tod" (am Burgtheater) inszeniert: "Ich bin nicht mehr 23 wie Büchner, ich sitze anscheinend auf einer sicheren Insel, während die Welt rundherum explodiert. Da kann man sich doch nicht mehr distanziert benehmen." Im Standard erklärt sein Hauptdarsteller Joachim Meyerhoff im Interview, wie man Danton heute spielen kann: "Danton sagt ja ständig: "Sie werden"s nicht wagen." - Ich finde das einen der modernsten Gedanken von Leuten, die zu Macht gekommen sind. Die denken auch ständig, mir passiert nichts."

Besprochen werden die Aufführung von Arpad Schillings Stück "The Party is over - but we keep on going!" beim Steirischen Herbst (Standard), das am Theater Dortmund aufgeführte Bühnendebüt "Komm in meinen Wigwam" des Underground-Filmregisseurs Wenzel Storch (taz, Nachtkritik), Stephan Kimmigs in München aufgeführte Horváth-Inszenierung "Geschichten aus dem Wiener Wald" (Nachtkritik), Shakespeares "Sommernachtstraum" in Zürich (NZZ), Stefan Bachmanns "Käthchen von Heilbronn"-Inszenierung in Köln ("an den Zeitgeist verraten", ärgert sich Andreas Rossmann in der FAZ) und Salvatore Tramaceres in Venedig aufgeführte Flüchtlingsoper "Katër i Radës" (FAZ).
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Film


Isild Le Besco in Christophe Alis und Nicolas Bonilauris "Camping sauvage"

Mit einer Filmreihe ehrt das Berliner Kino Arsenal die in Frankreich gefeierte, hierzulande nahezu unbekannte Schauspielerin Isild le Besco. Deren "mythisches Markenzeichen" bilden die Großaufnahmen, erklärt uns Claudia Lenssen im Tagesspiegel: "Ihr Spiel steht für rätselhafte Undurchdringlichkeit, der Blick aus schmalen Augen und das minimale Zucken ihrer oft leicht geöffneten Lippen sind zur Projektionsfläche geworden, zum Rätselbild." Esther Buss von der Jungle World erkennt, dass sich sämtliche von le Besco dargestellten Figuren, durch ihre "Kompromisslosigkeit" auszeichnen: "Sie verbindet Unscheinbarkeit mit extremem Charisma. Uneinigkeit herrscht auch darüber, ob man sie nun eigentlich schön finden soll oder nicht. Ihre Physiognomie hat etwas Verrutschtes, irgendwie Vogelartiges, der Schmollmund dazu irritiert erst recht."

Claudia Lenssen führt sich in der taz die Ergebnisse einer Studie des Geena-Davis-Instituts zu Gemüte, die genau ermittelt hat, wie schlecht es um die Repräsentation von Frauen im zeitgenössischen Blockbuster-Kino bestellt ist: "Die Eingangsthese der Studie, dass Filme eins zu eins das Wertesystem ihres jugendlichen Publikums in der außerfilmischen Realität prägen, geht von einem allzu schlichten Reiz-Reaktions-Modell aus. Was die scharf geschnittene Untersuchung jedoch deutlich macht, ist ein peinliches Gesamtbild der Filme, hinter denen das größte Kapital und die mächtigsten Vermittlungskanäle der Bewusstseinsindustrie stehen." Außerdem unterhält sich Matthias Dell im Freitag mit Ellen Wietstock vom filmpolitischen Informationsdienst black box über die geforderte Frauenquote im deutschen Film.

Weitere Artikel: Der Tagesanzeiger freut sich, dass die Filme von Andrei Tarkowski nun endlich in einer qualitativ überzeugenden DVD-Edition vorliegen, welche die "irdische Schönheit" der kino-sakralen Werke des Russen endlich auch jenseits der Kino-Kathedrale zur Geltung bringen. Christoph Egger schreibt in der NZZ zum Siebzigsten des Filmregisseurs Clemens Klopfenstein.
Archiv: Film