Efeu - Die Kulturrundschau

Verwegen für Angepasste

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09.10.2014. Der Standard lernt in der Grazer Ausstellung "Ordinary Freaks", wie man cool ist. Wenig Experimente, dafür dem Publikum zugewandtes Schreiben findet der Tagesspiegel in finnischen Büchern. Virales Musikmarketing ist Spam, schimpft der Freitag. Die taz beglückwünscht Mainz zu seiner neuen Intendantengeneration.

Kunst

Coole Kunst sah Helmut Ploebst (Standard) beim Steirischen Herbst in der Grazer Ausstellung "Ordinary Freaks". Und lernt dabei: Cool kann außer faul noch alles mögliche andere bedeuten. "Da hängt zum Beispiel eine handgekritzelte Visitenkarte des US-Punkmusikers Joey Ramone, großformatig in schwarzem Acryl von Stefan Sandner nachgemalt. Cool, sagt das, ist auch Business. Vor allem, wenn darin erfolgreich "The Promise of Originality" verpackt ist, wie es Kim Gordon in einem ihrer im Hauptraum verteilten Schriftbilder formuliert. Denn Coolness muss auch geheimnisvoll wirken, damit man hinter ihrer Verhaltenheit etwas magisch Einzigartiges vermutet. Das Coole wirkt, sobald sein Charisma-Köder geschluckt wird. Wenn Understatement sexy wirkt." (Bild: Kim Gordon, The Promise of Originality)

Roman Hollenstein freut sich in der NZZ für die Athener, denen die Niarchos-Foundation ein Kulturzentrum mit neuer Nationaloper, neuer Nationalbibliothek und einem 17 Hektaren großen Park spendiert: "Ein Besuch der Baustelle lohnt sich, auch wenn man das Projekt auf der Website der Foundation bequem zu Hause studieren kann. Denn nur vor Ort wird man auch Zeuge dieses kulturellen Aufbruchs, der den Griechen wieder etwas Zuversicht geben könnte."

Besprochen werden Christine Turnauers Fotoband "Presence" (FR), Markus Schadens Photo Book Museum in Köln (taz), Clemens von Wedemeyers Klang- und Rauminstallation "Every Word you Say" im Kunstverein Braunschweig (Freitag) und die beiden William-Turner- und John-Constable-Ausstellungen in London (SZ).
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Literatur

Eckhard Fuhr lauschte mit Vergnügen den Reden der finnischen Autoren zur Eröffnung der Buchmesse. Stefan Gmeiner schickt im Standard - der Überschrift zum Trotz - einen gutgelaunten Bericht vom zweiten Messetag: "Unter das Messepublikum, in dem das Outfit "smarter Businessman" den Look "verwegen für Angepasste" langsam abzulösen beginnt, mischen sich heuer vermehrt sympathisch verschlossene Figuren."

Andere Kritiker blicken auf das Gastland der Buchmesse. Im Tagesspiegel bietet Gerrit Bartels einen Überblick über die finnische Literatur: "Sprachliche Experimente gibt es nur wenige, kaum ästhetische Eigenheiten, keinen elitären Gestus. Dem Publikum zugewandtes Schreiben ist Trumpf." Für die Zeit (Ausgabe letzte Woche) begibt sich Ronald Düker auf Spurensuche in der finnischen Literatur und stößt dabei auf einen roten Faden: "Wo es literarisch zur Sache geht, treten nämlich immer wieder jene Kriege zutage, die ihre Kerben in das gedrängte 20. Jahrhundert der Finnen geschlagen haben." Mathias Schnitzler liest für die Berliner Zeitung Aleksis Kivis" 1870 erschienenen Roman "Sieben Brüder", der als "Monument der finnischen Literatur" gilt.

Vor der heutigen Bekanntgabe des Literaturnobelpreises hat der Germanist Carlos Spoerhase, Experte in der Geschichte von Ratings und Rankings in Kunst- und Literaturkritik (mehr dazu hier), die bekanntesten deutschen Literaturkritiker um ein Ranking der ewigen Nobelpreis-Favoriten in Kategorien wie unter anderem "Gelehrsamkeit", "Unterhaltsamkeit" oder "politisches Engagement" gebeten: Im Ergebnis stehen aber immer dieselben ewigen Allrounder oben, Philip Roth, Peter Nádas, Pynchon und Adonis. In der FAZ wünscht sich Andreas Platthaus unterdessen, dass der Nobelpreis endlich mal an jemanden geht, "den die Buchmacher gar nicht auf der Rechnung haben: Vladimir Sorokin zum Beispiel oder Julian Barnes."

Weitere Artikel: Der Verleger von Truman Capotes Gesamtwerk, Peter Haag, und seine Frau Anuschka Roshani haben in der New Yorker Public Library 20 unveröffentlichte Jugenderzählungen des Schriftstellers gefunden, meldet Jan Küveler und unterhält sich mit den beiden über ihren Fund. Schriftstellerin Nora Bossong denkt im neuen ZeitOnline-Glossenportal "Freitext" über den Wandel der Rolle des Intellektuellen nach. Im Tagesspiegel gibt ein ganzer Strauß Autoren - darunter Olga Grjasnowa, Saša Stanišic und Wolf Haas - darüber Auskunft, wie sie auf die Namen ihrer Figuren kommen. In der Zeit schreiben Fritz J. Raddatz und Helmut Schmidt zum Tod von Siegfried Lenz. Für die SZ porträtiert Anne Philippi Lena Dunham, die nach ihrer Serie "Girls" mit ihrem ersten Buch "Not that Kind of Girl" nun auch unter die Schriftstellerinnen gegangen ist.

Besprochen werden Thomas Pynchons "Bleeding Edge" (Tagesspiegel, mehr), ein Buch von Nina Scholz über Nerds (Freitag), Stefano Bennis Roman "Von allen Reichtümern" (NZZ), ein Siegfried Unseld gewidmeter Bildband (Freitag), Edward St Aubyns "Der beste Roman des Jahres" (Freitag), Karsten Krampitz" DDR-Roman "Wasserstand und Tauchtiefe" (Freitag), das Romandebüt "Verzehrt" des Filmregisseurs David Cronenberg (Tagesspiegel), Raija Siekkinens Erzählband "Wie Liebe entsteht" (Tagesspiegel), Karen Köhlers Erzählungen "Wir haben Raketen geangelt" (Tagesspiegel), Mooses Mentulas "Nordlicht - Südlicht" (Berliner Zeitung) und Edda Zieglers "Buchfrauen" (FAZ).
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Bühne


Henry Purcell, "The Fairy Queen". Nach "Ein Sommernachtstraum" von William Shakespeare

Sehr zufrieden ist taz-Kritikerin Esther Boldt mit der Spielzeiteröffnung des Mainzer Staatstheaters, wo es neben Henry Purcells "Fairy Queen" und Zuckmayers "Schinderhannes" auch Explorationen des öffentlichen Raumes zu sehen gab: "Es zeigt sich in Mainz auch eine neue Intendantengeneration, die die Auseinandersetzung mit der Stadt sucht, selbstverständlich künstlerische Gattungen verknüpft, Hierarchien infrage stellt und über die Grenzen des Stadttheaterbetriebs hinausschaut. Ein solch lustvoller Weitblick fordert und kitzelt, er macht Appetit auf mehr."

Die Berliner Schaubühne hat Thomas Ostermeiers Ibsen-Inszenierung "Ein Volksfeind" in Moskau aufgeführt. Patrick Wildermann vom Tagesspiegel ist nach Russland gefahren, um sich den Abend anzusehen: "Parallelen zwischen Ibsens Geschichte und der russischen Gegenwart liegen auf der Hand. Sie kommen auch zur Sprache bei einer Podiumsdiskussion im Foyer. Klar, dass Stockmann Edward Snowden ähnelt. Offensichtlich, dass es in Russland eine Kontrolle der Medien gibt, die nicht eben der Wahrheitsfindung dient. Aber alle Fragen bleiben vorsichtig, angedeutet."

Außerdem: Katja Kullmann porträtiert im Freitag die 95 Jahre alte Tänzerin Norma Miller, deren bis heute ungebrochene Agilität und Vitalität sie sehr bewundert.

Besprochen werden eine Aufführung von Jean-Baptiste Lullys "Atys" an der Oper Kiel (FAZ) sowie Sebastian Hartmanns "Woyzeck" in Berlin und Stefan Puchers "Summer of Hate" in Hamburg (beiden Inszenierungen kann Zeit-Kritiker Peter Kümmel nichts abgewinnen)

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Musik

Im Freitag ärgert sich Jörg Augsburg über virales Musikmarketing in den sozialen Medien, das nicht nur die Selbstdarstellungsgelüste der Nutzer bedient, sondern ihm auch - Hilfe, Spam! - gepflegt die Timeline verstopft und nicht zuletzt einem krassen Verdrängungswettwerb zuungunsten der kleinen Player Vorschub leistet: "Wer kann sich schon neben einer Aufforderung von Kraftklub behaupten, für jeden einzelnen Ort ihrer geheimen Promo-Konzerttour nicht weniger als 3.000 Hashtag-Posts zu generieren - wenn man denn als Fan überhaupt die Chance haben will, dabei sein zu dürfen. Nichts anderes als eine Aufforderung zum hemmungslosen Spam ist das, versteht sich. Nur, dass hier die Kulturindustrie werkelt und kein Viagra-Ersatz-Anbieter."

Max Scharnigg schreibt in der SZ über neue Popveröffentlichungen, darunter das neue Album von Jens Friebe. In der FAZ gratuliert Rolf Thomas dem Jazzpianist Abdullah Ibrahim zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden das Debütalbum des HipHoppers Shaban (taz) und Imogen Heaps Album "Sparks" (ZeitOnline).
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Film

Der Freitag bringt einen Auszug aus dem von Claudia Lenssen mitherausgegebenem Buch "Wie haben Sie das gemacht - Aufzeichnungen zu Frauen und Filmen", in dem die Regisseurin Aysun Bademsoy von ihren Erfahrungen als Frau im Dokumentarfilm berichtet: "Die Medien greifen das Thema Migration auf, wenn Menschen scheitern, wenn ihre Rückständigkeit stört oder bedrohlich wirkt. Ich arbeite an einem Perspektivwechsel. Mein Augenmerk richtet sich auf selbstbewusste türkische Frauen, gegen herrschende Klischees."



Rundum glücklich und wieder ganz jung kommt ein strahlender Nikolaus Perneczky (Perlentaucher) aus Antoine Fuquas Actionthriller "The Equalizer" mit Denzel Washington als alternder Rächer McCall: "Ein Fußtritt in die Leisten hier, ein Hieb mit dem Korkenzieher gegen den Unterkiefer des Kontrahenten da: Eine kinetische Skulptur entsteht - aus den Fragmenten von (oft krasser) Gewalt. In darauf folgenden Actionsetpieces wird McCall nach und nach wiederhergestellt - und mit ihm die (relative) räumliche Klarheit, die für die frühe Postklassik des Genres (z.B. die "Die Hard"-Trilogie) so zentral war." Im Freitag bespricht Barbara Schweizerhof den Film.

Weitere Artikel: Auf kino-zeit.de freut sich Urs Spörri über das aufblühende deutsche Independent-Kino. Für die SZ unterhält sich David Steinitz mit Zach Braff über dessen neuen Film "Wish I Was Here". Für den Aufmacher der Zeit besucht Katja Nicodemus den Schauspieler Udo Kier in seinen Häusern in Palm Springs.

Besprochen werden ein Gesprächsband mit Aki Kaurismäki (Tagesspiegel, FAZ), Bertrand Bonellos Film "Saint Laurent", der sich auf die kreativsten Jahre, 1967 bis 1977, des Modedesigners konzentriert (NZZ), Lone Scherfigs "Riot Club" - ein dänischer Film über eine Geheimgesellschaft von Oxford-Studenten (Welt), Edward Bergers "Jack" (Tagesspiegel, taz, Welt, FAZ), das James-Brown-Biopic "Get on Up" von Tate Taylor (Tagesspiegel) und Kristian Levrings Western "The Salvation" (taz, SZ).
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