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Im Kino

Muskelerinnerungen

Die Filmkolumne. Von Nikolaus Perneczky, Jochen Werner
08.10.2014. Antoine Fuquas Actioner "The Equalizer" macht, dass wir uns noch einmal jung fühlen können. In Alex van Warmerdams "Borgman" sucht eine mysteriöse Erdgestalt eine Familie und deren brutal modernistisches Wohnhaus heim.


Antoine Fuqua ist ein Actionspezialist mit Vorbildern aus der frühen Postklassik des Genres (Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre), die inzwischen selbst als klassisch gelten kann: formvollendet, in sich ruhend, sich selbst bedeutend. Sich selbst - und mich, den damals jungen Protagonisten erster Kinoerfahrungen. "The Equalizer" ist Fuquas neuester Actioner: Er hat mich sehr glücklich gemacht.
 
Die Erzählprämisse von "The Equalizer" beruht auf einer Fernsehserie aus den 1980ern, die ich nicht gesehen habe. Viele Kritiken zum Film tun sich (wohl auch aus Unkenntnis) schwer, diese Vorlage ernst zu nehmen. Es ist aber durchaus vorstellbar, dass sich von dieser Herkunft etwas mitteilt in der Leinwandfassung (hier die schöne Introsequenz zur Serie). Aber nicht nur in dieser Hinsicht ist der Equalizer ein Besucher aus einer anderen Zeit. Robert McCall heißt der "Ausgleicher" mit bürgerlichem Namen. Er ist ein soignierter Herr mit altersbedingt schon leicht verlangsamtem Gang und Betragen, tagsüber in einem Bostoner Baumarkt angestellt, abends im immer gleichen, sympathisch ranzigen Diner anzutreffen, wo er sich bei einer Tasse Tee (den Beutel hat er, sorgfältig in eine Serviette eingefaltet, selbst mitgebracht) durch die Weltliteraturausgabe seiner verstorbenen Frau liest - alles sprechende Titel: von Cervantes ("Don Quixote") bis Hemingway ("The Old Man and the Sea"). Denzel Washington gibt diesen Durchschnittsbürger in so exaltierter Manier, dass man sofort versteht: In der militärisch korrekt gefalteten Serviette verbergen sich ganz andere Intensitäten.
 


Als die junge Prostitutierte Alina (Chloë Grace Moretz als trauriges Kind), die jeden Abend in McCalls Diner Kuchen isst, mit ihrem russischen Zuhälter in Konflikt gerät, will McCall sie freikaufen. Weil das nicht gelingt, bringt er den Zuhälter kurzerhand um und ein gutes Dutzend durchtrainierter Wachleute gleich mit. Jetzt rücken ihm, wie es das Drehbuch eher vage umschreibt, "die Russen" auf die Pelle, psychopathisch inkarniert im Auftragskiller Teddy (Marton Csokas), dessen mit Gefängnistätowierungen übersäter nackter Rücken sich an einer Stelle (in einer bravourösen Überblendungsequenz) über die Bostoner Skyline spannt. So ist auch das moralische Universum beschaffen, das "The Equalizer" bewohnt. Wie der Film im Ganzen verstehen es beide Darsteller, ihre Eindimensionalität ästhetisch zu wenden: Csokas" böser Engel tritt gegen Denzel Washingtons leicht ins Süßliche glorifizierte Starimago an.

Ein zentraler Genuss, den "The Equalizer" bereitet, liegt im Wiedererinnern und Reaktivieren historischer Actionkinoaffekte. Dass Fuqua dieses Empfinden teilt und mit anderen teilen will, ist in der Erzählprämisse des Films allegorisch aufgehoben: McCall/Washington ist ein alternder Actionheld, der sich an vergangene moves wiedererinnern muss, damit er sich noch einmal jung fühlen kann. Damit wir uns noch einmal jung fühlen können.



Die erste Actionsequenz (gegen Alinas Zuhälter und seine Entourage) lässt auf sich warten. Bevor McCall loslegt, macht er sich mit dem Raum vertraut, in dem das Handgemenge sich abspielen wird. Seine Wahrnehmung setzt sich aus vielen, rasch wechselnden Einstellungen zusammen. Im Kampfgeschehen dann, in einer Kaskade von muscle memories, zerstreut sich auch seine Körper. Ein Fußtritt in die Leisten hier, ein Hieb mit dem Korkenzieher gegen den Unterkiefer des Kontrahenten da: Eine kinetische Skulptur entsteht - aus den Fragmenten von (oft krasser) Gewalt. In darauf folgenden Actionsetpieces wird McCall nach und nach wiederhergestellt - und mit ihm die (relative) räumliche Klarheit, die für die frühe Postklassik des Genres (z.B. die "Die Hard"-Trilogie) so zentral war. McCall wird, was er war; auch "The Equalizer" kommt zu sich, indem er zu einer früheren Phase des Actionkinos zurückkehrt: Der finale Showdown im Baumarkt ist ein perfektes Stück "Actionkammerspiel" (Drehli Robnik).

Nikolaus Perneczky


The Equalizer - USA 2014 - Regie: Antoine Fuqua - Darsteller: Denzel Washington, Chloë Grace Moretz, Marton Csokas, David Harbour, Haley Bennett, Bill Pullman, Melissa Leo - Laufzeit: 131 Minuten.

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Camiel Borgman ist einer von zwei Namen, die der Protagonist von Alex van Warmerdams "Borgman" trägt, ob er in irgendeiner Hinsicht "richtiger" ist als der zuerst verwendete lässt der Film im Unklaren. Vielleicht ist dieser "Borgman" ein Mann mit vielen Namen, ein Prinzip oder eine Funktion eher als ein Individuum? Dieser Name jedenfalls ist kein unbesetzter: Camiel (oder Chamuel, es existieren zahlreiche Schreibweisen) ist einer der sieben Erzengel der kabbalistischen Tradition. Keine kanonische Figur, eher eine mystische Gestalt, die sich statt in den großen religiösen Schriften im Volksglauben manifestierte. Der Erzengel Chamuel wurde mit einer Reihe von Schlüsselaufgaben betraut: Einerseits vertrieb er Adam und Eva aus dem Paradies, andererseits spendete er Jesus Christus im Garten Gethsemane Trost in der Nacht vor seiner Kreuzigung. Verdammer der Menschheit und Gefährte des Menschensohns, Bedrohung und Erlösung - Chamuel steht so weit über den menschlichen Dingen, dass er beides zu verkörpern vermag.

Camiel Borgman steigt nicht vom Himmel nieder in die Welt von Alex van Warmerdams Film. Er ist ein Erdgeborener. In einer surrealen Anfangssequenz wird er in einem Erdloch entdeckt, bärtig im Dunkel kauernd, etwa so, wie uns der moderne Mythos die letzten Tage Saddam Husseins erzählt. Oder, ein Kinomythos, wie Leos Carax" "Monsieur Merde" unterhalb unserer Alltagswahrnehmung hausend. Und wehe, wenn diese Wahrnehmung aufbricht. Wehe, wenn das Prinzip Camiel Borgman erst einmal zu wirken beginnt.

Denn, anders als Denis Lavants marodierende, murmelnde, krächzende Verkörperung des Monsieur Merde, wirft dieser Borgman sein suspektes Äußeres nur allzu schnell ab. Eloquent nämlich ist er von Beginn an, und sein Handeln zielgerichtet, auch wenn das Ziel selbst lange und vielleicht über den Abspann hinaus im Dunkel bleibt. Nur als destruktives Prinzip nimmt er wirklich Gestalt an - dafür aber in äußerster, unaufhaltsamer Konsequenz. Bald nistet er sich im Eigenheim des Ehepaares Marina und Richard, einem brutalen, modernistischen Betonklotz, ein und beginnt ein undurchsichtiges, böses Spiel mit Marina.



Auf der Plotebene nimmt "Borgman" im Folgenden die Form des Home-Invasion-Thrillers an, sucht dabei aber weniger den Anschluss an die freiwillig (Moreau/Paluds "Ils", Bryan Bertinos "The Strangers" u. dgl.) oder unfreiwillig (Michael Hanekes zwei "Funny Games"-Versionen) generischen Ausformulierungen des Genres. Eher kommen die abstrakteren Variationen auf das ursprünglich satirische Thema aus Renoirs "Boudu, sauvé des eaux" in den Sinn: Pier Paolo Pasolinis "Teorema" oder auch Takashi Miikes "Visitor Q". Die Struktur bleibt, ob in komödiantischer oder, wie hier, stockfinsterer Form durchgeführt, dieselbe: ein mysteriöser Fremder dringt in Eigenheim und Familienverbund ein - und setzt Prozesse in Gang, die den ohnehin längst fragilen Zusammenhalt der prekären Gemeinschaft restlos zersetzen.

Im Falle von "Borgman" treten zu diesem geradezu archaischen Destruktionsprinzip neue, ziemlich kontemporär erscheinende Beunruhigungen hinzu: Sein Protagonist ist bestens vernetzt, und schnell nach seinem Aufstieg zur Erdoberfläche aktiviert er einen Helfer nach dem Anderen; eine Gruppe zwielichtiger Kollaborateure nistet sich bald im Gartenhaus des Familienwohnsitzes ein - wo Borgman, als Gärtner angestellt, offen und von niemandem weiter hinterfragt an der konsequenten Verwüstung des Gartens zu arbeiten beginnt.



So treten mehrere Schreckensvisionen nebeneinander und verstärken sich gegenseitig. Der Manipulator ist kein Individuum mehr, dem eine diabolische Rolle zugeschrieben werden könnte, er ist eher Initiator eines verborgenen Netzwerks, das unterhalb der sichtbaren Zusammenhänge zu wirken beginnt. Die Verwüstungen, die im Zuge dieses Prozesses zutage treten, sind natürlich nach wie vor unsere eigenen, die längst in uns keimen - und doch tritt eine weitere Angst hinzu: die Furcht vor unserem eigenen blinden Auge. Sind wir schon so abgestumpft, dass wir die Zerstörungswut nicht einmal mehr dort erkennen, wo sie uns offen und unverhüllt vor Augen tritt? Tritt uns diese vielleicht schon zu nah, wenn wir sie auf uns zu beziehen wagen? Das Ende von Alex van Warmerdams Film ist absehbar und dunkel - dafür ist "Borgman" doch Horrorfilm genug -, die Fragen aber, die er stellt (ohne allzu deutliche Antworten darauf anzubieten), brennen lange nach.

Jochen Werner

Borgman - Niederlande 2013 - Regie: Alex van Warmerdam - Darsteller: Jan Bijvoet, Hadewych Minis, Jeroen Perceval, Alex van Warmerdam, Tom Dewispelaere, Sara Hjort Ditlevsen, Elve Lijbaart - Laufzeit: 113 Minuten.

Archiv: Im Kino

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