Efeu - Die Kulturrundschau

Mitten im Sinnlosen

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.09.2014. Die taz sucht nach einer bedeutungstragenden Schicht in der Londoner Anselm-Kiefer-Ausstellung. Der Freitag amüsiert sich über den Metropolen-Schwanzvergleich von Hamburg, Berlin und Köln, die jeweils eine Musikmesse ausrichten. Der Rabattstreit zwischen Bonnier und Amazon ist beigelegt, meldet die Welt. Die NZZ hört norwegisch-isländischen Reggae.

Kunst


Anselm Kiefer, Ages of the World, 2014. Private collection. Photo courtesy Royal Academy of Arts. Photography: Howard Sooley / © Anselm Kiefer

Für die taz hat Katrin Bettina Müller die große Anselm-Kiefer-Schau in der Royal Academy of Arts in London besucht. Architektonisch kommt die Academy den Größenverhältnissen von Kiefers Kunst zwar spürbar entgegen, schreibt sie, doch "was der Ausstellung (...) fehlt, ist die Vermittlung der Elemente des Chaotischen und der Verunsicherung im Prozess der Entstehung der Werke. Die Texte im Katalog (...) beschwören solche Momente, in denen der Künstler, streifend durch einen unendlich wuchernden Wust von Werken und Materialien, sich mitten im Sinnlosen wiederfindet, fremd seinem eigenen Werk gegenüber. Wenn Kiefer seine Leinwände Feuer und Säure aussetzt, vergräbt oder über Jahre in Container verschließt und den Bildkörper einem stellvertretenden Leiden unterwirft, hat das immer auch etwas von Kampf, vom vielleicht auch verzweifelten Suchen nach einer bedeutungstragenden Schicht."

Doch lieber schöne Frauen? Im Brüsseler Museum Bozar kann man derzeit begutachten, welchen Einfluss Peter Paul Rubens auf andere Künstler hatte, erzählt Kerstin Schweighöfer im Standard: "Es ist ein Rücken, den man so schnell nicht wieder vergisst. Nicht nur, weil Peter Paul Rubens ihn meisterhaft auf der Leinwand festgehalten hat: üppig, sinnlich, nicht zu schmal. Nein, auch weil dieser Rücken im Laufe der Jahrhunderte mehrmals wieder auftaucht. Schon 1620 zum Beispiel, auf einer Radierung von Rubens" Landsmann Lucas Vorsterman. Oder 1860 bei Edouard Manet und seiner Überraschten Nymphe: Sie dreht dem Betrachter in genau derselben Haltung den Rücken zu wie mehr als 250 Jahre zuvor die Venus frigida von Rubens."

Weitere Artikel: Von der Erklärung der saudi-arabischen Altstadt Dschidda erhofft sich die Islamologin Ulrike Freitag im Tagesspiegel Impulse zur Sanierung und Rettung der teils schwer beschädigten Gebäude. Für fünf Jahre wird das Berliner Pergamon-Museum wegen Sanierungsarbeiten geschlossen: Anlass für Lothar Müller von der SZ, seufzend nachzublättern, wie sich die dort ausgestellten Götter in der Literatur niederschlugen.

Besprochen werden Bettina Rheims" Ausstellung "Bonkers - A Fortnight in London" in der Camera Work AG in Berlin (taz), Miina Savolainens Fotoausstellung "The Loveliest Girl in the World" in der Frankfurter Ausstellungshalle 1A (FR) und eine Ausstellung über den Deutschen Werkbund 1914 im Berliner Museum der Dinge (Tagesspiegel).
Archiv: Kunst

Film

Im CulturMag freut sich Alf Mayer, dass sich die NZZ seit Februar den Versuch eines vierteljährlich erscheinenden Print-Filmmagazins namens Frame leistet. Negativ bringt Rüdiger Suchslands Notizen vom Filmfestival in San Sebastian.

Besprochen werden Hirokazu Kore-Edas "Like Father, like Son" (FR, Perlentaucher, FAZ), Lucrecia Martels "Offene Türen, offene Fenster" (Tagesspiegel, critic.de, epd-film.de), Mike Cahills Science-Fiction-Thriller "I Origins" (Tagesspiegel, critic.de), das Musical "Walking On Sunshine" (Tagesspiegel) und Christian Petzolds "Phoenix" (CulturMag, hier und hier mehr).
Archiv: Film

Bühne

"Im Münchner Volkstheater vermarthalert Csaba Polgár Maxim Gorkis Intelligenzlerdrama "Kinder der Sonne"" - mit dieser brillanten Dachzeile hat die Nachtkritik Sabine Leuchts Rezension des Stücks exakt zusammengefasst. Besprochen wird Benedikt von Peters "Meistersinger von Nürnberg"-Inszenierung am Theater Bremen (SZ)

Anzeige
Archiv: Bühne

Literatur

Der Rabattstreit zwischen Bonnier und Amazon ist beigelegt, berichtet Holger Ehling in der Welt: Man kam sich mit 40 Prozent in der Mitte entgegen. Wozu der ganze Ärger also? Ehling hat eine Vermutung: "Kindle Unlimited könnte der Schlüssel sein, um den Konditionenstreit mit den Verlagen zu verstehen, denn das Abrechnungsmodell ist, für Amazon, mutig: Die Nutzer zahlen 9,99 US-Dollar im Monat, dafür erhalten sie unbeschränkten Zugriff auf die gelisteten E-Books. Die Verlage erhalten bei jedem Herunterladen die gleiche Summe, die sie bei einem Verkauf über den normalen Amazon-Shop bekommen würden. Das ist schön für die Verlage, ob Amazon so große Gewinne einfahren kann, scheint zweifelhaft. Ein paar Prozent mehr Rabatt könnten da den Unterschied ausmachen zwischen Erfolg und Pleite."

Eine kleine Hommage auf den rumäniendeutschen Dichter Franz Hodjak, der morgen siebzig Jahre alt wird, schreibt Tom Schulz in der NZZ: "Die siebenbürgische Heimat in Rumänien, die er seit nunmehr fünf Jahrzehnten in unzähligen Texten umkreist, ist das zentrale Thema seines Schreibens. Ein Landstrich, groß wie ein Daumen, mit einer humusreichen Erde, leicht für den Spaten und geräumig für Eichensärge." Auf lyrikline kann man Hodjak einige seiner Gedichte lesen hören.

Eine Meldung bei Futurezone informiert uns, dass Mathias Glatzas und Ingo Niermanns E-Book-Projekt Fiktion die ersten Bücher veröffentlicht: Rajeev Balasubramanyams Erzählband "Starstruck" und Jakob Noltes Highschool-Mystery-Thriller "ALFF": Beide "erscheinen gleichzeitig auf Deutsch und Englisch und sind auf der Fiktion-Plattform kostenlos erhältlich. Bis Ende 2015 sind bis zu sechs weitere Titel geplant."

Weitere Artikel: Heute erscheint Paul Austers autobiografischer "Bericht aus dem Innern". Andrea Köhler hat den amerikanischen Autor für die NZZ in seinem Haus in Brooklyn besucht und sich erklären lassen, warum Auster so gern über sich selbst schreibt. In der FAZ-Reihe über liebenswerte Buchhandlungen stellt Leon de Winter heute den Laden Adr. Heinen im niederländischen Den Bosch vor, wo der Autor als Heranwachsender den Großteil der ihn prägenden Bücher erworben hatte. Dem Dramatiker Peter Turrini gratulieren zum Siebzigsten in der NZZ Georg Renöckel, in der SZ Helmut Schödel.

Besprochen werden unter anderem Thomas Melles "3000 Euro" (Berliner Zeitung, mehr), Oliver Polaks "Der jüdische Patient" (taz) und Wolfgang Herrndorfs unvollendet gebliebener Roman "Bilder deiner großen Liebe" (Berliner Zeitung, Welt, SZ, mehr).
Archiv: Literatur

Musik

Im Freitag mokiert sich Jörg Augsburg über die drei großen deutschen Musikbranchen-Messen, die eng aneinander terminiert um Aufmerksamkeit buhlen und dabei kräftig draufzahlen. Denn: "Wer etwas reißen will, muss mächtig klotzen. Das hat man in Hamburg ebenso begriffen wie in Köln und Berlin. Sich dabei konsequent gegenseitig in die Quere zu kommen, hat die Anmutung eines Metropolen-Schwanzvergleichs. Denn um Musik geht es wie schon gesagt nicht wirklich. Sondern um das Image des "Standorts"."

In der NZZ plaudert der norwegische Musiker Erlend Øye über sein sonniges neues Album "Legao", das er zusammen mit der isländischen Reggae-Band Hjalma eingespielt hat. Hören sollte man es entweder im Café, schlägt er vor, oder: "Am besten wohl in einem Auto, das in gemächlichem Tempo durch die Mondlandschaft von Island fährt." Hier eine Hörprobe:



Weitere Artikel: Auf ZeitOnline porträtiert Thomas Winkler Sven Regener von Element of Crime, deren neues Album Jens Balzer in der Berliner Zeitung bespricht. Michael Pilz verabschiedet in der Welt AC/DC. Trauer um Dirigent Christopher Hogwood: Nachrufe schreiben Stefan Schickhaus in der FR und Eleonore Büning in der FAZ.

Besprochen werden das neue Album "Fliegende Fische" von Neonschwarz (taz) und James Levines Rückkehr an die Met (Tagesspiegel).
Archiv: Musik