Wolfgang Herrndorf

Bilder deiner großen Liebe

Ein unvollendeter Roman
Cover: Bilder deiner großen Liebe
Rowohlt Verlag, Reinbek 2014
ISBN 9783871347917
Gebunden, 144 Seiten, 16,95 EUR

Klappentext

Ein Mädchen steht im Hof einer Anstalt. Das Tor geht auf, das Mädchen huscht hinaus und beginnt seine Reise, durch Wälder, Felder, Dörfer und an der Autobahn entlang: "Die Sterne wandern, und ich wandre auch." Isa heißt sie, und Isa wird den Menschen begegnen - freundlichen wie rätselhaften, schlechten wie traurigen. Einem Binnenschiffer, der vielleicht ein Bankräuber ist, einem merkwürdigen Schriftsteller, einem toten Förster, einem Fernfahrer auf Abwegen. Und auf einer Müllhalde trifft sie zwei Vierzehnjährige, einer davon, der schüchterne Blonde, gefällt ihr.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 10.01.2015

Rainer Moritz vergisst beim Lesen, dass Wolfgang Herrndorf diesen Roman nicht mehr abschließen konnte. In sich nämlich scheint ihm der Roman durchaus vollkommen. Die aus dem Nachlass herausgegebene, an Herrndorfs Roman "Tschick" anschließende Geschichte des Mädchens Isa auf der Suche nach der Liebe zur Welt, zum Leben, eröffnet ihm immer wieder Momente der Erleuchtung, quälend, anrührend. Großartig, meint Moritz, wie es dem Autor gelingt, sich in die Gedanken- und Gefühlswelt dieser aus der Welt Gefallenen Figur zu versetzen, ganz ohne falschen Ton, staunt Moritz.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.10.2014

Rezensent Michael Lentz überschlägt sich förmlich vor Begeisterung über Wolfgang Herrndorfs letzten Roman. Für ihn hat der Autor kein Fragment hinterlassen, sondern einen Episodenroman, dem es an nichts fehlt. Vor allem nicht an Präsenz, die märchenhaften Momente, die Frage, ob die Hauptfigur Isa die Handlung nicht doch nur imaginiert, die sich Lentz stellt, hin oder her. Apropos Imagination. Nicht nur als großen Empiriker mit Sinn für soziale Nöte erkennt Lentz den Autor hier. Das Undarstellbare, wie das Erlöschen der Erinnerung, das langsame Verschwinden des Selbst - Herrndorf findet "unvergessliche" Bilder dafür, meint Lentz abschließend. Allein dafür lohnt sich die Lektüre, scheint er zu sagen.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 29.09.2014

Ulrich Seidler bespricht Wolfgang Herrndorfs Roman aus dem Nachlass mit einem Glücksgefühl im Bauch, mit einem Hüpfen. Das liegt an der Hauptfigur Isa, die Seidler schon aus "Tschick" kennt, und an Herrndorfs Vermögen, das Leben unter dem Alltag hervorzuholen und dem Leser es in seiner Schönheit, aber auch seiner Gefahr zu zeigen, wie der Rezensent erläutert. Gefährlich ist, was Isa geschieht, sodass Seidler ihr desöfteren zur Seite springen möchte. Der Text aber funktioniert auch als Fragment, versichert Seidler. Sprünge, Ungereimtheiten - alles kein Problem. Mit dieser Heldin nicht, meint Seidler, und ihrer Lebendigkeit und ihrer wunderbaren Verrücktheit.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 26.09.2014

Christopher Schmidt stimmt in die Hymnen auf Wolfgang Herrndorfs fragmentarisch gebliebenen letzten Roman ein. In "Bilder deiner großen Liebe" erzählt Isa, das verwahrloste Müllmädchen, das bereits in "Tschick" einen unvergesslichen Auftritt hatte, ihre eigene Geschichte, wobei sie notorisch unzuverlässig ist und ihr Bericht eher einem Traumgeschehen gleicht, berichtet der Rezensent. Es sind Bücher wie dieses, die bewirken, dass 'Fragment' nicht länger "der Name eines Makels" ist, weiß Schmidt. Isa erinnert ihn an Goethes Mignon und Raymond Queneaus Zazie, an die geheimnisvollen Mädchen der Literaturgeschichte, die gleichzeitig blutjung und uralt zu sein scheinen, auch sind Isas blutige Füße, "das Stigma der Straße", nicht die einzige biblische Anspielung, verrät der Rezensent. Ein wenig wird sich Herrndorf mit Isa so etwas wie einen "dunkel bestrahlten Schutzengel" geschrieben haben, vermutet Schmidt, eine verheißungsvolle Gestalt, die sich ihm aber konstant entzog und ihn jetzt überdauert, so der Rezensent.
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Rezensionsnotiz zu Die Welt, 26.09.2014

Jan Küveler wird bei Wolfgang Herrndorfs Vermächtnis schwindelig. Dann steigt er aus und liest noch mal "Tschick". Dann wieder zieht ihn Herrndorfs "Verrücktheitszentrifuge" an, in deren Mittelpunkt: Isa, die Verrückte, die Papierne, wie Küveler findet, der in diese Heldin aber beinahe verliebt ist. Das liegt wohl gerade am Fragmentarischen des Buches, aber auch an seiner Märchenhaftigkeit, an seinem Zug ins Großartige, wie Küveler es nennt. Zum Glück weiß der Rezensent jede Menge Bezüge herzustellen: Nootebooms Philip, Kästners "Fabian", Walsers "Jakob von Gunten". Oh Gott, und dann auch noch Paulo Coelho, na ja, des Kitsches wegen womöglich. Es geht halt um die letzten Dinge, meint Küveler fast entschuldigend.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 25.09.2014

Am Ende ist Kurt Scheel traurig, dass er Isa schon verlassen muss oder sie ihn, denn diese begabte, verrückte, empfindliche Figur hat er liebgewonnen auf ihrer Reise, diesem Roadmovie, Wolfgang Herrndorfs letztem Roman, aus dem Nachlass herausgegeben und mit einem Anhang versehen von Marcus Gärtner und Kathrin Passig. Auch wenn er Isas Bericht nicht ganz trauen kann, darüber, wen sie so alles trifft und unter welchen Umständen, auch wenn es langweilig werden könnte, das alte Und-dann-und-dann-und-dann - Scheel hat Freude an dem Buch. Zu interessant die Heldin, zu gut Herrndorf als Autor, sein "federnder" Sound, seine "leisen" Pointen und überraschenden Wendungen. Und wie Herrndorf seine Geschichte konstruiert, versiert in der Art, nicht alles immer der Konstruktion unterzuordnen, hat Scheel auch gut gefallen.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 18.09.2014

Eigentlich hatte Wolfgang Herrndorf geplant, alles Unfertige und Fragmentarische nach seinem Tod vernichten zu lassen, weiß Iris Radisch. "Niemals Germanisten ranlassen", hatte er in sein Testament geschrieben, so die Rezensentin. Dass er es sich kurz vor seinem Selbstmord noch einmal anders überlegt hat, ist ein großes Glück, verrät Radisch, denn das Romanfragment "Bilder deiner großen Liebe" ist ein großartiges Buch, ein großer Außenseiterroman. Herrndorf hat dafür die Perspektive Isas gewählt, des Müllberg-Mädchens, das schon in "Tschick" einen Auftritt hatte, und erzählt ihre barfüßige Reise durch eine "wieder verzauberte deutsche Nachkriegslandschaft", durchsetzt mit "Szenen verschärfter metaphysischer Obdachlosigkeit", in denen das vierzehnjährige Mädchen über sich und die Welt und den unüberbrückbaren Abstand zwischen beiden nachdenkt, fasst die Rezensentin zusammen.
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