Efeu - Die Kulturrundschau

Sachkenntnis und Recherche? Ohne uns

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.09.2014. Herrschaftliches und die Gestik des Zweifels finden die Kunstkritiker in der großen Baselitz-Schau in München. Die Welt lernt einige sehr schmerzhafte Wahrheiten in Christian Petzolds "Phoenix". Deutsche Theaterregisseure haben keine Ahnung vom Kapitalismus, schäumt der Freitag. Die einzige deutsche Weltliteratur kommt aus Österreich, behauptet die Jungle World. Die FAZ fragt: Wo ist unsere Hilary Mantel?

Kunst


Georg Baselitz, Bei Willem, 2009 (Detail) © Georg Baselitz, 2014, Foto Jochen Littkemann, Sammlung Goetz München

Ulf Erdmann Ziegler flaniert für den Perlentaucher durch die große Baselitz-Retro im Münchner Haus der Kunst und kommt seinem Innersten auf die Spur: "Die fürchterliche Frage, ob man beim "Gegenstand" bleibt oder ihn in "Abstraktion" zu überführen habe, mit der eine Generation von Eleven sich quälte bis zum Abgewöhnen, hat Baselitz vor vierzig Jahren in ein dialektisches Schema überführt. Einerseits malt er "etwas", weil man muss; andererseits löscht er das Motiv in einem gestischen Rausch. Seine unzweifelhafte Meisterschaft verdankt sich einer Gestik des Zweifels, sein Können dem Verwerfen, seine Eleganz dem Ungeschick."

Außerdem: Für die FAZ besucht Niklas Maak in München die beiden großen Ausstellungen zu Georg Baselitz im Haus der Kunst und über Künstlerinnen um 1900 im Stadtmuseum. Auch Wolfgang Ullrich besuchte die Baselitz-Ausstellung, für die Zeit, und entdeckt vor allem: "Herrschaftliches". Philipp Meier stellt in der NZZ drei Ausstellung japanischer Kunst und Kultur vor.
Archiv: Kunst

Bühne

Wie bringt man Kapitalismuskritik auf die Bühne? Außer Andreas Kriegenburg mit seiner Horvath-Inszenierung "Glaube Liebe Hoffnung" bekommt das derzeit kein deutscher Theaterregisseur so richtig hin, kritisiert Martin Eich im Freitag: "Die Kosmen der Milliardenjongleure sind vielen Theatermachern offenbar so fremd wie systemische Zustandsbeschreibungen. ... Regisseur Frank-Patrick Steckel, der schon länger das Gewohnheitsrecht der lautesten Fanfare im Kulturbetrieb wahrnimmt, verdammte vor drei Jahren eine Steuerpolitik, die dafür verantwortlich sei, dass "seit zwei Jahrzehnten (…) die staatlichen Einnahmen sich halbiert" hätten. Tatsächlich waren die von 338 auf 510 Milliarden Euro gestiegen. Sachkenntnis und Recherche? Ohne uns."


"catastrophic paradise" © Claudia Bosse

"Hokuspokus - oder großes entgrenztes Theater?" Diese Frage stellt sich Martin Krumbholz von der Nachtkritik in Claudia Bosses Düsseldorfer Inszenierung "catastrophic paradise": ""Abandonned Zones", aufgegebene Zonen heißt das Schlüsselwort, es bezieht sich einerseits auf postkoloniale Territorien in Afrika und anderswo. Andererseits aber auch auf abgeschriebene ästhetische Positionen wie die Trennung Bühne/Zuschauerraum, Schauspieler/Tänzer und letztlich, zumindest in der Idee, die zwischen Akteur und Zuschauer."

Mounia Meiborg berichtet über die Entscheidung des Theater Darmstadt, mit Samuel Koch und Jana Zöll zwei Schauspieler im Rollstuhl regulär ins Ensemble aufzunehmen: "Theater hat, anders als der Film, mehr Möglichkeiten zur Abstraktion, zur Verwandlung, Verfremdung. Viele Regisseure machen heute kein psychologisches Illusionstheater mehr. Aber viele besetzen die Rollen immer noch so. ... Wenn es eine Verwandlung gibt, dann meist in eine Richtung: Gesunde spielen Kranke."

Weitere Artikel: Die Zeit hat aus ihrer letzten Ausgabe Jana Simons Porträt der Maxim-Gorki-Intendantin Shermin Langhoff online gestellt. Ulrich Seidler freut sich in der Berliner Zeitung über Jürgen Holtz" Auszeichnung mit dem Konrad-Wolf-Preis.

Besprochen wird Hans Blocks in der Box des Schauspiel Frankfurts aufgeführte Hamsun-Inszenierung "Mysterien" (FR).
Archiv: Bühne

Film

Christian Petzolds "Phoenix" beschäftigt die Filmkritik auch weiterhin (mehr): In der Welt lobt Anke Sterneborg die beiden Hauptdarsteller, Nina Hoss und Ronald Zehrfeld, die "aus diesem Kammerspiel in der kleinen, spärlich eingerichteten Souterrainwohnung einen atemraubenden Pas de deux voller Andeutungen und Nuancen [machen]. Im Widerstreit von Erkennen und Verdrängen, von Hoffnung und Ernüchterung scheinen ein paar sehr schmerzhafte Wahrheiten über Verdrängung und Verarbeitung in Deutschland auf. Dass das niemals gestrig wirkt, sondern beklemmend gegenwärtig, hat auch mit Petzolds behutsamer Herangehensweise an die geschichtliche Rekonstruktion zu tun, die bei ihm eher eine Vergegenwärtigung ist".

Außerdem zum Film: Matthias Dell deutet "Phoenix" im Freitag auch wegen des Todes von Harun Farocki, Petzolds langjährigem Ko-Autor, als Zäsur im Schaffen des Regisseurs. Lukas Foerster erkennt darin beim Perlentaucher "ein Resümee des bisherigen Werks Petzolds". Für die SZ unterhalten sich Susan Vahabzadeh und Fritz Göttler mit dem Regisseur. Außerdem haben SZ und FAZ nun auch ihre Kritiken aus ihren gestrigen Printausgaben online gestellt. Und ein Podcast-Hinweis: Auf critic.de unterhalten sich Frédéric Jaeger, Ekkehard Knörer, Lukas Foerster und Thomas Groh unter anderem auch ausführlich über "Phoenix".

Ganz Feuer und Flamme ist Ekkehard Knörer in der taz für die Gag-Filme von Pierre Étaix, die in Berlin das Brotfabrik-Kino zeigt: "Alles Erzählen ist nur das Errichten von Bühnen für auf den Millimeter getüftelte Scherze. ... In den Gags von Pierre Étaix gerät die Welt aus dem Gleis, ein Mann verstrickt sich ins Eigenleben der Dinge und verheddert sich bei der Verwirklichung der eigenen Pläne." Hier sehen wir ihn in "La Rupture":



Weitere Artikel: Florian Buchmayr berichtet im Freitag von seinen ersten Schritten auf Netflix. Einige Filmemacher finanzieren ihren Dokumentarfilm über Sexarbeit ihrerseits mit dem Anbieten erotischer Dienstleistungen, berichet Jan Oberländer im Tagesspiegel. Jan Schulz-Ojala gratuliert Michael Douglas im Tagesspiegel zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden die Ausstellung "Pasolini Roma" im Martin-Gropius-Bau in Berlin (taz), Baran bo Odars Thriller "Who Am I" (Berliner Zeitung, ZeitOnline, Welt), Mike Cahills Science-Fiction-Liebesdrama "I Origins" (Welt), Hirokazu Kore-Edas "Like Father, Like Son" (taz, Tagesspiegel, Zeit) und Britta Langes Buch über den Science-Fiction-Propagandafilm "Die Entdeckung Deutschlands durch die Marsbewohner" aus dem Jahr 1916 (Freitag).
Anzeige
Archiv: Film

Musik

In der SZ eilt Jens-Christian Rabe den für ihr neues Album von der Kritik gescholtenen Indie-Poppern von Alt-J zu Hilfe: "Echtes künstlerisches Versagen hört sich ganz anders an." Nach dem Musikfest Berlin zieht Frederik Hanssen im Tagesspiegel Bilanz. Und Eric Pfeil schreibt im Rolling Stone weiterhin fleißig Poptagebuch, unter anderem empfiehlt er ganz ausdrücklich das Musikblog des russischen Linguisten George Starostin: "Gegenwärtig bespricht der Mann ALLE Alben von Black Sabbath und die Solo-Werke von Agneta Fälskög. Davor waren Black Box Recorder und Billy Joel dran. Wärmstens empfohlen, die Seite. Ich sehe gerade: Jetzt hat er auch mit den Frida-Soloalben angefangen."

Christopher Hogwood ist gestorben. Hier spielen er und seine Academy of Ancient Music Haydns Sinfonie Nummer 64.



Besprochen werden Konzerte von Gus Gus und Goat (Berliner Zeitung, Tagesspiegel), sowie neue Alben von Banks (FR) und Tweedy (ZeitOnline).
Archiv: Musik

Literatur

Die Jungle World bringt diese Woche eine Österreich-Ausgabe. Magnus Klaue nutzt die Gelegenheit, den deutschen Antideutschen, die Österreich immer schon für das schlimmere Deutschland hielten, in einer Verteidigung der österreichischen Literatur gehörig den Marsch zu blasen: Denn in der österreichischen Literatur sei "die Sprache nicht Monument, sondern Ausdrucksform und Bewegungsgesetz des Gedankens. Deshalb wohnt ihnen bis in Formen der Gebrauchskunst hinein inne, was der deutschen Literatur nur ausnahmsweise gelingt: ein lebendiges Verhältnis zur Sprache, eines, das Sprache als Gegenständlichkeit begreift, als widerständiges Material, mit dem, wer spricht und schreibt, ebenso arbeitet, wie er ihm seinerseits widersteht."

Nils Minkmar schreibt in der FAZ über den Skandal um Hilary Mantels Maggie-Thatcher-Kurzgeschichte, in der die Eiserne Lady kurzerhand umgebracht wird (alle Links bei uns) und stellt eine fällige Frage: "Als Deutscher liest man diese Kurzgeschichte voller Neid. Wo sind die etablierten, preisgekrönten deutschen Autorinnen und Autoren, die die offenen Fragen der jüngsten westdeutschen Vergangenheit so komprimiert formulieren könnten? Die sich überhaupt für Zeitgeschichte interessieren und den Stoff kunstgerecht aufbereiten könnten?"

Weitere Artikel: Für seinen neuen E-Book-Verlag "Hanser Box" kann Joachim Güntner dem Hanser Verleger Jo Lendle in der NZZ nur halbherzig gratulieren: In Amerika werden kürzere Texte schon lange als reine E-Books vermarktet. Viel Verständnis für die Osloer Demonstranten, die Peter Handke als "Faschisten" beschimpft haben, zeigt Helmut Schümann im Tagesspiegel: "Gut gebrüllt." Die FR dokumentiert Thomas Gebauers Dankesrede anlässlich der Verleihung der Goethe-Plakette. In der NZZ stellt Roman Bucheli die Shortlist zum Schweizer Buchpreis vor. Außerdem jetzt online aus der FAS: Cord Riechelmanns staunender Artikel über den demonstrativ zur Schau gestellten körperlichen Verfall von Michel Houellebecq. Für die FAZ besucht Andreas Platthaus Kafka-Biograf Reiner Stach. Außerdem gratuliert er dem Schriftsteller Ralph Dutli zum 60. Geburtstag.

Besprochen werden Wolfgang Herrndorfs postum veröffentliches Romanfragment "Bilder deiner großen Liebe" (taz), Gerhard Roths "Grundriss eines Rätsels" (Freitag), Eduardo Halfons "Der polnische Boxer" (FR), Henrik Rehrs Comic "Der Attentäter" (Tagesspiegel), die Ausstellung "Anton Tschechows Reise nach Sachalin" im Literaturmuseum der Moderne in Marbach (SZ) und Eberhard Rathgebs "Das Paradiesghetto" (FAZ).
Archiv: Literatur