Efeu - Die Kulturrundschau

Hüte im Ballett der Mörder

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16.08.2014. Dave Eggers und kein Ende in Sicht: Die FAZ porträtiert den Autor, die taz - einmal mehr murrend - die Hauptfigur. Peter Steins "Fierrabras" und Monty Python: Lächerliche Parodie oder Retter der Schubertnuss? SZ und Welt sind uneins. Die Welt trauert der guten alten Verlagswelt hinterher, als Verleger den Autoren noch Freunde waren. Die NZZ reist erst in die Musikszene Islands und erholt sich dann in europäischen Sanatorien. Und die taz berfürchtet: Wir fotografieren uns noch zu Tode.

Literatur

Ach, wie schön war die Verlagswelt um 1900, seufzt Ute Schneider in der Welt nach der Lektüre des nun erschienenen Werkes "Eugen Diederichs und sein Verlag." Ob Diederichs, Samuel Fischer, Reinhard Piper, Ernst Rowohlt oder Kurt Wolff: "Sie alle verfolgten als primäres Ziel, nicht Bücher, sondern Autoren und ihr Gesamtoeuvre zu verlegen. Mit diesem ideellen Anspruch programmatisch verbunden war die Konzentration auf die Publikation von Werken der jeweiligen Gegenwartsautoren. Dazu bedurfte es besonderer Autorenpflege; sie artikulierte sich über den Anspruch, den Autoren Freund, kompetenter literarischer Berater und unterstützender Partner zu sein. Das Autor-Verleger-Verhältnis war geprägt durch enge persönliche Beziehungen, und das jeweilige Verlagsprofil entsprach dem kulturpolitischen Selbstverständnis der Verlegerpersönlichkeit."

Kein Ende in Sicht, was Dave Eggers" Roman "Der Circle" betrifft. Insbesondere in Frankfurt bleibt man hartnäckig am Ball: Nachdem bereits das ganze letzte FAS-Feuilleton dem Buch gewidmet war, spendiert ihm nun auch das Mutterblatt mit einer Rezension durch Andreas Platthaus und einem von Volker Weidermann verfassten Porträt des Autors eine ganze Seite. Nach seinem Verriss vom vergangenen Wochenende ist auch Dirk Knipphals von der taz ein zweites Mal in die Welt des Romans abgetaucht und stellt dessen Hauptfigur Mae Holland vor. Die hält er für einen ziemlich fadenscheinigen Trick eines Berufsempörten: "Sie [ist] so, wie sich viele Gesellschaftskritiker ausmalen, wie die anderen Menschen sind oder werden könnten. ... Aus den Mae Hollands dieser Welt setzt sich das Wir zusammen, das in ihnen oft als gefährdete, aber zugleich auch als möglicherweise rettende Einheit gedacht wird. "Wir" werden manipuliert. "Unsere" kognitiven Fähigkeiten verkümmern."

Im Roman des bürgerlichen Zeitalters war der Hut allgegenwärtig, erklärt Lothar Müller in der SZ nach einer ausgiebigen Spurensuche. "Von Sherlock Holmes bis zu Georges Simenon reicht die Choreografie der Hüte im Ballett der Mörder, Angeklagten und der Kommissare. Und der Film des 20. Jahrhunderts feierte die Gangsterhüte noch, als sie aus dem Alltag schon verschwanden."

Weiteres: Für die FAZ hat sich Sandra Kegel mit der Schauspielerin und frisch gebackenen Schriftstellerin Karen Köhler getroffen. Für DeutschlandradioKultur blättert sich Katharina Teutsch durch die literarische Ideengeschichte der Seelenwanderung. "True Detective"-Schöpfer Nic Pizzolatto legt mit "Galveston" einen Kriminalroman vor: Die Zeit bringt daraus vorab ein Kapitel.

Besprochen werden unter andere Judith Hermanns "Aller Liebe Anfang" (SZ, mehr) Aharon Appelfelds "Auf der Lichtung" (taz), Jeremy Rifkins "Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft" (Welt) und Volker Reinhardts Biografie über den Marquis de Sade (taz). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Bühne

Auch Michael Stallknecht von der SZ kann nach Peter Steins Salzburger "Fierrabras"-Inszenierung in den Chor entsetzter Kritiker nur einstimmen: Diese "unfreiwillige Mittelalterparodie" wirkte auf ihn glatt so, als hätten sich Monty Python unbemerkt in den Hochkulturbetrieb eingeschlichen: Was hier "über die Bühne ging, hatte über weite Strecken grandiose Ähnlichkeit mit den legendären "Rittern der Kokosnuss"." Manuel Brug zieht in der Welt ebenfalls den Monty Python - Vergleich, lobt Stein und Metzmacher für ihre Inszenierung der undankbaren Schubert-Oper aber als "Retter der Schubertnuss", denn: "Wie sonst soll man diese wild mit nationalen Idiomen experimentierende frühromantische Opernepoche zwischen Beethoven und frühem Wagner einem heutigen Publikum nahebringen?"

In der SZ resümiert Till Briegleb das Hamburger Sommerfestival, wo sich das Thema "Vermittlungsschwierigkeiten" wie ein roter Faden durch die verschieden gelungenen Aufführungen zog. Besprochen wird eine New Yorker Aufführung von Jean Genets "Die Zofen" mit Isabelle Huppert und Cate Blanchett (FAZ).
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Kunst

Wir amüsieren uns nicht mehr nur, sondern fotografieren uns jetzt auch zu Tode meint ein vor lauter Kulturpessimismus angesichts allgegenwärtiger Digital-Handpatschen ziemlich gramer Arno Frank in einem Essay für die taz. Und für ihn steht einiges auf dem Spiel: "Vielleicht hat sich das permanente Ablichtenmüssen zu einem anthropologischen Zwang ausgewachsen - vergleichbar mit dem Zwang von Insekten, um das Licht zu kreisen. Und so kommt uns täglich ein wenig mehr Welt abhanden, gerade weil wir sie durch einen Druck auf den Auslöser festhalten wollen. ... All diese grotesken Auswüchse der Dokumentationswut folgen brav dem Imperativ der Fotomanie: "Bilder? Oder es ist nie passiert!"" Völlig anderer Meinung ist da Dan Ozzi auf Vice: Miley Cyrus" Instagram-Umtriebe ersetzen nämlich jeden Gang in eine Kunstausstellung, freut er sich.

Der Architekturprofessor Nils Aschenbeck schreibt in der NZZ über die Geschichte der Sanatorien, die nicht immer nur Kranke heilen, sondern auch die Gesellschaft verbessern sollten, die Licht-Luft-Hütten auf dem Monte Verita etwa: "anders als in den Sanatorien wollten die Monte-Verità-Siedler nicht bloss Krankheiten kurieren (Tuberkulose-Kranke waren sogar von einer Aufnahme ausgeschlossen), sondern die Gesellschaft ändern. Die Hütten auf dem Berg sollten die Keimzelle einer neuen Architektur und einer neuen Zivilisation sein, der Beginn einer grundlegenden Reform aller Bereiche der Gesellschaft. Aus den wahrhaftigen gesunden Hütten würde nach und nach eine gesundere neue Architektur, damit auch ein neuer Stil entstehen."

Für die Jungle World spricht Holger Pauler mit dem scheidenden Ruhrtriennale-Intendanten Heiner Goebbels, mit dem sich auch das DeutschlandradioKultur unterhalten hat. Im Freitag stellt Christine Käppeler das komplett aus Tweets mit Bekundungen literarischer Ambitionen bestehende Buch "Working on my Novel" des Netzkünstlers Cory Arcangel vor. Zwischen Stahl und Eisenhütten flaniert Rudolf Stumberger für die NZZ durch Pittsburgh und begrüßt die insbesondere kulturelle Würdigung des industriellen Erbes.

Besprochen werden eine Hommage an Gordon Matta-Clark im Berliner Salon Dahlmann (Tagesspiegel) und eine Ausstellung über das "Jahrhundert des Kindes" in der Vandalorum Konsthall im schwedischen Värnamo (SZ).
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Film



In der Berliner Zeitung resümiert Patrick Heidmann das heute zu Ende gehende Filmfestival in Locarno. Vor allem Lav Diaz" "From What is Before" wusste ihn zu beeindrucken: "Man ließe sich von der poetischen Vielschichtigkeit dieses gut fünfstündigen Meisterwerks auch dann in den Bann ziehen, wenn es nicht auf der Piazza Grande gezeigt würde." Lukas Foerster bringt in seinem Blog Notizen zu Filmen von Alberto Lattuada, die er in Locarno entdeckt konnte. Außerdem hat er sich mit Frédéric Jaeger im critic.de-Podcast ausführlich über das offenbar sehr herausragende Festivalprogramm unterhalten.

In der FAZ gratuliert Andreas Platthaus dem Regisseur James Cameron zum 60. Geburtstag.

Besprochen werden Isabell Subas "Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste" (Filmgazette, FAZ), Ken Loachs "Jimmy"s Hall" (Zeit) und Luc Bessons "Lucy" (SZ).
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Musik

Klassik- und Jazz-Musiker haben es im Streaming-Zeitalter ganz besonders schwer, schreibt Julian Dörr in der SZ unter großzügigem Rückgriff auf diesen kürzlich bei Salon erschienenen Artikel zum selben Thema. Nicht nur die spärlichen Ausschüttungen der Anbieter machen den in der Nische beheimateten und von einem älteren, wenig technik-affinen Publikum abhängigen Musikern zu schaffen, sondern auch die mangelnde Auffindbarkeit ihrer Musik aufgrund zu simpler Datenbanken: Klassik und Jazz werden zu ""unsichtbaren" Genres (...). Grund dafür ist ein technisches Problem: Die Metadaten eines klassischen Stückes sind wegen der vielen beteiligten Künstler komplexer als bei einem Popsong. Welchen Namen tippe ich in die Suchmaske von Spotify? Den des Komponisten? Den des Dirigenten? Und was, wenn ich einen ganz bestimmten Musiker des Orchesters suche?"

Jenni Roth reist in der NZZ nach Island, die Heimat von Musikern wie Björk, Emiliana Torrini, Mum, Sigur Rós und GusGus, die das Land noch heute maßgeblich prägen: "Bis in die 1980er Jahre war Island ein unscheinbarer Punkt draußen im Atlantik. Es gab einen großen Stützpunkt der US Air Force und Touristen, die wegen der Wasserfälle oder der Gletscherlagune Jökulsárlon kamen. Dann katapultierten Björk und ihre Sugarcubes die Insel auf die pop-kulturelle Weltkarte. Hippe, junge Leute entdeckten das Natur- auch als Feierparadies voller Musik, Mode und Design. Es folgte der Exzess."

Außerdem: Im Freitag porträtiert Katja Kullmann die Rapperin Lady Leshurr. Ihren 35. Geburtstag feierte die Punklegende EA80 (die sich bis heute eine verweigerungstechnisch ungeschlagene Website leistet) im Berliner Punkclub-Urgestein SO 36, das damit gleichzeitig seinen 36. Geburtstag zelebrierte, berichtet Jens Uthoff in der taz. Jan Wiele von der FAZ staunt über die in den Regalen von Lied-Manuskript-Sammler Izzy Young verwahrten Schätze. Für The Quietus hat sich Dean Brown mit der derzeit unter Hipstern weltweit schwer angesagten Metalband Pallbearer unterhalten, deren kommendes Album man sich derzeit auf Pitchfork anhören kann. Im Tagesspiegel bescheinigen Martin Böttcher und Christian Schröder dem geschmeidig produzierten und lässig wippenden Yacht Rock eine Renaissance. Mit diesem Yacht-Rock-Mix von DJ Supermarkt lässt sich das Wochenende jedenfalls ganz hervorragend entspannt angehen:



Besprochen werde das neue Album von The Gaslight Anthem (ZeitOnline) und das Debüt von FKA Twigs (Popmatters).
Archiv: Musik