Efeu - Die Kulturrundschau

Verzweifelter Bär mit kindlichem Herzen

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.06.2026. Die Kritiker reißt es von den Sitzen in der Münchner "Walküre", die Tobias Kratzer inszeniert und Vladimir Jurowski dirigiert hat: Die FAZ hört eine Musik gesteigerten Ausdrucks, die SZ amüsiert sich mit den durch München reitenden Walküren. Nur die Welt ist unterwältigt, aber dann wieder: Die Sänger! FAS und Tagesspiegel empfehlen wärmstens die große Gabriele-Stötzer-Ausstellung im Berliner Gropius-Bau. Die Welt ruft: Auf nach Schwäbisch Gmünd, wo alle Werke des Informel-Malers Hans Hartung gezeigt werden. Die taz lernt, dass es auch im Jazz-Musiker gibt, die auf KI neugierig sind.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.06.2026 finden Sie hier

Bühne

Walkürenritt durch München

Ganz großes Theater boten Tobias Kratzer (Regie) und das Bayerische Staatsorchester unter Dirigent Vladimir Jurowski mit Wagners "Walküre" zum Auftakt der Münchner Opernfestspiele an der Staatsoper. Auch wenn es durchaus Längen gab, notiert in der SZ Reinhard J. Brembeck, der die Inszenierung jedoch als radikalfeministische lobt. Erst "im Schlussakt finden Regisseur Tobias Kratzer und sein Team dann endlich aus dem von ihnen aufgepflanzten finsteren Wald heraus. Der so legendäre wie immer wirksame Walkürenohrwurmritt lodert aus dem Orchestergraben heraus, und dazu liefert das Videoteam, sonst eher mit tiefenpsychologischen Familienaufstellungen beschäftigt, spektakuläre Bilder, die das Publikum zu Lachsalven animieren. Im Film fliegt die Wotan-Tochter Brünnhilde per Hubschrauber über München, die Anspielung auf den Film 'Apocalypse now' ist süffisant witzig. Brünnhilde, das ist ihr Job, hält Ausschau nach Heldenmännern, die sie für Wotans aus Gefallenen bestehendes Schattenheer rekrutieren könnte. Dieser Gedanke ist seltsam, in der Mythologie begründet und typisch Wagner."

Jan Brachmann zeigt sich in der FAZ schwer beeindruckt: Hier "wird das Musiktheater als solches, auf seinen Anfang zurückgeworfen: den singenden Menschen, den atmenden, stöhnenden, gequälten, versehrbaren Körper, der sich in Klang entlädt. Aber er wird getragen vom Bayerischen Staatsorchester, dessen Celli dieses Stöhnen aufnehmen, es auf das Vorsprachliche zurückbeziehen und ins Übersprachliche weiten. Der Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski, der am Ende dieses Abends frenetisch gefeiert werden wird, führt Stimme und Orchester, Szene und Graben zu einem Hotspot von Sinn-Intensität zusammen. Doch über den Moment hinaus ist das ganze Stück über vom Orchester eine Musik gesteigerten Ausdrucks, des Jubels, des Schmerzes, der Sehnsucht zu hören. Als ein 'Theater der Seele', sagt Jurowski selbst, begreift er Wagners Musik." Ähnlich sieht es auch ein begeisterter Marco Frei in der NZZ: "Selbst wer sich im Dickicht der Wagnerschen Mythenerzählung nicht auskennt, versteht unmittelbar, aus welcher Motivation heraus etwas passiert." Den Hut zieht der Kritiker auch vor Dirigent Jurowski, der "auf eine Symbiose mit der Bühne" zielt.

Sehr viel skeptischer ist Manuel Brug in der Welt, an den Sängern lässt er jedoch kein schlechtes Haar: "Kratzers Inszenierung ist am Anfang und Ende von Hölderlin-Zitaten eingerahmt, die Untergangssehnsucht raunen - aber sonderlich viel Fallhöhe hat sie zwischen Überdeutlichkeit, Witzeleien und Verweigerung nicht. Obwohl Wotan, wir wissen es, nur noch eines will - 'Das Ende' - und sich mehrmals die Pulsadern aufschneidet. Er bleibt unsterblich und unverwundbar; Brünnhilde blutet wenigstens ein bisschen. Sie sind ein wunderbares Paar: Der traurige Gott von Nicholas Brownlee wütet und weint, donnert und dämmert, immer toll textverständlich, mit Bassbariton-Wucht, aber auch viel Piano-Zartheit. Ein verzweifelter Bär mit kindlichem Herzen. Dazu passt die zurückhaltende, in ihrer Emphase sich steigernde Wunschmaid von Miina-Liisa Värelä als patente, unbotmäßige, zerknirschte Brünnhilde."

Weiteres: In der Welt resümiert Jakob Hayner die Wiener Festwochen unter Milo Rau.  In der FAZ (Bilder und Zeiten) erinnert Irene Bazinger an die österreichische Schauspielerin Gertraud Jessener, die vor fünf Jahren starb. Besprochen werden außerdem Christian Stückls Adaption von Daniel Kehlmanns Roman "Die Geschichte von Tyll Ulenspiegel" für das Passionstheater Oberammergau (nachtkritik) und Brit Bartkowiaks Inszenierung von Kaleb Erdmanns Stück "Debritz" am Badischen Staatstheater Karlsruhe (nachtkritik).
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Literatur

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Die Schriftstellerin Slata Roschal hatte angekündigt, nach ihrer Lesung beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt nicht an der Jury-Diskussion teilnehmen zu wollen, schreibt Marie Schmidt in der SZ. "Die Diskussion über Strukturen des Literaturbetriebs und die prekären Existenzbedingungen von Schriftstellern, die sie damit anstrengen wollte, kommt unter den Wettbewerbsbeobachtern in den sozialen Medien gut an, dort besonders bei anderen Autoren. Etwas beklommen wirkte Roschal dabei, weil sie intrinsische Widersprüche nicht umgehen konnte: Dass sie die Plattform eines solchen Wettbewerbs braucht, um ihn als unpoetische Aufmerksamkeitsmaschine nach Geschmack des Betriebs zu kritisieren. Und dass sie in ihrem Text die Sichtweise des Personals in einem Hotel gegen die elitären Gäste aus dem Literaturbetrieb starkmacht, aber im Interview nach ihrer Lesung langfristige Schreibstipendien einforderte, um nicht 'abzurutschen in einen anderen Beruf, einen Brotjob'." Die Jury nahm dieses Verhalten scheinbar gelassen zur Kenntnis. 

Weiteres: Nico Bleutge gratuliert der Schriftstellerin Zsuzsanna Gahse in der FAZ zum 80. Geburtstag. Tilman Spreckelsen erinnert in der FAZ an die aufklärerische Intention von Harriet Beecher Stowes 1852 erschienen Buch "Onkel Toms Hütte", in denen die Sklavenhaltung angeprangert wird. Bei 54books setzt sich der Schriftsteller Marcel Krüger mit der Stadt Belfast vor dem Hintergrund der dortigen Ausschreitungen auseinander. In der FAS trägt Tobias Rüther ein Best-Of aller Gedenkaktivitäten zu Ingeborg Bachmanns 100. Geburtstag zusammen. Der chinesische Dichter Shen Haobo schickt in der "Bilder und Zeiten" (FAZ) den vierten Teil seiner Reihe "In China dichten". 

Besprochen werden unter anderem Elspeth Barkers "O Caledoni" (taz), "Alles Liebe" von Ronja von Rönne (FAS), Robert Seethalers "Die Straße" (taz), "Stuxx" von Nikolaus Heidelbach und Jockum Nordström (taz). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

In der Frankfurter Anthologie der FAZ schreibt Günter Leypoldt über Seamus Heaney "Vom Graben":

"Zwischen Finger und Daumen/
Halte ich die stämmige Feder, sturmklar wie ein Gewehr..."
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Kunst

Von links nach rechts: Vereny Kyselka im Nachrichtensprecherinnenkostüm, Gabriele Göbel bemalt, Ingrid Plöttner im Drachenkleid, Monika Andres im Zeitungskostüm; Erfurt 1989, Courtesy: Künstlerinnengruppe Erfurt. © Gabriele Stötzer, Foto: Christiane Wagner


"Wann haben Sie das letzte Mal IMs, Inoffizielle Mitarbeiter der Stasi also, nackt tanzen sehen? Noch nie? Dann sollten Sie unbedingt die Ausstellung der Künstlerin Gabriele Stötzer besuchen, die im Berliner Gropius Bau eröffnet hat", empfiehlt Julia Voss ziemlich unwiderstehlich in der FAS. Um einen Gag geht es bei den Nacktbildern nicht, sondern um schlichte Notwendigkeit: Denn Stötzer war "die längste Zeit eine Außenseiterin" im Kunstbetrieb. Nach der Zwangsexmatrikulation 1976 in Erfurt musste sie ein Jahr ins Gefängnis wegen "Staatsverleumdung". Zur Kunst fand sie dann als Autodidaktin, die im Untergrund arbeitete. "Um der staatlichen Überwachung zu entgehen, verabredete sich Stötzer mit Künstlerinnen und Freundinnen im Freien, in den Landschaften von Hüpstedt, einem Dorf in Thüringen. Die Aufnahmen, die dort entstanden, nannten sie 'Pleinairs', nach den französischen Impressionisten, die ihr Atelier gegen das Malen unter freiem Himmel getauscht hatten. ... Die Pleinairs wurden 'liquidiert', wie es im offiziellen Sprachgebrauch der DDR hieß. Sascha Anderson verriet die Gruppe." Auch Gunda Bartels empfiehlt die Ausstellung wärmstens im Tagesspiegel.

In den fünfziger und sechziger Jahren war der 1904 in Leipzig geborene Maler Hans Hartung weltberühmt. Da hatte er schon einiges hinter sich: Die Nazis hatten seine Werke als "entartet" abgestempelt, im Zweiten Weltkrieg verdingte sich der in Frankreich lebende Künstler aus Armut als Fremdenlegionär und verlor ein Bein. Doch ab 1948 ging es aufwärts, erzählt in der Welt Tilman Krause aus Anlass einer fantastischen Hartung-Retrospektive im Kunstmuseum von Schwäbisch-Gmünd: Das lag einmal an dem Sammlerpaar Domnick, das ihn in Paris entdeckte, und natürlich an Hartungs "Malerei der gestischen Wucht, die ihresgleichen suchte. Hartungs Bilder trugen keine Titel. Sie gaben den Zuschauern kaum Verständnishilfen an die Hand. Sie waren nach einem sachlichen System nummeriert und hießen beispielsweise 'T1945-1', will heißen 'tableau' (Bild) von 1945, das erste. Doch die Arbeiten waren so beschaffen, dass im Grunde jeder trotzdem verstand, worum es ging. Es ging um Gefühlsstau, um Verarbeitung von Traumata, ja um nichts Geringeres als die Bewältigung der jüngsten Vergangenheit. Nicht figürlich. Sondern durch Farbe und Form. Allüberall schwarz. Geballt, verknäult, gebündelt."

Besprochen werden auperdem die Ausstellung "The Lure of the Image" im C/O Berlin (FAS), die Tierplastiken Ewald Matarés im Hamburger Barlach-Haus (Mataré "ging es nicht um eine naturalistische Abbildung, sondern darum, durch Weglassen und Hervorheben von Merkmalen das zum Ausdruck zu bringen, was für ihn das Wesen der Tiere ausmachte. Und das wollte er nicht nur sichtbar, sondern auch im Wortsinn begreifbar machen: Auch ein Blinder sollte den Ausdruck der Figuren durch Tasten vollkommen erfassen können", schwärmt ein hingerissener Wolfgang Krischke in der FAS), die Zurbaran-Schau in der National Gallery in London (SZ) und eine Werkschau von Katharina Greve im Frankfurter Caricatura-Museum (Tsp).
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Film

Regisseur Uwe Boll dient sich mit seinem neuen Film "Citizen Vigilante" (unsere Resümees) derart dem Migrations-Bild Elon Musks an, dass der Film hierzulande mangels FSK-Freigabe nicht in den Kinos oder auf Streamingplattformen gezeigt wird, schreibt Tobias Sedlmaier in der NZZ. In dem Film geht es um einen selbsternannten Rächer, der Jagd auf Migranten macht, die kriminell geworden sind, inklusive einer Szene, wo diese hingerichtet werden. "Handwerklich ist der Film von der grobschlächtigen Bauart der B-Movies: repetitive Einstellungen, konfuse Schnitte, erzählerische Leerläufe, fehlende Charakterentwicklung. Dabei kommt alles weitaus weniger spektakulär daher, als der Hype vermuten lässt. Die Befürchtung eines Bürgerkriegs wegen der Migration muss man nicht teilen; verbieten zu lassen braucht man sie jedoch auch nicht. Gerade weil Boll auf Zwischentöne verzichtet, wird sein wenig subtiler Film zur leichten Projektionsfläche. Kritiker sehen darin eine gefährliche Legitimation von Selbstjustiz, die rechte Szene auf X feiert ihn als längst überfälligen Befreiungsschlag: endlich ein migrationskritischer Film."

Weiteres: Zum hundertsten Geburtstag vom Komiker Mel Brooks freut sich Egbert Tholl (SZ) auf dessen Film "Spaceballs: The New One", der 2027 erscheinen wird. In der NZZ gratuliert Viola Schenz. Karen Krüger reportiert in der FAS ein Gespräch der Regisseurin Sofia Coppola in Mailand. Im Filmdienst schreibt Perlentaucher-Autor Patrick Holzapfel über die 80-jährige Geschichte des Film noir.

Besprochen werden unter anderen: Supergirl von Craig Gillespie (SZ und FAS), "Ingeborg Bachmann" von Regina Schilling (Intellectures) und "Vom Traum, unsinkbar zu sein" von Tom Fröhlich (Filmdienst).
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Musik

Jazz bekamt schon immer wenig von dem großen Kuchen ab, der die Musikindustrie ist und jetzt kommt auch noch KI dazu und spült 100.000 generierte Songs am Tag in die generisch-klingenden Playlists, schreibt in der taz Detlef Diederichsen. Er zitiert den Jazz-Gitarristen Pat Metheny, der sich angesichts dieser Entwicklung hoffnungslos aber auch gespannt zeigt: "Der 71-jährige Gitarrist und 20-fache 'Grammy'-Gewinner Pat Metheny sorgt sich weniger um AI-Musik: 'Für den Die-Miete-bezahlen-Teil der Musik ist das natürlich eine Bedrohung', sagte er dem Prog-Magazin. 'Die Leute, die Muzak produzieren - man, die sind am Ende! Aber ich wurde Musiker, um Musik besser zu verstehen, und es gibt keine Abkürzung zum besseren Verständnis von Harmonien, Kontrapunkt und Improvisation.' Und so ist seine grundsätzliche Einstellung gegenüber der Verwendung von AI in Musik positiv: 'Ich bin neugierig und aufgeregt. Ich sehe AI als Teil dieser wunderbaren Ansammlung von Werkzeugen, die wir Musiker im 21. Jahrhundert zur Verfügung haben.'"

Der Komponist und begeisterte Kommunist Hans Werner Henze wäre dieser Tage hundert Jahre alt geworden. Er gilt als einer der ersten engagierten Künstler der frühen Bundesrepublik, machte Wahlkampf für Willy Brandt und ließ musikalische Konventionen hinter sich, erinnert Christiane Albiez in der NZZ. "Das Festhalten an reaktionären Werten und Autoritäten nach dem moralischen Totalversagen Nazideutschlands empörte ihn zutiefst. Die Diskriminierung als Homosexueller lehrte ihn, dass das Private politisch ist. (...) Er sah seine Aufgabe darin, 'mithilfe der Musik und in der Musik eine intellektuelle und moralische Veränderung herbeizuführen, Vermenschlichung, Freiheit, schöpferisch humanistische Freiheit'. Musik sei ein 'Ausdrucks- und Kommunikationsmittel', ihr Gegenstand immer ein human concern. Deshalb suchte er nach einer Musiksprache, die möglichst viele Menschen hören und verstehen sollten. Dazu brauchte er Erfolg auf den großen, am besten internationalen Bühnen", der dann schließlich hatte. In der taz erinnert Tim Caspar Boehme an Henze.

Weiteres: Die Welt trifft den Pianisten Martin Stadtfeld in Leipzig. Die SZ den Komponisten Bryce Dessner in Berlin. Elmar Krekeler erinnert in der Welt an den Komponisten Bohuslav Martinu. In der FAZ trauert Edo Reents um den Musiker David Clayton-Thomas, der im Alter von 84 Jahren gestorben ist. Mehrere Autoren fragen sich in der taz, was die Musik-Industrie bisher von der "Queen of Pop" Madonna gelernt hat, deren neues Album am 2.07 erscheint. Besprochen wird das Album "Hotlife" von Tiga (FR).
Archiv: Musik