Efeu - Die Kulturrundschau

Nicht ganz Herr in diesem Haus

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.05.2026. Die Kritiker reiben sich nach dem Aufwachen aus Sebastian Hartmanns Inszenierung von Wolfram Lotz' "Träume in Europa" verwirrt die Augen. Laibach stellt mit dem neuen Album "Musick" drängende Fragen, was KI-Musik angeht, findet die SZ. Der Tagesspiegel nimmt im Haus am Lützowplatz Anteil am Schicksal der jüdischen Mutter der Künstlerin Barbara Loftus. Annemarie Jacirs Film "Palästina 36" ist ziemlich geschichtsrevisionistisch, findet der Tagesspiegel. Joe Laschet wünscht sich in der NZZ mehr Stil im Bundestag.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.05.2026 finden Sie hier

Bühne

"Träume in Europa". Foto: Sebastian Hoppe.

Sebastian Hartmann inszeniert die Uraufführung von Wolfram Lotz' "Träume in Europa" am Staatsschauspiel Dresden, Nachtkritiker Michael Bartsch wacht aus dieser Aufführung aber eher verwirrt denn inspiriert wieder auf: Das Stück "kommt mit logik- und assoziationsfreier Symbolüberfrachtung daher. Warum muss ausgerechnet da Vincis 'Letztes Abendmahl' das Stammbild dieser Inszenierung hergeben? Umrahmt von ruinösen Wänden, die sich auch zu einer Art Traumgefängnis zusammenschieben lassen. Vielleicht, weil die Einsetzung der Eucharistie damals die Schwelle zur Transzendenz markierte? Aber wie banal geht es unter den Jüngern Jesu zu! Hier sind es zehn, ein Messias ist nicht dabei. Statisch sitzend und anfangs noch teilnahmslos geben sie die erste halbe Stunde ihr Nachterleben zu Protokoll. Probleme mit dem Mähroboter, als Sekretärin Gott sein wollen und doch lernen, ohne ihn zu leben, einen Vogel im Anus ebenso loswerden zu wollen wie den Frosch unter dem Pullover. Das nicht premierentypische Publikum goutiert das, lacht gern über die Absurditäten und Skurrilitäten unserer Traumwelt. Der Unterhaltungswert überwiegt den Nährwert bei weitem." 
 
Auch Peter Laudenbach erlebt in der SZ eher verwirrende Trauminhalte, aber dem kann man sich trotzdem ganz gut hingeben, wie er findet: "Das Ich des Tagesbewusstseins ist offenbar nicht ganz Herr in diesem Haus, das sich längst in Nebel und seltsame Fragmente aufgelöst hat. Auch die Inszenierung selbst scheint sich im Lauf ihrer gut dreieinhalb Stunden langsam aufzulösen, bis die Spielfläche gegen Ende ganz in der Versenkung verschwindet und die Stimmen der Träumer wie aus ihrem eigenen Grab kommen. Werden die Träume anfangs einfach erzählt wie etwas verwundert zur Kenntnis genommene Protokolle aus den Labyrinthen des seelischen Innenlebens, übernehmen die Traumgespinste nach und nach die Kontrolle über die Spieler. Dann stockt die Sprache und wird kurz zu einem Röcheln und Grunzen."
 
Weiteres: Reinhard J. Brembeck berichtet in der SZ von der Münchner Biennale für neues Musiktheater. Doris Meierhenrich sieht beim Berliner Theatertreffen eine Menge Männlichkeit für die Berliner Zeitung. In der NZZ stellt Anna Kardos den Korrepetitor Pablo Salido Pulido vor.

Besprochen werden: Kerstin Spechts "Na also. Geht doch.", inszeniert von Elmar Goerden im Renaissance-Theater (Tagesspiegel), Calixto Bieito adaptiert Benjamin Labatuts Roman "Maniac" am Schauspielhaus Zürich (FAZ, NZZ), "Sankt Falstaff" von Ewald Palmetshofer, Regie führt Karin Henkel am Wiener Burgtheater (Nachtkritik, taz), "183 Abgeordnete. Die letzten Tage von Österreich, wie wir es kennen", Regie von Monika Klengel am Schauspielhaus Graz (Nachtkritik), "¿Qué Pasa en la Mancha?" von Bastian Reiber und Ensemble, nach dem Roman von Miguel de Cervantes am Schauspiel Köln (Nachtkritik).
Archiv: Bühne

Musik

Mit ihrem neuen Album "Musick" stellen Laibach mal wieder drängende Fragen an den Zeitgeist: KI in der Musikproduktion, Algorithmen in deren Distribution. "Dass KI-Songs heute genauso stinklangweilig klingen wie die handgemachte Musik, liegt doch vor allem daran, dass immer noch Menschen hinter ihr stehen", sagt Laibach-Sänger Ivan Novak in Joachim Hentschels SZ-Porträt. "Heute zeigt sich Autoritarismus weniger durch sichtbare Unterdrückung als durch unsichtbare Strukturierung: Algorithmen entscheiden über Sichtbarkeit, Plattformen formen Verhalten, Märkte belohnen Wiederholung, und Systeme bevorzugen Klarheit, Unmittelbarkeit und wiedererkennbare Muster', antwortet uns das Kollektiv Laibach. ... Tatsächlich klingt 'Musick', als hätten Menschen Musik gemacht, die sich anhören soll, als käme sie aus dem Open-AI-Engine. Es wäre der nächste, diabolische Twist: wenn die Menschen sich von der KI abschauen würden, wie man als selbstlernende Maschine lebt."



Weitere Artikel: Marco Schreuder spricht für den Standard mit Timna Brauer, die 1986 während der Waldheim-Affäre für Österreich beim Eurovision Song Contest antrat und sich heute fragt, ob sie damals als Aushängeschild nach vorne geschickt wurde, weil sie jüdisch ist, die aktuellen Boykottaufrufe gegen Israel hält sie außerdem für "puren Antisemitismus". Nadine Lange porträtiert für den Tagesspiegel die ukrainische ESC-Sängerin Leléka. Linus Schöpfer liest für die NZZ Studien darüber, warum sich so viele in einem "seltsamen Ertauben der Geschmacksknospe" der Musik beim Eurovision Song Contest aussetzen, obwohl diese zu großen Teilen einfach nur schauderhaft ist. Mladen Gladić deutet in der Welt das Cover-Artwork des angekündigten neuen Stones-Albums "Foreign Tongues" mit kunsthistorischem Instrument.

Besprochen werden ein Mahler-Konzert der Wiener Philharmoniker unter Andris Nelsons (Standard), das Debütalbum von Castora Herz (taz), ein Konzert von Yuşan Zillya in Frankfurt (FR), Víkingur Ólafssons multimedial dargebotene Goldberg-Variatonen in Luzern (NZZ), das Album "Happy Today des Jeff Parker ETA IVtet (FAZ) und das Album von "Sol.Hz" von Seefeel, bei dem man sich laut tazler Thaddeus Hermann "in den experimentellen Klanggeweben der Jetztzeit sofort wieder findet".
Archiv: Musik

Design

"Der Deutsche Bundestag ist über die Jahre ein modisches Gruselkabinett geworden", sagt der Stilberater Joe Laschet, Sohn des Armin, im NZZ-Gespräch. "Der Bundestag ist ein bedeutsamer historischer Ort. Manche Abgeordnete sollten sich dies öfters bewusst machen. Man kann die Krawatte von mir aus weglassen. Aber der Anzug ist ein Minimum an Respekt der Institution gegenüber und dem Auftrag als gewählter Politiker."
Archiv: Design

Kunst

Barbara Loftus ist die Tochter einer Holocaustüberlebenden, in den Arbeiten, die in der Ausstellung "Barbara Loftus. Eine Enterbung/A Disinheritance" im Haus am Lützowplatz gezeigt werden, verarbeitet sie das Schicksal ihrer Mutter Hildegard, die 1938 noch nach England fliehen konnte, wie Christian Schröder im Tagesspiegel weiß: "Als Loftus 1996 zum ersten Mal nach Berlin kam, fand sie die ehemalige Wohnung ihrer Mutter mithilfe zweier Berliner Freunde und einer alten Straßenkarte. Sogar einige Reste der damaligen Tapete hingen noch dort. Hildegard Basch, Jahrgang 1915, hatte sich als Jugendliche den Wandervögeln angeschlossen. Auch das illustriert Loftus in ihren Bildern. Junge Männer und Frauen, bepackt mit Rucksäcken, stapfen durch eine Felslandschaft. Über ihnen leuchtet ein Caspar-David-Friedrich-artiger Regenbogen. Sie kochen Suppe auf dem Lagerfeuer, Romantik mischt sich mit Neuer Sachlichkeit."

Weiteres: Larissa Kikol interviewt den Graffiti-Künstler Paradox Paradise für Monopol. Philipp Meier schreibt für die NZZ den Nachruf auf den Galeristen Bruno Bischofberger

Besprochen wird: Die Ausstellung "Günther Uecker. Die Verletzlichkeit der Welt" im Arp-Museum Bahnhof Rolandseck (FAZ).
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Film

Szene aus "Palästina 36"

Annemarie Jacirs historisches Drama "Palästina 36" erzählt vom Arabischen Aufstand von 1936 bis 1939, interessiert sich dafür aber nur insofern, da "er ein paar Talking Points illustriert, die in gegenwärtigen Debatten über den Nahostkonflikt immer wieder bemüht werden", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. "Die jüdischen Neuankömmlinge sind die 'Fremden', als hätte nie zuvor ein Jude in der Region gelebt", während die antisemitischen Pogrome in den Zwanzigerjahren unerwähnt bleiben, wie auch "dass der Auslöser des Arabischen Aufstands 1936 nicht etwa die Ermordung eines arabischen Bauern (wie im Film), sondern der gewaltsame Tod von zwei Juden gewesen war". Bodenlos wird der Film, wenn er einen "(halb-fiktiven) Muslimrat" zeigt, der zwar ans Arabische Hohe Komitee angelehnt ist, welches gegen die jüdische Einwanderung wetterte, hier aber als "Marionette der Zionist Commission for Palestine" dargestellt wird. "Eine gewagte antisemitische Verschwörungstheorie, die kaum weiter von der Realität entfernt sein könnte."

Matthias Dell fragt für ZeitOnline bei Erin Högerle und Jörg Himstedt nach, die den derzeit sehr gefeierten hessischen "Tatort" redaktionell betreuen, wie es ihnen gelungen ist, mit ihrem neuen Duo Azadi/Kulina Publikum und Kritik gleichermaßen zu begeistern. Die früher ebenfalls migrantisch geprägten hessischen Filme verfingen indessen weit weniger. "Vielleicht war die Zeit noch nicht reif", sagt Himstedt. "Diversity im deutschen Fernsehen hat für mich gefühlt viel mit Abhaklisten zu tun. Mittlerweile gibt es den ketzerischen Begriff des 'Woke-Washings': der eine PoC hinten rechts an der Schreibmaschine etc. Wir wollten das anders machen, also ein migrantisches Ermittlerpaar und nicht einen Bio-Deutschen dazu, damit alle Beteiligten zufrieden sind. Außerdem reden wir da von Leuten, die hier geboren sind. Das mögen manche nicht gerne hören, aber wir reden hier von Bürger:innen dieses Landes."

Weitere Artikel: Jana Weiss spricht für den Tagesspiegel mit dem Schauspieler Tom Keune, der in "Nürnberg" (hier besprochen in der Jungle World, dort unsere Kritik) einen Nazi spielt. Besprochen werden Karim Aïnouz' "Rosebush Pruning" (Standard, unsere Kritik), Charlotte Devillers' und Arnaud Dufeys' Familiendrama "Wir glauben euch" (taz) und eine Neuadaption von Isabel Allendes "Das Geisterhaus" in Form einer Amazon-Serie (NZZ).
Archiv: Film

Literatur

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Lars von Törne erinnert im Tagesspiegel an den Einschnitt in der Geschichte der US-Comics, den das Jahr 1986 markiert, als Frank Millers "The Dark Knight Returns" und Alan Moores "Watchmen" (beide auch vom Perlentaucher hinter diesen Zeilen sehr empfohlen) den Superheldencomic nicht nur auf düster krempelten, sondern auch auf ein neues literarisches Niveau hoben.

Besprochen werden unter anderem Dana Grigorceas "Hast du Angst?" (FR), Lena Goreliks "Alle meine Mütter" (Standard), Olivier Guez' "Die Welt in ihren Händen" (Welt), Pascale Hugues' "So voller Leben" (Standard), Thomas Deichmanns "Durch Jugoslawien im roten Peugeot. Reisen und Begegnungen mit Peter Handke" (Welt), David Guldas "Loew: Lebenswege einer jüdischen Familie" (Standard), und die Wiederveröffentlichung von Sebastian Haffners ursprünglich 1967 verfasstem Buch "Der Teufelspakt" über die Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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