Efeu - Die Kulturrundschau

Hemmungslose Metropolraserei

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09.08.2014. Die taz weiß nicht genau was sie schlechter findet: Dave Eggers' Roman "The Circle" oder die hymnischen Vorbesprechungen. Alle Feuilletons gratulieren Mummins-Erfinderin Tove Jansson. Die NZZ entdeckt den "offiziellen Mittelpunkt der Welt" in Kalifornien. Die SZ schaut sich bei Instagram und Twitter heutige "Stars" an und trauert alten Leinwand-Ikonen hinterher. Außerdem tanzte sie schon auf den Berghain-Sex-Partys der ersten Jahre, als andere noch Diedrich Diederichsen lasen.

Literatur

Was für Erwartungen hat man nicht in Dave Eggers" "Der Circle" gesetzt - und wie bitter enttäuschend ist nun das Ergebnis, meint Dirk Knipphals in der taz nach Lektüre dieses Romans, der als große Allegorie auf die Google- und Facebook-Gesellschaft lanciert wird: "Nicht nur sind die Figuren zu flach. Der Roman ist auch unglaublich schlecht und klischeehaft geschrieben. ... Manches funktionierte bei den hymnischen Vorbesprechungen von "Circle" offenbar so wie bei dem Märchen um des Kaisers neue Kleider. Man wünscht sich so unbedingt einen tiefgreifenden analytischen Roman über die Gefahren der digitalen Welt - er wäre auch tatsächlich wünschenswert -, dass man gar nicht sehen kann, dass dieser Roman jedenfalls es nicht ist." Richard Kämmerlings erklärt in der Welt die wichtigsten Stichpunkte zum Roman.

Paul Boldts vor 100 Jahren erschienenen Gedichte stellen eine "Kombination aus Naturfixiertheit und hemmungsloser Metropolraserei" dar, meint Olaf Velte in seiner Hommage für die FR. Für die FAZ lauscht Patrick Bahners den Grillen in den im 19. Jahrhundert erschienenen Gedichten von Emily Dickinson. Mumins-Schöpferin Tove Jansson wäre heute 100 Jahre alt geworden - Würdigungen schreiben Tilman Spreckelsen in der FAZ, Gerrit Bartels im Tagesspiegel, Franziska Schubert in der FR, Jutta Harms in der taz und Kristina Maidt-Zinke in der SZ. Außerdem druckt die Berliner Zeitung die Erzählung "Der Messerschleifer im Hof" der iranischen Autorin Bahiyyih Nakhjavani ab.

Besprochen werden Nicolas Mahlers Comicadaption von Thomas Bernhards "Der Weltverbesserer" (FR), Marion Braschs "Wunderlich fährt nach Norden" (taz), George Packers "Die Abwicklung" (Zeit), Joshua Cohens Erzählband "Vier Neue Nachrichten" (Zeit), Thomas Glavinics Bamberger Poetikvorlesung "Meine Schreibmaschine und ich" (Tagesspiegel), Eleonore Hummels "In guten Händen, in einem schönen Land" (Tagesspiegel) und Dorothee Elmigers "Schlafgänger" (FAZ), Judith Hermanns Roman "Aller Liebe Anfang" (Welt), Robert Seethalers Roman "Ein ganzes Leben" (Welt), Richard Yates" Roman "Eine strahlende Zukunft" (Welt).

In der "Frankfurter Anthologie" der FAZ stellt Gisela Trahms ihr eigenes Gedicht "Ach" vor:

"Jeden Tag bevor zu Bett
Humboldt brütete Sonett
Auf ein Quartblatt gänzlich leer ..."
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Kunst



Für die NZZ ist Andrea Köhler in die kalifornische Wüste gereist und hat nicht weniger als den vom kalifornischen Imperial County eingetragenen "offiziellen Mittelpunkt der Welt" entdeckt. Seit einem Vierteljahrhundert arbeitet der französische Künstler Jacques-Andre Istel gemeinsam mit seiner Frau an seiner Vision von Felicity, einer Wüstenstadt, in der sich neben einer bretonischen Kirche eine Pyramide findet, die die von Istel selbst geschriebene, in Granit gemeißelte Geschichte der Menschheit erzählt: "Neben den mehr als 1100 Insektenarten von Arizona wird auch den "Schurken von Arizona" ein ganzes Kapitel eingeräumt. Das Zeitalter der Pyramiden und das frühe Japan, das erste Geld und die Geburt Christi, Attila der Hunne und die Geschichte des Jazz, die Expansion des Islam und jene des Hamburgers feiern auf diesen Granittafeln ein friedliches Nebeneinander. Es gibt Gedichte von Thoreau und Ratschläge von der Revolutionärin der amerikanischen Küche, Julia Childs: "Wenn Sie Angst haben, Butter zu verwenden, nehmen Sie Schlagsahne."" (Bild: Richard Cummins/Corbis)

Kunst der Zerstörung, Zerstörung in der Kunst - in diesem Bereich bewegt sich die Ausstellung "Damage Control" im Museum für Zeitgenössische Kunst in Luxemburg, die Christiane Meixner für den Tagesspiegel besucht hat. Ihr zeigt sich darin "die Absicht, aus der Zerstörung Neues zu generieren. Destruktion in der Kunst ist nie ohne Botschaft. Ob sie auch Spaß macht, bleibt ein Geheimnis. So wie bei Gordon Matta Clark, der verlassene Häuser für seine Videos mit chirurgischer Distanz zerschnitt und vielleicht auch leise Freude bei der Zerstörung dieser bürgerlichen Wohnträume empfand."

Tilman Krause hat sich in der Welt die von der Klassik Stiftung Weimar kuratierte, "bemerkenswerte" Jahresausstellung "Krieg der Geister" im Neuen Museum angeschaut und den Sinneswandel deutscher Geistesgrößen um 1914 erlebt: "Natürlich gab es chauvinistische Exzesse auch bei den anderen Kriegsparteien, aber einen Deutschen schmerzen die auf deutscher Seite eben doch besonders. Und dann die unprofessionelle Kriegspropaganda! Wo war der Mann, der auf Romain Rollands geniale Frage "Seid Ihr die Enkel Goethes oder Attilas?" eine schlagfertige Antwort parat gehabt hätte?"

Außerdem: Stefan Wolter bringt im Tagesspiegel historische Hintergründe zu den Nazi-Großbauten in Prora auf Rügen, die nach langem Leerstand saniert werden. In der Wochenendbeilage der SZ porträtiert Titus Arnu den Wellenfotografen Clark Little.

Besprochen werden die Ausstellung "Farbenmensch Kirchner" in der Pinakothek der Moderne in München (FAZ) , die Ausstellung von Albert Kahns Farbfotografien aus dem Jahr 1914 im Martin-Gropius-Bau in Berlin (FR, mehr) und die Ausstellung "Degas/Cassatt" in der National Gallery oft Art in Washington.
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Musik

Zehn Jahre Berghain - und Gustav Seibt zeigt in der SZ den eifrigen Gratulanten ringsum, dass seine Erinnerungen an den Club und dessen Vorläufer immer noch am weitesten reichen. Was heute nämlich unter Intellektuellen hip ist, diente sich zu den früheren Zeiten enthemmter schwuler Sexpartys solcher Klientel gar nicht erst an: "Hier waren eben eher keine Diedrich-Diederichsen-Leser, und Rainald Goetz war wohl immer viel zu keusch, zu rein, um hier mitzuraven. Als die Sache dann doch literarisch wurde, beim Blogger "Airen" und dem Literatur-Girl Helene Hegemann, regierte längst nicht mehr vor allem verbrüdernder, verschwitzter Sex, sondern allzu oft auch die einsam machenden Drogen."

Christian Albrecht-Heider berichtet in der FR vom Folk Festival in Cambridge. Und René Walter präsentiert auf Nerdcore neue Musikvideos.

Besprochen wird das neue Album von Angus und Julia Stone (ZeitOnline).
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Film

Jetzt macht das Internet auch noch das Starsystem kaputt, beklagt sich eine angesichts sich wandelnder Zeiten sehr melancholische Susan Vahabzadeh in der SZ: Kein junger Star habe heute mehr das Zeug zur Leinwand-Ikone wie Paul Newman und am Alltag des Nachwuchses lässt sich via Instagram und Twitter ohnehin viel zu nahe teilnehmen. "Schon der Fernsehschirm machte Stars klein - das Netz aber macht sie winzig. Das Blockbuster-Kino hat sich von den Stars abgekoppelt - es gibt keine Erfolgsgaranten mehr für teure Filme. Johnny Depp galt nach der "Fluch der Karibik"-Reihe als einer der letzten - doch "Lone Ranger", für 250 Millionen Dollar gedreht, floppte erbärmlich, und Hollywood zog daraus die Lehre, dass kein Schauspieler mehr ein solches Budget rechtfertigt."

In der lesenswerten Reihe "Reden über Schreiben über Film(e)" auf dem Blog Hard Sensations spricht Marco Siedelmann mit Sebastian Selig, der gerade aktuell auf Negativ Film Marcus Stigleggers Monografie über Akira Kurosawa mit der ihm ganz eigenen leidenschaftlichen Inbrunst feiert. Für die Zeit unterhält sich Kaspar Heinrich mit Ken Loach. In der Berliner Zeitung gratuliert Michael Kohler dem Schauspieler Jan Josef Liefers zum 50. Geburtstag.
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Bühne

Mit seinem gerade uraufgeführten "Meer" verabschiedet sich Jon Fosse nach 33 Stücken endgültig vom Theater - für Christine Dössel von der SZ ein triftiger Anlass, in den fernen Norden nach Bergen zu reisen, um persönlich nachzuhaken, was es mit dieser Ankündigung auf sich hat. Und sie kann zumindest sanft Entwarnung geben: "Natürlich zieht er sich nicht vollständig als Autor zurück. Fosse schreibt weiter, schreibt Romane, Erzählungen, Essays. ... Fosse muss schreiben, er kann gar nicht anders: "Es ist meine Art zu leben." Fosse verfasst seine Texte, wie ein Musiker seine Stücke komponiert. "Schreiben", sagt er und hält die linke Hand ans Ohr, "ist hören, nicht sehen.""

Reinhard Kriechbaum hat sich für nachtkritik das Stück "36566 Tage" bei den Salzburger Festspielen angeschaut, das Szenen aus dem Ersten Weltkrieg nachstellt, allein die Recherche war schon besonders: "Ein jeder und eine jede musste sich was aus der fraglichen Zeit herauspicken, einen damals jungen Menschen oder eine Begebenheit. Dass Google bei dieser Zeitdistanz (noch) nicht weiterführt, soll eine tiefe Erfahrung für die Recherche-Azubis gewesen sein, heißt es."

Für die Wochenendbeilage der SZ trifft sich Christian Mayer mit dem Schauspieler Max Simonischek in Salzburg auf einen Kaffee.
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