Nackt für den Teufel

Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster, Thomas Groh
23.10.2013. Partikel aus dem blanken Leben schießen in Dominik Grafs wunderbarem Tatort "Aus der Tiefe der Zeit" in den Sonntagabendkrimi. Auf dem Berliner Pornfilmfestival kann man derweil die erotischen Potentiale erkunden, die Sherad Anthony Sanchez' "Jungle Love" bereitstellt.


München im Fast-Forward-Modus: Die Wolken rasen, die Zeit rast, die Stadt rast, gräbt sich auf, weidet sich aus - und spuckt dabei eine ganz eigene, dunkle Geschichte in Form einer Leiche aus. Und rast die Stadt, im Panorama betrachtet, noch so sehr dahin, so erstickt sie doch in der Ameisenperspektive an sich selbst: Da ist Kommissar Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl), der mit dem Auto nicht ein, noch aus weiß: Einbahnstraßen, Baustellen, verwirrende Navi-Angaben - urbaner Entropietod. Parallel und als Kakophonie hektisch darüber gelegt: Juristische Verhandlungen über das Wie und Ob stadtbaulicher Maßnahmen - rhetorische Standardfloskeln, Empörungssignale, die der Absicherung der eigenen Position dienen, Vorwurfrituale, die nicht um die Klärung des Sachverhalts bemüht sind, mithin asiger Profi-Sprech, der die Schicksale der Menschen, die in den Ecken leben, um die es geht, noch im engagiertesten Parlare eiskalt zum Verschwinden bringt (wenn man genau hinhört, hört man mitten in dem verwirrenden Konzert der Stimmen Regisseur Dominik Graf selbst das Wort schwingen).

Kurz: Ein Dominik-Graf-Furiosum, wie es im Buche steht, in dem sich Schichten um Schichten auftürmen und gleichzeitig dekuvrieren. Atemlos, ausufernd, mit einem fahrigen Zoom, von dem sich kaum sagen lässt, ob er nun gierig auf die Leute ist, die er aus der Welt schneidet, oder schlicht panisch gehetzt. Mittendrin: Immer wieder kleine Vignetten, Spielereien, Ablenkungsmanöver, Partikel, die aus dem blanken Leben in den Sonntagabendkrimi schießen: Einmal rennt ein Typ im Skelettkostüm johlend durch die Straßen, ständig stellen die Leute ihren Kaffee in den Kühlschrank (oder schauen nach, ob einer dort drinsteht), bei einem Verhör fallen einer Frau die drallen Brüste aus dem Morgenmantel. Die sozialdemokratische Behäbigkeit, die man dem "Tatort" gerne vorwirft, hat Graf seinem Film gründlich ausgetrieben.

Die Leiche in der Münchner Baugrube führt tief hinein in die Geschichte Münchens - in die Geheimnisse einer Stadt. Da ist eine Villa, in der die alte Frau Magda Holzer (unfassbar großartig: Erni Mangold), einst als Zirkusprinzessin mit Gewehr zur Berühmtheit aufgestiegen, mit burschikoser Geste und notfalls mit dem Gewehr ihren Haufen von einer dysfunktionalen Familie gerade noch so zusammenhält - bei der Leiche, stellt sich bald heraus, handelt es sich um ihren seit geraumer Zeit verschwundenen Sohn Florian. Da ist ihr zweiter, fahrig-nervöser Sohn Peter (Martin Feifel), dem die alte Holzer schon mal mit "Depp" übers Maul fährt - und Liz (Meret Becker), die mit beiden Söhnen ein Verhältnis hat, Leitmayr an einer Stelle ziemlich großartig auf der Nase herumtanzt und beim Verhör Spagat macht, nachdem sie von Grafs Regie mit Blut überschüttet wurde. Aus diesem Sumpf zwischen Großbürgertum und Familienneurose führen die Spuren ins Milieu der kroatischen Faschisten, in die unmittelbare Nachkriegszeit und hin zu einer zweiten Leiche, während der Grund, auf dem die Villa steht, buchstäblich ins Wanken gerät und die Stadt angesichts steigender Mieten zusehends zu brodeln beginnt.



So kann man einen "Tatort" also auch drehen: Wendig, schnell, die Aufmerksamkeit des Zuschauers ganz fordernd (am Ende springt der Film schon mal kurzatmig in den Rückblendenmodus), mit einer großen Lust an Pulp und Genre und einer erheblichen Freude an der Physiognomie der Darsteller, in die sich Alexander Fischerkoesens Kamera geradezu vernarrt. Einmal mehr huldigt Graf seinen großen Leidenschaften: Dem italienischen Genrekino, den abgefahrenen "Kommissar"-Episoden von Zbynek Brynych - kurz: Korrespondenzkino im Fernsehfilmformat, das hinter den Bildern filmhistorische Verbindungen und Verstrebungen freilegt.

So hängt in einer Szene das italienische Kinoplakat von Wolfgang Beckers "Ich war ihm hörig" (1958), "Nude per il Diavolo" an der Wand - "nackt für den Teufel" lautet der verheißungsvolle italienische Verleihtitel, grell und spektakulär ist das Poster, das man ersten Blickes so gar nicht mit dem deutschen Kino der 50er Jahre in Verbindung bringen würde. Aber offenbar gab es hier Allianzen, die weiter führen, ins bundesrepublikanische Fernsehen der 60er bis 80er Jahre, in dessen Dienste sich Wolfgang Becker, auch so ein Verschütteter des deutschen Kinos, vom "Kommissar" über den frühen "Tatort" bis hin zum "Alten", "Derrick" und der zwar onkeligen, aber zuweilen auch schon verspielten Serie "Polizeiinspektion 1" stellte.

Wenn man nur lange gräbt, kommen irgendwann die verscharrten Leichen, aber auch die verschütteten Geschichtsverläufe ans Tageslicht. Und für Deutschland, wo man sich der Leichen schon immer schnell entledigt hat und bis heute stets darum bemüht ist, alles, was aus der Vergangenheit ins Hier und Jetzt ragt, dem Stadtbild auszutreiben, damit am Ende alles, was es nicht verdient hat, geschmeidig aussieht, gilt das im besonderen Maße. Auch (aber nicht nur), weil er sich mit allem, was er aufbringen kann, gegen diese Tendenzen stellt, zählt Graf zu den besten und wertvollsten Filmemachern hier im Land. Und sein Tatort "Aus der Tiefe der Zeit" ist sein Geschenk an jenes Publikum, das sich vom Sonntagabend mehr erwartet, als verschnarcht betüttelt zu werden, und willens ist, seine dem Sonntagabendkrimi untergejubelte Flaschenpost zur Kenntnis zu nehmen.

Thomas Groh

Tatort: Aus der Tiefe der Zeit - Deutschland 2013 - Regie: Dominik Graf - Darsteller: Udo Wachtveitl, Miroslav Nemec, Meret Becker, Erni Mangold, Martin Feifel, Misel Maticevic, Susanna Kraus - Laufzeit: 90 Minuten.

"Aus der Tiefe der Zeit" läuft am 27.10. auf ARD und wird danach sieben Tage lang in voller Länge in der Mediathek verfügbar sein.

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"Jesus saves you 'mamma Mary loves you" dröhnt es durch den Film, wieder und wieder, mantraartig. Parodiert wird jene Form des hochrepetitiven esoterischen Singsangs, die in fast jeder Religion bekannt sein dürfte: Lieder, deren simpel strukturierte Texte Inklusivität und Vergebung behaupten und die dabei zumeist doch nur Ausschließungen verdecken. Das Lied, das in "Jungle Love" durch den Urwald hallt, meint es dagegen ernst, verspricht nicht nur den Alten, Schwachen und Gebrechlichen Erlösung im Jenseits, sondern versichert auch die Schwulen und Lesben Marias Liebe - die gleichzeitig ein weitaus weltlicheres Timbre erhält: Wenn man das homoerotische Verlangen einmal anerkennt, dann erkennt man es für das Hier und Jetzt an (es lässt sich schließlich nicht durch Mangel regulieren), nicht für ein imaginäres Später. Und wenn man einmal so weit gekommen ist, kommt man vielleicht auch darauf, dass all die anderen Verzichtsideologien der größeren und kleineren Weltreligionen ziemlicher Humbug sind.

Das ist der eine, zentrale Ausgangspunkt von Sherad Anthony Sanchez' "Jungle Love": diesseitiges Begehren, Körper im Dschungel, auf der Suche nach anderen Körpern. Allerdings: ein Begehren anerkennen ist das eine, es erfüllen das andere. Es ist gar nicht so klar, ob auch nur irgendjemand in Jungle Love sucht, was er findet. Und in mindestens einer Szene geht es auch darum, dass die Abwesenheit von Begehren nicht weniger Anerkennung verdient wie das Begehren selbst. Vielleicht ist es gerade diese Erkenntnis, die den Film, der so geschickt und suggestiv mit den Bildern der kommerziellen Pornografie spielt, revolutionär macht: Alle Menschen mögen sich zu Sexualität verhalten, aber sie tun das auf sehr unterschiedliche Weise und die Varianz reicht bis zur Asexualität. Der Dschungel des Titels ist kein Reich eines natürlichen, im Überfluss immer und überall vorhandenen Begehrens; eher ein Laboratorium verschiedenartiger erotischer Potentiale, die sich mal realisieren, mal nicht.



"Jungle Love" versammelt lose eine Reihe kleiner, hier und da überlappender Erzählfragmente: zwei Urlauber mit vagem wissenschaftlichen Interesse, die gemeinsam mit einem lokalen Tourguide im Urwald campen; eine verzweifelte Mutter, die ihr Kind dem Vater entwendet; ein Soldat, dessen Hormonhaushalt von der militärischen Disziplin nicht zu bändigen ist. Weite Strecken des Films entfalten sich im Stil eines Gonzo-Pornos: In langen, ungeschnittenen Einstellungen nähert sich die Kamera Menschen, die von einer Stimme aus dem Off befragt werden, zu ihren Körpern, Tätowierungen, sexuellen Vorlieben; oft mutet das durchaus aggressiv an, der Film rückt den Körpern, den weiblichen wie den männlichen, auf den Leib, will die expliziten grafischen Details, die schmutzigen Geständnisse. Doch die vermeintlich einseitigen Anordnungen kippen stets schnell in komplexe Rollenspiele, der entkörperlichte Blick wird entmächtigt, die Blickobjekte haben ihre eigene Agenda. Niemand hat die Kontrolle.

Sanchez ist unter den Erneuerern des philippinischen Kinos einer der wagemutigsten und unberechenbarsten. Sein bekanntester Film - und eines der Meisterwerke des Neuen Philippinischen Kinos - ist das vierstündige Drama "Imburnal", ein hypnotisches Epos, das fast vollständig am Rand eines Abwasserkanals in einem philippinischen Armenviertel spielt. Der neue Film fühlt sich ein wenig an wie eine Ausarbeitung einer Szene aus diesem früheren Werk: Die beiden jugendlichen Hauptfiguren beobachteten da einmal durch eine Kanalöffnung mehrere Paare beim unterirdischen Sex: Keine Erzählung, keine Identitäten, kein Kontext, nur eine Gruppe sonderbarer, unbekannter, geheimnisvoll und dunkel leuchtender Körper. "Jungle Love" übernimmt von der Szene nicht die Ästhetik, sondern die Perspektive: Eine neugierige Perspektive, die das, was sie wahrnimmt, nicht immer gleich schon einordnen, katalogisieren, instrumentalisieren kann und die meilenweit entfernt ist von der Perspektive aufs Begehren, aufs eigene wie aufs fremde, die die verschlagwortete Internetpornografie vorschlägt.

Lukas Foerster

"Jungle Love" - Philippinen 2012 - Regie: Sherad Anthony Sanchez - Darsteller: Gloria Morales, Mei Bastes, Martin Riffer, Edgardo Amar, Aldrin Sapitan - Laufzeit: 85 Minuten.

"Jungle Love" wird am 24.10.2013 um 13:15 Uhr und am 25.10. um 20:15 Uhr im Berliner Kino Moviemento als Teil des Pornfilmfestivals gezeigt.