Efeu - Die Kulturrundschau

Hochkultur sowieso

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29.07.2014. Altmodisch, harmlos, ohne Relevanz, ohne doppelten Boden - der Salzburger "Don Giovanni" von  Sven-Eric Bechtolf lässt die Kritik gähnen. Die NZZ bringt Karl-Markus Gauß ein Ständchen. Im Tagesspiegel meint Kriegsfotograf Christoph Bangert: Wer seine Bilder nicht sehen will, ist feige. Die taz blättert durch einen Bildband vom Metal-Festival in Wacken.

Kunst


Bild: Hermann J. Painitz "František (Frank) Kupka", 2001, Foto von Christoph Fuchs

Im Standard stellt Roman Gerold den Maler Hermann J. Painitz vor, dem das Landesmuseum Niederösterreich gerade eine Retrospektive widmet. Lange bevor Big Data ein Thema war, interessierte sich Painitz für Statistik: "Als Hermann J. Painitz eine gewisse Hannelore porträtierte, betrachtete er sie mit den Augen einer Maschine. Porträt Hannelore 3 besteht aus sieben mal 24 Kreisen, die zusätzlich mit verschiedenen Symbolen versehen sind: Für jede Stunde einer Woche des Mai 1971 verewigte Painitz, ob Hannelore wach war, ob sie schlief, badete, Körperpflege betrieb, sich schminkte oder naschte. ... Ein Credo von Painitz lautete: "Die völlige und unzerstörbare Ordnung ist die Bedingung des Lebens, war es immer und wird es immer sein." Darauf aufbauend wurden konzentrische Kreise oder Zielscheibendiagramme zu seinen zentralen Gestaltungsmitteln."

Für die Berliner Zeitung unterhält sich Thomas Geisen mit dem Fotograf Christoph Bangert, der in seinem Band "War Porn" (mehr) seine drastischen, von diversen Medien abgelehnten Fotografien aus Krisen- und Kriegsgebieten zusammengestellt hat. Diese Vorbehalte hält er insbesondere mit Blick auf unsere Bildkultur für Doppelmoral: "Im Kino, bei Videospielen ist es völlig okay, da laufen Leute ohne Kopf rum. Aber sobald es sich um Bilder handelt, die aus der Realität stammen, die Realität zeigen und interpretieren, glauben wir, wir können das nicht aushalten. Das ist feige, wir machen uns das Leben zu einfach."

Katrin Bettina Müller von der taz dankt es der Walker-Evans-Retrospektive im Berliner Martin-Gropius-Bau, dass diese nicht bloß auf dessen hinlänglich bekannte Arbeitsphase beim Magazine Fortune fokussiert, sondern Evans" Gesamtwerk in den Blick nimmt. Insbesondere im Spätwerk gibt es viel zu entdecken, schreibt sie: "Nun mischt sich in unsere Sensibilität für die Sprache der Dinge, die vor Jahrzehnten zum fotografischen Bild wurden, oft ein Interesse aus der Gegenwart. Evans Bilder von Baustellen, die den Umbruch von kleinteiligen, altmodischen Strukturen zu großformatigen, anonymen Flächen dokumentieren, sind spannend auch deshalb, weil dies immer noch ein Schauplatz des Kampfs um Identität von Städten und ihren Bewohnern ist."

Außerdem: Marcus Woeller trifft für die Welt den Bildhauer Olaf Metzel. In Köln soll eine alternative Künstlerkolonie abgerissen werden, berichtet Dorothea Marcus in der taz. Alfred Schlienger zieht in der NZZ den Hut vor Carena Schlewitt, Leiterin des Kulturbetriebs der Kaserne Basel. In der SZ gratuliert Gerhard Matzig, in der FAZ Dieter Bartetzko und in der FR Christian Thomas dem Architekten Albert Speer, Sohn des gleichnamigen NS-Architekten, zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden die Ausstellung "Nicolas de Staël. Lumières du Nord - Lumières du Sud" im Musée d"art moderne André Malraux von Le Havre (NZZ, Bild: Nicolas de Staël, Agrigente, 1954, Collection privée © Adagp, Paris, 2014), die Ausstellung "Der andere Müller vom Siel" im Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte in Oldenburg (taz, mehr), die Ausstellung "Joseph und Zuleikha" in der Berliner Gemäldegalerie (SZ), die Ausstellung "Krieg und Wahnsinn" im Deutschen Militärhistorischen Museum in Dresden (FR) und eine Ausstellung in Berlin über den Warschauer Aufstand 1944 (FAZ).
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Literatur

Gerade ist ein neuer Band von Karl-Markus Gauß erschienen: "Lob der Sprache, Glück des Schreibens", eine Art Sammlung von "Vermischten Nachrichten", so NZZ-Rezensent Michael Girke, der die Gelegenheit nutzt, dem Salzburger Essayisten ein kleines Ständchen darzubringen: 60 Jahre alt wird er in diesem Jahr und mit dem österreichischen Staatspreis ausgezeichnet: "Jetzt schon betrachtet er nicht Brüssel als Europas Hauptstadt, auch nicht Straßburg. Kurzerhand erklärt er die winzige Ortschaft Sejni dazu, die irgendwo in der von blutigen Kriegen gezeichneten Grenzregion zwischen Litauen und Polen liegt. Weißrussen, Litauer, Ruthenen, Ukrainer, Russen, Polen leben dort, und einige leidenschaftlich Engagierte versuchen mit Kulturarbeit, die Gegensätze zu überwinden. - Ob es gelingt? Die großen historischen Fragen, sagt Gauß, werden nicht dort entschieden, wo Geld, Macht und Mode zusammenfinden, sondern in solchen Orten am Rande, im vermeintlichen Niemandsland."

Weitere Artikel: Hamburg nimmt sich selbst viel zu wenig wahr als die deutsche Kinderbuch-Hauptstadt, die sie ist, schreibt Katrin Hörnlein in der Zeit.

Besprochen werden Wilhelm Genazinos Roman "Bei Regen im Saal" (NZZ), ein Poesieband von Fernando Pessoa (FR), ein Gedichtband von Clemens J. Setz (Zeit), der von J.K. Rowling unter dem Pseudonym Robert Galbraith verfasste Kriminalroman "The Silkworm" (SZ), neue Sachbücher über die Geschichte der Sklaverei (FAZ), Walter Kirns Sachbuch "Blut will reden" über den Mörder Clark Rockefeller (Zeit) und Yasmina Rezas "Glücklich die Glücklichen" (Tagesspiegel).
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Film

Jetzt online: In der Zeit erliegt Moritz von Uslar dem professionellen Charme der jungen Schauspielerin Jella Haase, die mit "Fack ju Göhte" gerade ihren Durchbruch erlebt hat.

Besprochen werden Clint Eastwoods Filmmusical "Jersey Boys" (Welt, Presse), Gareth Evans" Film "The Raid 2" (FR, mehr)
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Musik

Sehr unterwältigt ist Metal-Experte Frank Schäfer (taz) vom pünktlich zum 25. Jubiläumsjahrgang des Metal-Festivals in Wacken herausgebrachten Fotobands, in dem der Fotograf Pep Bonet seine 2013 entstandenen Impressionen dokumentiert. Handwerklich sind die Bilder zwar tipptopp, doch "was nützt es, wenn sein Motivfundus so sattsam bekannt ist?"

Außerdem: Nadine Lange porträtiert im Tagesspiegel die Rapperin Sister Fa. In der Popkolumne der SZ schreibt Felix Reek über aktuelle Veröffentlichungen, darunter Tom Pettys neues Album.

Besprochen werden Friedrich Liechtensteins bereits viel gefeiertes Elektropop-Album "Bad Gastein" (Welt), eine CD zu Ehren von J.J. Cale unter Mitwirkung von unter anderem Eric Clapton und Mark Knopfler (FAZ), Christian Gerhahers neue Schubert-CD "Nachtviolen" (Tagesspiegel) und das Album "Raw Love" von Rhonda (Zeit).
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Bühne


Foto: © Salzburger Festspiele / Michael Pöhn

Keine Lorbeeren erntete Sven-Eric Bechtolfs Inszenierung des "Don Giovanni" bei den Festspielen in Salzburg. Für Hans-Klaus Jungheinrich von der FR war der Abend ein Gemischtwarenladen, mit teils bravourösen, teils weniger überzeugenden Leistungen. Kurz: Ein "etwas kurioses Inszenierungs-Allerlei". "Ziemlich alt aussehendes und anzuhörendes Musiktheater", bedauert Manuel Brug in der Welt. "Ungelenker Slapstick auf der Flucht vor Relevanz bleibt eine schale Nummer", tadelt Ulrich Amling im Tagesspiegel. Wo ist der doppelte Boden bei diesem "Don Giovanni", fragt Eleonore Büning in der FAZ. "Dieser neue Salzburger Don Juan ist einfach nur ein blöder, grober, geiler Bock und Bösewicht." Dieser "Giovanni glänzt nur, wenn Bechtolf, der versierte Situationsgestalter, die Szenen so elegant modelliert, dass die Harmlosigkeit der Hauptfigur in netter Situationskomik aufgeht", notiert Ljubiša Tošić im Standard. Vielleicht kann man der heutigen Publikumsgeneration nichts subtileres mehr zumuten, überlegt Wilhelm Sinkovicz in der Presse.

Unterdessen in Bayreuth: Dort hat sich Christiane Peitz vom Tagesspiegel die Wiederholung von Frank Castorfs (zur Premiere im vergangenen Jahr heftig ausgebuhte) "Ring"-Inszenierung aus dem letzten Jahr angesehen und darin einiges miteinander Verwurstete beobachtet: "Rudimente des Menschlichen, ausgerechnet dann, wenn alle Illusion dahin ist und nur noch die Ironie bleibt, der Comic, die sarkastische Soap-Opera. Was wird auf Castorfs Resterampe nicht alles verramscht: der amerikanische Traum, die Liebe, der Fortschritt, der Kapitalismus, der Sozialismus, die Hochkultur sowieso".

Besprochen werden Andres Mürys Buch "Jedermann darf nicht sterben" (Tagesspiegel) und ein Auftritt der Performance-Künstlerin Dominique Wolf auf der Cuvry-Brache in Berlin (SZ).
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