Efeu - Die Kulturrundschau

Wie abstürzende Brieftauben

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15.07.2014. Ein schwarzer Tag für die Kultur: Die Feuilletons trauern um Gert Voss, Nadine Gordimer und Lorin Maazel. Die taz erzittert beim brachialen Energy-Playing der Free Jazzer Mette Rasmussen und Chris Corsano. Die FAZ würdigt Berlins Frauen-Bohème.

Bühne

Der Schauspieler Gert Voss ist gestorben. In der FAZ denkt Gerhard Stadelmaier an ihn als einen ganz Großen: "Immer, wenn er die Bühne betrat, war es, als breche er auf, als steche er in See und ringe in toller Lust, hohem Schmerz und bittergroßem Witz mit Erscheinungen und Aberwitzigkeiten, die hinter und unter den Hirn- und Herzschalen der Figuren spukten und dort ihr Recht von dem nur einfordern konnten, der fähig war, in unbändigem Gestaltungswillen und rasender Neugier sie beim Schopf zu packen."

Weitere Nachrufe schreiben Barbara Petsch in der Presse ("Wie modern war Voss wirklich? Egal, er wurde ein richtiger Burgschauspieler und Publikumsliebling, was immer er spielte, die Leute kamen"), Margarete Affenzeller im Standard ("bei aller mimetischer Entäußerung ein großer, eleganter Geheimhalter und Beschützer seiner Charakter"), Barbara Villiger-Heilig in der NZZ ("Jeder Zoll ein Bühnenkönig"), Peter von Becker im Tagesspiegel, Helmut Schödel in der SZ, Irene Bazinger in der Berliner Zeitung, Dirk Pilz in der FR und in der Welt würdigt Reinhard Wengierek "das abgründig tänzelnde Leichthin, das virtuos feinnervige Ausspielen vom Entsetzlichen im schamlos Komischen, das zugleich Menschlich-Unbegreifliches, Rätselhaftes ungeheuerlich aufblitzen lässt" der Voss"schen Schauspielkunst.

Hier ein Interview, das der ORF 2011 mit Voss führte:


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Literatur

Große Trauer auch um die mit 90 Jahren verstorbene Literaturnobelpreisträgerin Nadine Gordimer. Robert von Lucius würdigt sie in der FAZ als "Chronistin des Umbruchs", der "es um die Beziehungen von Menschen untereinander, die in die Politik eingebettet sind", ging. Thomas Steinfeld schätzt sie in der SZ als südafrikanische Autorin: "Man kann [ihre Romane] gleichsam landeskundlich lesen, als sehr sorgfältige, sehr gründliche Einführungen in die politischen, sozialen und kulturellen Verhältnisse eines Landes, das länger als irgendein anderer moderner Staat an der rigorosen Trennung der Rassen festhielt."

In der FR sieht Judith von Sternburg starke Parallelen zu Heinrich Böll: "Politik und Ästhetik waren bei Gordimer immer schwer zu trennen (wie bei Böll). Sie galt im Positiven als sensible, traditionelle Erzählerin (wie Böll), im Negativen warf die Kritik ihr vor, dem gewählten Stoff ästhetisch nur teilweise gerecht zu werden (wie Böll)." In der Zeit schreibt Hans-Peter Kunisch über Gordimers politisches Engagement, Weitere Nachrufe schreiben Sabine Vogel in der Berliner Zeitung, Ulrike Baureithel im Tagesspiegel, Angela Schader in der NZZ, Marko Martin in der Welt, Anne-Catherine Simon in der Presse, Andrea Schurian im Standard und Dominic Johnson in der taz.

Hier sieht man sie, knapp ein Jahr vor ihrem Tod, als immer noch hinreißend schöne und lebendige Frau in einem Kurzfilm der Reihe 21 icons:



Morgen wäre der 1987 bei einem Autounfall gestorbene Jörg Fauser 70 Jahre alt geworden. In einer schönen Würdigung im Freitag verteidigt Katja Kullmann den Autor gegen allzu obsessive Vereinnahmungen durch ihre männlichen Feuilletonkollegen, die Fausers rohe Wildheit für eigene Kompensationen nutzten. Als rüden Macho könne Fauser nur missverstanden werden, von dem, der nicht genau liest, meint sie: Denn "wer Fauser wirklich gelesen hat, auch seine journalistischen Arbeiten, der versteht, dass er das Mackertum sehr anstrengend fand, albern, verlogen, dämlich, flach. Er war als Zeitgenosse der Macker-Ära darin verwickelt - aber er sezierte es auch und distanzierte sich damit davon." Die mittlerweile legendäre Sendung aus der Reihe "Autor-Scooter", bei der Fauser auf Hellmuth Karasek traf, gibt es in fünf Einzellieferungen auf Youtube, hier die erste davon:



Außerdem: Für den Tagesspiegel porträtiert Thomas Hummitzsch den gefeierten Comiczeichner Mawil. Tobias Lehmkuhl berichtet in der SZ von einer Berliner Kafka-Tagung. Außerdem bringt die Jungle World einen Vorabdruck aus Andreas Latzkos "Menschen im Krieg", einer wiederveröffentlichten, seinerzeit von Karl Kraus wärmstens empfohlenen Sammlung literarischer Skizzen aus dem Ersten Weltkrieg.

Besprochen werden unter anderem Mary Gaitskills Essay "Der verschwundene Kater" (NZZ), Martin Heideggers Briefwechsel mit den Eltern (NZZ), Marlene Streeruwitz" Roman "Nachkommen" (Freitag - mehr) und Karl-Markus Gauß" "Lob der Sprache" (SZ).
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Musik

Wolfgang Sofsky schreibt in seinem Blog schön über Musik, auch über den verstorbenen Dirigenten Lorin Maazel: "Er bewegte sich nicht schwerblütig, kämpfte sich nicht in seelischen Untiefen durch die Partitur und ruderte auch nicht ausdrucksvoll mit dem Taktstock herum. Sein Schlag war präzise, fast abgezirkelt, durchsichtig, souverän." Und er hat recht: Der hier als Video eingebundene, erste Satz aus Mahlers Fünfter unter Maazel ist bemerkenswert.



Weitere Nachrufe schreiben Allan Kozinn in der New York Times, Ulrich Amling im Tagesspiegel, Peter Hagmann in der NZZ, Kai Luehrs-Kaiser in der Welt, Joachim Lange in der taz, Stefan Ender im Standard, Wilhelm Sinkovicz in der Presse, Reinhard J. Brembeck in der SZ und Gerhard Rohde in der FAZ.

Für die taz ist Julian Weber zum Kopenhagen Jazz Festival gereist, wo ihm insbesondere der wuchtige Free-Jazz-Auftritt von Mette Rasmussen (Sax) und Chris Corsano (Schlagzeug) nachhaltig zu imponieren wusste: "Wer je die Körperlichkeit von brachialem Energy-Playing gespürt hat, hier war sie unmittelbar. Der Lärm von Saxofon und Drums brachte selbst die Haarspitzen zum Erzittern, das ungestüme "Wailing", das Röhren von Rasmussens Tenorsaxofon, entsprach dem Tuten von Schiffshörnern, mindestens. Ihre Blue Notes machten sich selbstständig, trudelten wie abstürzende Brieftauben vom Himmel und fielen weich. Während ihr Partner Chris Corsano Schwärme von Wirbeln, Breaks, Schabegeräuschen gegen die ungestümen Saxofon-Melodielinien schmiss." Auf Youtube gibt es das Duo in einem Auftritt vom April dieses Jahres zu sehen:



Außerdem: "Der Sommer der Popmusik ist wieder einmal gerettet", jubelt Jörg Wunder im Tagesspiegel nach Anhören des Debütalbums von Jungle. Besprochen werden außerdem das neue Album von Morrissey (FAZ), Sébastien Telliers neues Album "L"Aventura" (ZeitOnline), ein Auftritt des Dresdner Kreuzchors in Berlin (Tagesspiegel) und Robin Thickes neues Album "Paula" (Berliner Zeitung).
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Archiv: Musik

Kunst

Mit einer ganzen Seite voller Einzelbetrachtungen würdigen Julia Voss und Niklas Maak in der FAZ den Verein der Berliner Künstlerinnen 1867, den Frauen in der Zeit vor 1918 gründeten, in der sie noch nicht Kunst studieren durften. Zu den vorgestellten Werken zählt auch das 1931 entstandene Bild "Liegendes Mädchen auf Blau" von Lotte Laserstein: "Was Laserstein in diesen Jahren (...) malte, kann man als Manifest für eine Freiheit betrachten, die 1933 zerstört wurde. ... [Sie malt] junge eigensinnige Frauen, sie erscheinen häufig androgyn, für wenige Jahre scheint ihnen, die auf einmal wählen und studieren dürfen, die Welt, die Zukunft zu gehören. Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten schließt sich das Fenster für Berlins Frauen-Bohème."

Außerdem: Laura Weißmüller begeht für die SZ das von Werner Sobek entworfene, in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung gebaute Aktivhaus, das niedrigen Energiebedarf und in der Dusche sogar eine Nische für das Smartphone aufweist. Christian Schröder gratuliert im Tagesspiegel dem Fotografen Lee Friedlander zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden eine Ausstellung von Lebbeus Woods" Architekturzeichnungen in der Tchoban Foundation in Berlin (taz) und der von Basma Hamdy und Don Karl herausgegebene Band "Walls Of Freedom" über ägyptische Street-Art (taz).
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