Efeu - Die Kulturrundschau

Kontextverschiebung und Anti-Essenzialismus

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15.05.2014. Das Grace-Kelly-Biopic, mit dem gestern Cannes eröffnete, fällt bei der Kritik einhellig durch. Die Welt betrachtet peinlich berührt den Einfluss des preußischen Militarismus auf das Werk des amerikanischen Kubisten Marsden Hartley. Dem Freitag geht Conchita Wursts Aufstieg aus dem Trash-TV zur Verkörperung europäischer Werte zu schnell. Und die Berliner Zeitung wird beim Berliner Theatertreffen Zeuge der "Letzten Zeugen" der Shoah.

Film

Gestern haben die Filmfestspiele in Cannes begonnen. Im Freitag würdigt Barbara Vinken Grace Kelly, die in Olivier Dahans (heute auch regulär im Kino startenden) Eröffnungsfilm "Grace of Monaco" von Nicole Kidman gespielt wird. Dieser wiederum kam bei den Kritikern gar nicht gut weg, wie David Hudsons internationaler Pressepiegel zum Film bei KeyframeDaily zeigt. Auch die deutsche Filmkritik verdreht die Augen: Dieser Film erzählt die "Geschichte einer Frau, die sich aus eigenem Entschluss in ihr Schicksal fügt, und Olivier Dahan bedient dabei genau die Wunschwelten, mit denen die Regenbogenpresse seit jeher operiert", meint Cristina Nord in der taz genervt. Auf kino-zeit.de kriegt auch Joachim Kurz von diesem "royalen Rollenspiel-Kitsch" das kalte Grausen. Im Tagesspiegel hält Jan Schulz-Ojala den Film für "katastrophal fehlbesetzt". Versöhnlicher zeigt sich Tobias Kniebe in der SZ, der "immerhin den versprochenen Hochglanz" geliefert bekam. Für eine gute Entscheidung hält es Verena Lueken in der FAZ unterdessen, den Film an den Beginn des Festivals zu setzen: Er zählt zu jener Sorte Film, "die für nichts taugt außer eben zur Eröffnung dieses Festivals." Ähnlich sieht es Hanns-Georg Rodek in der Welt: "Wären wir nicht im Kino, man würde sagen 'Augen zu und durch zum eigentlichen Wettbewerb'"

Allein Frédéric Jaeger von critic.de nimmt den ungeliebten Film voller Inbrunst in Schutz: "'Grace of Monaco' ist ein verhinderter Experimentalfilm, dem man nur unrecht tun kann, wenn man ihn vornehmlich auf seiner Dialog- und Plot-Ebene betrachtet. Es ist viel zu faszinierend anzusehen, wie die Bilder unentwegt die Geschichte konterkarieren, um nicht diesen Widerstand selbst als Zentrum des Erlebnisses zu betrachten."

Für critic.de hat sich Frédéric Jaeger mit Charles Tesson, dem ehemaligen Chefredakteur der Cahiers Du Cinéma und Leiter der von Filmkritikern kuratierten Cannes-Reihe "Semaine de la Critique", unterhalten. In der SZ stellt David Steinitz die Jurypräsidentin Jane Campion vor.

Währenddessen, im regulären Betrieb: In der taz empfiehlt Lukas Foerster eine Berliner Filmreihe zum aktuellen Hongkong-Kino. Zum heutigen Kinostart des deutschen Thrillers "Stereo" (hier die Besprechungen von Welt, Zeit und Tagesspiegel) hat sich Harald Mühlbeyer für kino-zeit.de mit Regisseur Maximilian Erlenwein unterhalten. Ulrich Nöller vom Freitag beobachtet, dass die interessantesten Fernsehserien oft in der Provinz spielen.

Besprochen werden der neue Godzilla-Film (Berliner Zeitung, Perlentaucher, Zeit - siehe auch unsere gestrige Kulturrundschau), eine DVD von Jeff Nichols' Film "Mud" (taz), Jennifer Baichwals Essayfilm "Watermark" (Tagesspiegel, Welt), die Komödie "Sein letztes Rennen" von Kilian Riedhof (NZZ), Lucía Puenzos Geschichtsdrama "El médico Alemán - Wakolda" (NZZ) und Małgorzata Szumowskas Film "Im Namen des..." (Tagesspiegel, taz).
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Kunst

In der Neuen Nationalgalerie ist mit Marsden Hartley der wichtigste kubistische Maler Amerikas zu entdecken. Entscheidende Einflüsse bezog Hartley während seines mehrjährigen Aufenthalts in Berlin, stellt Tilman Krause in der Welt nicht ohne Befremden fest: "Diese Bilder konfrontieren uns mit einer Kunst der damaligen Avantgarde, die sich inhaltlich von etwas inspirieren ließ, was wir heute für einen besonders reaktionären, ja peinlichen Zug der deutschen Lebenswirklichkeit zu jener Zeit ansehen: dem Militarismus." (Bild: Marsden Hartley: Portrait of a German Officer, 1914.)

Weitere Artikel: In der NZZ schreibt Kerstin Stremmel den Nachruf auf die Konzeptkünstlerin Sturtevant und weist auf die Ausstellung "Number Eight: Sturtevant", die zurzeit in der Julia Stoschek Collection in Düsseldorf zu sehen ist. Im Rahmen einer Kunstaktion wird im New Yorker Central Park Alkohol getrunken, berichtet Ophelia Abeler für die taz und staunt darüber nicht schlecht.

Besprochen werden die Kokoschka-Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg (Berliner Zeitung) und die Ausstellung "Targets" mit Fotografien von Herlinde Koelbl im Deutschen Historischen Museum Berlin (FAZ).
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Musik

Aus seiner Eurovision-Ablehnung macht Jörg Augsburg vom Freitag keinen Hehl. Auch den Triumph von Conchita Wurst kann er nicht ohne weiteres als emanzipatorischen Akt durchgehen lassen und erinnert daran, dass die Drag Queen noch vor einem Jahr zum Personal der umstrittenen Reality-Show "Wild Girls - Auf High Heels durch Afrika" zählte: "Gerade ihr Travestie-Appeal diente dazu, vermeintliche schwarzafrikanische Hinterwäldler - 'Wilde' - vorzuführen. Wurst gehört zum Inventar des per se politisch und ästhetisch reaktionären Trash-TVs, bei dem man nie genau weiß, wer hier wen mehr benutzt, die Sender die Protagonisten oder die mediengeilen Protagonisten die Show."

In der Zeit bewertet Peter Kümmel den Sieg Wursts ganz anders: "Während in den USA und in Russland die harschen weltpolitischen Notwendigkeiten vorangetrieben werden, hebt Westeuropa eine Gestalt ins Licht, welche uns verheißt, dass wir das eigene Geschlecht stets neu wählen können - als könne Identitätsfindung, zumindest in unseren Breiten, ein heiterer, demokratischer Vorgang sein."

Weitere Artikel: Alfred Zimmerlin berichtet in der NZZ von den Wittener Tagen für neue Kammermusik. In der taz empfiehlt Elise Graton die Musik des brasilianischen Superstars Rodrigo Amarante, dessen Album "Cavalo" man sich hier anhören kann. Alt-Rocker Graham Nash erinnert sich im Tagesspiegel-Gespräch mit Christian Schröder an Anekdoten aus seinem bewegten Leben. Und Judith Holofernes schreibt in der Zeit eine Liebeserklärung an Dolly Parton.

Besprochen werden ein Konzert der Pat Metheny Unit Group in Berlin (Tagesspiegel), das neue Album "Gold" von Bo Saris (Zeit) und das Debütalbum "Asiatisch" von Fatima Al Qadiri (SZ).
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Bühne

Mit Doron Rabinovicis und Matthias Hartmanns "Die letzten Zeugen" bringt das Berliner Theatertreffen ein wahres, vor allem aber bewegendes Highlight auf die Bühne, meint Dirk Pilz in der Berliner Zeitung. Das Stück handelt von den Erinnerungen einiger Shoah-Überlebenden: "Vier Schauspieler treten abwechselnd an ein kleines Pult und lesen aus Erinnerungen, die stets am Rande des Sagbaren hausen... Es gelingt in der sonstigen Vergangenheitsbewältigungsindustrie Seltenes: Dass gelebtes Leben nicht zur stummen Verfügungsmasse, nicht zum bloßen Material für die Gegenwartsschreibung wird, sondern zur Stimme gegen die Kräfte des Vergessens, gegen das Wegschieben des Gewesenen."

Wenig Freude hatte unterdessen Patrick Wildermann vom Tagesspiegel bei der Auswahl des Stückemarkts beim Berliner Theatertreffen: "Was der nominierte Nachwuchs [hier] ausbreiten darf, ist durchweg ziemlich banal."

Besprochen werden Christof Loys "Don Giovanni" in Frankfurt (Welt) und Romeo Castelluccis "Orfeo ed Euridice"-Inszenierung in Wien (SZ),
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Literatur

Der Freitag bringt seine monatliche Krimibeilage - hier ein Überblick über alle Besprechungen. Zwei Artikel stechen heraus: Jochen Vogt macht sich Gedanken über Glanz und Elend des Regionalkrimis. Und Thekla Dannenberg porträtiert die deutsche Krimiautorin Anne Goldmann: "Wie Margaret Millar oder Celia Fremlin erzählt auch Goldmann mit ihren Psychothrillern immer auch Geschichten der Emanzipation, wenn vielleicht auch nicht mit der gleichen Eleganz und bestimmt noch nicht mit der Perfektion. Doch mit psychologischer Raffinesse entwickelt Goldmann wahre Studien über den manipulativen Charakter, der sich an der Schwäche der anderen nährt und in ungleichen Beziehungen gedeiht." Für den Perlentaucher hatte Thekla Dannenberg zuvor Goldmanns Krimi "Triangel" besprochen.

Außerdem: Michael Brake porträtiert in der Zeit den Comiczeichner Nicolas Mahler. Für den Kurier unterhält sich Barbara Mader mit dem Essayisten und Herausgeber Karl-Markus Gauß.

Besprochen werden unter anderem Arthur Schnitzlers neu entdeckte Novelle "Später Ruhm" (NZZ), Alina Bronskys Roman "Nenn mich einfach Superheld" (SZ) und Norbert Leitholds Roman "Herrliche Zeiten" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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