Efeu - Die Kulturrundschau

Ausrufezeichen in schlanker Typografie

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.05.2014. Nach dem Pflichtprogramm des Eröffnungsfilms stöbern die Kritiker in Cannes erste Lieblinge auf. Der Tagesspiegel bedauert die Rekonstruktion zerstörter Bauhaus-Häuser in begehbare Archiskulpturen. Die NZZ freut sich, dass moderne Beethoven-Aufführungen ganz ohne Holzhammer auskommen. Und die taz macht sich Sorgen, ob David Bowie aus dem Museum, in das man ihn gesteckt hat, jemals wieder herauskommt.

Kunst



In Dessau werden heute die nach ihrer Zerstörung im Zweiten Weltkrieg rekonstruierten Bauhaus-Häuser eingeweiht. Beim Wiederaufbau hat man sich allerdings bewusst für keinen bloßen Nachbau entschieden, auch wenn man dies auf den ersten Blick meinen könnte, berichtet Nicola Kuhn im Tagesspiegel: Das Berliner Architekturbüro Bruno Fioretti Marquez habe sich für ein "Konzept der Unschärfe" entschieden. "Aufgegangen ist es nicht. Die durch transluzente Scheiben wie erblindet wirkenden Fenster sorgen für einen abrupten Aufprall des Zeitreisenden in der Gegenwart. Weder kann herein- noch herausgeschaut werden. Sie signalisieren, dass hier keiner wohnt, sondern die reine Kunst regiert. Das Ergebnis sind begehbare Archiskulpturen, die von außen schroff und abweisend wirken." Auch Regina Mönch von der FAZ hat sich die Häuser genauer angesehen und stellt fest: "Nur die Kubatur der Originale und seltsamerweise der Keller des Gropiushauses sind exaktes Zitat. ... Die Berliner Architekten haben souverän einen Glaubenskrieg beendet, der zwei Jahrzehnte lang um dieses Projekt tobte, vor allem in der Kontroverse, welche Zeitschicht die stilprägende sein soll." (Bild: Jan Woitas/EPA)

In der FAZ berichtet Jordan Mejias von der Eröffnung des "National September 11 Memorial Museums" in New York, das für seinen Geschmack ein wenig zu touristisch geraten ist: "Will sie nicht zur makabren Touristengaudi verkommen, muss die Gedenkstätte (...) beginnen, über Ground Zero hinaus zu denken. Noch bestimmen das Bild die dicken Pinselstriche des modernen Heldenepos." In der SZ bringt Peter Richter Hintergründe zu den im Vorfeld geführten Kontroversen.

Weitere Artikel: Daniele Muscionico berichtet im Tages-Anzeiger von der gestrigen Verleihung der Swiss Photo Awards. Besprochen werden die Ausstellungen "Experiment Metropole" über die Wiener Weltausstellung 1873 im Wien Museum (Kurier) und "Ludwig der Bayer" über den mittelalterlichen Kaiser Ludwig IV. in Regensburg (SZ).
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Musik

Bei der "Eroica", mit der das Tonhalle-Orchester Zürich unter Leitung des Chefdirigenten David Zinman seinen Beethoven-Zyklus eröffnete, wird Peter Hagmann in der NZZ bewusst, wie sehr sich die Aufführungspraxis von Beethovens Werken in den letzten zwanzig Jahren verändert hat: Nicht mehr pompös und pathetisch, sondern leicht, agil und gelassen. "Das heißt aber keinesfalls, dass der wilden Sinfonie eines wilden Komponisten die Wildheit abhandengekommen wäre. Es ist einfach so, dass für die zwei Tutti-Schläge am Anfang zu Beginn nicht zum Holzhammer gegriffen wird. Im Zürcher Beethoven erscheinen sie als zwei Ausrufezeichen in schlanker Typografie."

Julian Weber hat für die taz die David-Bowie-Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau vorab besichtigt. So recht wohl scheint ihm trotz allem Staunen über die ausgestellten Exponate nicht zu sein, attestiert er doch bang: Bowie "ist nun also endgültig im Museum angekommen. Aber wie kommt David Bowie da wieder heraus?"

Weitere Artikel: Eric Pfeil schreibt Poptagebuch beim Rolling Stone. In der NZZ stellt Ueli Bernays den Jazz-Vokalisten Andreas Schaerer und seine Band Hildegard lernt fliegen vor. Besprochen werden Conor Obersts neues Album "Upside Down Mountain", das Johannes Schneider vom Tagesspiegel die jugendliche Intensität von Obersts früherer Band Bright Eyes vermissen lässt (hier kann man das Album anhören), das neue Album von Coldplay (Welt, SZ), ein Konzert von Anne-Sophie Mutter (Tagesspiegel) und in einer Doppelrezension Mac DeMarcos "Salad Days" und Tom Brosseaus "Grass Punks" (taz).
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Film

Cannes, zweiter Tag. Deutlich besser als der Eröffnungsfilm kam Mike Leighs Wettbewerbsbeitrag "Mr Turner" über den romantischen Landschaftsmaler Joseph Mallord William Turner weg, wie schon ein schneller Blick in David Hudsons internationalen Pressespiegel bei Keyframe beweist. Auch Joachim Kurz von kino-zeit.de ist von Mike Leighs Rückkehr zum Historienfilm sehr begeistert: "Wenn sich zwei Meister ihres Fachs auf diese Weise vereinigen, dann ist das einer jener Glücksfälle und -momente im Kino, über die man sich einfach nur freuen kann." Insbesondere, dass Leigh sich nicht bloß aufs Nachahmen der berühmten Vorlagen versteift, rechnet Kurz dem Regisseur hoch an: Die Kameraarbeit begnügt sich "nicht mit purem Kunsthandwerk und dem Rückzug auf die bildnerisch fragwürdige Kraft reiner Kopisten: Immer werden Tableaus durch Zurückzoomen und Schwenks als Illusionen demaskiert, denen sie die raue Wirklichkeit als Kontrast entgegenstellen." In Zeit online bewundert Wenke Husmann das Licht in dem Film.

Für die taz hat sich Cristina Nord an der Croisette derweil anderweitig umgeschaut: Ihr Herz schlägt ganz und gar für Abderrahmane Sissakos "Timbuktu", dem sie jetzt schon "aus vollem Herzen eine goldene oder silberne Palme" wünscht. Für critic.de hat Michael Kienzl den Film gesehen und konstatiert: "Ein beeindruckender Film voller Ungeschliffenheiten".

Weiterhin berichtet Frédéric Jaeger auf critic.de von seinem Glück, Djinn Carrénards "Fla" gesehen zu haben: Dieser Film "platzt aus allen Nähten und ist gleichzeitig äußerst kontrolliert. Er hat nichts Naturalistisches und ist dennoch ein Film, der mit der größten Genauigkeit hinguckt und abpaust." Außerdem lief Céline Sciammas Film "Girlhood": Hier ein Pressespiegel. Für critic.de bespricht Till Kadritzke den Film.

Für den schnellen Klick noch zwei empfehlenswerte Links für die Bookmarks: Cargo kriegt wieder SMS vom Festival und critic.de hat einen fortlaufend aktualisierten Kritikerspiegel eingerichtet.

Und auch abseits von Cannes werden noch Filme gezeigt. Matthew Barneys neues Epos "River of Fundament", das im Rahmen der Wiener Festwochen vorgeführt wurde, hat die Kritiker einigermaßen irritiert zurückgelassen. "Verstörend, schön, grauenhaft", versucht sich Norbert Mayer in der Presse an einer Bilanz, während Michael Huber im Kurier feststellt, Barney habe "den absoluten Willen zur Größe demonstriert. Und dann doch ins Klo gegriffen." Im Standard porträtiert Isabella Reicher den chinesisch-malaysischen Regisseur Tsai Ming-liang, dessen Werk ebenfalls bei den Wiener Festwochen gezeigt wird.
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Archiv: Film

Literatur

Besprochen werden Lidia Ginsburgs "Aufzeichnungen eines Blockademenschen" (Berliner Zeitung), Hermann Sinsheimers Autobiografie "Gelebt im Paradies" (FR), Gertrud Leuteneggers Roman "Panischer Frühling" (Zeit), die Ausstellung "Reisen" im Literaturmuseum Marbach, das darin 1200 Fotografien von Schriftstellern aus seinen Archivbeständen präsentiert (FAZ), Arthur Schnitzlers erstmals veröffentlichte Novelle "Später Ruhm" (SZ) und Thomas Medicus' "Heimat" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Bühne

Der designierte Scala-Intendant Alexander Pereira, der wegen des umstrittenen Verkaufs von Opern der Salzburger Festspiele an die Scala in die Kritik geraten ist (mehr hier), verpflichten, Ende 2015 als Intendant der Salzburger Festspiele zurückzutreten, anstatt bis 2020 im Amt bleiben, meldet der Standard.

Beim Berliner Theatertreffen gibt es jetzt auch betriebsinterne Diskussionsveranstaltungen, berichtet Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung. Besprochen wird das beim Berliner Theatertreffen gezeigte Doku-Stück "Die letzten Zeugen" (taz - siehe auch unsere gestrige Kulturrundschau).
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