Mord und Ratschlag

Kernschmelze in Paris

Die Krimikolumne. Von Thekla Dannenberg
30.08.2012. Mit ihrem furiosen Verschwörungsthriller "Die ehrenwerte Gesellschaft" begeben sich Dominique Manotti und DOA in den inneren Reaktorblock der französischen Atomindustrie. Anne Goldmann befreit in ihrem psychologischen Thriller "Triangel" eine Frau aus dem Gefängnis ihrer Angst.
Die Politfiction der Dominique Manotti ist das Aufregendste, was derzeit auf dem Krimimarkt zu haben ist. Und das Intelligenteste. Egal ob sie über Jugendliche in der Banlieue, streikende Arbeiter in Lothringen oder die obersten Pariser Machtzirkel schreibt, immer trifft die fast siebzigjährige Wirtschaftshistorikerin den Ton. Jedem ihrer Bücher merkt man an, dass sie nicht nur das Handwerk versteht, sondern auch das Leben: Sie kennt die Milieus, über die sie schreibt, sie recherchiert gründlich und besitzt nach Jahrzehnten politischer und gewerkschaftlicher Arbeit eine phänomenale Menschenkenntnis. Jetzt sind gleich zwei neue Bücher von ihr erschienen, eins ist großartiger als das andere, lesen muss man alle beide.

Für "Die ehrenwerte Gesellschaft" hat sie sich mit einem Autor zusammengetan, der sozusagen schon der übernächsten Generation angehört: DOA nennt er sich, nach dem Noir-Klassiker "D.O.A. - Dead On Arrival", und auch wenn er unter einem Nom de Plume schreibt, ist er in Frankreich seit Jahren omnipräsent, als Essayist ebenso wie als Talkshowgast. Mit ihrem gemeinsam geschriebenen Roman, der im vorigen Jahr mit dem Grand prix de littérature policière 2011 ausgezeichnet wurde, verschafft Manotti DOA auch ein erstklassiges Entrée nach Deutschland.

Um nur eine kleine Ahnung davon zu geben, worum es in diesem hochangereicherten Verschwörungsroman geht: Am Abend vor der ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahlen hackt sich eine Gruppe Umweltschützer in den Computer eines Beamten der Atombehörde ein. Der Mann wird ermordet, es stellt sich heraus, dass er ein verdeckter Ermittler der Polizei war und den dubiosen Geschäften des größten Baukonzerns des Landes auf der Spur. Kernschmelze im inneren Reaktorblock von Paris.

Denn die ehrgeizige Chefin des besagten Konzerns gehört zum engsten Kreis des konservativen Präsidentschaftskandidaten (kleingewachsen, unberechenbar, jährzornig!) und sie will an die Geldtöpfe der staatlichen Atomindustrie. Mindestens fünf verschiedene Polizeibehörden treten auf den Plan, Geheimdienste, Atombehörde, Wirtschaftsanwälte und Sicherheitsfirmen, alle agieren gegeneinander, politische Allianzen platzen, Freundschaften und Ehen brechen auseinander, Karrieren enden, zumindest auf den unteren Ebenen, vor der Wahl: "Alles verlieren oder nach und nach die Würde verlieren".

Manotti und DOA setzen diese Kettenreaktion mit einer Wucht in Gang, dass einem die radioaktiven Trümmer der Pariser Machteliten nur so um die Ohren fliegen. Atemlos wechseln sie zwischen den Perspektiven, für die Figuren bleibt nicht mehr Zeit als zwei, drei scharfe Federstriche, die Spannung wird geradezu körperlich. Wer nicht mitkommt, ist selbst schuld. Und nie geben die beiden sich mit dem Naheliegenden zufrieden. Wenn hier der Kommissar seine entfremdete Frau trifft, macht er es kurz: "Ich liebe meine Arbeit. Mehr als dich. Mehr als die Mädchen. Fang ein neues Leben an."

Ein echter Noir ist der Thriller aber nicht. Denn auch wenn Manotti und DOA mit schöner Angriffslust und Unverfrorenheit die Pariser Machtcliquen aufeinanderhetzen, so liebevoll ist ihr Blick auf die freien Politradikalen ("Unverschämt, schön, jung und stolz, es zu sein") und so loyal ist ihr Verhältnis zum Staat - und seinem öffentlichen Dienst. Auf die anständigen Polizisten lassen sie nichts kommen. La République, c'est nous tous.

Genauso grandios ist der Roman "Das schwarze Korps", den Manotti allein und zwar schon 2004 geschrieben hat. Mit ihm führt sie den historischen Krimi in Höhen respektive Tiefen, die sonst nur Didier Daeninckx erreicht. Hier stellt die Historie keine Kulisse dar, sondern das eigentliche Verbrechen. In diesem Fall die Kollaboration der Franzosen während der deutschen Besatzung. Gleich zum Einstieg wirft Manotti sozusagen eine gezündete Handgranate, und zwar in einen so mondänen wie verruchten Salon auf den Champs-Élysées, wo sich deutsche Offiziere mit französischen Lebedamen, Schriftstellern und Großunternehmern amüsieren: Es ist der 6. Juni 1944, die Alliierten sind in der Normandie gelandet und all die Gestapo-Helfer, SS-Handlanger und Kriegsprofiteure versuchen, sich von den Deutschen abzuseilen, ein letztes Geschäft abzuwickeln oder einen letzten Coup zu landen, um sich noch im rechten Moment den vorrückenden Amerikanern zu empfehlen. Während sich die deutschen Besatzer einen buchstäblich sehr mörderischen Spaß daraus machen, das Rattenrennen vom sinkenden Schiff zu beobachten. Mit solch einem kalten Lächeln sind die letzten Kriegswochen in Frankreich, zwischen Invasion und Befreiung von Paris bestimmt noch nicht erzählt worden.

Dominique Manotti, DOA: Die ehrenwerte Gesellschaft. Roman. Aus dem Französischen von Barbara Heber-Schärer. Assoziation A Verlag, Berlin 2012, 278 Seiten, 14 Euro (Bestellen).

Dominique Manotti: Das schwarze Korps. Roman. Aus dem Französischen von Andrea Stephani. Argument Verlag, Hamburg 2012, 280 Seiten, 17,90 Euro (Bestellen).


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Sehr bemerkenswert ist dieser Roman der österreichischen Autorin Anne Goldmann, und dabei doch alles andere als perfekt. Man muss über eine ganze Menge sprachliche Schnitzer, unbeholfene Konstruktionen und erzählerische Schwächen hinweg lesen, doch wird man dafür belohnt. Denn Goldmann erzählt mit ihrem Roman "Triangel" eine ganz und gar eigenwillige Geschichte von Scham, Angst und Befangenheit, die einen einfach nicht mehr loslässt. Und die in ihrer einfachen Raffinesse an die Romane der Britin Celia Fremlin erinnert.

Goldmann erzählt die Geschichte der Regina Aigner, die in einer österreichischem Kleinstadt als Gefängniswärterin arbeitet. Und schon wegen der unprätentiösen Schilderung der Gefängniswelt, die die Autorin offenbar aus eigener Anschauung als Sozialarbeiterin kennt, ist der Roman lesenswert. Aber das Drama, das der Roman erzählt, ist kein soziales, sondern ein psychologisches. Regina Aigner ist eine Frau in ständiger Angst vor Kontrollverlust. Sie hat sich in ihrem Job Respekt erworben, sich als Frau in der Männerwelt zu behauptet, obwohl ihr Vater noch auf der anderen Seite der Gitterstäbe saß. Doch auskosten kann sie ihren Triumph nicht, sie sitzt selbst voller Scham fest in einem Gefängnis der Angst, jemand könnte von ihrer Herkunft erfahren. Nach außen abgekapselt, zieht sie zu einer Freundin ins Grüne. Wenigstens schön soll die eigene Festung sein und einen Wintergarten haben.

Ganz allmählich entwickelt sich die Geschichte vor dem schlichten dörflichen Hintergrund. Am Anfang streiten die beiden Frauen mit der Gemeinde um die Baugenehmigung für den Anbau, Regina beginnt eine ungute Affäre mit einem Arbeitskollegen. Dann stirbt plötzlich ihre Freundin und hinterlässt ihr das Haus. Sofort breiten sich natürlich Gerüchte im Dorf aus, und es taucht der Neffe der Verstorbenen auf, der sich in finanzieller Hinsicht als ebenso besitzergreifend zeigt wie Reginas neuer Freund in Liebesdingen. Zur inneren Belagerung von gleich zwei Seiten kommt die tatsächliche Bedrohung. Sie findet beim Graben in ihrem Garten das Skelett eines toten Mädchens.

Mitunter scheint die Handlung genauso langsam voranzugehen wie ein Antrag auf vorzeitige Haftentlassung. Die Veränderungen im Leben dieser zweifachen Gefängniswärterin tun sich nahezu unmerklich auf. Doch tatsächlich schließen sich nach und nach Türen, türmen sich Mauern auf und vertiefen sich Gräben. Auf einer anderen Ebene geschieht jedoch genau das Gegenteil: Je schärfer Regina Aigner die Grenzen zu der Welt des Verbrechens zu ziehen versucht, in der und gegen die sie arbeitet, umso schwammiger wird eben diese Grenze.

Anne Goldmann: Triangel. Kriminalroman. Argument Verlag, Hamburg 2012, 266 Seiten, 11 Euro (Bestellen).