Efeu - Die Kulturrundschau

Zugriff statt Besitz

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30.04.2014. In der Presse erklärt Edmund de Waal, was genau "komplett Gegenkultur" ist. Der Tagesspiegel meldet, dass bei den "Chinese Contemporary Art Awards" Ai Weiweis Name und Gesicht überpinselt wurden. In der Zeit ermuntert Tim Renner die Buchbranche, den als Digitalisierung bekannten Formatwechsel tatkräftig selbst zu gestalten. Berliner Zeitung und taz feiern die folkhafte Schlichtheit der Marisssa Nadler. Und die taz lernt von einem indischen Film, was im Kino mal möglich war.

Kunst



In der Presse unterhält sich Almuth Spiegler mit dem Autor und Keramikkünstler Edmund de Waal, der jetzt erstmals in Österreich ausstellt: die Installation "Lichtzwang" - zwei Vitrinen mit über 200 unterschiedlich geformten Porzellanbechern. Worauf es hier ankommt, so de Waal, ist Schönheit, "ein unglaublich schwierig zu erreichender Zustand. Das Thema der Schönheit ist ja komplett Gegenkultur, es spielt in der Kunstpresse keine Rolle. Das interessiert mich aber nicht. Mich interessiert nur, Kunst zu machen, die in Berührung ist mit Musik, Poesie, dem Ort, die eine Resonanz hervorruft, kein One-Liner ist, kein zeitgenössischer Kunstwitz. Das sind für mich genug Dinge, um die man sich kümmern muss. Aus dieser Ausstellung fragiler Objekte, in einer Vitrine, in einem neoklassizistischen Tempel, in der Mitte Wiens, was wieder sehr viel zu tun hat mit Paul Celan, kann man etwa ein Gedicht machen, das schön ist. Unglaublich traurig. Fragmentarisch und allumfassend zugleich." (Bild: Kunsthistorisches Museum Wien)

Kurz vor Beginn des 15. "Chinese Contemporary Art Awards" in Schanghai wurde seitens der staatlichen Behörden ein Beitrag von Ai Weiwei aus der Ausstellung entfernt, berichtet Christiane Peitz im Tagesspiegel. Und "es kam noch schlimmer: Eine Stunde vor der Eröffnung am 26. April tauchten Arbeiter auf, die bei der auf einer Wandtafel präsentierten Chronik des Preises den Namen von Ai Weiwei mit Farbe überpinselten - gegen den Protest der anwesenden Künstler. Auch wurde das Gesicht des 57-Jährigen auf Fotos und Videos zur Historie des Preises durch Retuschen und Pixel unkenntlich gemacht."

Weitere Artikel: Felix Lee erklärt in der Presse, warum die chinesische Zensur amerikanische Sitcoms wie "The Big Bang Theory" verbietet: zu erfolgreich. Im Tagesspiegel berichtet Nicola Kuhn von einem Diskussionsabend mit der amerikanischen Kunstkritikerin Roberta Smith.

Besprochen werden die Ai-Weiwei-Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau (NZZ) und Julius Poseners "Vorlesungen zur Geschichte der Neuen Architektur" (taz).
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Literatur

Musikproduzent Tim Renner, jetzt neuer Staatssekretär für Kultur in Berlin, erzählt in der Zeit der Buchbranche detailliert, was die Musikbranche alles falsch gemacht hat. Und warnt sie, die Digitalisierung nicht genauso zu verschlafen: "Einen Formatwechsel moderiert man nicht, indem man ihn verzögert, sondern indem man ihn konsequent und entschlossen angeht. Wichtig scheint mir, zu verstehen, dass das eigene, alte Geschäftsmodell sich nicht immer auf die neue Welt übertragen lässt. Das der Musikindustrie basierte auf Kontrolle von Inhalt und Zeitpunkt der Distribution und war deshalb digital zum Scheitern verdammt. Mit der Etablierung von Streaming-Angeboten wurde es schließlich aufgegeben. Nun zahlt der Konsument im Streaming (entweder über eine Abo­gebühr oder mit seiner Zeit ob Werbeunterbrechungen) für Zugriff statt Besitz. Im Buch­geschäft kennt man ein ähnliches Prinzip sogar schon lange aus der physischen Welt. Dort nennt man das öffentliche Bücherhalle." (mehr in einem Bericht des Buchreports über Renners Thesen bei einer Veranstaltung in Berlin)

Weiteres: In der Welt berichtet Mladen Gladic über eine Podiumsdiskussion im Deutschen Theater in Berlin mit Michael Kleeberg, Mathias Énard und Lukas Bärfuss über das Verhältnis von Krieg und Literatur.

Besprochen werden Walter Kempowskis "Plankton", das auf dieser Website fortgesetzt werden soll (Berliner Zeitung), Ralf Königs neuer Comic "Konrad & Paul: Raumstation Sehnsucht" (Tagesspiegel), Jérôme Ferraris Korsika-Trilogie (NZZ), Alison Bechdels Comic "Wer ist hier die Mutter?" (Freitag), Dietmar Daths neuer Science-Fiction-Roman "Feldeváye" (Freitag), Thomas Pikettys Abhandlung "Le capital au XXIe siècle", auf Englisch: "Capital in the 21st Century" (Presse) und eine Ausstellung in Lübeck über Heinrich und Thomas Mann im Ersten Weltkrieg (SZ).
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Bühne

Im Standard porträtiert Ronald Pohl den Schauspieler Haymon Maria Buttinger, der ab morgen in Karl Kraus' "Die letzten Tage der Menschheit" am Wiener Volkstheater spielt.

Besprochen werden Ingo Hülsmanns an der Berliner Schaubühne aufgeführte Adaption von Rudolf Brunngrabers Roman "Karl und das 20. Jahrhundert" (Tagesspiegel, Nachtkritik), die in Berlin aufgeführte Musical-Variante von "Dirty Dancing" (Kirsten Riesselmann von der taz freut sich, dass das Musical die im Film gestrichenen politischen Elemente stärker akzentuiert), Estefania Mirandas Choreografie "Othello" am Theater Bern (NZZ) und Steven Soderberghs Inszenierung von Scott Z. Burns' "The Library", das sich mit dem Amoklauf von Columbine befasst (FAZ, Variety).

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Musik

René Hamann von der taz staunt über das geradezu hypnotisierte Publikum im Roten Salon in Berlin, das ganz Aug' und Ohr für die musikalischen Darbietungen von Marisssa Nadler war: "... ein Zeitlupenkonzert, das die Zuhörenden derart in den Bann zog, dass wirklich Stille war im Roten Salon. Es hat auch niemand auf sein Handy geschaut. Es wurden keine Tablets in die Höhe gereckt. Es hat nicht mal jemand gemurmelt. Es herrschte eine Andacht, besser, weil säkularer als bei einer Messe." Jens Balzer von der Berliner Zeitung war auch da: Er feiert den " Triumph der folkhaften Schlichtheit". Gar so wenige Displays können im Saal im übrigen nicht geleuchtet haben, auf Youtube findet sich doch eine Handvoll Aufnahmen, so etwa diese:



Weitere Artikel: Im Tagesspiegel spricht Frederik Hanssen mit Leiterin Elena Bashkirova über das Kammermusik-Festival im Jüdischen Museum. Dazu bringt Detlef Giese Hintergründe zu Richard Strauss und dem Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren, die das Kammermusik-Festival als Themenschwerpunkte reflektiert. Kritikerin und Moderatorin Christine Lemke-Matwey kritisiert in der Zeit den Kahlschlag der öffentlich-rechtlichen Radiomacher in den Klassik-Programmen: "Proteste werden ausgesessen. Im Zweifelsfall sterben die Protestierer vor denjenigen, gegen die sich ihr Protest richtet. Geht es nach Buhrow, Boudgoust & Co., sind Klassikliebhaber nämlich vor allem eins: alt."

Besprochen wird ein Konzert von Robbie Williams in Wien (Presse, Standard).
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Film



In der DVD-Kolumne der taz staunt Ekkehard Knörer über den indischen Film "Ghashiram Kotwal" aus dem Jahr 1977, der nun für das Heimkino vorliegt: Dieser Film entstand tatsächlich als ein Kollaborationsprozess unter Gleichberechtigten. "Ein Film wie aus einem Guss ist so nicht entstanden, aber das war auch nicht die Idee. Der Einfluss des engagiert-rabiaten Brasilianers Glauber Rocha ist ebenso zu erkennen wie der des Ungarn Miklós Jancsó mit seinen von einer entfesselten Kamera festgehaltenen fluiden, sich formenden und wieder auflösenden Gruppen-Tableaus. Es gibt Zwischentafeln, direkte Zuschaueradressen, das Ganze ist Film als episches Theater, mal fällt es auseinander, mal ist es ziemlich hypnotisch. ... Ein Fund, der zeigt, was einmal möglich war, wenn auch nur für einen Moment."

Im Standard resümiert Dominik Kamalzadeh das Linzer Filmfestival Crossing Europe: "Reduktion bei gleichzeitiger Verdichtung, das war eine wiederkehrende Formel dieses Jahrgangs in Linz. Beim Publikumshit, 'Long Distance' vom Spanier Carlos Marques-Marcet, erfährt die Beziehung eines Pärchens eine Belastungsprobe, als sie ein Stipendium in L.A. antritt, während er in Barcelona zurückbleibt. Weite Teile des Films sind als Skype-Gespräche konzipiert, in denen die seltsam verbogene Intimität dieser Kommunikationsform einfallsreich zum Tragen kommt."

Mit "Nächster Halt: Fruitvale Station" setzt sich Regisseur Ryan Coogler mit den letzten Stunden vor dem realen rassistischen Mord an Oscar Grant auseinander. Anke Leweke von der taz fand den Film sehr beeindruckend: "Mit seiner Chronik der letzten Stunden von Oscar Grant macht Ryan Coogler erfahrbar, was es heißt, wenn ein Mensch aus seinem Leben gerissen wird. Das klingt pathetischer, als der Film ist. Unpathetisch und direkt ist auch die Form. Coogler sucht mit seiner behänden Kamera die Nähe zu Oscar Grant, heftet sich an dessen Nacken, sein Gesicht, seinen groovenden Gang." Weitere Besprechungen bringen die SZ, Welt und der Tagesspiegel.

Weitere Artikel: In der taz schreibt Carolin Weidner über eine Berliner Filmreihe über die deutsch-brasilianischen Filmbeziehungen. Peter Zander stellt in der Welt Lola Randls Film "Die Erfindung der Liebe", der mit dem Tod der Hauptdarstellerin Maria Kwiatkowsky eine Wendung nahm. Für den Tagesspiegel unterhält sich Jenni Zylka mit der Schauspielerin Maria Schrader über ihren neuen Film "Vergiss mein Ich" (hier Jan Schulz-Ojalas Besprechung). In der SZ unterhält sich Susan Vahabzadeh mit Regisseur Cédric Klapisch über dessen neuen Film "Beziehungsweise New York", der in taz und SZ besprochen wird. Die Presse gibt die mehrheitlich weibliche Jury unter Vorsitz von Jane Campion für die Filmfestspiele von Cannes bekannt.

Besprochen werden Bong Joon Hos "Snowpiercer" (NZZ, Standard, Presse) und Bertrand Taverniers Film "Das Leben und nichts anderes" (Freitag).

(via) Außerdem: Die 12 besten Long Takes der Filmgeschichte - in einer kenntnisreich kommentierten VIdeozusammenstellung:

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