Efeu - Die Kulturrundschau

Stratege des Chaos

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22.04.2014. Die taz bewundert eine Biografie über Kraftwerk. Die französische Mezzo-Sopranistin Sophie Koch erklärt in der Presse, warum Octavian im Rosenkavalier jung, aber nicht dumm ist. Der Standard feiert den verschlagenen Schatzwächter Henri Langlois. "Gabo lebt!", ruft Salman Rushdie in der New York Times. Und Atlantic erklärt, warum die Mode der 30er heute noch modern ist.

Musik

In der taz bespricht Jens Uthoff David Buckleys unautorisierte Biografie über die Elektro-Pioniere Kraftwerk und stellt dabei fest: "Im Prinzip lässt sich mit Kraftwerk eine Erzählung des 20. Jahrhunderts schreiben. In Ansätzen wagt Buckley dies, und es gelingt."

Die französische Mezzo-Sopranistin Sophie Koch singt demnächst in Wien Octavian im "Rosenkavalier". Im Interview mit der Presse sagt sie über diese Rolle: "'Die Oper erzählt von den ewigen menschlichen Gefühlen, die durch die Zeiten gleich bleiben', findet Koch: 'Was mich berührt, ist diese Szene im ersten Akt zwischen der Marschallin und Octavian, wo sie entscheidet, geh jetzt, es ist Schluss. Das ist ein sehr intensiver und starker Moment. Octavian versteht sie, er ist jung, aber nicht dumm.'"

Jonathan Fischer stellt in der Welt die Narcocorridos vor, den musikalischen Flügel der mexikanischen Drogenkartelle, der noch die blutigsten Schlächter glorifiziert. Warum sie damit eine unglaubliche Popularität in Lateinamerika genießen, erklärt Fischer so: "Selbst die brutalsten Geschichten über Drogenbosse vermitteln doch immer noch die Fiktion eines gegen die Autoritäten rebellierenden Helden." Dabei leiten die Bosse selbst transnationale Wirtschaftsimperien: "Heute verdienen sie auch mit Waffenschmuggel, Menschenhandel, Raubkopien und Internetbetrug - um den Profit anschließend in karibischen Touristenhotels oder auch in deutschen Einkaufszentren zu waschen. Eine Wirklichkeit, die so in keinen Akkordeonschlager passt."

Weiteres: Der Pianist und Leiter der Wiener Festwochen Markus Hinterhäuser erklärt im Interview mit dem Standard, warum die Frage nach dem Geld in der Kultur eine "gefährlich klimatische" ist.

Besprochen werden ein Berliner Konzert mit Placido Domingo und Daniel Barenboim (Berliner Zeitung), Justin Timberlakes Tourauftakt in Köln (Berliner Zeitung) und eine kluge Interpretation der Matthäus-Passion von René Jacobs (Welt).
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Bühne



Dorion Weickmann von der SZ staunt über die Anstrengungen des English National Ballets, das in der jüngsten Zeit dem Royal Ballet seinen Status streitig zu machen versucht. Aktuell begeistert sie etwa das von verschiedenen Choreografen zusammengestellte Programm "Lest we Forget" und darin insbesondere auch Akram Khans Requiem "Dust", durch das "nackte Verzweiflung [pulst]. Nichts als ein Rücken glimmt in der Dunkelheit, ein Stück Fleisch, das sich wälzt und windet, bis zwei Dutzend Tänzer dem Torso Flügel wachsen lassen - Schwingen aus Unterarmen, die auf- und niederwogen." (Bild: Akram Khan's Dust. © Photography by ASH)

Außerdem: In der FAZ resümiert Christian Wildhagen die Osterfestspiele in Baden-Baden: Die Aufführung von "Manon Lescaut" bestand aus "fünfzig Minuten Verzauberung pur", die Brecht-Aufführungen hingegen kehrten lediglich das "Zeitverhaftete der Stücke hervor". Sein FAZ-Kollege Jan Brachmann berichtet unterdessen von den Osteraufführungen in Berlin mit Daniel Barenboim. Sandra Luzina trifft sich für den Tagesspiegel mit dem Choreografen Wayne McGregor, dessen Inszenierung "Atmos" bald beim Festival Movimentos in Wolfsburg zu sehen ist. Für die Berliner Zeitung unterhält sich Barbara Klimke mit dem britischen Theaterkritiker Benedict Nightingale über Shakespeare.

Besprochen wird Bastian Krafts am Deutschen Theater in Berlin aufgeführte Dürrenmatt-Inszenierung "Der Besuch der alten Dame" ("Nicht perfekt. Aber eigenwillig und stark", meint Mounia Meiborg in der SZ).
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Literatur

"Gabo lebt!", ruft Salman Rushdie in der New York Times: "Wir leben in einer Ära erfundener, alternativer Welten, Tolkiens Mittelerde, Rowlings Hogwarts, das dystopische Universum der 'Hunger Games' und all die Orte, an denen Vampire und Zombies gedeihen. Doch trotz dieser Welle der Fantasy Fiction ist in den besten literarischen Mikrokosmen mehr Wahrheit als Fantasie, in William Faulkner's Yoknapatawpha, R. K. Narayan's Malgudi und, ja, dem Macondo Gabriel García Márquez'. Hier wird Fantasie genutzt, um Wirklichkeit zu bereichern, nicht um ihr zu entfliehen."

Weiteres: In der Welt berichtet Marie Gamillscheg über die Feier zu 20 Jahre deutscher Poetry Slam an der Berliner Volksbühne.

Besprochen werden unter anderem Thomas Medicus' Roman "Heimat" (taz) und George Saunders' Erzählband "Zehnter Dezember" (NZZ).
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Film

Gerhard Midding steht gerührt in der Cinémathèque française, wo Dominique Paini eine Ausstellung zum 100. Geburtstag ihres Gründers Henri Langlois kuratiert hat: "Es wäre naiv zu erwarten, aus diesem Anlass keine Hagiografie zu erwarten. Sie spiegelt lebhaft Langlois' Temperament. Er war nicht nur ein verschlagener Schatzwächter, sondern vor allem ein charismatischer Vermittler, der die Sehnsucht nach Entdeckungen schürte. Paini feiert ihn als Strategen des Chaos."

Weitere Artikel: In der taz berichtet Thomas Groh vom Internationalen Filmfestival in Istanbul, wo sich viele Filme mit dem Thema Erinnerung und Material beschäftigten. Für die Zeit unterhält sich Ulrich Rüdenauer mit Maike Albath über Pasolinis Film "Das 1. Evangelium - Matthäus".

Besprochen werden eine Box mit Dokumentarfilmen aus der DDR (Jungle World), Marc Webbs "The Amazing Spider-Man 2" (Presse) und Claude Sautets Gangsterdrama "Classe tous risques" (1960) mit Lino Ventura und Jean-Paul Belmondo auf DVD (Standard).
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Kunst

In der Berliner Zeitung stellt Ingeborg Ruthe ein Bild von Horst Hussel als ihr "Bild der Woche" vor.

Besprochen werden die Ausstellung "Las Furias" im Prado in Madrid (Tagesspiegel), die Hans-Richter-Retrospektive im Martin-Gropius-Bau (Welt), die Ausstellung "Wege in die Moderne" im Gemanischen Nationalmuseum Nürnberg (SZ), außerdem Ilona Stölkens Bildband "Das deutsche New York" (Tagesspiegel) und Juliane Rebentischs Band über "Theorien der Gegenwartskunst zur Einführung" (Ingo Arend attestiert der Autorin im DeutschlandradioKultur ein "hohes, sprachlich mitunter hochkomplexes Niveau").
Archiv: Kunst
Stichwörter: Prado, Hans Richter

Design

In einem sehr schönen Essay für The Atlantic erklärt Deborah Cohen anlässlich zweier Modeausstellungen in New York - "Elegance in an Age of Crisis" im Fashion Institute of Technology und "Charles James: Beyond Fashion" im Metropolitan Museum of Art - warum die Kleider aus den 20ern heute wie historische Kostüme aussehen, die aus den 30ern - mit ihren fließenden, figurbetonenden Linien dagegen ganz und gar von heute sind: "A timeless obsession took root, too. The elegantly simple creations inspired by this convergence of social tensions and taste disguised wealth, or the lack of it, but revealed an awful lot else. There was no hiding the figure under these clothes. The toned and exercised body became a marker of privilege, a status signal that has become only more glaring since. We have the 1930s to thank for a by-now-familiar paradox: Americans' clothes became more similar even as their bodies diverged along class lines."

Anlässlich einer Ausstellung der "Facades"-Serie des Fotografen Bill Cunningham im New York Historical Museum bringt die Zeit eine Strecke mit Fotografien historischer Kostüme vor Gebäuden aus der jeweiligen Epoche in New York. In der NZZ betrachtet Martin Meyer mit Stilaugen die Freiheiten heutiger Moden, die "häufig nur als eigenverantwortlich scheußlich zu bezeichnen" wären.

Besprochen wird eine Retrospektive des niederländischen Designers Marcel Wanders im Stedelijk Museum in Amsterdam. (Tagesspiegel).
Archiv: Design