Efeu - Die Kulturrundschau

So leuchtend flaschengrüne Strümpfe

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24.03.2014. In der NZZ schlägt Tibor Joanelly eine Demokratisierung der Planungsprozesse für den Städtebau vor. Wie man ein eigenes Geschmacksurteil entwickelt, lernt man derweil bei Diderot. Der Regisseur Peter Kubelka erklärt im Filmmagazin Ray, warum er Godard für total überbewertet hält. Im Tagesspiegel ermuntert Adam Thirlwell Schriftsteller zu einer furchtlosen Aneignung des Digitalen.

Literatur

Am Wochenende fand im Berliner Haus der Kulturen der Welt die von Ingo Niermann und Mathias Gatza veranstaltete Konferenz "Literatur digital" statt, Welt, FAZ und SZ berichten. Der Tagesspiegel druckt einen Auszug aus dem Eröffnungsvortrag des britischen Autors Adam Thirlwell, der zu einer furchtlosen Aneignung des Digitalen ermuntert: "Aber während es eine radikale Alternative ist, das Digitale ganz aufzugeben und Materialien, Objekte und eine Art animalischer Avantgarde zu erforschen, bei der die Kunst des Romans von einer Rückkehr zur Taktilität des Buches verkörpert wird, gibt es auch eine zweite Form des Radikalismus: sich das Digitale anzueignen. Es ist die Möglichkeit einer solchen Aneignung und eines solchen schadenfrohen Missbrauchs, der mich für die unberechenbare Zukunft so fröhlich stimmt."

Traurige Nachricht für alle Nutzer der Kindle-Alternative Kobo: "Kobo owners Rakuten also run the world's leading marketplace for whale meat", meldet meldet Dustin Kurtz im Blog Mobylives. "According to a report issued by the UK-based Environmental Investigation Agency along with the Humane Society International, the Japanese Rakuten Group is responsible for the world's most egregious online marketplace for ivory and cetacean products. Rakuten is likely most familiar to MobyLives readers as the corporate owners of Kobo, the Toronto-based manufacturer of e-readers whose electronics are on sale in many indie bookstores across the U.S. and Canada."

Außerdem: In der Zeit unterhalten sich Alexander Cammann und Christoph Dieckmann mit den Autorinnen Marianne Birthler, Ines Geipel und Angelika Klüssendorf über deren gemeinsamen ostdeutschen Background. Für die Berliner Zeitung porträtiert Petra Ahne die Heftroman-Autorin und Kulturwissenschaftlerin Anna Basener. Die Welt druckt einen Auszug aus Heimo Schwilks Jünger-Biografie über erotische Verstrickungen Jüngers in Paris. In der FAZ berichtet Oliver Jungen von der lit.cologne (mehr dazu im Kölner Stadtanzeiger).

Besprochen werden unter anderem Piersandro Pallavicinis Roman "Ausfahrt Nizza" (Welt), Michael Ryklins "Buch über Anna" (Zeit) und Gaito Gasdanows erstmals übersetzt vorliegender Roman "Ein Abend bei Claire" aus dem Jahr 1930 (Tagesspiegel).
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Kunst

In der NZZ schlägt Tibor Joanelly vor, im Bereich Architektur und Stadtplanung nicht mehr auf schöne, sondern auf lebenswerte Städte auf Grundlage sozialer Austauschprozesse zu setzen. Der Planungsprozess soll hierfür demokratisiert werden: "Was in der Informations- und Kommunikationsindustrie gang und gäbe ist, würde den Städtebau aus ästhetisierend-ideellen Zwängen befreien, denn es geht dabei zuallererst um einen technischen Vorgang. Architektur alias Städtebau kann als Synchronisierung von Räumen begriffen werden, als Aushandlungsprozess zwischen beteiligten Nachbarn. Ein solcher spart Ressourcen und Geld und ist eine fruchtbare Alternative zur heutigen Praxis des durch Rekurse bestimmten Bauens."

Da wäre es vielleicht hilfreich, sich die Ausstellung in der Fondation de l'Hermitage in Lausanne über Diderot als Kunstkritiker anzusehen, die den Besucher ermuntert, ein eigenes Geschmacksurteil zu entwickeln, schreibt Gabriel Katzenstein, ebenfalls in der NZZ. Diderot zeigt dem Besucher, dass nicht das Buchgefühl entscheidet, sondern "er Spielregeln kannte, nach denen er zwischen gut und schlecht unterschied. So lehnte er kalte und unklare Allegorien ab. Ein Werk musste aus sich heraus verständlich sein, es musste das Gefühl des Betrachters ansprechen. Von einem Werk forderte er 'Wahrheit': So standen Porträts, die schonungslos charakterisierten, in seiner Gunst, auch solche, die von ihm gefertigt wurden, ohne gepuderte Perücke. Ein unverkrampftes Verhältnis gegenüber dem Sentimentalen und der Erotik war ihm eigen, er goutierte aber nicht das Fehlen von Anstand und Moral. Er kannte Vorbilder, aber auch Feindbilder."
(Zu seinem Porträt von Jean-Baptiste Garand, 1760, schreibt er: "Ich bin nie so gut gezeichnet worden wie von einem armen Teufel namens Garand, der mich getroffen hat, so wie es einem Dummkopf passieren kann, dass er ein bonmot sagt. Wer Garand Porträt von mir sieht, sieht mich." Hier noch ein paar Beispiele.)

Die Deutsche Bank präsentiert derzeit in Berlin den rumänischen Maler Victor Man als "Künstler des Jahres". Im Tagesspiegel hat sich Nicola Kuhn mit viel Interesse durch die Ausstellung bewegt: Sie staunt "über einen so eigentümlichen Stil, eine so rätselhafte Ikonografie ... Man inszeniert seine eigenen Mysterienspiele: Okkultes, Erotisches, Historisches wechselt sich ab, greift somnambul ineinander. Eine Erklärung gibt es für diese stets in fahles Licht getauchten Szenarien nicht, nur da und dort eine Andeutung durch den Ausstellungstitel, der eher weitere Fragen aufwirft."
Eine weitere Besprechung der Ausstellung findet sich in der taz: Man kann "das Licht erstrahlen lassen und seiner kopflosen Gestalt so leuchtend flaschengrüne Strümpfe anziehen, dass man in Ehrfurcht vor ihrem Glanz verharrt", staunt ihrerseits Brigitte Werneburg. (Bild: Victor Man, The Chandler, 2013)

Weiteres: Herlinde Koelbl unterhält sich in der Zeit mit dem Architekten David Chipperfield. Ira Mazzoni liest sich für die SZ durch die vom Londoner Victoria & Albert Museum online publizierte Harry-Fischer-Liste, die die Konfiskation "entarteter Kunst" in deutschen Museen dokumentiert.

Besprochen werden eine Victor-Burgin-Ausstellung im Museum für Gegenwartskunst in Siegen (taz), die Ausstellung "Streich auf Streich - 150 Jahre Max und Moritz" im Karikaturenmuseum in Hannover (taz), eine Ausstellung "Degenerate Art: The Attack on Modern Art in Nazi Germany, 1937" in der Neuen Galerie in New York (SZ) und die Ausstellung "Forensis" im Haus der Kulturen der Welt (Jan Schapira zeigt sich in der Welt ziemlich genervt von dem aufgeblasenen Postmodern-Sprech der Texttafeln, für die ausgestellten Werke und Dokumente hätte er sich etwas Kontext gewünscht.)
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Musik

Im Tagesspiegel verabschiedet sich Andreas Hartmann von der Berliner Plattenladen-Galerie "Gelbe Musik". Die Berliner Zeitung bringt ihre CD-Tipps der Woche: Empfohlen werden die neuen Alben von Tempest, Metronomy und Real Eastate.

Besprochen wird ein Konzert von Ina Müller (Tagesspiegel)

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Bühne



Im Hamburger Thalia Theater wurde am Wochenende Luk Percevals mehrsprachige, musikalische Produktion "Front" über den Ersten Weltkrieg aufgeführt. Falk Schreiber sah das Stück für die nachtkritik und war nicht unbeeindruckt: "Der Text ist eine Mischung aus tagebuchartigen Romanpassagen, Feldpost und assoziativen Gedankengängen, viel wird über die Rampe gesprochen, wenig agiert. ... Man hört vom Ekel im Schützengraben, von der kalten Bürokratie der Todesmeldungen, von Schmerzensschreien im Lazarett, und unmerklich baut sich im Hintergrund eine Geräuschkulisse auf, grollt der Donner im Bühnenbild. Bis ein befreiender Schrei ertönt: 'Allez!' Endlich Kampf. Wo sich die Inszenierung szenisch zurücknimmt, setzt sie auf die musikalische Ebene. Was die Schauspieler darstellerisch nicht zeigen können, legen sie in ihre Stimmen, bis man in den verschiedenen Idiomen eine Sprachmelodie zu hören glaubt." (Foto: Armin Smailovic. Weitere Besprechungen gibt's bei Spon und in der SZ).

Weiteres: Für die Zeit trifft sich Christine Lemke-Matwey mit der Sopranistin Simone Kermes. Nach der Aufführung eines Stücks über den Genozid an den Armeniern sieht sich das Stadttheater Konstanz mit Protesten aus der türkischen Community konfroniert, meldet die Welt. In der FAZ würdigt Gerhard Stadelmaier in einem schön giftigen Text eine Gedenkveranstaltung für den Theaterkritiker Thaddäus Troll vor alt gewordenem Publikum.

Besprochen werden einen "Antigone" in Dresden (in der Berliner Zeitung beobachtet Dirk Pilz einen "für [Sebastian] Baumgarten typischen Zeichensalat mit scharfem ideologiekritischem Dressing"), eine Aufführung von Lot Vekemans "Ismene, Schwester von" in Berlin (Berliner Zeitung, Welt, Tagesspiegel), Alexei Ratmanskys "Namouna" in Berlin (Berliner Zeitung), Martin Laberenz' Inszenierung der "Jungfrau von Orleans" in Göttingen (nachtkritik), Elmar Goerdens Inszenierung von Ibsens "Die Wildente" am Nationaltheater Mannheim (nachtkritik), Johannes Schrettles "In allen Netzen ist Ruh" am Grazer Theater (nachtkritik), Stefanie Carps Bearbeitung von Thomas Hürlimanns Novelle "Das Gartenhaus" am Theater Oberhausen (FAZ), Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Mozarts "Così fan tutte" an der Dresdner Semperoper (SZ).
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Film

Peter Kubelka wird 80. Das Filmmagazin Ray hat den Filmhistoriker und Experimentalfilmemacher zum Gespräch, bzw. Monolog, eingeladen - und wie stets entpuppt er sich als so streitbar wie anregend. Über das von ihm entscheidend mit auf den Weg gebrachte, als Verein geführte Österreichische Filmmuseum sagt er etwa: "Wenn man unabhängig ist, hat man es zwar mit dem Geld schwerer, kann aber doch mehr oder weniger machen, was man will. Deshalb hatten wir auch die Freiheit, bestimmte Filmemacher nicht spielen zu müssen - etwa Godard. Ich halte Godards herausragende Stellung in der Filmgeschichte für eine Fehleinschätzung. Sein Werk lebt hauptsächlich im Zusammenhang mit der Literatur, die sich darum gerankt hat. Das ist dann schon fast ein wenig wie ein mixed medium, wie auch im Theater, wo die Bedeutung der Sekundärliteratur für das Gesamtereignis wichtig ist, oder in Galerien, wo die Kataloge immer dicker werden und kaum mehr jemand die Kunstwerke unvoreingenommen anschaut."

Weitere Artikel: Claire Horst schreibt in der Jungle World über das Arabische Filmfestival Berlin.Der gestrige Tatort war "ein Highlight der laufenden Tatort-Saison, uneingeschränkt erstligatauglich", schreibt Matthias Dell im Freitag (hier kann man ihn abends in der Mediathek ansehen). Im Standard schreibt Regisseur Michael Glawogger weiter Reisetagebuch, diesmal aus Conakry, Guinea. Außerdem ist bei der Zeit nun endlich auch das schöne, ausführliche Interview mit Kameramann-Legende Michael Ballhaus online, auf das wir bereits am 13.03. verwiesen haben. In der Presse analysiert Christoph Huber die "sensationelle" Plakatkampagne zu Lars von Triers "Nymphomaniac". Im Standard resümieren Dominik Kamalzadeh und Isabella Reicher die Grazer Diagonale.

Besprochen werden Noël Dernesch und Moritz Springers Dokumentarfilm "Journey to Jah" über eine Reise der Reggae-Sänger Gentleman und Alborosie nach Jamaika (Tagesspiegel) und Matthew Barneys Filmoper "River of Fundament" (Welt).
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