Efeu - Die Kulturrundschau

Ein Kummer und ein Gelächter

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21.03.2014. In Ägypten drohen dem Schriftsteller Karam Saber wegen eines Erzählbandes fünf Jahre Gefängnis, berichtet die NZZ. In der FAZ setzt Thomas Mann seine ganze Hoffnung in die Sowjetunion. Der Standard lernt von der Filmemacherin Ruth Beckermann: "Das Zufällige ist das Grundsätzliche." Die taz bewundert die Synapsenverknüpfungen des Künstlers Geoffrey Farmer. Die Jungle World resümiert das  ungarische Theaterfestival "Leaving is not an Option?".

Film

Bert Rebhandl zeigt sich im Standard ganz hingerissen von Ruth Beckermanns neuem Film "Those Who Go Those Who Stay". Eine konkrete Handlung gibt es nicht, es ist eher ein "Beobachten an einem zufällig erreichten Punkt. Aus solchen Eindrücken setzt sich auch ihr Film zusammen, den man als eine lose Assoziationskette rund um die Themen Flucht, Exil, Migration sehen könnte. Dahinter lässt sich noch ein weiterer Aspekt erkennen: die Zufälligkeit. Georg Stephan Troller wollte immer einmal etwas machen über zufällig gewählte Protagonisten in einer Shopping-Mall. Man setzt sich hin, zählt bis zehn, die zehnte Person wird Gegenstand einer Reportage, einer Erzählung. Er hat sich nie getraut. Beckermann löst das nun bis zu einem gewissen Grad ein."

Weiteres: Marc Röhling und Jan Schulz-Ojala führen im Tagesspiegel durch die arabischen und israelischen Filmfestivals, die gerade in Berlin stattfinden. Im Standard stellen Dominik Kamalzadeh und Isabella Reicher neue Filme von Benjamin Heisenberg, Ludwig Wüst und Ivette Löcker bei der Grazer Diagonale vor.

Besprochen werden Philip Grönings "Die Frau des Polizisten" (Zeit - siehe auch unsere gestrige Rundschau), Felix Herngrens Film "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" (FR), Christian Heynens Dokumentarfilm "Wer ist Thomas Müller?" (Welt), die Wiederaufführung von Volker Schlöndorffs "Baal" (Tagesspiegel) und Milo Raus Dokumentarprojekt "Die Moskauer Prozesse" (SZ).

Außerdem ist Freitag:


Archiv: Film

Literatur

In Ägypten drohen dem Schriftsteller Karam Saber fünf Jahre Gefängnis, weil er mit seinem neuen Erzählband "die geistigen Werte der ägyptischen Gesellschaft zerstört und das gesellschaftliche Gewebe zerfetzt" haben soll, berichtet in der NZZ Ibrahim Farghali. Die Vereinigung für Gedanken- und Ausdrucksfreiheit und das Arabische Netzwerk für Information über Menschenrechte haben gegen das Urteil jetzt in einem scharfen Brief protestiert: "Die gerichtliche Verfolgung von Kulturschaffenden und ihre Verurteilung lediglich aufgrund der Ausübung ihrer künstlerischen Freiheit, so heißt es darin, 'ist eine Schande für jene, die heuchlerisch vorgeben, den zivilgesellschaftlichen Staat zu schützen'. Obendrein wiesen die Organisationen darauf hin, dass das gegen Karam Saber ergangene Urteil gegen Artikel 67 der geltenden Verfassung verstoße. Dieser untersagt es, Freiheitsstrafen für die Verbreitung missliebiger künstlerischer, literarischer oder gedanklicher Erzeugnisse auszusprechen, solange diese nicht zu Gewalt oder Diskriminierung aufstacheln oder Personen verächtlich machen."

Sehr interessant unterhält sich Dirk Schümer in der FAZ mit dem Soziologen Paul Scheffer, der für sein neuestes Buch in den Archiven seiner Familie wühlte und die sträfliche Neutralität der Niederlande gegenüber Hilter anprangert, die sein Großvater, der bekannte Publizist Herman Wolf, in Briefen an Thomas Mann und Stefan Zweig thematisierte. Ein Brief Thomas Mann an Wolf wird abgedruckt, in dem der Autor um 1936 offen seine Vorliebe zur Sowjetunion bekennt und all seine Hoffnung in die Volksfront setzt: "Die schlotternde Angst aber der Spieß- und Kapitalsbürger vor dem 'Marxismus' ist mir ein Kummer und ein Gelächter." (Heute wird einem ganz anders bei dem Gedanken, welche Infamien - von Hungermord in der Ukraine bis zum großen Terror - man verdrängen musste, um sich gegen Hitler zu wappnen).

Scheffer spricht auch über einen Brief Stefan Zweigs aus dem Jahr 1935: "Er weiß 1935 bereits sicher, was Wolf da vielleicht noch verdrängt: dass die Juden nun ihrem Schicksal überlassen sind. Zweig beurteilt in seinem Brief die Uneinigkeit der jüdischen Gemeinschaft als 'historische Schuld': Selbst Auge in Auge mit der tödlichen Gefahr könne man sich nicht zusammenschließen. Diese Briefe sind hellsichtig und tun aus heutiger Sicht regelrecht weh."

Weiteres: Nach der Lewitscharoff-Debatte hat Enno Stahl (Jungle World) die Bücher der Autorin nochmal genau durchgesehen und nach Spuren darauf abgeprüft, ob man die Texte vielleicht doch nicht so ohne weiteres von Lewitscharoffs Dresdner Auftritt trennen kann. Christoph Driessen berichtet in der Welt von einem Auftritt Sibylle Lewitscharoffs in Köln. Ebenfalls in der Welt gibt Schriftsteller Peter Wawerzinek Auskunft über sein früheres Leben als Trinker. In der NZZ warnt Joachim Güntner vor Amazons Verlagsprogramm, auch wenn der Online-Händler kaum literarisch Hochkarätiges zu bieten habe. In der FAZ hofft Dieter Bartetzko auf eine Rehabilitierung von Anne Golons Heldin "Angélique", der die weit über 90jährige Autorin gerade eine neue Episode widmet.
Archiv: Literatur

Kunst



Petra Schellen besucht für die taz Geoffrey Farmers "Let's Make the Water Turn Black", die erste Ausstellung im Hamburger Kunstverein unter der neuen Chefin Bettina Steinbrügge. Mit einigem Interesse folgt sie Farmers vielschichtig codierten, referenzlastigen Werken: "Jede Objektbeziehung eine Synapsenverknüpfung, jede Geschichte ein Vorschlag unter vielen im White Cube. Unter diese phänomenologisch-spielerische Ebene hat Farmer allerdings eine zweite gelegt, und die ist höchst politisch: die von Algorithmus und Zufall, und mit diesem Thema schreibt Farmer ganz konkret Zappas zufallsbasierte Kompositionstechnik fort."

Außerdem: Für die Zeit hat Christoph Amend Ai Weiwei in China besucht. Anna Pataczek (Tagesspiegel) geht mit Matthias Koeppel spazieren. Im Radebeuler Karl-May-Museum sorgt ein ausgestellter Skalp für Ärger mit den Ojibwa-Indianern, berichtet Bernhard Honnigfort in der FR. Der Welfenschatz ist keine Raubkunst, meldet die Welt.

Besprochen werden die Berliner Ausstellung "Forensis" (taz), die Ausstellung "L'Immagine Della Citta' Europea" in Venedig (Tagesspiegel), die Ausstellung "Forensis. The Architecture of Public Truth" im Berliner Haus der Kulturen der Welt (SZ), eine Ausstellung der Fotoarbeiten von Florence Henri in der Pinakothek der Moderne (SZ, Bayerischer Rundfunk), die Ausstellung "Kunst und Realität" über sowjetische Propagandakunst im Kunsthaus Graz (Presse) und eine Schau im Deutschen Buch- und Schriftmuseum Leipzig, die an die vor hundert Jahren am Kriegsausbruch gescheiterte Weltausstellung des Druckgewerbes erinnert (FAZ).
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Archiv: Kunst

Musik

Mit einigem Schmelz schmiegt sich Julian Weber in der taz an das neue Album des Leipziger House-Musikers Kassem Mosse an. Dessen Werk "bleibt genau und klingt ruppig. Seine Synthie-Hooklines sind tiefenentspannt, stellen auf raffinierte Weise Hypnose her. In diesem Sound liegt mehr Drama und mehr Weltgeist, als es die Stammtischklischees von Teutonen-Sound zulassen wollen. Aus winzigen Melodiepartikeln und seltsamen Klangsplittern, wie dem Knarren eines Fensters, lässt er elektronische Emotionen entstehen und schiebt sie mit einer markant schnippenden Hi-Hat und einer pumpenden Bassdrum an." Eine Kostprobe finden wir auf Youtube:



Man muss nur wissen, wie man mit dem Streaming-Service Spotify Geld verdienen kann! Von der cleveren Idee der Band Vulfpeck berichtet der Guardian: "Their new album Sleepify consists of 10 songs of absolute silence, each clocking in at either 31 or 32 seconds long (tracks need to be listened to for 30 seconds to register as having been played). All they ask is that their fans stream it overnight on repeat while they sleep, in order to produce enough royalties for the band to go on tour."

Außerdem: Arne Willander bringt in der Welt Hintergründe zum neu aufgetauchten Album aus den Archivbeständen von Johnny Cash. "Wer glaubte, Cash sei in den 1980er Jahren kreativ wirklich in einer Sackgasse gelandet, wird eines Besseren belehrt", freut sich dazu Martin Schäfer in der NZZ. Im Tagesspiegel berichtet Corina Kolbe, dass das Teatro Communale in Ferrara nach dem verstorbenen Dirigent Claudio Abbado benannt wird. Christian Wildhagen war für die FAZ dabei, als Gideon Kremer an der Kronberg Academy einen Meisterkurs über die Musik Mieczysław Weinbergs hielt.

Besprochen werden das neue Album der Londoner Punkblueser Gallon Drunk "The Soul Of The Hour" (Standard), ein von Daniel Barenboim in Berlin dirigiertes Elliott-Carter-Konzert (Tagesspiegel) und neue Aufnahmen von Jonas Kaufmann (Welt).
Archiv: Musik

Bühne



Für die Jungle World resümiert Jan Tölva das Berliner Theaterfestival "Leaving is not an Option?", bei dem sich ungarische Künstler mit der Situation in ihrer Heimat unter Victor Orban befassen. Mit dem fragenden Veranstaltungstitel hat er durchaus seine Probleme: "Es kann nicht nur um die Frage gehen, ob Gehen eine Möglichkeit ist. Gehen gehört in unserer sich globalisierenden Welt ohnehin zum Alltag. Es muss auch die Frage gestellt werden, ob denn überhaupt die Möglichkeit besteht, zu bleiben. Für diejenigen, die nach Lesart von Fidesz und Jobbik nicht zum Kern des Magyarentums gehören, weil sie Roma, Juden oder 'Kosmopoliten' sind, ist das wahrscheinlich sogar die wichtigere Frage."

In der SZ porträtiert Dorion Weickmann den Choreografen Alexei Ratmansky, der erstmals in Deutschland arbeitet.

Besprochen werden das autobiografische Tanzstück "Desh" des britische Choreografen Akram Khan beim Bregenzer Frühling (Standard) eine Aufführung von Ernest Chaussons selten gegebener Oer "Le Roi Arthus" in Strassburg (NZZ), Guillermo Calderóns Stück "Kuss" am Schauspiel Düsseldorf (SZ) und "Die Frau ohne Schatten" am Royal Opera House in London (SZ).
Archiv: Bühne

Design

Im Pariser Museum Les Arts Décoratifs kann man derzeit eine Ausstellung zur Arbeit des belgischen Modedesigners Dries Van Noten sehen, kündigt in der NZZ Marc Zitzmann an. Er ist ein bisschen enttäuscht, weil Ausstellung und Katalog wenig echte Informationen bieten (außer den Kleidern, versteht sich) und eine wesentliche Seite von van Noten fast ignoriert wird: "So liebt er es, seinen Grundstock, der mit traditioneller, mehr sportlich-legerer und gern auch leicht exzentrischer Eleganz aufwartet, durch profanere - wenngleich stets sublimierte - Zutaten aufzufrischen. In den letzten Jahren hat dieses Penchant prononciertere, wagemutigere, experimentellere Züge angenommen. 2007 begann Van Noten, Stoffe wie Azetat, Nylon und Polyester sowie Übergrößen, Neonfarben und grafische Motive zu veredeln, die aus der Hip-Hop- und der Raver-Szene stammen. Leider blendet die Schau diesen Entwicklungsstrang fast völlig aus. "
Archiv: Design