Efeu - Die Kulturrundschau

Die linksliberalen Spießer schocken

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19.03.2014. SZ und Standard beklagen die Qualität zeitgenössischer Choreografie. Die Welt meint über antisemitischen Rap: alles Kunst. In den Niederlanden sieht man das etwas anders: Dort regt man sich über die simulierte Hinrichtung Geert Wilders' in einem Video des Rappers Hozny auf, berichtet die Presse. In Cicero fragt Helmuth Lethen, warum immer nur Opfer und so selten kämpfende Personen fotografiert werden. Der Standard empfiehlt einen Film der Riahi Brothers über neue gewaltlose politische Widerstandsformen.

Musik

Irritierend viel Verständnis bringt in der Welt Fréderic Schwilden für antisemitische, schwulen- und frauenfeindliche Sprüche im migrantisch geprägten Rap auf: Alles nur Ästhetik, Kunst und Spiel der Signifikanten und von realer, zu verurteilender Gewalt gegen Juden auf der Straße unbedingt zu unterscheiden. Er beobachtet "die gleichen Mechanismen wie bei den Punks, die sich 'Fuck off', 'Anarchy' und 'ACAB' auf die Jacken schrieben, sich die Haare bunt färbten und die Nase piercten, die sich Hakenkreuze auf die Stirn malten. Das Spielen mit antisemitischen und islamistischen Positionen ist ein Spiel, um die linksliberalen Spießer zu schocken."

In den Niederlanden sieht man das etwas anders. Dort hat sich sogar Regierungschef Mark Rutte über den niederländisch-libanesischen Rapper Hozny aufgeregt, der die Exekution des Politikers Geert Wilders in einem Video simuliert, meldet die Presse: "In dem Video mit dem Titel 'Geertje' wird Wilders von einem Mann mit platinblonder Perücke gespielt - der weißblonde Schopf ist Wilders Markenzeichen. Er wird von zwei Maskierten entführt und mit Schusswaffen bedroht. Im Song erzählt Hozny Wilders' politische Laufbahn und referiert dessen islamfeindliche Provokationen. Am Ende wird das Bild schwarz, dann ertönt ein Schuss. Der Rapper singt, er tue 'es' nicht für sich, sondern für 'die Mädchen mit Kopftüchern' und 'die jungen Männer auf der Suche nach Jobs und Brot'."

Außerdem: Volker Schmidt spricht in der Zeit mit Carter Cash, dem Sohn von Johnny Cash, der gerade bislang unveröffentlichte Aufnahmen seines Vaters veröffentlicht hat. Im Tagesspiegel porträtiert Nadine Lange den transidenten Rapper Black Cracker.

Besprochen werden das Album "The Take Off and Landing of Everything" der britischen Band Elbow ("Meisterwerksverdacht", meint Karl Fluch im Standard, hier kann man sie hören), ein Konzert von The Monochrome Set in Berlin (Welt), das neue Album von Metronomy (taz), ein Schumann-Konzert von Renaud Capucon in Berlin (Tagesspiegel) sowie CDs mit Werken von Hindemith, aufgenommen von den Bratschisten Tabea Zimmermann und Antoine Tamestit (SZ).
Archiv: Musik

Bühne



SZ-Rezensent Dorion Weickmann hat sich gründlich gelangweilt bei der "Tanzplattform Deutschland" in Hamburg und fordert: "Wenn die Gegenwartschoreografie aus der Ego-Endlosschleife herausfinden soll, muss der Nachwuchs frühzeitig mit mehr als einer Handvoll (schlecht bezahlter) Darsteller arbeiten können. Wer öffentliche Gelder verteilt, muss das Gießkannenprinzip ad acta legen, auch wenn damit die eine oder andere gehätschelte Karriere endet." (Bild: Raimund Hoghe, Cantatas. Foto Rosa Frank)

Aber auch beim Imagetanz-Festival in Wien ging es nicht gerade aufregend zu, muss Helmut Ploebst im Standard zugeben, während er dem Grundeinkommenstanz (mehr) von Sabina Holzer, Mariella Greil und Nikolaus Gansterer auf der Favoritenstraße zuschaut: "Etwas mehr Zugkraft" hätte diesem "echt gutgetan. Die kleine Gruppe von Akteuren, die frohgemut und mit glitzernden Rescue-Decken bewaffnet durch die Einkaufsstraße raschelte, und ihr Publikum erregten sehr wohl Aufmerksamkeit. Da wäre ein bisschen mehr Mut der Künstler zu einer offensiveren Agitation dem einen oder anderen Gemüt sicherlich nahegegangen."

Besprochen werden das in Braunschweig gastierende Doku-Theater der Werkgruppe 2 über die Geschichten osteuropäischer Pflegekräfte (taz), Ersan Mondtags Kafka-Inszenierung "Das Schloss" in Frankfurt (nachtkritik.de) und ein von Nikolaus Harnoncourt dirigierter "Don Giovanni" im Theater an der Wien (Presse).
Archiv: Bühne

Literatur

Arno Widmann (FR) gratuliert dem Wagenbach Verlag zum fünfzigjährigen Jubiläum. Besprochen werden Fritz J. Raddatz' Tagebücher aus den Jahren 2002 bis 2012 (Zeit), Werner Hechts Studie über Bertolt Brecht und die DDR (Berliner Zeitung) und Hans-Ulrich Treichels Roman "Frühe Störung" (Welt).

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Film

Im Standard empfiehlt Isabella Reicher den Dokumentarfilm "Everyday Rebellion" der österreichisch-iranischen Riahi Brothers über neue gewaltlose politische Widerstandsformen in New York, Madrid, der Ukraine oder Syrien: "Was diese Erfahrungen trennt, das sind die unterschiedlichen geopolitischen Kontexte, die zugunsten des Interesses am gemeinsamen Ansatz zum Teil allzu sehr in den Hintergrund treten. Oder die überhaupt verhindern, dass Protagonisten sich offen vor der Kamera äußern können. So spiegeln sich in der Repräsentation noch einmal Machtverhältnisse wider, wenn einerseits westliche Aktivisten ihre Strategien quasiprofessionell in seminarartigen Situationen 'vertreiben', während andererseits eine Iranerin in Teheran nur als anonyme Passantin von ihrer prekären Situation seit Niederschlagung der Grünen Bewegung 2009/2010 sprechen kann."

In der Berliner Zeitung deutet Philipp Bühler Mark Wahlbergs neuen Film "Lone Survivor" vor dem Hintergrund der Filmgeschichte des Kriegsfilms als symptomatisch: Dieser Film "will es hartgesottenen Militär-Junkies genauso recht machen wie nachdenklichen Patrioten. Der Film weiß nicht, ob nun rein oder raus aus Afghanistan. Es ist, mit anderen Worten, der denkbar ehrlichste Kriegsfilm der Ära Obama."

Außerdem: Claudia Lennsen empfiehlt in der taz eine Berliner Reihe mit den Filmen von Peter Liechti (siehe dazu auch Ekkehard Knörer hier in Cargo).

Besprochen werden Milo Raus verfilmtes Doku-Theaterstück "Die Moskauer Prozesse" (Zeit) sowie in einer Doppelbesprechung Dietrich Brüggemanns "Kreuzweg" und Philip Grönings "Die Frau des Polizisten" (Tagesspiegel).
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Kunst

Philipp Rhensius unterhält sich auf cicero.de mit dem Kulturwissenschaftler Helmut Lethen, der für sein Buch "Der Schatten des Fotografen" in Leipzig den Sachbuchpreis erhalten hat. Lethen kritisiert unter anderem die Tendenz der Reportagefotografie und ihrer Repräsentanten zur Marien-Ikone: "Die Ohnmacht löst eine Reaktion aus, aber der Ohnmächtige bleibt immer der Befürworter der Fürsorge einer staatlichen Instanz oder einer NGO. Die kämpferische Person wird nur selten abgebildet. In den World Press Photos wird man sie wohl nie finden. Denn dort gibt es nur den Opferdiskurs."

Von angenehmen Irritationen beim Besuch einer Installation von Eric Hattan im Frac in Marseille berichtet NZZ-Autor Samuel Herzog. So sorgt die clevere Anordnung der Dinge im Raum immer wieder für neue Verblüffungen: Es ist "nichts mehr geheuer in dem Raum - und wir beginnen, allem zu misstrauen, alles einer Evaluation zu unterziehen. ... Was hier Kunst ist und was nicht, spielt wohl keine primäre Rolle - diese Kunst muss nicht als Kunst erkannt werden. Gut möglich, dass es trotzdem Besucher gibt, die sich einfach veräppelt fühlen - zu Unrecht allerdings."



Agnes Essl hat sich als Kunstsammlerin von ihrem Mann emanzipiert und eine Sammlung aufgebaut, die der ihres Mannes ganz bewusst "etwas entgegensetzen" will, berichtet Almuth Spiegler in der Presse: "Völlig gleichberechtigt stehen sich jetzt im Essl Museum zwei völlig verschiedene Ausstellungen gegenüber. Dort die elegant kombinierte, kunsthistorisch ambitionierte, die neue Verbindungen aufzeigen möchte, was zumindest im ersten Raum überraschend gelingt, wo die Landschaften von Max Weiler auf die von Hundertwasser treffen. Hier die aufs Persönliche und aufs Geschlecht pochende Auswahl Agnes Essls. Dort ausschließlich die 'Big Names', hier Künstlerinnen, die teils noch nie im Essl Museum zu sehen waren, einige vergessene ältere, einige ganz junge - hier kann man hinter jeder Ecke Entdeckungen machen." (Bilder: links Maria Lassnig, Atlas, 1985. Rechts: Günter Brus: Visionible Ausstattung eines Zukunftssalons, 1989)

Außerdem: Der Architekt Gustav Peichl erklärt im Interview mit dem Standard, warum er sich freut, dass ein neuer Preis für Architekturzeichnung nach ihm benannt wurde: "Eine Zeichnung gibt Anregung, wie der Entwurf weitergehen soll. Das kann ein Computerbild gar nicht, wo immer die gleichen Wolken drauf sind, fesche Frauen mit Kinderwägen, lauter schicke Sachen, die mit dem Entwurf nichts zu tun haben." Georg Adolf Demmler, ehemaliger Hofbaumeister in Schwerin, würde sich im Grabe umdrehen, sähe er, was heutige Stadtplaner und Architekten in Schwerin veranstalten, meint Alan Posener in der Welt. Eine Meldung informiert uns, dass Markus Brüderlin, der Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg, überraschend verstorben ist. Die Zeit führt ein Videointerview mit Ai Weiwei. In wenigen Tagen wird der Architekt Peter Ebner im bayerischen Friedberg das erste Haus vorstellen, das komplett aus einem 3D-Drucker kommt, verkündet in der SZ stolz Gerhard Matzig.

Besprochen werden eine Ausstellung im Dresdner Hygiene-Museum über Migration (Tagesspiegel), eine Ausstellung der manieristischen Maler Pontormo und Rosso im Palazzo Pitti in Florenz (FAZ) und Ausstellungen von Odilon Redon und James Ensor in der Fondation Beyeler in Riehen und im Kunstmuseum Basel (SZ).
Archiv: Kunst