Efeu - Die Kulturrundschau

Verkettete Suspense-Kadenzen

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28.02.2014. Aktualisiert: Elfriede Jelinek spricht im Interview mit Ingo Niermann über Computer, Ebooks und das Veröffentlichen im Netz. Die Zeit wundert sich immer noch über die brutale Grobheit, mit der Sabine von Schorlemer Serge Dorny von seinem Intendantenposten an der Semperoper feuerte. Die Jungle World macht den Literaturbetrieb verantwortlich für alle Ödnis in der Welt. Im Guardian erinnert sich Vivien Goldman daran, wie es war, im London der Siebziger gleichzeitig Punk und Jude zu sein. Die NZZ erklärt, warum der polnische CIA-Agent Ryszard Kuklinski heute noch umstritten ist. Das MoMA präsentiert stolz seine neueste Erwerbung: Guillaume Apollinaires Kalligramm "Revolver".

Bühne

Bei der Dresdner Pressekonferenz zur Sache Dorny und die Semperoper habe man sich redlich bemüht, den noch vor Antritt geschassten Intendanten so darzustellen, als habe er, "bei laufender Vorstellung, von der Bühne aus in den Orchestergraben gepinkelt", berichtet Martin Machowecz in der Zeit. Den wahren Grund für die Vertragskündigung sieht er im Kompetenzgerangel mit Dirigent Christian Thielemann, der bislang an weitreichende Entscheidungsbefugnisse gewohnt ist. Serge Dorny aber wollte "die Staatskapelle erden. Er hielt es für seinen Auftrag, dafür zu sorgen, dass diese sich stärker als Teil der Oper begreift. ... Wann wird eine Oper unregierbar? Den Manager von internationalem Ruf, der jetzt noch an die Semperoper will, muss [Kunstministerin] Sabine von Schorlemer erst einmal finden."

Außerdem: Friedrich Liechtenstein, Star der Stunde: Für die Zeit porträtiert Frédéric Schwilden den dank eines Werbespots zu everybody"s darling aufgestiegenen Bühnenschauspieler und Lebenskünstler. Da erinnern wir gerne daran, dass Liechtenstein schon vor einem Jahr einen hervorragenden Musikclip-Auftritt hatte - und dass der aktuelle Werbespot von diesem Video inspiriert wurde:



Besprochen werden das in Berlin aufgeführte Stück "Schwarz gemacht" über einen afro-deutschen Schauspieler in den 30ern ("spröde Didaktik", meint Christian Rakow in der Berliner Zeitung) und eine "Celestina"-Aufführung in Mailand (NZZ).
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Musik

Im Guardian erinnert sich Vivien Goldman daran, wie es war, in den Siebzigern gleichzeitig Punk und Jude zu sein. "Being of refugee German Jewish descent, I saw concentration camp numbers on the arms of my parents' friends. Swastikas made me feel sick, even though I told myself they were an ancient Aryan symbol and that punks just wore them to piss off their parents. It was hardly worth debating, anyway, as the pat response was always that they were simply cool and anti-establishment; genuine believers in the swastika rarely gave their true identities away. The swastika also caused an argument between two Jewish manager/theorists of punk, the Pistols' Malcolm McLaren, and his friend, the Clash's svengali, Bernie Rhodes. Fast-talking McLaren embraced being what my late mother called 'a disgrace to the race'."

In der NZZ denkt Ueli Bernays in einem Essay darüber nach, wie der fließende, endlos weiterklingende Track inzwischen alle Bereiche unseres Lebens durchdrungen hat: Serien, Videospiele, Genreliteratur - alles weist heute "trackartige Strukturen" auf: "Der sogenannte Sinn vollendeter und zeitloser Werke wird immer häufiger durch die Stimulation verketteter Suspense-Kadenzen verdrängt. Außerhalb solcher Track-Formen werden Zeitgenossen rasch nervös. Die Unruhe beeinflusst auch das Verhältnis zur realen Welt. Nun mag man sagen, die Offenheit der Tracks entspreche einfach der Offenheit des Lebens. Doch macht es eher den Eindruck, als werde die heutige Informationsflut durch Tracks quasi ästhetisch konfiguriert."

Für die Berliner Zeitung porträtiert Jan Brachmann den dänischen Komponisten Bent Sörensen, den man derzeit beim Nordlichter-Festival in Berlin erleben kann: "Seiner Musik, die avancierte Verfahren ebenso kennt wie sie sich tonaler Erinnerungen nicht schämt, merkt man an, dass sie von den ganzen Verheerungen Mitteleuropas, den unfruchtbaren Ideologisierungen der 'Tradition' und der 'Avantgarde' frei ist." Eine Kostprobe auf Youtube:



Außerdem: Michael Loesl unterhält sich in der Welt mit Neneh Cherry, deren neues Album Christian Werthschulte ausführlich für die taz bespricht. Im Tagesspiegel gratuliert Gunda Bartels dem Berliner Kitkat Club zum 20-jährigen Bestehen. Eric Pfeil schreibt Poptagebuch beim Rolling Stone. In der SZ wünscht sich Joachim Hentschel etwas mehr "Haltung" von Pharrell Williams, den er getroffen hat.

Besprochen werden außerdem das neue Album von Pharrell Williams (ein "neuer Karrieregipfel", meint Markus Schneider in der Berliner Zeitung), das Album "Flash" von Dena (taz), das neue Album von Beck (Welt, Zeit, FAZ), das Berliner Konzert von Sido (Tagesspiegel) und neue Aufnahmen von Carl Philipp Emanuel Bach (FAZ).
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Literatur

Auf der Webseite fiction.cc erklärt Elfriede Jelinek im Interview mit Ingo Niermann, wie sie Computer und Ebooks nutzt. Und warum sie ihre Prosatexte auf ihrer Homepage veröffentlicht. Auf die Frage Ingo Niermanns: "Du hast gesagt, dass 'Neid' im Netz für dich nicht richtig, sondern nur 'virtuell' veröffentlicht sei. Denkst du das noch immer? Hat sich das durch die Reader- und Tablet-Entwicklung nicht geändert?" antwortet Jelinek: "Virtuell im Sinne der Computerdarstellung eines realen Objekts, also eines Buches aus Papier. Entscheidend ist für mich aber etwas anderes: Wenn ich im Netz veröffentliche, dann gehört der Text mir, und er bleibt mir auch. Es hat etwas sehr Privates für mich, dieser Dialog zwischen einem Gerät und mir selbst. Gleichzeitig hat jeder darauf Zugriff, der will. Diese Mischung aus Privatem und Öffentlichem hat mich von Anfang an fasziniert. Ich will ja meine Sachen im Grunde nicht ausliefern, und so habe ich das Gefühl, ich kann den Kuchen essen und ihn gleichzeitig behalten."

In der Jungle World antwortet Jörg Sundermeier auf Maxim Biller und Enno Stahl in der Debatte um die deutsche Gegenwartsliteratur. Dass diese wild, migrantisch und gefährlich werden müsse, um lesenswert zu werden, hält er nicht für einsichtig. Auch in der Provinz stoße die Literatur ihr Material: "Literatur wird nämlich nicht von der Herkunft her geschrieben. ... Allerdings sind diejenigen, die die Preise ausloben, Buchhandlungen bestücken und Produkt­empfehlungen in Zeitschriften veröffentlichen, oft tatsächlich jene, die es nicht gern sehen, wenn ihre heile Welt aufgestört wird, wenn die Moralvorstellungen, denen sie sich unterworfen haben, hinterfragt werden, und Klassengegensätze plötzlich sichtbar sind. Wer die gesellschaftlichen Verhältnisse unverkitscht darstellen will, sollte sich einen Job jenseits des Literaturbetriebs suchen."

Außerdem ist Ijoma Mangolds Debattenbeitrag aus der Zeit nun online.

Besprochen wird unter anderem Christa Bernuths Krimi "Das Falsche in mir" (Welt).
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Film

In der NZZ erzählt Marta Kijowska von dem polnischen CIA-Agenten, Oberst Ryszard Kuklinski, der die Nato von 1972 bis zu seiner Flucht 1981 über die Nuklearpläne Russlands informierte. Ob Kuklinski, dessen Leben gerade von Wladyslaw Pasikowski unter dem Titel "Jack Strong" verfilmt wurde, nun ein Held oder Verräter war, ist immer noch umstritten: "Diese Spaltung der polnischen Öffentlichkeit hat es von Anfang an gegeben. Selbst aus oppositionellen Kreisen ließen sich skeptische Stimmen vernehmen. 'Das Gefängnis hat mich die Verachtung für Spione gelehrt', so der Kommentar des Vorzeige-Dissidenten Adam Michnik. Und auch Lech Walesa, dem Kuklinski bei der Präsidentschaftswahl von 1990 seine Stimme geben wollte (wozu es nicht kam, weil er nicht wählen durfte), verkündete kurz nach seinem Amtsantritt, Kuklinski habe die polnische Armee verraten." Heute ist Kuklinski nur für die Rechte ein Held.

Sven von Reden schreibt in der taz zu den Oscars, die an diesem Wochenende verliehen werden. Für einigermaßen undurchsichtig hält er das komplexe Abstimmsystem, mit dem die über 6.000 Academymitglieder die Nominiertenlisten erstellen: "Das Tolle ist: Am Ende steht auch dieses Jahr wieder eine Liste von Filmen, die so auch jeder halbwegs regelmäßige Kinogänger hätte zusammenstellen können." Verene Lueken merkt in der FAZ an, dass praktisch keiner der Oscar-Kandidaten ein Wirklicher Hollywood-Film ist - Ausnahme: "Gravity".

Und Anke Leweke empfiehlt eine Kathryn Bigelow gewidmete Retrospektive im Berliner Kino Arsenal: "Ikonisierung, Stilisierung, Überhöhung - mit durchaus affirmativen Mitteln betritt Bigelow mit ihren (...) Filmen die männliche Domäne des Genre-Kinos, um dessen Codes, Regeln und Gesetze ins Extreme zu führen, sie aber auch in ihrer Konvention vorzuführen."

Außerdem: Mario Meier-Rietdorf spricht für die Welt mit dem Zeichner Axel Scheffler, der die Kinderbuch-Vorlage des oscarnominierten Animationsfilms "Für Hund und Katz ist auch noch Platz" geschrieben hat. Und Matthew McConaughey spricht im Interview über seine oscarnominierte Rolle als Aids-Kranker in "Dallas Buyers Club".

Besprochen werden Abbas Kiarostamis "Like Someone in Love", der Sandalen-Actionfilm "Pompeii 3D" (beide im Perlentaucher) und "Philomena" mit Judi Dench (Zeit).

Und: Alfred Hitchcock 1963 am Strand von Cannes - eine kurze Bildstrecke.
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Kunst

Im Blog des MoMA stellt Samantha Friedman "einen der aufregendsten jungsten Ankäufe des Museums vor: Guillaume Apollinaires Kaligramm "Revolver": Revolver - the first unique work by Apollinaire to enter the Museum's collection - is a study for the calligramme 'Éventail des saveurs'. Though the poem's title is generally translated as 'A Range of Flavors,' the word éventail also means 'fan' in French, and Apollinaire evokes one with the triple arc at the composition's center right. (It's the form that I can't help but think of as the wireless icon that lets you know you're connected to a network.) Executed in 1917-18, this drawing is the second of six known preparatory studies for this particular calligramme - there are three drawings and three proofs - and by the time the poem is printed, the fan has morphed into an ear."

In der Welt schreibt Hans-Joachim Müller zum Tod des Ausstellungsmacher Jan Hoet. In der FAZ erzählt Dieter Bartetzko, wie der Bischof von Córdoba vergessen machen möchte, dass seine Kathedrale einst eine Moschee war, und damit gewissermaßen im Trend liegt. Martin Warnke ermuntert in der SZ zur Lektüre der Kunstkritiken Willibald Sauerländers.
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