Efeu - Die Kulturrundschau

Knacken und Zischen

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18.02.2014. Helen Mirren würde gerne weniger Frauenleichen in Krimis sehen. In der Berliner Zeitung erklärt der Historiker Gerhard Paul, warum Fotografie und Film den Krieg nie einfangen können. Die Welt schwelgt in Francesco Cileas zuckersüßer Oper "Adriana Lecouvreur" und wünscht sich ein Handke-Biopic. Die Berliner Zeitung schwärmt von Dirigent Teodor Currentzis aus Perm am Ural, der den Händel krachen ließ. Der Standard macht Sparvorschläge fürs Burgtheater. Und in der SZ erzählt "Nymphomaniac"-Darstellerin Stacy Martin, was eine Vagina-Prothese ist.

Kunst

Anlässlich der Tagung "Krieg erzählen" im Haus der Kulturen der Welt unterhält sich Susanne Lenz in der Berliner Zeitung mit dem Historiker Gerhard Paul über Kriegsfotografie. Paul vertritt die These, dass man dem Wesen des Kriegs weder mit Film noch mit Fotografie ästhetisch beikommen könne. "Der moderne Krieg ist raumgreifend. ... Jeder Krieg hat seine eigene ästhetische Kennung und seine eigenen Bilder. Anfangs setzte die Technik Grenzen. Man konnte keine Bewegung erfassen. Die Bilder zeigen deshalb aufgeräumte Schlachtfelder, Gruppenfotos von Offizieren, Bilder aus der Etappe. Opfer sieht man da keine. Eine Ausnahme ist der amerikanische Bürgerkrieg. Doch diese Bilder ließen sich nicht verkaufen."

Beinahe enttäuscht wirkt Hans-Joachim Müller in der Welt bei der Begegnung mit Sylvette David darüber, dass das Verhältnis zwischen dem einst in den 50ern häufig für Picasso sitzenden Modell und dem Künstler geradezu züchtig professionell war. "Wenn man daneben hält, was für Gefühlsabgründe in Picassos Marie-Thérèse-Walter-, Dora-Maar- oder Françoise-Gilot-Porträts klaffen, macht die Sylvette-Serie einen etwas leeren Eindruck. Ohne viel Psychologie verlegte sich der Künstler aufs virtuose Spiel mit Stilen und Materialien. ... Als alles ausprobiert war, klappte Picasso das Musterbuch zu, und die Sitzungen wurden beendet." Den Sylvette-Zyklus gibt es derzeit in Bremen zu sehen. (In der FAZ berichtet Rose-Maria Gropp auf einer ganzen Seite.)

Außerdem: Arno Widmann schreibt in der Berliner Zeitung über Michelangelo, der heute vor 450 Jahren gestorben ist. Für die NZZ hat Joachim Güntner das neue Deutsche Fotomuseum in Markkleeberg bei Leipzig besucht.

Besprochen werden die Göttinger Ausstellung "Juristinnen in der DDR" (taz), die Ausstellung "Schuhe von Toten - Dresden und die Shoa" im Militärhistorische Museum der Bundeswehr in Dresden (Tsp.), eine Alberto-Giacometti-Ausstellung in der Galleria Borghese in Rom (Standard), eine Ausstellung des Malers Siegfried Anzinger im Bank-Austria-Kunstforum in Wien (Standard) und eine Ausstellung des Malers Oscar Zügel im Kunstmuseum Solingen (FAZ).
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Bühne

Thomas Trenkler überlegt im Standard, wie das Burgtheater sparen könnte. Er schlägt vor, den dritten Spielort der Burg, das Kasino an der Ringstraße zu schließen und das Gebäude zu verkaufen: Laut Gesetz nämlich "sind die Vorstellungen 'grundsätzlich in den eigenen Häusern' durchzuführen; es können zwar 'zusätzlich Bühnen zu Spielstätten bestimmt werden, wenn dadurch ein Nutzen zu erwarten ist, aber nur 'zeitlich befristet'. Eine dauerhafte dritte Spielstätte war also nicht die Intention des Gesetzgebers."



In Robert Schusters Frankfurter Inszenierung von Frischs "Biedermann und die Brandstifter" liegt es an den Schauspielern, den Abend vor dem Bühnenbild zu retten, meint Judith von Sternburg in der FR: Sie boobachtet "ein Designer-Buhei, das immerhin dazu dient, die Biedermanns nicht versehentlich als Kleinbürger abzutun. Eine Ablenkung aber auch, während man das Gefühl doch nicht los wird, Frisch wolle einfach, dass wir uns eine bestimmte Situation (und zwar keine originelle Wohnsituation) einmal vor Augen führen."

Welt-Rezensent Manuel Brug hörte an der Wiener Staatsoper einen "wunderfeinen Schmachtfetzen", nämlich die selten gespielte, nun mit Angela Gheorghiu aufgeführte Oper "Adriana Lecouvreur" des Puccini-Zeitgenossen Francesco Cilea. Brug schwelgt: "An der Wiener Staatsoper gibt es am Pausenbüfett herrliche Punschkrapferl. Die sind klein, aber gehaltvoll, leuchten in Schweinchenrosa und Pistaziengrün unter feinster Zuckerglasur und sind überhaupt sehr süß. An diesem frugalen, den Verstand weitgehend ausschaltenden Musiktheaterabend die genau passende Zusatznahrung."

In der Presse war Wilhelm Sinkovicz ebenfalls rundum zufrieden. Musikalisch "schattierungsreich", lobt Ljubiša Tošić im Standard , die Inszenierung von David McVicar fand sie jedoch hölzern.

Außerdem: Im Tagesspiegel porträtiert Gunda Bartels den Kabarettisten HG. Butzko, der in diesem Jahr den Deutschen Kleinkunstpreis erhält.
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Musik

Hin und weg ist Peter Uehling in der Berliner Zeitung von einem Konzert des griechischen Dirigenten Teodor Currentzis mit seinem Barockorchester MusicAeterna in der Berliner Philharmonie. Der Dirigent, der mit seinem Orchester nach Perm am Ural gezogen ist, weil man ihm dort die besten Bedingungen bietet, ließ seine Musiker wiegend mitgehen. "Das Publikum wird schon zur Pause, nach Händels 'Dixit Dominus' in Bravo-Rufe ausbrechen. 'Der Herr wird zerschmettern die Könige am Tag seines Zorns' - das kracht nicht nur in der begleitenden, großen Streicherbesetzung, sondern auch im Chor, der trotz relativ breiter Tongebung ungeheuer beweglich singt und das schöne Wort 'conquassabit' knacken und zischen lässt. Im ruhigen Satz vor der abschließenden Fuge breitet sich der Klang dagegen weich aus, bis zur Verschleifung jeglicher Artikulation."

Einen Mangel an Temperament kann man Currentzis' Dirigierstill tatsächlich nicht nachsagen. Hier das "Dies irae" aus Verdis Requiem.



Außerdem: Für die taz porträtiert Sophie Jung den/die queere MusikerIn Jam Rostron, deren/dessen Projekt Planningtorock vor allem das Ziel verfolgt, Gendergrenzen mit fröhlicher Musik einzuebnen.

Besprochen werden William Fitzsimmons' neues Album "Lions" (Zeit) und das neue Album von The Notwist (Spex - bei Libération als Stream in voller Länge).
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Film

In Großbritannien gibt es eine kleine Debatte über allzu viele allzu blutige Krimis im Fernsehen. Helen Mirren, die gerade einen Bafta-Filmpreis bekommen hat (Garderoben hier), sagt laut Guardian: "Ich rege mich fürchterlich auf, wenn Leute in Filmen einfach so erschossen werden. Sie haben doch Familien, Kinder." Und nebenbei macht sie darauf aufmerksam, dass "die meisten Toten junge Frauen sind". Ausgelöst hat die kleine Debatte der Autor David Hare, der die vielen Toten in modernen Krimis laut Martin Bentham im Evening Standard als dramaturgische Schwäche sieht: "Ich selbst möchte die Spannung wieder in ihr Recht setzen. Hitchcock tötete nie jemand. Er sagte, es sei ein Fehler, jemand zu töten, weil dann die Spannung flöten geht, während heutzutage zwölf Leute in der ersten Minute getötet werden." Anne Perkins gibt Hare in der Comment is Free-Sektion des Guardian recht.

Stacy Martin, Hauptdarstellerin in Lars von Triers "Nymphomaniac", erzählt im Interview mit der SZ, wie die Sexszenen gedreht wurden: "Und dann ist da natürlich noch die falsche Vagina. Es dauert bis zu drei Stunden, die anzubringen. Glaub mir, das werde ich nicht noch einmal machen. Erst wurde ein Abdruck gemacht, damit die Abmessungen stimmen. Also sitzt du in einem Hotelzimmer, und es kommt jemand und nimmt einen Abdruck deiner Vagina. Das hört sich nicht nur seltsam an - es fühlt sich auch seltsam an. Und während dieser wirklich nette Prothesen-Spezialist das macht, plaudert er über seine Frau und seine Familie, während du selbst versuchst, an alles Mögliche zu denken, nur nicht an das, was da untenrum gerade passiert."

Ebenfalls in der SZ erzählen Filmstudenten, wie hart der Konkurrenzdruck schon an der Hochschule ist.
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Literatur

In der Welt entdeckt Marc Reichwein bei der Lektüre von Lothar Strucks Essay über Peter Handke die cinephilen Aspekte im Leben des Schriftstellers. Eine Verfilmung von Handkes Leben steht ihm da im Nu vor Augen. Auf der Leinwand sieht er bereits "seinen Auftritt beim Kongress der Gruppe 47, 1966 in Princeton. Seine Hände beim Pilze-Putzen, von Lilian Birnbaum in einem Bildband über sein Zuhause bei Paris schon vor Jahren wie ein perfektes Filmstill festgehalten. Peter Handke und Hubert Burda. Handke am Grab von Slobodan Milošević und last but not least: Handke als Kinogänger."

Außerdem: Der 1983 in Bayern geborene Autor Roman Ehrlich wurde für seinen Debütroman "Das kalte Jahr" mit dem Robert-Walser-Preis der Stadt Biel ausgezeichnet, meldet der Standard. Die Jury lobte besonders "die Dichte der sprachlichen Bilder und den Schwebezustand des Erzählten". In der FAZ ist jetzt der Artikel von Günter Hacks über Science-Fiction-Literatur online.

Besprochen werden unter anderem das "Selbstporträt" von Wolfgang Beltracchi (taz), neue Romane über den Ersten Weltkrieg von Ernst Glaeser und Georg Fink (Zeit) und Pat Barkers Roman "Tobys Zimmer" (NZZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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