Efeu - Die Kulturrundschau

Metapher für ein Nicht-Aufhören-Können

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20.02.2014. Maxim Biller wünscht sich in der Zeit weniger angepasste Schriftsteller nichtdeutscher Herkunft, die die reaktionär-spießige autochthone Gesellschaft erschrecken. Der Freitag sieht Lars von Triers "Nymphomaniac" als Wucherung der Erzählproduktion. Außerdem hört er Drum&Bass von Metalheadz. Die Welt sucht eine neue Aufgabe für Dionysos

Literatur

In der Debatte um die Gleichförmigkeit der deutschen Gegenwartsliteratur beklagt Maxim Biller in der Zeit das Fehlen von Impulsen durch Immigranten. Daran seien einerseits die Autoren selbst Schuld, die - statt "wilde, ehrliche, bis ins Mark ethnische und authentische Texte" zu schreiben - auf den Chamisso-Preis schielen, mit dem die autochthone Gesellschaft fremde Sprößlinge domestiziert. Vor allem aber ist für Biller natürlich die autochthone Mehrheit Schuld, die alles abschneide, was irgendwie aus dem Einheitsbrei herausrage, in diesem Land "mit seinem depressiven Tatort-Kult, seinem Kinderhass, seinem schlechten Theater, mit seinem freundlichen Pass-dich-lieber-an-Rassismus, seinen ambivalenten Weltmacht­reden und dem allgegenwärtigen Gesicht Hitlers, das man jeden Abend, aber wirklich jeden Abend irgendwo im Fernsehen sieht".

In der NZZ schreibt Angela Schader den Nachruf auf die Schriftstellerin Mavis Galla.

Besprochen werden unter anderem Uwe Kolbes autobiografischer Roman "Die Lüge (Tagesspiegel), Rahel Jaeggis Band "Kritik von Lebensformen" (den Dirk Pilz in der nachtkritik Theaterregisseuren ans Herz legt), Per Leos Roman "Flut und Boden" (Zeit) und die erste Lieferung der Schwarzen Hefte Heideggers, die Jürgen Kaube in der FAZ so aufschlussreich wie deprimierend findet. Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Bühne

Barbara Villiger Heiliger resümiert in der NZZ den Finanzskandal am Burgtheater: "Unter Hartmann ist alles gewachsen: Angebot, Nachfrage - und Defizit." Isabelle Jakob berichtet vom Urban-Dance-Tanzwettbewerb "Juste Debout" in Genf.

Besprochen werden Cordula Däupers Mannheimer Inszenierung von Sergei Prokofjews "Die Liebe zu den drei Orangen" (FR), Hans Neuenfels' Inszenierung von Heiner Müllers erotischem Endspiel "Quartett" in Wien (Welt).
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Musik

Alles richtig gemacht hat die Drum&Bass-Szene, meint Jörg Augsburg im Freitag anlässlich des 20jährigen Bestehen des einflussreichen Labels Metalheadz: In den 90en einst als nächstes großes Ding ausgerufen, hat sich die Techno-Subkultur bis heute vom Mainstream ferngehalten: Warum, lässt sich heute "im Zeitraffer begutachten: Dubstep eroberte im Handumdrehen die Floors der Welt, war per DJ Skrillex entscheidender Auslöser des Hypes um EDM - Electronic Dance Music -, lieferte ein paar Hits und war hierzulande sogar bis in das Finale von Germany"s Next Topmodel überpräsent. Das Ergebnis war verbrannte Erde, fluchtartig verließen die künstlerisch prägenden Produzenten das Areal. Heute ist Dubstep praktisch tot." Die Musik auf Metalheadz ist jedenfalls bestens zum Aufwachen geeignet:



Außerdem: Für die Berliner Zeitung unterhält sich Markus Schneider mit den Retro-Discopoppern von Broken Bells. Werner Bloch besucht für den Tagesspiegel das neue Freddie-Mercury-Museum in Montreux.

Besprochen werden Berliner Konzerte von Stromae (taz) und von Gary Numan (der "Duracell-Hase des Synthiepop", meint Andreas Busche in der Berliner Zeitung) sowie neue Alben von The Notwist (Tagesspiegel/Welt) und Paula (Zeit) und Neil Daniels" inoffizielle Biografie der amerikanischen Metalband Pantera (culturmag).
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Film

Nach der Premiere des ungeschnittenen Director"s Cut auf der Berlinale (hier unsere Kritik) kommt der erste Teil von Lars von Triers neuem Film "Nymph()maniac" nun auch in einer etwas gekürzten Fassung ins Kino. Dem dänischen Regisseur geht es in seinem Film über eine sexsüchtige Frau auch um "das Verhältnis von Wiederholung und Variation", schreibt Ekkehard Knörer im Freitag: "Bilder finden, neue Drehs und Varianten für das Immergleiche. Darum geht es hier bei der Nymphomanie, die nicht als klinisches Phänomen und nicht psychologisch plausibel vorgestellt wird, sondern nur Anlass ist für immer weitere Wucherungen der Erzähl- und der Bildproduktion - sie ist selbst nur Metapher für ein Nicht-Aufhören-Können, einen Exzess des Immer-Wieder und Immer-Wieder-Anders."

Weitere Besprechungen in der taz, Standard, critic.de, FAZ. Deutschlandradio Kultur stellt unterdessen die "Nymph()maniac"-Produzentin Louise Vesth vor, die für die beachtlich effektive Werbekampagne zum Film verantwortlich ist.

Außerdem: Für die taz spricht Ines Kappert mit dem israelischen Regisseur Avi Mograbi über filmästhetische Probleme bei der Darstellung kriegerischer Auseinandersetzung. Das Gespräch findet anlässlich der Berliner Thementage "Krieg erzählen" statt, durch deren Programm Antonia Herrscher in einem weiteren taz-Artikel führt. Den Berliner taz-Lesern empfiehlt Lukas Foerster eine Aufführung des palästinensischen Films "Schildkrötenwut" im Kino Lichtblick. Für die Welt hat sich Anke Sterneborg mit Regisseur David O. Russell unterhalten, dessen neuer Film "American Hustle" (unsere Kritik) vergangene Woche angelaufen ist.

Besprochen werden die jetzt ungeschnitten vorliegende DVD von John Carpenters Horrorklassiker "Die Fürsten der Dunkelheit" (taz), der Stromberg-Kinofilm (Welt/Tagesspiegel), der deutsche Tarzan-Animationsfilm (Tagesspiegel/Perlentaucher), Petra Volpes in Solothurn nominierter Spielfilmerstling "Traumland" (NZZ), George Clooneys "The Monuments Men" (NZZ, Presse, SZ) und Robert Fuests "The Final Programme" auf DVD (FAZ).
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Kunst

Dem antiken Gott von Wein, Weib und Gesang nähert sich Manuel Brug bei seinem Besuch der Dionysos-Ausstellung in Dresden für die Welt historisch völlig tiefenentspannt: So ist der einst für den Exzess zuständige Gott heute längst abgelöst und zu bildungsbürgerlichen Akten gelegt. "Als Partygott der Flatrate-Touristen und des wochenendlichen Komasaufens hat Dionysos ausgedient, und auch als Schutzheiliger der Swingerclubs würde er sich wohl banalisiert finden. Längst haben andere Substrate Wein und Alkohol als Fluchthelfer in mental getrübte Sphären abgelöst, für den geilen Kick ist er auch nicht mehr zuständig."

Enthemmter geht es in der Berliner Zeitung zu, wo Susanne Lenz die Kunst von Dorothy Iannone vorstellt, die derzeit in der Berlinischen Galerie zu sehen ist. Dort zeigen sich "sich wölbende Brüste, erigierte Schwänze, pralle Schamlippen - was die Schwellkörper angeht, herrscht Gleichberechtigung in Dorothy Iannones Werk. Und alle tun es. Die Künstlerin ist offenbar eine Verfechterin der freien Liebe, vielleicht eine Feministin."

Im Freitag berichtet Katja Kullmann im Freitag von einer Kreuzberger Diskussionsveranstaltung, auf der das Berliner Kreativprekariat seine Lage in der Hauptstadt besprach. Am Ende "kommt [es] dann so, wie es in rechtschaffen um Dissidenz bemühten Zirkeln meistens kommt: Die Stunde der Selbstzerfleischung bricht an. Beschuldigungen fliegen hin und her: Wer sich mit welcher Gentrifizierungskritik vom Kapitalismus mehr vereinnahmen lasse, das wird in der postfordistischen Fabrikhalle dann noch stundenlang diskutiert."

Besprochen werden die Frankfurter Porträtausstellung "Vis-à-vis" (FR) und die Ausstellung "Jeff Wall in München" in der Pinakothek der Moderne (NZZ).
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