Efeu - Die Kulturrundschau

Teutonische Zärtlichkeit

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27.10.2026. Die FAZ bewundert in Berlin, wie Lovis Corinth Grobianismus und Feingefühl zu verbinden wusste. Helmut Böttiger bricht in einer in der taz abgedruckten Preisrede eine Lanze für eine Literaturkritik, die Mehrdeutiges zulässt. Mehr Jelinek-Content, und zwar ganz vorzüglichen, liefert derzeit das Kabinetttheater Wien, freut sich der Standard. Die Metal-Band Kreator möchte nicht mit digitalen Creators verwechselt werden, teilt Sänger Mille Petrozza ZeitOnline mit.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.10.2026 finden Sie hier

Bühne

Kabinetttheater Wien - Ich möchte seicht sein. © Hans Schubert

Elfriede Jelinek ist momentan wieder allgegenwärtig, derzeit sogar im Kino, vor allem aber natürlich auf Bühnen, zumal österreichischen. Margarete Affenzeller ist im Standard hin und weg davon, wie das Wiener Kabinetttheater Jelineks klarsichtigen Essay "Ich möchte seicht sein" aus dem Jahr 1983 auf der Bühne in Szene setzt. Vor allem, dass im Kabinetttheater "Sprache, Musik, Puppen, Objekte und Anteile von Schauspielern immer gleichwertig im Einsatz sind", passt ausgesprochen gut zu Jelineks Text, in dem die Grundlagen des postdramatischen Theaters durchgearbeitet werden. Die unter anderem von der Sängerin Anna Clare Hauf und Komponist Christoph Dienz erarbeitete Inszenierung überzeugt als "ein alle bis ins Abstruse reichenden Gedanken tragender Hochgesangsstrom mit rhythmischen Akzenten. Alexandra Dienz bearbeitet dafür den Kontrabass (auch mit Fäusten). Und Hauf, die fulminant intonierende und artikulierende Sängerin, sorgt nebenher für den manchmal notwendigen Schmäh-Sound. Etwa mit einem comichaft klingenden Flexaton, als würden Tom & Jerry um die Ecke biegen."

Theater Osnabrück - Möchte die Witwe... Foto: Uwe Lewandowski

Demjan Durjans Bühnenadaptation von Saša Stanišić' Erzählband "Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne" am Theater Osnabrück kürzt zwar nicht den Titel der Vorlage, aber dampft sie doch von 256 Buch- auf knapp 50 Stücktextseiten ein. Und zwar ziemlich geschickt, meint Jens Fischer in der taz. Zumindest kommt die Stanišić-Botschaft rüber: "Damit aus der 'Beschissenheit' des Hier und Jetzt nicht 'die Beschissenheit der Zukunft' wird, schlägt eine Migranten-Clique einen 'Anproberaum fürs Leben' vor, in dem Versionen vorstellbarerer Zukünfte auszuprobieren sind und zum Einloggen einladen. Fiktionsspielerei auch als ideale Vorlage für das Theater als Ort alternativ gedachter Lebensmodelle. 'Ihr könnt euch die Zukunft nicht leisten, wisst aber jetzt, dass sie möglich ist. Also macht ihr was in der Gegenwart …?'"

Weiterhin keine gute Presse hat Milo Raus "Der fliegende Holländer" an der Deutschen Oper Berlin (mehr hier): Bojan Budisavljević verreißt die mit Bezügen zum Nahostkonflikt überfrachtete Inszenierung für nmz, Albrecht Selge tut es ihm auf van gleich und Gerhard Felber zeigt sich in der FAZ ebenfalls wenig angetan. Immerhin eine "starke Ansage" ist das Stück, findet derweil Eleonore Büning in der NZZ. Ihr Fazit fällt bestenfalls ambivalent aus, auch ihrer Meinung nach "verwandeln sich das Werk und die dazugehörige Musik (...) in einen Nebenschauplatz. Oder vielmehr: in ein störanfälliges Vehikel zum Transport der eigentlichen Botschaft - Raus Botschaft."

Außerdem: Wiebke Hüster gratuliert in der FAZ dem dänischen Tänzer Peter Martins zum 80. Besprochen werden eine Bühnenversion der Fernsehserie "Warten auf'n Bus" am Berliner Ensemble, inszeniert von Max Hopp (nachtkritik, BlZ, Tagesspiegel, taz) "Antigone. Der Abschied" von Alexander Zeldin an der Berliner Schaubühne (Tagesspiegel), Lotte de Beers Musical-Inszenierung "Chicago" an der Wiener Volksoper (Standard), Ulrike Syhas "Der öffentliche Raum" am Landestheater Marburg (FR), der Monteverdi-Abend "L'Orfeo" an der Wiener Staatsoper (Standard) und Therese Willstedts Inszenierung von Ilse Aichingers "Die größere Hoffnung" am Wiener Akademietheater (FAZ).
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Literatur

Die taz dokumentiert heute Helmut Böttigers Dankesrede zur Auszeichnung mit dem Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay, auf die wir gestern schon kurz zu sprechen kamen. Böttiger skizziert eine Geschichte der Literaturkritik als Geschichte von Auseinandersetzungen - mit der Herausforderung, eine literarische Sprache zu finden, mit dem Verhältnis zum Vaterland im 19. Jahrhundert, mit dem Zivilisationsbruch durch den Nationalsozialismus: Immer "ging es um etwas". Seit den Achtzigern ist dies einem popkulturell grundierten Auskennertum gewichen, das eine Literatur der Eindeutigkeit und schnellen Sinnesreize begünstige. Doch "eine Literatur, die glaubt, keine Kritik mehr zu brauchen, hat sich bereits aufgegeben. Dann geht es letztlich um nichts mehr. Literatur als Kunst kann provozieren. Sie stößt in Leerstellen vor, in das Mehrdeutige und Unheimliche. Sie entzieht sich den Begriffen und schafft eine Form von Erkenntnis, die überrumpelnd und auf unbekannte Art erhellend ist." Sie "lebt davon, dass ein anfängliches Nicht-Verstehen produktiv sein kann, und dasselbe gilt auch für die Literaturkritik. Sätze wie: 'Das verstehe ich nicht', oder: 'Ich fühle mich da nicht abgeholt' (...) verweigern sich den schönsten Erlebnissen, die man haben kann."

In der vierten Ausgabe unserer Reihe "Mind the Gap" übers Übersetzen literarischer Texte im KI-Zeitalter denkt Eva Profousová, die vom Tschechischen ins Deutsche übersetzt, über die Haltung eines Textes nach: "Die Haltung eines Textes ist mein übersetzerischer Leitfaden, ihm passe ich die Wahl der Sprachmittel, im Zweifelsfall auch die eigene Körperspannung an. Ich lasse meine Sprache wie ein junges Fohlen galoppieren, im Stakkato der Eisenbahnräder rattern. Hüpfen und stampfen am Schreibtisch. Tanzt auch du die Texte, KI?"

Weiteres: Nachrufe auf den Schriftsteller Joachim Lottmann schreiben Frank Jöricke (ND), Gerrit Bartels (Tsp) und René Hamann (taz) - weitere Nachrufe haben wir bereits gestern resümiert. Besprochen werden Oskar Roehlers "Das weiße Blatt Papier" (online nachgereicht von der WamS), Jonathan Haidts "Die Macht der Moral" (Standard), Michael Krügers Gedichtband "Die Wiedereinführung der Sanduhr" (FAZ), eine Neuausgabe von Marlen Haushofers Novelle "Wir töten Stella" (NZZ) und Sarah Wipauers "Fehlende Gespenster" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Film

Hat sich warm angezogen: Sacha Baron Cohen als Ali G

Viel hat sich geändert, seit Sacha Baron Cohen seine nun für einen Kinofilm wiederbelebte TV-Figur Ali G vor über zwanzig Jahren abgelegt hat, schreibt Tobias Sedlmaier in der NZZ. Ali G, ein jegliches Hiphop-Klischee brutal ins Groteske verzerrender Typ, der in Interviews mit gezielten Beknacktheitsbomben seine Gegenüber aus der Fassung bringt, war so etwas wie Cohens Experimentierlabor für seine populärere Figur Borat. Damals gefeiert, überwiegen heute Protest gegen die Figur und ihren Darsteller wegen Rassismus-Verdacht. "Hinter der Boykottaufforderung an einen jüdischen Komiker steht die Medienbeobachtungsplattform Newscord, die während des Gaza-Kriegs entstand und mit der globalen Pro-Palästina-Bewegung verknüpft ist. ... Dabei ist Ali trotz manchen ethnischen Verwirrspielen tatsächlich ein Weißer, der vom Habitus bis zum Duktus jedes Klischee bedient, das ein solcher mit der Hip-Hop-Kultur in Verbindung bringen könnte. Er ist eine Spiegelfigur, quasi die wandelnde kulturelle Aneignung." Wirklich witzig findet das aber auch Sedlmaier heute nicht mehr: "Die Wirklichkeit steckt inzwischen so voller absurder Inszenierungen und irrationaler Selbstüberschätzung, dass eine Figur wie Ali G nicht mehr die Ausnahme ist, sondern der Normalzustand geworden ist."

Weitere Artikel: Katharina Zeckau spricht für den Filmdienst mit der Schauspielerin Rosalie Thomass. Besprochen wird Nanni Morettis auf der Viennale gezeigter Film "Succederà questa notte" (Standard).
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Stichwörter: Cohen, Sacha Baron, Ali G

Kunst

Lovis Corinth, Dame am Goldfischbassin, 1911 © Belvedere Wien, Foto: Johannes Stoll

In der FAZ ist Andreas Kilb sehr zufrieden mit der Ausstellung "Lovis Corinth. Dann kam Berlin!" in der Berlinischen Galerie, die sich dem Spätwerk Corinths widmet und dabei auch deutlicht macht, "wie wenig die Stilkategorien, die 'Ismen', zum Verständnis der Malerei des zwanzigsten Jahrhunderts tatsächlich taugen, wie sie verschwimmen und sich auflösen, wenn es darum geht, einen Künstler wie Corinth zu begreifen." Corinth ist mal Realist, mal Impressionist, mal Expressionist, ganz nach Lust und Laune, meint Kilb: "Seine Nackten sind von Rubens und Ingres, seine Interieurs ('Dame am Goldfischbassin') von Menzel und Manet, seine Kostümierungen aus dem Theaterfundus, seine Blumen aus dem Laden um die Ecke. Und über all dem liegt eine ganz eigene, aus Grobianismus und Feingefühl gemischte Stimmung, eine teutonische Zärtlichkeit."

Fasziniert spaziert Welt-ler Michael Pilz durch die Schau "Kunst auf Kommando?" im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden. Ausgestellt sind Bilder aus Depots der NVA, die erstaunlich luzide Enblicke in die Erfahrungswelt von Soldaten in der DDR ermöglichen. Zum Beispiel "Die Frage des Soldaten" von Christoph Wetzel: Ein "Soldat hat Urlaub oder Ausgang. Deprimiert sitzt er in Uniform vor seiner nackten Frau, die auch nichts für ihn tun kann, auf der Bettkante. Wenn er sich etwas fragt, dann nicht, wie er seine Familie (symbolisiert durch Spielzeug) vor dem Klassenfeind (symbolisiert durch eine Tageszeitung) schützen soll - sondern ob seine Frau, ob die Familie weiter auf ihn warten wird, bis er wieder ein Wochenende heim darf, wann auch immer." Für die SZ schaut sich Peter Richter die NVA-Schau an - und ist ebenfalls ziemlich angetan.

Außerdem: Ferial Nadja Karrasch unterhält sich auf monopol mit Amrei Bauer, der Tochter der Künstlerin Annemirl Bauer, die derzeit in der Berliner Galerie im Turm mit einer Ausstellung geehrt wird. Olga Kronsteiger berichtet im Standard über Philantropie im Kunstbetrieb, die durch Steuersparmodelle angetrieben wird - in den USA, aber auch in Österreich.

Besprochen werden Hannah Hallermanns Schau "Sewing" in der Berliner Miettinen Collection (monopol), die Ausstellung "Tierstimmen" im Sinclair-Haus, Frankfurt (FR) und eine der Surrealistin Leonor Fini gewidmete Ausstellung in der Schirn Kunsthalle, Frankfurt (Welt).
Archiv: Kunst

Musik

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Jens Balzer plauscht für ZeitOnline mit Mille Petrozza von der Ruhrpott-Metallegende Kreator darüber, wie sich das eigentlich anfühlt, wenn man seit über 40 Jahren diesen Bandnamen trägt und dann wollen auf einmal selbst Journalisten Digital Creators werden. "Ich bin das erste Mal darauf aufmerksam geworden, (...) als ausländische Creatoren damit begannen, uns (...) auf Instagram Collabo-Anfragen zu schicken. Diese Creatoren kommen vor allem aus dem asiatischen Raum, aus Indonesien und so, und denken offenbar, wenn ein Account 'Kreator Official' heißt, dann ist das so was wie der offizielle Account für alle Creatoren weltweit, wo man sich verlinken muss, um ein offizieller Creator zu sein. Aber das ist natürlich ein Missverständnis. ... Ich fände es ganz gut, wenn die endlich mal mit ihren Anfragen aufhören würden, das nervt. Zumal es immer mehr Creatoren gibt, die sich jetzt auch mit 'K' schreiben, also 'Kreatoren'. Sonst wäre es mir eigentlich egal, die Verwechslungsgefahr ist ja nicht so groß. Aber wenn die sich Kreator mit 'K' nennen, wird man damit noch mal anders konfrontiert."

Besprochen wird ein Konzert der Pianistin Yuja Wang mit den Wiener Symphonikern unter Petr Popelka (Standard).
Archiv: Musik
Stichwörter: Petrozza, Mille, Kreator
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