Efeu - Die Kulturrundschau

Ekstase, ist es das?

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.05.2026. Quo vadis, Kunst? Die Filmindustrie versucht sich auf die Verheißungen und Drohungen durch KI vorzubereiten, nimmt die Welt aus Cannes mit. Die FAS hört die Zukunft der Musik: Phonk, modulare Reizeinheiten für möglichst viele digitale Situationen. Die Welt bestaunt in der Londoner Zurbaran-Ausstellung ein Wunderwerk der Inwendigkeit. Die Theaterkritiker feiern im Hamburger Schauspielhaus das Stück der Stunde: Erich Kästners Weimarroman "Fabian", in der Adaption von Dušan David Pařízek.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.05.2026 finden Sie hier

Film

Jan Küveler blickt in der Welt auf das Filmfestival in Cannes zurück, das große Umbrüche für die Filmindustrie insgesamt angedeutet hat. "Verlässt man sich noch auf Galapremieren, um Debatten und Karrieren zu starten, bestimmen Rechte-Einkäufe noch Trends, sind Festivals noch der zentrale Ort, an dem Kunst, Geschäft und kulturelle Macht zusammenlaufen? Oder übernehmen demnächst endgültig Influencer als zahme Claqueure? Hollywood ist dieses Jahr zu Hause geblieben, bis auf 'Propeller One-Way Night Coach', John Travoltas selbstfinanzierten Dia-Vortrag über die Liebe zum Fliegen. Nichts Neues von Spielberg oder Nolan, obwohl ihre Blockbuster in den Startlöchern stehen. Panels am Rande diskutierten, wie Kreative ihr Publikum zunehmend ohne Mittelsmänner finden, oder die Verheißungen und Drohungen durch KI. Einigkeit herrschte nur darüber, dass gerade kein Stein auf dem anderen bleibt. Wenn auch niemand weiß, wo das alles hinführt." In der taz blickt Tim Caspar Boehme auf die Filmfestspiele zurück und nennt die Favoriten für die Goldene Palme. 

In FAS spricht der iranische Regisseur Asghar Farhadi mit Mariam Schaghaghi über seinen Film "Histoires Parallèles", der in Cannes läuft. Außerdem äußert er sich zu dem Vorwurf, iranische Filmschaffende würden sich zu wenig zu den Ereignissen im Iran äußern und nimmt Bezug auf Trumps Vernichtungsdrohung gegenüber dem Iran. "Ich glaube nicht, dass sie zu still ist. Aber ich glaube, es ist das Mindeste, was ich tun kann: zu versuchen, einen Beitrag zu leisten, meine Stimme für einen Aufruf zu erheben, der fordert, dass die Zerstörung nicht militärischer Infrastruktur gestoppt wird. Ich ertrage es nicht zu hören, dass die Kultur und Zivilisation meines Landes verschwinden sollten. Es handelt sich nun einmal um eine jahrtausendealte Zivilisation."

Die Schauspielerin Nastassja Kinski hat im Wim Wenders Film "Falsche Bewegung" als 13-Jährige eine Szene halbnackt spielen müssen. Jetzt fordert sie, dass diese Szene nachträglich rausgeschnitten wird, konstatiert Claudia Tieschky in der SZ. Wenders - besser gesagt, seine Anwälte - lehnt dies bisher ab. "'Es müsse ja an 'Falsche Bewegung' auch gar nicht viel verändert werden, die Geschichte, sagt Nastassja Kinski, lasse sich auch erzählen, ohne dass sie auf diese Weise ausgestellt werde. In 'Taxi Driver' habe Scorsese mit der jungen Jodie Foster gedreht, die eine Prostituierte spielt - 'da sieht man nie was, und trotzdem erzählt er diese Geschichte'."

Weitere Artikel: Im Filmdienst zeigt Denis Sasse, wie sich das Kino mit dem Filmemachen selbst vor allem in Umbruchszeiten in eigenen Filmen auseinandersetzt. Maria Wiesner (FAZ) berichtet über die "Dogma 25"-Gruppe ein (unser Resümee). Pavao Vlajcic verabschiedet sich auf critic.de vom Filmfestival in Cannes. Tobias Rüther (FAS) besucht den Schriftsteller Saša Stanišić am Set von "Herkunft", einer Verfilmung von Stanišićs gleichnamigen Roman.

Besprochen werden unter anderem "Das geträumte Abenteuer" von Valeska Grisebachs (FR und FAZ), Nicolas Winding Refns "Her Private Hell" (critic.de), Jon Favreaus "The Mandalorian and Grogu" (Zeit Online), Mel Gibsons "Ladies First" (SZ), Guy Ritchies "In the Grey" (SZ).
Archiv: Film

Kunst

Francisco de Zurbarán, Christus und die Jungfrau im Haus in Nazareth, ca. 1640. © The Cleveland Museum of Art


Er war der rätselhafteste aller Maler, denkt ein ergriffener Hans-Joachim Müller (Welt) in der Londoner Zurbaran-Ausstellung. Ganz den Vorgaben der Katholischen Kirche verpflichtet: "Und doch ist es nicht Unterordnung unter die ausgedünnte Ästhetik der Inquisition, was er malt. Zurbarán verwandelt die strengen Gebote und Verbote in ein Wunderwerk der Inwendigkeit. Wie der heilige Franziskus die spitze Kapuze weit über die Stirn gezogen hat und den Totenschädel anstarrt, den er wie sein Kostbarstes in den Händen hält: Man kann so ein Bild nicht vergessen. ... Wie angewachsen steht jede Figur für sich, wie versteinert. Offene Münder, weggedrehte Augen, im Krampf gefangen. Ekstase, ist es das? Ekstase ist unter allen Existenzformen die geräuschärmste. Es gibt kein lautes Bild in diesem Werk. Und es ist, als sei die vorbildliche Glaubenssicherheit nur im Zustand fiebriger Erstarrtheit zu ertragen." Wenn man bei Caravaggio von "Ausdruckskunst" sprechen könne, dann ist die Malerei Zurbarans "Eindruckskunst".

Besprochen werden außerdem eine dem Kunsthändler Paul Cassirer gewidmete Ausstellung in der Alten Nationalgalerie in Berlin (taz), die Ausstellung "Tapetenwechsel" im Berliner Stadtmuseum über migrantisches Wohnen in Deutschland (Tsp), eine Schau im Münchner Lenbachhaus, die "das weibliche Gesicht des Blauen Reiters nun final würdigt" (FAZ) und "Elmgreen & Dragset. Stillleben mit Gemüse" im Frankfurter Städel Museum (Welt).
Archiv: Kunst

Literatur

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Sara Rahnenführer trifft für die taz die Lyrikerin Dagmar Nick, die nächsten Samstag ihren hundertsten Geburtstag feiert und Flucht und Konzentrationslager überlebt hat: "'Von deiner Schönheit/ schweigen. Den Spiegeln/ befehlen, dich festzuhalten,/ ehe du gehst.', heißt es in einem Gedicht. Jetzt treibt sie vor allem der Verlust der Autonomie und die Gebrechlichkeit um. In den vergangenen Jahren hatte sie mehrere Knochenbrüche. Einer am rechten Arm war für sie besonders schlimm. 'Ich konnte monatelang nicht schreiben.' Und dennoch: 'Es ist ein Wunder für mich, morgens beim Aufwachen zu merken, dass alles immer noch so ist wie gestern.' Das Sterben fürchtet sie nicht: 'Ich habe keine Angst vor dem Tod, ich habe die Nazis überlebt.'"

Christiane Lutz besucht für die SZ die Thomas Bernhard Ausstellung "Dem Stumpfsinn die Geisteskappe aufsetzen" im Literaturmuseum in Wien. Die Ausstellung zeige dabei Bernhard als diskreten Schriftsteller und als Mensch. "Hier ist nichts anbiedernd oder aufdringlich privat, man wahrt professionelle Distanz, wie sie der Autor auch stets wahrte. Behutsam skizzieren die Kuratoren Bernhards schwieriges Aufwachsen nach - ohne Vater bei einem strengen Großvater. Das Thema Sexualität spart man aus, Erotik muss man in Bernhards Werk ohnehin sehr genau suchen. So auch beim privaten Bernhard. In einem ausgestellten Brief schreibt er seiner guten Freundin Annemarie Hammerstein-Siller 1963, bevor sie zusammen auf Reisen nach Polen gingen, zur Sicherheit: 'Was Wichtiges: du sollst - u. darfst! nicht in mich verliebt sein, auch nicht 'vielleicht schrecklich!' - das wäre falsch!'"

Weitere Artikel: Gustav Seibt (SZ) und Patrick Bahners (FAZ) gratulieren dem Schriftsteller Hans Pleschinski zum 70. Geburtstag. Nikolai Ott trifft den Schriftsteller Leif Randt im Griechenland-Urlaub (FAZ). Gabriele Weingartner liefert für "Bilder und Zeiten" (FAZ) eine Erzählung über die Ehe Paula Modersohn-Beckers. Und Felix Philipp Ingold liest den russisch-jüdischen Philosophen Grigori Landau, einen Zeitgenossen Oswald Spenglers.

Besprochen werden unter anderem Michal Hvoreckys "Dissident" (FR), Karine Tuils "Die Liebeshungrigen" (SZ), Ben Lerners "Transkription" (tazSvens Kuzmins "Rigaer Freiheit" (FAZ), Kiran Desais "Die Einsamkeit von Sonia und Sonny" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

In der Frankfurter Anthologie schreibt Rüdiger Görner über Peter Maiwalds "Gregor Samsa sucht Gott":

"Wenn ich ihn find, der mich zu dem gemacht
ein Käfer, ekelhaft, ein Menschgewürm..."
Archiv: Literatur

Bühne

Szene aus Kästners "Fabian" am Deutschen Schauspielhaus. Foto: Katrin Ribbe


Erich Kästners "Fabian", in der Inszenierung von Dušan David Pařízek am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, ist das Stück der Stunde, da sind sich die Theaterkritiker einig. "Die Irrfahrt dieses modernen Odysseus führt nach dem Ersten Weltkrieg, aus dem Fabian als Alter Ego des Autors Erich Kästner mit einem schweren Herzleiden zurückkehrt, durch die Wirren der wackelnden Demokratie Weimars. Durch die Arbeitslosigkeit, durch die Wohnungslosigkeit, durch mangelnde Jobsicherheit, durch die wachsende Kriegsgefahr, durch Schlägereien zwischen Rechts- und Linksradikalen, erneut. In 'Fabian' im Schauspielhaus passt alles zusammen", lobt Stefan Grund in der Welt. Parizek macht aus dem Roman viel mehr als "die obligatorisch-politische Unwetterwarnung" vor dem aufkommenden Faschismus, versichert in der FAZ Axel Weidemann. Nachtkritiker Tim Schomacker gefällt vor allem die Sachlichkeit der Inszenierung: "Pařízek hat mit einem luftig angedeuteten Riesenwürfel mal wieder eine geometrische Grundform zur Spielfläche gemacht. Mit Decke und Seiten als Leinwänden. Mit simplen, offen sichtbaren Kostümstangen an den Seiten. Mit Overhead-Projektoren für karg-klare Bildhintergründe. Wald aus Trockenblumen! ... Hier, in dieser Bühnen-Apparatur, in der die fünf Akteure zwischen Szenen und Rollen hin und her gleiten, kommt er Kästner exakt dort besonders nahe, wo er sich formal eigentlich deutlich entfernt."

Weitere Artikel: Hella Kaiser besucht für den Tagesspiegel die Bühnen im thüringischen Meiningen, Rudolstadt und Gotha. In "Bilder und Zeiten" (FAZ) denkt Reto Zingg mit Euripides' "Bakchen" über die Gefahren der Ekstase nach.

Besprochen werden außerdem am Schauspiel Hannover Herbert Fritschs "Schwindel", dessen "fröhliche Anarchie" nachtkritiker Andreas Schnell mitreißt, Maria Lazars "Der blinde Passagier" am Münchner Volkstheater (SZ) Filippo Dinis Inszenierung von Euripides' "Alkestis" im Griechischen Theater in Syrakus und Robert Carsens Inszenierung von Sophokles' "Antigone" im antiken Pherai (FAZ), Ayla Pierrot Arendts "Death in Peace" im Frankfurter Mousonturm (FR), Dada Masilos Choreografie "Hamlet" bei den Internationalen Maifestspielen in Wiesbaden (FR), die deutsche Erstaufführung von Alberto Franchettis Oper "Fior d'Alpe" im Berliner Konzerthaus (nmz) und Ersan Mondtags Inszenierung von Bizets "Perlenfischer" an der Oper Wien ("ja, 'Les pêcheurs de perles' ist eine klangzarte, aber doofe Oper. Doch was Ersan Mondtag und sein ständiger Dramaturg, der Journalist Till Briegleb, da fabrizieren und fabulieren, ist noch viel doofer", schimpft in der Welt Manuel Brug und warnt Mondtag, sich nicht vom Betrieb "verbrennen" zu lassen).
Archiv: Bühne

Musik

In der FAS schreibt Daniel Haaksman über das Musikgenre Phonk: Das sind kurze Techno-Schnipsel, die perfekt auf die TikTok und YouTube Videos abgestimmt sind, denen sie unterlegt sind: "Früher sprach man von Liedern. Heute handelt es sich eher um modulare Reizeinheiten für möglichst viele digitale Situationen. Das zeigt sich auch an der Form der Veröffentlichung. Viele Tracks dauern nur eine Minute. Produzenten veröffentlichen dieselben Stücke in mehreren Tempovarianten gleichzeitig: 'Slowed', 'Super Slowed', 'Sped Up'. Musik wird zur adaptiven Software. Je nachdem, ob jemand nachts melancholisch aus dem Fenster eines Nachtbusses blickt oder im Fitnessstudio künstliche Entschlossenheit simuliert, liefert der Algorithmus die passende Abspielgeschwindigkeit gleich mit. Dabei entsteht eine eigentümliche Austauschbarkeit. Viele Tracks wirken wie Variationen desselben emotionalen Zustands aus Größenphantasie, Adrenalin, Erschöpfung und unterschwelliger Weltuntergangsstimmung. Gerade diese Monotonie scheint jedoch Teil des Erfolgs zu sein. Die Musik funktioniert wie Nikotin."

Weiteres: Campino wird gleich zwei Mal (Welt und SZ) zum neuen und vorerst letzten Album der Toten Hosen interviewt. In der FR gratuliert Harry Nutt und in der NZZ Jean-Martin Büttner dem nicht fassbaren Musik-Genie Bob Dylan zum 85. Geburtstag. Joachim Hentschel porträtiert in der SZ die Singersongwriterin LILITH, die offen über den Machtmissbrauch in der Musikszene berichtet. Niklas Maak (FAS) besucht den Country-Sänger Jason Lee Wilson, der Country-Songs in Berlin produziert. Besprochen werden Paul McCartneys neues Album "The Boy of Dungeon Lane" (Welt) und "Inferno" von Boards of Canada (taz).
Archiv: Musik