Im Kino

Hort der Hemmungen

Die Filmkolumne. Von Robert Wagner
27.05.2026. John Davidson hat sein Leben der Aufklärung über das Tourette-Syndrom gewidmet, unter dem er leidet. Auch "Verdammt normal", das von Kirk Jones inszenierte Biopic über sein Leben, hat eine pädagogische Schlagseite - und ist gleichzeitig ziemlich komisch.

John Davidson leidet am Tourette Syndrom, also an Tics und Zwangshandlungen, die er nicht kontrollieren kann. In seinem Fall heißt das, dass sein Kopf immer wieder krampfhaft zuckt, sein rechter Arm zuweilen ausschlägt, dass er schiefe Straßenlaternen küssen muss, nonverbale Schreie ausstößt oder eben Dinge ausspricht, die er nicht sagen möchte. Sieht er Polizisten, ruft er "Pig", also Bulle. Begrüßt er eine krebskranke Frau, sagt er ihr, dass sie bald sterben werde. Je größer seine Aufregung ist und der soziale Druck, desto heftiger die Symptome.

Sein Leben hat der schottische Hausmeister der Aufklärung gewidmet. Mit Vorträgen versucht er Eltern, Polizisten und generell Mitmenschen für die angeborene Nervenkrankheit zu sensibilisieren. Beiden Seiten soll das Aufeinandertreffen erleichtert werden - weniger Verzweiflung am eigenen Kind, weniger gewalttätige Reaktionen, weniger infernalische Scham bei den Betroffenen des Syndroms ob des eigenen öffentlichen Verhaltens. Mit Treffen und Selbsthilfegruppen will er den an Tourette Leidenden eine kleine Insel schaffen, auf der sie sich nicht mehr als Störfaktor erleben, sondern als Normalität. Für seine Arbeit erhielt er von Königin Elizabeth II einen Orden.

Das ihn porträtierende Biopic "Verflucht normal" erzählt von einem kessen jungen Mann, dessen Welt zusammenbricht, als in seiner Jugend die Tics auftreten. Er versteht nicht, was los ist. Sein Vater ist nicht mehr stolz. Von allen Seiten erfährt er Repressalien und Hohn. Mit dem Fußball wird es ebenso wenig wie mit einem Schulabschluss. Erst als erwachsener Mann findet er in Form der Krankenschwester Dottie (Maxine Peake) Verständnis. Sie nimmt ihn auf und unter ihre Fittiche, sie ist die erste, die ihm ein Stück Normalität wiedergibt. Je mehr er seine Einsamkeit hinter sich lässt, je mehr Verständnis er findet und für Verständnis sorgt, desto weniger pendelt der Film zwischen Hoffnung und Depression, desto erbaulicher wird er.


Vor allem führt der Film von Regisseur Kirk Jones ("Lang lebe Ned Devine!") die Aufklärungsarbeit Davidsons fort. Ihm geht es um Empathievermittlung. Die Mär, dass das alles nicht so schlimm und nur ein Ulk sei, eine Ausrede gar, sich daneben zu benehmen, wird offensiv angegangen. Wie nötig dies ist, zeigte sich erst dieses Jahr, als John Davidson während der British Academy Film Awards für eine Kontroverse sorgte. Als die schwarzen Schauspieler Michael B. Jordan and Delroy Lindo auf der Bühne standen, rief er gut hörbar das N-Wort aus dem Publikum. Weder hatten Davidsons Warnungen im Vorfeld zu einer Sensibilisierung geführt. Noch wurde bei der Übertragung abmildernd eingegriffen - trotz der Ausstrahlungsverzögerung von zwei Stunden. Wieder war Davidson nur der Störfaktor, und Jamie Foxx unterstellte ihm dann auch noch, den Ausruf schlicht wörtlich gemeint zu haben.

Das klare pädagogische Anliegen, Verständnis zu vermitteln, verwandelt den Film in ein relativ generisches Biopic ohne große Überraschungen. In einer klaren dramaturgischen Linie arbeitet sich der John Davidson des Films aus seinem Jammertal heraus und findet Hoffnung. Die reale Biografie wird dafür hier und da zurechtgestutzt. Schwierigen Fragen geht der Film weitestgehend aus dem Weg. Alles ist sichtlich darauf ausgerichtet, dass wir mit Wohlgefühl und sentimentalem Weltverständnis aus dem Kino gehen.

Was aber nicht heißt, dass "Verflucht normal" ein schlechter Film wäre. Was der ausgetretene Pfad der Dramaturgie an Mut und Überraschung vermissen lässt, wiegt der tolle Cast auf - Robert Aramayo spielt Davidson beeindruckend als Hort der Hemmungen, hinter der eine offenherzige Frohnatur lauert; und mehr noch das sehr feine Gefühl des Films für die Krankheit, für den Zwiespalt, den der englische Originaltitel "I Swear" so präzise einfängt. Hier die sachliche, trotzige Ansage des "Ich fluche", so ist es nun einmal, findet euch damit ab. Dort das "Ich schwöre", mit dem verzweifelt gebeten wird, dem Betroffenen zu glauben, dass es nicht ernstgemeint ist, nicht zu kontrollieren.

Zuweilen neigt "Verflucht normal" in Richtung bildgewaltige Trostlosigkeit - wenn der junge John beispielsweise von den Eltern gezwungen wird, wie ein Aussätziger vor dem Kamin zu essen. Kirk Jones weiß freilich auch, dass es ein komödiantisches Mittel sein kann, in gewissen Situationen genau das auszusprechen, was nicht ausgesprochen werden darf. Wenn ein Freund Davidsons vor Gericht einem genervten Richter diverse Synonyme für Hoden aufzählt, ist das beispielsweise hohe komödiantische Kunst. Oder wenn John ein dubioses Päckchen transportiert, nicht auffallen möchte, aber einfach nicht aufhören kann zu rufen, dass er Heroin zum halben Preis anbietet.

Der Film findet einen passenden Ausdruck dafür, wie witzig das alles erscheinen kann, wenn es nur noch eine retrospektiv betrachtete Anekdote ist - "Verflucht normal" beginnt damit, dass unsere Hauptfigur die Queen beschimpft, bevor er seinen Orden erhält, wir wissen also, dass alles gut wird - oder wenn das Publikum es von außen betrachtet. Im Moment selbst ist es für den Betroffenen aber unmissverständlich nicht nur schmerzliche Peinlichkeit, sondern der Grund für eine nie abklingende Aussonderung. Bis die Probleme aus dem Weg geräumt sind, zeigt "Verflucht normal", wie wichtig die nötige Lockerheit gegenüber dem Tourette ist, damit der Druck wenigstens nicht zu groß wird.

Robert Wagner

Verflucht normal - GB 2025 - OT: I Swear - Regie: Kirk Jones - Darsteller: Robert Aramayo, Peter Mullan, Maxine Peake, Shirley Henderson u.a. - Laufzeit: 121 Minuten.