Efeu - Die Kulturrundschau
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04.04.2026. Die FAS fragt sich, ob Olivier Assayas' Verfilmung von Giuliano da Empolis Roman "Der Magier im Kreml" Propaganda für Russland machen will. Viel Spaß haben die Feuilletons, wenn Lars Eidinger in Molières "Der Geizige" an der Berliner Schaubühne als deutscher Boomer im Autohaus auftritt. Die taz blickt andächtig auf kleine Rothkos in Florentiner Mönchszellen. Und in der NZZ rechnet Apples Ex-Designer, der Schwarzwälder Hartmut Esslinger, mit Apple ab. Und der Perlentaucher wünscht Frohe Ostern!
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
04.04.2026
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Film

Am Donnerstag startet Olivier Assayas' Verfilmung von Giuliano da Empolis Roman "Der Magier im Kreml". Der Film erzählt vom Aufstieg Wladimir Putins (Jude Law) und seines Spindoctors Wladimir Baranow (Paul Dano), der als eigentlicher Strippenzieher im Hintergrund agiert. Leider überzeugt diese Figur Hanns-Georg Rodek in der Welt nicht. Der Film "gehört in die Tradition der vom westlichen Standpunkt aus erzählten Kalter-Krieg-Thriller. Die lebten davon, Grausiges aus dem Innern eines verschlossenen Reichs des Bösen zu erzählen. Die repressiven Mechanismen des neuen Russlands jedoch sind kein Rätsel mehr. Baranow hätte eine faszinierende Figur abgeben können, ein praktizierender Medientheoretiker wie Marshall McLuhan, ein Priester herzloser Machtausübung wie Trumps Lehrer Ray Cohn, ein Establishment-Zerstörer wie Steve Bannon. Stattdessen ist Wadim Baranow ein Gefäß, in dem profunde Leere herrscht."
Nikolai Klimeniouk fragt sich indes in der FAS, ob der Film ein Propagandawerk für Russland sein soll, auch wenn es den Machern vermutlich nicht darum gehe, Russland zu beschönigen. "Der Film wirkt eher wie ein Kondensat der westlichen Russlandberichterstattung vor Beginn der Vollinvasion in die Ukraine: insgesamt kritisch und reich an unappetitlichen Details, zugleich durchzogen von für das Regime nützlichen Mythen und Stereotypen. Im Film ist es unter anderem die vermeintliche Erniedrigung Russlands durch den Westen, der das Riesenreich nicht wie ein Alphatier unter den Staaten behandeln wollte." Vor allem bemerkt Klimeniouk, dass das Fehlen wichtiger Hintergründe den Film "gerade wegen seiner visuellen Plausibilität, in die Nähe von Propaganda rückt." Gezeigt werden weder "Putins tiefe, bis in seine frühe Jugend zurückreichende Verwurzelung in der organisierten Kriminalität " noch "seine Obsessionen mit der protofaschistischen russischen Geschichtsphilosophie des 19. und 20. Jahrhunderts". Putin erscheine im Film stattdessen als effizienter und "rationaler Machtpolitiker".
Weitere Artikel: Maria Wieser erzählt in der FAZ, dass es in der DDR keine Horrorfilme gab, dafür aber die Märchen gruselig waren. Wolfgang Hamdorf unterhält sich im FilmDienst mit dem Regisseur François-Xavier Drouet über dessen Film "The Gospel of Revolution". In der FAS durchwühlt Bert Rebhendl die Streaming-Dienste nach "Bibel-Content".
Besprochen werden außerdem Kristoffer Borglis "The Drama" (SZ) und John Patton Fords "How To Make A Killing" (FilmDienst).
Kunst

Homosexualität war zwar in der DDR anders als in der BRD ab 1950 nicht mehr strafbar, gesellschaftlich akzeptiert waren Schwule und Lesben dennoch nicht, erinnert sich Henning Kober (FAS) in der auf das Berliner KVOST, das Mitte Museum, das Werkbundarchiv und das nGbK verteilten Ausstellung "Queere Kunst in der DDR? Biografien zwischen Underground und Propaganda". Zu sehen sind etwa Holz- und Linolschnitte aus Jürgen Wittdorfs Zyklus "Für die Jugend": "Sie entstanden bei längeren Aufenthalten an Sportschulen, sie zeigen junge Menschen im Sozialismus, in Gruppensituationen. 'Trainingsgespräch der Schwimmerinnen' oder 'Unter der Dusche' sind die Titel. Die nackten, jungen Männer sind nicht übermäßig idealisiert, sondern einander zugewandt abgebildet, schüchtern, neugierig und zärtlich. Für heutige Betrachter offenbart sich klar ein schwuler Blick. Wittdorf selbst kämpft dagegen zunächst an. … Mit dreißig outet er sich, beginnt erste Beziehungen. Die Parteiführung rügt ihn. … Nach der Rüge verschwanden bei Wittdorf die nackten Männer aus seinen öffentlichen Arbeiten."
Wenige Orte beeinflussten Mark Rothko auf seiner Europa-Reise im Jahr 1950 so sehr wie Florenz, weiß Hili Perlson (taz). Grund genug für Rothkos Sohn Christoph dort im Palazzo Strozzi, in der Biblioteca Medicea Laurenziana und im Museo di San Marco eine große Retrospektive zu kuratieren, die Perlson nicht zuletzt Rothkos lebenslange Suche nach "Sinn und Spiritualität" zeigt: "In einzelnen Mönchszellen des ehemaligen Klosters sind mehrere von Rothkos kleineren, nichtfigurativen Werken inmitten der kürzlich restaurierten, frühneuzeitlichen Fresken von Fra Angelico zu sehen. Auch hier, wie im Vestibül der Biblioteca Medicea Laurenziana, muss Rothko von der Spannung zwischen dichter Architektur und der Weite ihrer andächtigen Atmosphäre zutiefst beeindruckt gewesen sein. Inspiriert von seinem Besuch der Klosteranlage San Marco im Jahr 1950 überlegte Rothko sogar, wie sein Sohn der Presse erklärt, kleine Kapellen am Straßenrand zu bauen, darin ein einziges meditatives Gemälde."
Der jüdische in Berlin und Mexiko lebende Künstler Amir Fattal, der derzeit in der Berliner Dependance der Galerie König in Mexiko-Stadt ausstellt, wird in den sozialen Medien nicht nur auf die widerwärtigste Art antisemitisch bedroht, nun wurde er auch bei einer öffentlichen Führung in seiner Ausstellung von 15 maskierten Personen beschimpft. Das Spezifische an der Kunstszene in Mexiko sei, "dass ihr Hass sich nicht nur gegen Israel richtet, sondern auch gegen Kapitalismus und Gentrifizierung", erklärt er im Welt-Interview mit Gesine Borcherdt: "Die maskierten Personen kamen nicht nur mit der palästinensischen Flagge, sondern auch mit der des islamisch-iranischen Regimes: Der Iran hasst den Westen und unterstützt Hamas und Hisbollah, was zu seiner Ideologie gehört."
Weitere Artikel: Für die SZ schaut Nicolas Freund im Atelier der Bilderbuch-Künstlerin Kathrin Schärer vorbei. Das IT-System der Uffizien wurde angegriffen, vorsichtshalber wurden wichtige Stücke in Sicherheit gebracht, meldet der Tagesspiegel mit dpa. Auf den Bilder-und-Zeiten-Seiten der FAZ denken Hubert und Leander Winkels über die Darstellung des Todes in der Kunst nach. Im Feuilleton-Aufmacher der FAZ bewundert Stefan Trinks in der Staatsgalerie Stuttgart den von dem Maler Jörg Ratgeb geschaffenen Herrenberger Altar. Auf den politischen Seiten der FAS erkennt Stefan Trinks indes in Donald Trumps Porträts im Weißen Haus eine "Ästhetik der Einschüchterung". In der NZZ gibt Wolfgang Minaty die Hoffnung nicht auf, dass Matthias Grünewalds "Magdalenenklage" irgendwann aufgefunden wird. Besprochen wird außerdem eine Alex-Katz-Ausstellung in der Kunsthalle Tübingen (Welt).
Architektur
Boris Pofalla bestaunt für die Welt das digital gescannte und 3D-animierte Modell des Petersdoms in Rom. Auf den Bilder-und-Zeiten-Seiten der FAZ besucht Gundula Werger Architekturen des jüdischen Architekten Alexander Beer in Alzey und Worms.
Bühne

"Der Geizige" von Molière als deutscher Boomer im Autohaus? Das ist dank Thomas Ostermeiers Schaubühnen-Inszeniernung mit Lars Eidinger in der Hauptrolle über weite Strecken beste Unterhaltung, auch wenn das "Psychogramm deutscher Gesellschaftsgeschichte" irgendwann zu sehr den Vater-Sohn-Konflikt in den Vordergrund stellt, findet Jakob Hayner in der Welt. Dennoch: "Eidinger ist die Verkörperung einer Lustfeindlichkeit, die sich seit dem Protestantismus im deutschen Kleinbürgertum eingenistet hat. Einer, der den Strohhalm aus der Capri-Sonne zieht, bevor er den Raum verlässt, damit niemand unbemerkt einen Schluck nimmt. Der nur um sich selbst kreist und immer wieder ins Ressentiment kippt. Der die TikTok-Kampagne des AfD-Politikers Maximilian Krah für "echte Männer" zitiert: 'Schau keine Pornos, dann klappt es mit der Freundin.' So fies Eidinger als Harpagon auch sein mag, so viel Spaß macht es, ihm zuzuschauen."
Ähnlich urteilt Peter Laudenbach in der SZ: "Kurz erwartet man, dass jeden Augenblick Harald Juhnke über die Autohaus-Verkaufsfläche tänzelt oder Dieter Hallervorden 'Palimpalim' röchelt, was jetzt nicht als Kompliment gemeint ist. Einerseits ist die Spießer-Verhöhnung selbst astreines Spießer-Entertainment, das trotz der Kapitalismus-Kritik im Programmheft von Horkheimer bis Nachtwey garantiert keinem weh tut. Andererseits sind Ostermeier und Eidinger natürlich viel zu clever und abgebrüht, um das nicht zu merken und den Knallchargen-Zirkus der Typenkomödie gleichzeitig sauber zu bedienen und immer wieder mal melancholisch oder böse zu brechen." Weitere Besprechungen in Tagesspiegel und nachtkritik.
Besprochen werden außerdem Claus Guths Inszenierung von Jean-Marie Leclairs Barockoper "Scylla et Glaucus" am Opernhaus Zürich (FAZ), Robert Teufels Inszenierung von Tschechows "Der Kirschgarten" am Anhaltischen Theater in Dessau (nachtkritik) und "Das Schweigen des Heiligen Vaters", inszeniert von Kay Voges am Schauspiel Köln nach einem Recherchestück von Correctiv über Missbrauch von Kinder und Jugendlichen durch Geistliche ("Aufsagetheater mit Teleprompter und Textkladde", ärgert sich nachtkritiker Gerhard Preußler.)
Musik
Stefan Schicksals freut sich in der FR zu Ostern über eine Einspielung der Johannes-Passion durch das französische Ensemble Pygmalion, die er "plastisch, ergreifend, direkt ansprechend" findet. Die FR gratuliert außerdem dem Komponisten und Trompeter Manfred Schoof zum 90. Geburtstag. Die taz hört Joseph Haydn zu Ostern.
Literatur
In der FAZ befragt die deutsche Schriftstellerin Marica Bodrožić Texte des Jugoslawen Danilo Kiš, der Türkin Ece Temelkuran und der Russin Marina Stepanova auf deren literarischen Umgang mit Exil, Vertreibung und Heimatlosigkeit. Bei Kiš etwa erkennt sie dessen "Verfahren der 'ironischen Distanz' ..., stets im Dienst der Erinnerung, die, trotz seines großen politischen Sensoriums mit sogenannter 'engagierter Literatur' nichts zu tun hat. In den besagten 'Ratschlägen für einen jungen Schriftsteller' fordert Kiš sogar dazu auf, zum Thema der 'engagierten Literatur' stumm wie ein Fisch zu bleiben und dieses Feld den Professoren zu überlassen. 'Letztlich ist alles, was dem Schriftsteller zustößt, das Böse und das Gute, ein Teil seines literarischen Schicksals (und ein anderes hat er nicht).'"
Die FAZ bringt außerdem den Vortrag des Literaturwissenschaftlers Stefan Willer, der anlässlich der Aufnahme von Goethes handschriftlichem Nachlass ins UNESCO-Weltdokumentenerbe über das Konzept eines "Welterbes" nachdenkt: "'Welterbe' ist der Name für einen kulturpolitischen Dissens und, wie ich hinzufügen möchte, auch für eine eigentumsrechtliche Herausforderung. Denn es geht hier um Kollektivität, um Gemeinschaftseigentum."
Weitere Artikel: Der israelische Dirigent Omer Meir Wellber zählt in der Literarischen Welt seine zehn Lieblingsbücher auf, darunter Daniel Kahnemanns "Schnelles Denken, langsames Denken" und Olga Tokarczuks "Die Jakobsbücher".
Besprochen werden unter anderem Viktor Jerofejews "Die neue Barberei" (LitWelt), Sergej Lebedews "Die Beschützerin" (FAZ), Barbara Honigmanns "Mischka" (FR), Benjamin Reichs Bildband "Jerusalem Berlin" (intellectures) und Thomas Hettches "Liebe" (taz). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
In der Frankfurter Anthologie schreibt Jan Wilm über Henning Ahrens "Brief":
"Der Flug der Vögel lässt auf Deutung warten.
Das Haus, umblüht von Flieder, schweigt..."
Die FAZ bringt außerdem den Vortrag des Literaturwissenschaftlers Stefan Willer, der anlässlich der Aufnahme von Goethes handschriftlichem Nachlass ins UNESCO-Weltdokumentenerbe über das Konzept eines "Welterbes" nachdenkt: "'Welterbe' ist der Name für einen kulturpolitischen Dissens und, wie ich hinzufügen möchte, auch für eine eigentumsrechtliche Herausforderung. Denn es geht hier um Kollektivität, um Gemeinschaftseigentum."
Weitere Artikel: Der israelische Dirigent Omer Meir Wellber zählt in der Literarischen Welt seine zehn Lieblingsbücher auf, darunter Daniel Kahnemanns "Schnelles Denken, langsames Denken" und Olga Tokarczuks "Die Jakobsbücher".
Besprochen werden unter anderem Viktor Jerofejews "Die neue Barberei" (LitWelt), Sergej Lebedews "Die Beschützerin" (FAZ), Barbara Honigmanns "Mischka" (FR), Benjamin Reichs Bildband "Jerusalem Berlin" (intellectures) und Thomas Hettches "Liebe" (taz). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
In der Frankfurter Anthologie schreibt Jan Wilm über Henning Ahrens "Brief":
"Der Flug der Vögel lässt auf Deutung warten.
Das Haus, umblüht von Flieder, schweigt..."
Design
Die runden Ecken der IPhones gehen auf den ersten Chef-Designer Apples zurück: den Schwarzwälder Hartmut Esslinger, den Marie-Astrid Langer anlässlich des 50-jährigen Apple-Jubiläums für die NZZ in San José besucht. Er erzählt unter anderem von seiner ersten Begegnung mit Apple-Visionär Steve Jobs auf einer Party im Silicon Valley. "Was seine langfristige Vision für Apple sei, fragte Esslinger Jobs an dem ersten Treffen. Er wolle eine Million Mac-Computer verkaufen, antwortete Jobs. 'Aber nicht mit dem Scheißdesign, das du hast', warf ihm Esslinger entgegen. Jobs stimmte ihm zu." Jobs schrieb einen Designwettbewerb aus, Esslinger legte mehrere Entwürfe vor. "Der Auftrag: eine einheitliche Designsprache zu entwickeln für sieben künftige Produktlinien von Apple. Esslinger erarbeitete mehr als vierzig Entwürfe als Konzept. Jobs war begeistert. 'That's it', soll er gerufen haben." Heute blickt Esslinger kritisch auf Apple: "Auf den Apple-Produkten stehe heute zwar noch 'Designed in California' - tatsächlich entscheide aber China, welches Design sich für eine Massenproduktion eigne."
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