Efeu - Die Kulturrundschau
Ohne halluzinogene Hilfsmittel
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.03.2026. Mit Verspätung ist der Pritzker-Preis an den chilenischen Architekten Smiljan Radić Clarke verliehen worden: Ein "Lückenbüßer", meint die Welt. Wie kann Clarke den Preis überhaupt annehmen, fragt die SZ. Mit Blick auf die diesjährigen Oscarnominierungen scheinen die USA noch nicht verloren, atmet die SZ außerdem auf. Die FAZ feiert mit Amöben von Yayoi Kusama den 50. Geburtstag des Museums Ludwig. Der Tagesspiegel bewundert Sasha Waltz, die mit 63 Jahren endlich wieder selbst tanzt. Und im Perlentaucher stellt Angela Schader den Autor Rabih Alameddine vor, der sich in seinem Werk mit der traumatischen Geschichte seiner libanesischen Heimat auseinandersetzt.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
13.03.2026
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Architektur
Nun ist der Pritzkerpreis (unsere Resümees) trotz der Epstein-Verwicklung um Tom Pritzker doch verliehen worden, wenn auch verspätet. Er geht an den chilenischen Architekten Smiljan Radić Clarke. Wieder ein Mann, seufzt in der Welt Marcus Woeller, auf den der Preisträger zudem wie ein "Lückenbüßer" wirkt. "Außerhalb Chiles hat er nur wenig gebaut. Darunter ist eine Bushaltestelle in dem für seine meist gut gestalteten Funktionsgebäude bekannten österreichischen Bundesland Vorarlberg. Fotogen war sein Projekt für die Londoner Serpentine Gallery, ein schräg aufgebockter runder Pavillon von der Anmutung eines reifen Weichkäses."
"Ohne Epstein wäre Radić eine passable Wahl", kommentiert Gerhard Matzig in der SZ. Aber wie konnte der Chilene den Preis überhaupt annehmen? "Entweder er weiß nicht, wer Jeffrey Epstein ist. Oder er weiß nicht, wer Tom Pritzker ist. Oder er kennt beide nicht. Oder all das ist ihm egal, weil es zwar etwas mit Vergewaltigung, Ehrlosigkeit, Verbrechen und Verderbtheit, aber eben nichts mit Backsteinen, Lehm oder wenigstens hübschen Formen zu tun hat."
"Ohne Epstein wäre Radić eine passable Wahl", kommentiert Gerhard Matzig in der SZ. Aber wie konnte der Chilene den Preis überhaupt annehmen? "Entweder er weiß nicht, wer Jeffrey Epstein ist. Oder er weiß nicht, wer Tom Pritzker ist. Oder er kennt beide nicht. Oder all das ist ihm egal, weil es zwar etwas mit Vergewaltigung, Ehrlosigkeit, Verbrechen und Verderbtheit, aber eben nichts mit Backsteinen, Lehm oder wenigstens hübschen Formen zu tun hat."
Literatur

Siegfried Lenz hätte dieser Tage seinen hundertsten Geburtstag gefeiert. Was planen die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten? Heike Hupertz hat für die FAZ nachgesehen. Vera Webers beim NDR gezeigtes Dokudrama "100 Jahre Siegfried Lenz - Was würdest du tun" kann die Kritikerin mit kleinen Abstrichen überzeugen, aber Anna Pflügers und Lara Heinemanns 3sat-Doku "Siegfried Lenz und die Kraft des Gewissens" fällt bei ihr durch: "Hier wird behäbig und brav inszeniert und unterkomplex getextet, der Schriftsteller mit dem lauwarmen Bad des Desinteresses ausgeschüttet. 37 Minuten gibt sich diese Würdigung Zeit, wobei sie auf die Literatur selbst wenig davon verwendet. ... Zumeist ist Lenz bloß Stichwortgeber für den Versuch, Relevanz zu behaupten. Schon zu Beginn erfahren wir, worum es geht (und worum nicht): Nachdem kurz Lenz' Anfänge beim Nordwestdeutschen Rundfunk NWDR gestreift werden, will man den Zuschauern den öffentlich-rechtlichen Rundfunk erklären. Sechs Minuten Eigenlob." Die ARD Audiothek, die jetzt ARD Sounds genannt werden will, ist im übrigen reich gefüllt.
Außerdem: Dlf Kultur spricht mit Siri Hustvedt über ihr (in FR und SZ besprochenes) Buch "Ghost Stories", in dem sie sich an ihren 2024 verstorbenen Mann Paul Auster erinnert (mehr dazu bereits hier). Besprochen werden unter anderem Dana Grigorceas "Tanzende Frau, blauer Hahn" (NZZ), Jan Jekals "Paranoia in Hollywood. Wie die USA exilierte Künstler erst retteten und dann verfolgten 1941-1953" (NZZ) und neue Sachbücher, darunter Joseph Imordes "Reproduktionsindustrie. Kunst und ihre Popularisierung um 1900" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Kunst

Die inzwischen 96-jährige japanische Pop-Künstlerin Yayoi Kusama ist weit mehr als ihre Polka Dots, Mirror Rooms und weitere "zu Tode instagrammierte Motive", erkennt Stefan Trinks (FAZ) in der fulminanten, dreihundert Werke umfassenden Schau, die sich das Museum Ludwig in Köln zu seinem fünfzigjährigen Bestehen schenkt. Romane und Gedichte sind hier ebenso zu entdecken wie Ölbilder oder Performances im mit "weichen Penissen behängten Outfit". Aber: "Kusamas wundersamstes Bild in Köln aber bleibt 'Repetitive Vision of Floral Pistil': Mit seinen Tausenden sorgsam gemalter Punkte in Ranken und Blütenformen changiert es permanent zwischen Blumen im Freien, Amöben im Mikrobereich und Zellen, die im Körperinnern herumschwimmen. Auch diese punktierten Blüten kommen ohne halluzinogene Hilfsmittel auf den Betrachter zu und verkriechen sich dann wieder in den Hintergrund."
Im Standard hält es Stefan Weiss mit Blick auf Russlands Teilnahme an der Biennale in Venedig (unsere Resümees) für angebracht, "Ausschlusstendenzen in der Kultur nicht zur Regel werden zu lassen". Zudem sage es "etwas über den Zustand Russlands und jene, die am Projekt mitwirken, aus. Dass u.a. die Band Pussy Riot umgehend Protest vor Ort ankündigte, zeigt vielleicht, dass Konfrontation der ehrlichere Zugang wäre als Ausschluss. Andere Kriegsparteien - Israel, Palästinenser, Belarus, Iran sowie natürlich die USA, die binnen weniger Monate mehrere völkerrechtswidrige Militärschläge führten - dürfen zudem selbstverständlich teilnehmen. Dass seit jeher zig Staaten, die keine lupenreinen Demokratien sind, ebenfalls ausstellen? Offenbar kein Problem."
Weitere Artikel: Freddy Lang gratuliert dem Fotografen Yann Arthus-Bertrand zum Achtzigsten. Besprochen werden außerdem die Ausstellungen "Avantgarde. Max Liebermann und der Impressionismus in Deutschland" im Museum Barberini in Potsdam (mehr hier) und die Ausstellung "Alles für die Kunst! Max Liebermann zwischen Strategie und Kulturpolitik" in der Liebermann-Villa am Wannsee (taz).
Bühne

Mit Çağla Ilk übernimmt eine ehemalige Mitarbeiterin und einstige Vertraute von Shermin Langhoff zur nächsten Spielzeit die Intendanz der Berliner Volksbühne - und doch ist die Zukunft des Hauses offener denn je, befürchtet Elena Philipp in der nachtkritik. "Droht Berlin die Diskussion um eine 'Eventbude 2.0'?" Und wo ist eigentlich das plötzlich aufgetauchte und ebenso schnell wieder verschwundene Finanzloch? "Ihren Personalrat soll Shermin Langhoff eher gemieden haben, hört man aus dem Haus. Besteht dafür der direkte Draht zur Kultursenatorin? Das zuletzt diskutierte Finanzloch verschwand während einer Kulturausschusssitzung umstandslos. Geht hier alles mit rechten Dingen zu? Diese Frage stellt sich auch vor dem Hintergrund, dass ein nachtkritik-Antrag auf Einsicht in das bei der Ausschusssitzung erwähnte 'siebenseitige Papier' nach dem Berliner Informationsfreiheitsgesetz von der Senatskulturverwaltung abgelehnt wurde: Geschäftsgeheimnis. Transparent sind die Vorgänge also nicht."
Weitere Artikel: Der bisherige Chef des Futuriums, Stefan Brandt, soll neuer Generaldirektor der Stiftung Oper in Berlin werden, meldet der Tagesspiegel mit dpa. Ute Büsing sendet der nachtkritik einen Theaterbrief aus Bulgarien, wo sich das "Ivan Vazov"-Nationaltheater mit "sozial engagiertem" Programm gegen Korruption, Vetternwirtschaft und nationalkonservative und ultranationalistische Kreise behauptet. In der NZZ applaudiert Christian Wildhagen Cecilia Bartoli, die in Davide Livermores Neuproduktion von Händels Oper "Giulio Cesare" als Cleopatra einmal mehr als Diva brilliert.
Film

Christoph Hochhäuslers in Brüssel gedrehter Auftragskillerinnen-Thriller "Der Tod wird kommen" weckt in Perlentaucher Lukas Foerster Erinnerungen an die Klassiker von Jean-Pierre Melville und andere Vermählungen des französischen Kriminalfilms mit dem französischen Autorenfilm. Der Film "entfaltet sich als heißkalter Neo Noir mit entschiedenem, selbstbewußtem Hang zur Abstraktion; Brüssel bleibt, von Berliner-Schule-Stammkameramann Reinhold Vorschneider mit fast schon altmeisterlicher Souveränität eingefangen, ein durchweg unlesbarer Raum, mal verschwindet die Stadt hinter Glasfassaden, mal verliert sich der Blick im tristen Gewerbegebiet-Niemandsland. ... Die Stadt, in der 'La Mort viendra' spielt, ist von ihrer eigenen Geschichte hoffnungslos abgeschnitten. ... Das Gesellschaftliche dringt derweil an den Rändern in "La Mort viendra" ein, fast osmotisch, über Erinnerungen und Echos, über das Ungesagte, über Blicke." Weitere Kritiken auf critic.de und im Tagesspiegel.
Philipp Bovermann sieht es in der SZ nicht ein, die USA nur wegen Trumps Idiotien als verloren anzusehen und führt zur Bekräftigung die diesjährigen Oscarnominierungen an, die auch in diesem Jahr wieder "zuverlässig Bilder vom Zustand Amerikas" zeigen - insbesondere in Ryan Cooglers rekordnominiertem, antirassistischen Vampirsplatter-Film "Blood & Sinners", in dem ganz schön die Hölle los ist (unser Resümee). "Was dieser Film mal eben präsentiert, auf eine genial unterhaltsame und beiläufige Weise, ist eineradikale Infragestellung der ideellen Grundfesten der amerikanischen Nation, der Konzepte von Ungleichheit, Privatbesitz, Naturbeherrschung und Aufklärung." Und "das in einem Genrefilm, mit großem Budget produziert durch ein Major-Studio, unter Beteiligung einiger der herausragendsten Filmkünstler des Planeten. Man vergleiche das mit der in Deutschland derzeit wieder so wild wuchernden Angst vor allem, was das Land und seine kulturellen Glaubensbekenntnisse auch nur ein wenig herausfordert. So schnell könnte man gar nicht gucken, wie 'Blood & Sinners' in den Filmfördergremien hierzulande entkernt worden wäre."
Weitere Artikel: Eine Gruppe KI-Investoren wünscht sich von Hollywood unter dem Stichwort "optimistic storytelling" weniger dystopische Filme über KI, sondern mehr Pioniergeist und Aufbruchstimmung, berichtet Helmut Martin-Jung in der SZ. In Hollywoodfilmen gibt es keine tollen Visagen oder wenigstens hübsch schrägen Charaktergesichter mehr, stattdessen sieht man überall nur noch Sixpacks, makellose Zähne und Gloss, stellt Marie-Luise Goldmann in der Welt nach diesem Youtube-Videoessay fest. Auf Artechock ärgert sich Rüdiger Suchsland, dass diese Woche mit Mona Fastvolds "The Testament of Ann Lee", Christoph Hochhäuslers "Der Tod wird kommen", Richard Linklaters "Nouvelle Vague" und Isa Willingers Dokumentarfilm "No Mercy" in dieser Kinowoche gleich vier hochkarätige Filme ums Publikum buhlen und sich damit wohl gegenseitig kannibalisieren werden. Die Welt hat Jan Küvelers Porträt des Schauspielers Guillaume Marbeck online nachgereicht, der in Richard Linklaters "Nouvelle Vague" (unsere Kritik) Jean-Luc Godard spielt. Volker Schmidt resümiert in der FR einen Abend in Frankfurt zu Ehren von Wim Wenders. David Steinitz plaudert für die SZ mit Hape Kerkeling, der für einen neuen Kinofilm wieder in die Rolle des Horst Schlämmer geschlüpft ist.
Besprochen werden Mona Fastvolds "The Testament of Ann Lee" (Artechock, Welt, unser Resümee), Richard Linklaters "Nouvelle Vague" (Artechock, unsere Kritik), Simón Mesa Sotos "Un Poeta" (Artechock), Volker Koepps poetischer Dokumentarfilm "Chronos" über Osteuropa (FAZ), die Claude-Lanzmann-Ausstellung im Jüdischen Museum in Berlin (taz), Walter Aigners Dokumentarfilm "Die Wolle. Der Mensch. Das Schaf" (FAZ), Sebastian Brauneis' vorerst nur in Österreich startende Arbeitsmarktsatire "AMS" (Standard) und Gore Verbinskis Actionkomödie "Good Luck, Have Fun, Don't Die" (SZ).
Musik
Die feuilletonistische Popkritik sollte endlich mal wieder beherzter verreißen, findet taz-Musikredakteur Julian Weber. Dass seine Kollegen in anderen Blättern etwa über den "Erz-Langweiler" Harry Styles nur "burleskes Gestammel" brachten, zeige mal wieder: "Auch 40 Jahre nach Rave und 60 Jahre nach Punk wird im deutschen Feuilleton nach der Regel 'je kommerzieller, desto gesellschaftlich bedeutsamer' vorgegangen. Widerworte sind kaum geduldet. Höchstens als bornierter hochkultureller Abwehrreflex, wie nach der Pausenperformance von Bad Bunny im Super-Bowl-Finale. ... Weitermachen ist die einzige Option: antizyklisch denken und den unabhängigen Popdiskurs wieder auf Papier stattfinden lassen. Aus Köln kommt die frohe Kunde, dass das Netzmagazin 'für Insolvenz und Pop' Kaput im Mai den Schritt zur gedruckten Ausgabe wagt."
Außerdem: In der Zeit porträtiert Christian Bartlau den Wiener Musiker Voodoo Jürgens. Besprochen werden Stefan Hentz' Biografie über Miles Davis (FR) und Shabaka Hutchings' Album "Of the Earth" (taz).
Außerdem: In der Zeit porträtiert Christian Bartlau den Wiener Musiker Voodoo Jürgens. Besprochen werden Stefan Hentz' Biografie über Miles Davis (FR) und Shabaka Hutchings' Album "Of the Earth" (taz).
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