Efeu - Die Kulturrundschau

Wir bleiben im Erdgeschoss

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.03.2026. Bei der Biennale sollte die Kunst zählen und nicht der Pass, findet die Zeit mit Blick auf Russland. Die NZZ findet das naiv. Olesia Ostrovska, Direktorin des Kunstarsenals in Kiew, erzählt in der SZ, wie sich Museen in der Ukraine auf die Kriegsinvaliden einstellen. Die Filmkritiker begeistern sich für Mona Fastvolds "The Testament of Ann Lee" über die Gründerin der Shaker. Die FAZ schwärmt in Dessau von Sebastian Webers unwahrscheinlicher Fusion von Stepptanz und zeitgenössischem Tanz.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.03.2026 finden Sie hier

Film

Eine sakralgleiche Feier des Kinos: Amanda Seyfried als Sektengründerin in "The Testament of Ann Lee"

Mona Fastvolds "The Testament of Ann Lee" hat bereits bei den Filmfestspielen in Venedig und in Berlin für Aufsehen gesorgt, jetzt läuft der Film auch hierzulande an. Amanda Seyfried spielt in dem Musical-Historienspektakel die Gründerin der Shaker, einer Abspaltung der Quäker, die im 18. Jahrhundert in die USA übersiedelte und sich durch ekstatische Tänze, einer strengen Sex-Askese und der Überzeugung von der Gleichberechtigung von Mann und Frau auszeichneten. "Die Besonderheit des Films besteht darin, dass er sich weder an einem zeitgeistigen Update versucht, das Lee zur feministischen Pionierin stilisiert, noch dem im Kino gegenwärtig populären Trend erliegt, bei kontroversen Themen mit Ironie auf Sicherheitsabstand zu gehen", schreibt Michael Kienzl auf critic.de. Der Film "ist in jeder Hinsicht ein immersives Spektakel, das uns ganz in die Glaubenswelt der Shaker wirft."

Dieser auf Analogmaterial "gedrehte Film ist eine sakralgleiche Feier des Kinos", schwärmt Tobias Ostermeier in der taz und sieht "Seyfried staunend zu, wie sie sich in ihrem Spiel der so charismatischen wie leidgeprüften und aufopferungsvollen Heilsgestalt verausgabt. Immer wieder werden die Shaker von gewalttätigen Mobs angegriffen, die in Ann Lee und ihrem Treiben nichts anderes als Hexerei sehen. Es bleibt ein Rätsel, warum der Film und Seyfried im Speziellen für ihre sensationelle Darbietung keine Oscarnominierung erhielt." Der Film wurde nicht nur analog gedreht, sondern lässt auch anderweitig altes Kinohandwerk wieder auferstehen, freut sich Daniel Kothenschulte in der FR: "In den Naturkulissen wurden virtuelle Hintergründe als Matte-Paintings eingefügt, nicht digital, sondern indem durch bemalte Glasplatten gefilmt wurde. Diese bei Walt Disney und Alfred Hitchcock beliebte, aber heute gänzlich ausgestorbene Technik wiederzusehen, bricht den Realismus höchst subtil." Weitere Besprechungen in FAZ und Zeit.

Ein Clip aus dem Film vermittelt einen Eindruck von der (auf Shaker-Hymnen basierenden) Musik und den kraftvoll-körperlichen Choreografien des Films, von denen alle Kritiker schwärmen: 



Außerdem startet diese Woche Christoph Hochhäuslers neuer Thriller "Der Tod wird kommen", für den der Berliner Regisseur erstmals in Brüssel und auf Französisch drehte. "Nach einem gemeinsam mit seinem Stammkoautor Ulrich Peltzer geschriebenen Drehbuch ist der Film seine Interpretation des Polar, des französischen Kriminalfilms zwischen Genre- und Autorenkino" und das in deutlicher Nähe zu den Klassikern von Jean-Pierre Melville, schreibt Jens Balkenborg in der taz. Der Plot? Eine Auftragskillerin (Sophie Verbeeck) geht auf Hatz im Gangstermilieu: "Mit ihr etabliert Hochhäusler eine Heldin, die den bewaffneten Haufen selbst- und machtverliebter Typen aufmischt. Tez ist undurchschaubar und will lieber die laute Beretta anstatt des Modells mit dem Schalldämpfer. ... Unterfüttert von stimmungsvollen Synthesizerteppichen von Nigji Sanges und eingefangen in dynamisch gleitenden Bildern von Reinhold Vorschneider, spinnt Hochhäusler ein doppelbödiges Intrigen- und Verwirrspiel."

Weitere Artikel: Fabian Tietke empfiehlt in der taz eine Filmreihe im Berliner Sinema Transtopia mit Raritäten des chinesischen Dokumentarfilms der Achtziger und Neunziger. Der Schriftsteller Jerome Charyn ist in der Zeit sehr enttäuscht von "Marty Supreme" (unsere Kritik), der dem Tischtennisspieler Marty Reisman, mit dem er selbst einmal ein Match gespielt hat, leider nicht gerecht wird. Sandra Kegel (FAZ) und Christian Mayer (SZ) gratulieren Liza Minnelli zum 80. Geburtstag. Ihre aus diesem Anlass veröffentlichte Autobiografie besprechen NZZ und Welt. Timo Posselt hat Minelli für die Zeit Sprachnachrichten schicken dürfen und dafür von ihr Sprachnachrichten zurückerhalten.

Besprochen werden Richard Linklaters "Nouvelle Vague" (FR, unsere Kritik, weitere Besprechungen hier) und Simón Mesa Sotos "Un Poeta" (critic.de).
Archiv: Film

Kunst

Alle regen sich darüber auf, dass Russland nun wieder bei der Biennale in Venedig dabei sein soll. Aber, "wenn es in den Foren der Kunst nicht gelingt, über alle Gegensätze hinweg ins Gespräch zu kommen, wo bitte sonst?" gibt Hanno Rauterberg in der Zeit zu bedenken. "Wer nun fordert, Russland solle ausgeschlossen werden, auch Israel seinen Pavillon dichtmachen, verstärkt damit den Nationalismus, den man doch verachtet. Plötzlich werden Künstler in Sippenhaft genommen, plötzlich zählt nicht ihr Werk, es zählt ihr Pass. Und die ach so freiheitliche Kunstwelt zeigt, wie unfrei es dort mitunter zugeht. Mag schon sein, dass autoritäre Regime in Venedig auf propagandistische Effekte hoffen. Darauf, dass sie hier kulturoffen und liberal erscheinen. Doch zeigt die Geschichte, dass es Künstlern selbst in Monarchien und Diktaturen immer wieder gelungen ist, die Absichten ihrer Auftraggeber zu unterlaufen."

Naiv findet hingegen Philipp Meier in der NZZ die Vorstellung des Biennale-Präsidenten Pietrangelo Buttafuoco, der die Biennale als neutrales, "friedliches Miteinander" aller Nationen gestalten möchte: "Man darf indes vielmehr damit rechnen, dass im russischen Pavillon Propagandakunst für die Sache des Kremls zu sehen sein wird. Für die Bespielung ist die Firma Smart Art zuständig. Sie gehört der Tochter des russischen Aussenministers Sergei Lawrow. Rund vierzig Kunstschaffende beteiligen sich an der Ausstellung. Die Kunstaktivistin Nadeschda Tolokonnikowa von der feministischen Punk-Gruppe Pussy Riot hat eine Protestaktion vor dem Pavillon angekündigt. Überdies droht die Europäische Kommission, den laufenden EU-Zuschuss an die Biennale auszusetzen, falls die Biennale-Stiftung Russland die Wiedereröffnung seines nationalen Pavillons gestattet und dessen Bespielung auf der 61. internationalen Kunstausstellung bestätigt wird."

Im SZ-Interview erklärt Olesia Ostrovska, Generaldirektorin des "Mystetskyi Arsenal", das großen Kunstarsenals in Kiew, was Kultur in Zeiten des Krieges leisten kann. Sie spricht aber auch darüber, welche Herausforderungen eine Gesellschaft zu bewältigen hat, in der zahlreiche Menschen Kriegsverletzungen erlitten haben: "Auch unser Kinderfestival im Herbst dreht sich darum: Was bedeutet es, wenn man nicht laufen kann? Wenn einem Menschen Gliedmaßen fehlen? Kinder können das begreifen." Auch ihr Museum muss sich aufgrund der hohen Zahl an Invaliden und anlässlich eines wichtigen Festivals über das Thema Barrierefreiheit Gedanken machen: "Es gibt keine Aufzüge, denn der Umbau des Gebäudes konnte wegen des Krieges nicht fertiggestellt werden. Das Buch-Festival geht normalerweise über beide Etagen, selbst dann ist noch zu wenig Platz. Aber nach einer leidenschaftlichen Debatte haben wir uns in diesem Jahr entschieden: Wir bleiben im Erdgeschoss."
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Literatur

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Der Zeit liegt heute eine kleine Literaturbeilage bei. Auch darin enthalten ist Volker Weidermanns Reportage von seinem Besuch bei Siri Hustvedt in Brooklyn, in der Wohnung, in der Hustvedts Ehemann Paul Auster 2024 starb. Eben sind Hustvedts "Ghost Stories" mit Erinnerungen an ihre Ehe mit Auster erschienen. "'Ich will mit einem Witz auf den Lippen sterben' habe er sich vorgenommen, steht in den 'Ghost Stories'. Ob das geklappt habe? Natürlich nicht. ... Aber sie weiß noch, was sie ihm als Letztes sagte. Sie weiß nicht, wieso ihr das einfiel, 'es kam mir so'. 'Ich hielt sein Gesicht. Ich sagte: Gott, wir hatten Spaß, nicht wahr? Wir hatten solchen Spaß.' ... Auster hatte immer gesagt, wenn sie hundert Jahre zusammen wären, würden sie zu ein und derselben Person werden. Dazu ist es nicht gekommen. Es wurden 43. 'Ja, ich trauere um Paul', hat Siri Hustvedt geschrieben. 'Aber meistens trauere ich um Siri und Paul. Ich trauere um das UND. Ich trauere um das Gefühl, das dieses UND mir in der Welt bedeutete.'"

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Ebenfalls in der Literaturbeilage der Zeit unterhält sich Ronald Düker mit Roberto Saviano, dessen neuer Roman "Meine Liebe stirbt nicht" von Rossella Casini erzählt, die 1981 von der 'Ndrangheta brutal ermordet wurde, nachdem sie ihren Partner aus der Frisina-Familie zum Ausstieg aus der Mafia überreden konnte. Juristisch wurde der Mord höchst unzureichend aufgearbeitet, sagt der Autor. Casini machte auf ihn den Eindruck "unfassbar naiv", aber auch "sehr mutig" gewesen zu sein. Manchmal "kam sie mir vor wie Jeanne d'Arc. Dass sie sich entschlossen hat, mit der Justiz zusammenzuarbeiten - das hat damals noch keiner gemacht. ... Casini war keine Gewerkschafterin, die aus politischen Gründen gegen die Mafia kämpfte. Sie war auch keine Abtrünnige, die aus dem Innern einer solchen Familie kam. ... Sie hatte keine Ahnung von der Mafia, dafür einen unglaublich starken Antrieb, sich gegen diese Riesenorganisation zu stemmen: ihre extreme Liebe zu diesem jungen Mann, der dies überhaupt nicht verdient hatte."

Weitere Artikel: Thomas Hummitzsch arbeitet sich für Intellectures durch einen halben Regalmeter neuer Romane, die sich dem magischen Realismus zuordnen lasen. Luzi Bernet berichtet in der NZZ von der Auflösung des Mailänder Verlags und Buchhandels "La Hoepli". In der Zeit verabschiedet sich der Verleger Helge Malchow von Peter Schneider, dessen Bücher er verlegt hat (weitere Nachrufe hier). Und in der Zeit-Beilage porträtiert Katharina Teutsch den Verleger Klaus Bittermann (Edition Tiamat), der "linkes Denken als heiße Lebenskunstform" propagiert, aber sich auch als "Korrektiv von links" versteht, wenn er beispielsweise den "Zusammenhang zwischen linker Theoriebildung und Antisemitismus analysiert".

Besprochen werden unter anderem Kae Tempests "Ein Leben lang gesucht" (Standard), Joscijka Abels' "Julianische Tage im Schatten der Piazza" (FAZ) und Sophie Passmanns "Wie kann sie nur?" (SZ).

Außerdem bringt die Zeit heute eine Literaturbeilage, die wir in den kommenden Tagen an dieser Stelle auswerten. Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Bühne

"Ella", choreografiert von Sebastian Weber. Foto: Kurt-Weill-Fest


In der FAZ ist Wiebke Hüster begeistert von Sebastian Webers neuer Choreografie "Ella" im Rahmen des Kurt-Weill-Fests in Dessau. Omas kommen ja eigentlich nicht im Tanz vor. Um so erfrischender ist das Stück, das Weber als Hommage an seine eigene Großmutter konzipiert hat und in dem "sie ihm wieder gelingt, diese unnachahmliche, und eigentlich schwer vorstellbare Fusion von Stepptanz und zeitgenössischem Tanz. Webers Verschmelzung der Stile wirkt vollkommen organisch. Auch tanzen er und sein Ensemble mit einer unfassbaren Virtuosität und Natürlichkeit. Ein Stepp-Solo, wie das schier nicht endende, von ihm selbst getanzte, bildet auch den Höhepunkt von 'Ella'. Es fügt sich organisch in das Tanztheater ein. Es ist wie ein Moment in einem Miles-Davis-Konzert, wenn der Trompeter selbst zum Solo ansetzt und seine Improvisationen den Raum davontragen."

Bei backstage classical schlägt Joosten Ellée, Leiter des Esslinger Podiums, vor, eine Aussage wie die Timothée Chalamets, der Oper und Ballett kurzerhand für irrelevant erklärte (unsere Resümees) das nächste Mal besser zu ignorieren: "Findet die Leichtigkeit im Spiel wieder. Bohrt euch in die Tiefe eures Nerdtums. Übt wie verrückt. Inszeniert bis sich die Bretter biegen. Feiert die Schrägheit, die Komplexität, die Radikalität euer Kunst. Aber macht das alles ohne Angst. Relevanz lässt sich nicht herbei diskutieren."

Weitere Artikel: Sven Behrisch berichtet für die Zeit über die internen Streits, die Milo Raus inszenierter "Prozess" gegen die AfD am Hamburger Thalia Theater ausgelöst hat. Ebenfalls in der Zeit resümiert Peter Kümmel die Kontroverse um den Intendanten der Salzburger Festspiele Markus Hinterhäuser (mehr hier). Besprochen wird Jan Lauwers Inszenierung von Mozarts Oper "Titus" an der Staatsoper Berlin (FAZ).
Archiv: Bühne

Musik

Aida Baghernejad spricht für den Tagesspiegel mit Markus Acher von The Notwist, die dieser Tage ihr neues Album "News from Planet Zombie" veröffentlichen. Mit dem Erfolg von Bad Bunny ist auch der Salsa wieder da und dies "als Werkzeug des Maga-Widerstands und Ausdruck postkolonialer Awareness", freut sich Dorion Weickmann in der SZ. In der Zeit spricht Jens Balzer mit dem Graf von Unheilig über dessen Comeback, nachdem er 2014 noch sein Bühnen-Aus angekündigt hatte. Berit Dießelkämper spricht ebenfalls in der Zeit mit der Anglistikprofessorin Stephanie Burt, die ein Buch über Taylor Swift veröffentlicht hat. Urs Nagel schreibt im Tages-Anzeiger einen Nachruf auf den Boston-Sänger Tommy DeCarlo. Joachim Hentschel spricht für die SZ mit Kim Gordon, die ein neues Soloalbum veröffentlicht hat. Wir hören rein: 



Besprochen werden ein Boxset mit den Alben der 80s-Popband The Colourfield (Standard), ein Konzert des Wu-Tang Clan in Köln (FR) und ein Konzert von Alice Coote in Frankfurt (FR).
Archiv: Musik