Vorworte
"Wenn ich ernst sein könnte, dann wäre ich ernst"
Über Bücher, die kommen. Von Angela Schader
12.03.2026. Die Themen, die sein Werk umkreist, sind gewichtig genug. Libanons traumatische Geschichte; Homosexualität und Aids-Epidemie; Flüchtlingskrise; Figuren, die vom Leben an den Rand gedrängt werden. Rabih Alameddine geht diese Stoffe couragiert und eigenwillig, mit Ironie und Witz an, riskiert dabei auch mal einen Misston. Doch sein jüngster, in den USA mit dem National Book Award gekrönter Roman ist zum Triumph geraten.
Wer ist er, dieser Rabih Alameddine? Kriegt man Lust, ihn kennenzulernen?
Er ist, zuallererst, Autor von mittlerweile sieben Romanen, einer Erzählsammlung und einem schmalen Essayband über das Politische in der Kunst. Zwei seiner Bücher liegen bereits auf Deutsch vor, die Übersetzung des jüngsten, in den USA mit dem National Book Award ausgezeichneten Romans, "The True True Story of Raja the Gullible (and His Mother)", wird demnächst bei C. H. Beck erscheinen.
Und wie steht er selbst zu seinem Schaffen? Im Spagat, natürlich.
"Libanese zu sein bringt viele schreckliche Dinge mit sich", erklärt Alameddine 2021 der New York Times, "aber wenn man dort, wo ich herkomme, als Geschichtenerzähler antreten will, dann braucht es eine leichte Hand."
Der afroamerikanischen Künstlerin Kara Walker wiederum gesteht er im selben Jahr, dass er Buch für Buch versuche, nicht lustig zu sein. "Ich bin es so müde, dass man mir vorwirft, ich sei ein komischer Autor. Wenn ich bloß ernst sein könnte, dann wäre ich ernst."
"Alas, poor Yorick", quittiert Walker ironisch mit Shakespeare. Und weiß nicht, wie grausam genau das passt. Aus Alameddines Entgegnung wird klar, dass seine Angehörigen im Libanon infolge der Wirtschaftskrise, die ab 2019 das Land überrollte, ihr ganzes Vermögen verloren. Er habe daraufhin versucht, in der Hoffnung auf kommerziellen Erfolg einen Krimi zu Papier zu bringen, sei aber gescheitert. Mit "Raja, the Gullible" ist der Erfolg nun da - aber auch ein Preisgeld von 10 000 Dollar und bessere Verkaufszahlen werden den Schaden wohl nicht gutmachen. Wer jedoch definitiv auf die Rechnung kommt, sind die Leserinnen und Leser dieser so verqueren wie zauberhaften Liebesgeschichte. Hierzulande sollten sie sich vom etwas massig wirkenden Titel "Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter)" nicht abschrecken lassen, denn Werner Löcher-Lawrence hat den Roman wendig und witzig ins Deutsche gebracht.
Liebesgeschichte? Das könnte anrüchig oder schlicht absurd tönen angesichts des ersten Auftritts ihrer Protagonisten. Da bürstet der Titelheld, gestandene 63 Jahre alt, seiner Mutter Zalfa geduldig dunkle Tönung ins Haar, während die alte Dame ihn mit verbalen Pfeilen beschießt - und als Krönung den ordinären Fluch hinterherschickt, der sich in dieser Konstellation nun wirklich absolut verbieten würde. Aber nein: Ein Ödipus-Drama wird hier nicht aufgeführt. Das wird spätestens klar, wenn Radscha die eigene Liebesmüh' mit einem ausgiebigen Blick auf den gegenüberliegenden Balkon belohnt, wo sich ein knapp bekleideter Bursche räkelt.
In diesem jüngsten Buch bewegt sich Alameddine im Themenkreis, den er schon in früheren Werken ausgesteckt und variiert hat: Homosexualität, familiäre Beziehungen, die traumatische Geschichte seiner libanesischen Heimat. Die wird hier über den von 1975 bis 1990 dauernden Bürgerkrieg hinaus bis in die frühen 2020er Jahre fortgeschrieben: Neben der Wirtschaftskrise, die zahllose Menschen um ihr Erspartes brachte und einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung dem schieren Hunger preisgab, wird auch die Explosion im Beiruter Hafen vom 4. August 2020 in knappen, bildstarken Passagen festgehalten. Etwa wenn Radscha am Morgen nach der Katastrophe mit Besen, Kehrblech und Müllsäcken auf die Straße tritt, um dem Staub und Schutt zu Leibe zu rücken. Er ist nicht allein; wortlos, aber beharrlich fegen auch Nachbarinnen und Nachbarn, an jeder Straßenecke wächst der Zug an. Sisyphusarbeit bis zur Erschöpfung. "Am Ende sank ich ausgerechnet auf die Haube eines zerdrückten silbernen Mercedes, als wäre es ein urzeitlicher Thron und mein Besen ein Szepter."
Gerahmt wird der siebenteilige Roman von zwei im Jahr 2023 situierten Kapiteln. Und wenn man bei der häuslichen Friseur-Szene, die das erste entwirft, Zalfas kantig-verqueres Profil ebenso ins Herz schließt wie den sanftmütigen Helden, dann ist schon der Boden für das letzte bereitet. Es wäre wieder Zeit, dass Radscha seines Amtes als "Haarkolorateur" waltet; da findet er die Mutter leblos im Bett. Für sie war der Tod gnädig, weil er schnell und unerwartet kam, für den Sohn ist er ein Riss durchs Herz - er weiß nicht, wie er die anstehenden Kondolenzbesuche durchstehen soll. Weiß noch weniger, was ihn dabei erwartet: kein Tröpfeln von Bekannten und Angehörigen, sondern Kohorten von Zugewandten, die aber durch ein eingeschworenes Team in perfekter Choreografie durch Radschas winzige Wohnung gesteuert werden. Der diskret queere Romanheld, der seit 36 Jahren Philosophie und Französisch an einer Beiruter Schule unterrichtet, wie auch seine Mutter, die erst spät im Leben, dann aber als prächtige Distel erblühen durfte: Sie haben eine zünftige Anhängerschaft - der man sich als Leserin gerne anschließt.
In den dazwischen liegenden Kapiteln wird, in wechselnden Zeiträumen ausgebreitet und ineinander verschränkt, die Geschichte des Protagonisten und seiner Heimatstadt erzählt. Radschas Kindheit und Jugend stehen im Zeichen des Andersseins: Vom älteren Bruder wird er verhöhnt und schikaniert, mit den Matchbox-Autos, die er zum Geburtstag erhält, spielt er auf eigene Art: "Als mein Vater hereinkam und mich fragte, was ich da machte, erklärte ich ihm, der Ford und der Mercedes besuchten die englischen Jaguars, die ihre Gäste natürlich mit Tee bewirteten. Und dann aßen alle Autos Gurkensandwiches." Später möchte er Klavierunterricht nehmen, der Vater interveniert; wieder verschließt sich "eine Welt, die nicht meine war, ein Anderswo, das immer anderswo bleiben würde, in einer anderen Wohnung, für jemand anderen." Erst für den Fünfzehnjährigen öffnet sich, buchstäblich, eine solche Wohnung - diejenige der im gleichen Miethaus lebenden Mrs. Murata, mit karger, japanischer Eleganz eingerichtet. Japan wird ihm zur Wunsch- und Gegenwelt, sogar der Bonsai, "eingesperrt und gefoltert, aber majestätisch und hinreißend schön" spricht ihn an. Da weiß er noch nicht, welch seltsamen Schössling die neu entdeckte Kultur in seinem eigenen Leben treiben wird.
Kurz nach dieser Begegnung beginnt der Bürgerkrieg. Radscha wird aus nächster Nähe Zeuge einer Gewalttat, muss sich daraufhin, mit Hilfe eines älteren Mitschülers, in einem fensterlosen Kellergelass verbergen. Als Entgelt wünscht sich der Kamerad Tanzunterricht; der nicht nur in diesem Bereich stolpernde Pas de deux der jungen Männer wird den Protagonisten zum ersten Sex - und damit zur Klarheit führen. Zwar hat er zuvor schon geahnt, "dass ich Männer auf diese Weise mochte. Aber ich wusste nicht, dass ich sie so sehr mochte. Ich wusste, ich war anders. Aber nicht, dass ich so anders war."
Im Gegensatz zu früheren Werken wirft Alameddines jüngster Roman nur gelegentliche Streiflichter auf das Thema Homosexualität. Neben der Zuneigung zwischen Sohn und Mutter, die sich über Jahrzehnte und durchaus nicht reibungsfrei entwickelt, bestimmt auch Radschas Leidenschaft für Japan die Dynamik des Handlungsverlaufs. Mrs. Murata ist beim Ausbruch des Bürgerkriegs in ihre Heimat zurückgekehrt, hat dem Protagonisten aber ein Lehrbuch überlassen, mittels dessen er sich in zäher Mühe die fremde Sprache aneignet; gegen Ende der Kriegsjahre beginnt er, Impressionen seiner Spaziergänge durch das verwüstete Beirut auf Japanisch festzuhalten. Das schmale Manuskript schickt er an Mrs. Murata; deren Nichte legt es ohne sein Wissen einem japanischen Verlag vor, und es wird unverhofft zum kleinen, aber feinen literarischen Erfolg, der Radscha einen ordentlichen Betrag aufs Konto spült. Doch als im Zug der Wirtschaftskrise die libanesischen Banken kollabieren, ist das für die späten Lebensjahre gehortete Finanzpolster dahin - und daraus entwickelt sich eine zunehmend konstruiert wirkende Episode mit überlangem Ende, die leider zum Negativposten in der Bilanz des Romans gerät. Allerdings: Im Gegensatz zum materiellen Totalverlust, den der Held erleidet, hält sich der literarische Schaden in Grenzen und wird durch die Freuden der übrigen Lektüre mehr als aufgewogen.
Und wer ist er nun, der Mann hinter Radscha, der selbstironische Poseur im Bronzino-Look? Die im Roman geschilderten Katastrophen, die Beiruts Geschichte zäsierten, hat er womöglich nicht vor Ort erlebt, denn als der Bürgerkrieg am Horizont stand, schickten die Eltern den damals Fünfzehnjährigen in ein englisches Internat. Anschließend studierte er an kalifornischen Hochschulen Ingenieurwesen und Betriebswissenschaften. Das allerdings war nur eine letzte Verneigung vor den Idealen bürgerlicher Lebensführung; er ließ sich in San Francisco nieder und wandte sich bald dem zu, was ihm wirklich am Herzen lag: Malerei, Literatur - und Männern.
Die Situation im Libanon verlor Alameddine dabei nie aus dem Blick, aber auch am neuen Lebensort brach der Boden ein. Ab den 1980er Jahren griff die Aids-Epidemie in den USA um sich, und obwohl er selbst von der Krankheit verschont blieb, hat die Katastrophe sein Inneres umgepflügt. Das lässt sich aus seinen ersten Büchern wie auch einem jüngeren Werk lesen.
In "Koolaids", dem 1998 erschienenen Debütroman, wagt der Autor einen temporeichen Zusammenschnitt der Ereignisse, die direkt oder indirekt sein bisheriges Leben prägten; der Fokus springt hin und her zwischen den Konflikten im Libanon und der grausamen Ernte, die der Tod in der Schwulenszene von San Francisco hält. Zwei der von der Epidemie erfassten Hauptfiguren, Mohammad und Samir, sind in die USA emigrierte Libanesen, der erstere hat - wie Alameddine zu Beginn seiner Laufbahn - dort als Kunstmaler Fuß gefasst. Auch Mohammads Freund Kurt und der hoffnungslos untalentierte Ben Baxter versuchen sich als Künstler neu zu erfinden, als mit der Aids-Diagnose das Lebensende in Sichtweite rückt. Wer nun aber Sorge hat, quer durch den Roman dem Totengräber hinterherschleichen zu müssen, liegt falsch. Alameddine durchsetzt das Erzählgeschehen mit Streiflichtern auf Malerei und Kulturbetrieb ebenso wie mit Tagebucheinträgen von Samirs im Libanon verbliebener Mutter oder authentisch wirkenden Pressemeldungen über das dortige Geschehen. Gelegentlich treten die vier apokalyptischen Reiter auf; durchs ganze Buch zieht sich ein Dramolett, das die Bühne für eine Cast öffnet, die von den Helden des Mahabharata und dem persischen Mystiker Rumi über Eleanor Roosevelt und Julio Cortázar bis zu Tom Cruise und noch um einiges weiter reicht. Es ist, als wollte der Autor mit seinem Erstling demonstrieren, wie furcht- und ehrfurchtslos aus Betroffenheit entstandene Literatur sein kann.
Im 1999 erschienenen Erzählband "The Perv" fächert Alameddine das Thema Homosexualität weiter auf, doch sein Engagement für die Community beschränkte sich nicht aufs Literarische: Während der Aids-Epidemie gehörte er zu den vielen, die ihre erkrankten Partner und Freunde unterstützten und begleiteten. Damals hätten ihm Zeit und Kraft gefehlt, um die eigenen Gefühle zu verarbeiten, sagt er im Gespräch mit John Freeman vom Literary Hub. Und die kämen hoch, wenn man es am wenigsten erwarte - nach Monaten, vielleicht erst nach Jahren. Aus einem solchen Moment könnte der 2016 erschienene Roman "The Angel of History" entstanden sein, der in der Übersetzung von Joachim Bartholomae als "Der Engel der Geschichte" auch auf Deutsch greifbar ist.
Das Buch wirkt geschlossener als der Erstling, spielt aber ebenfalls auf unterschiedlichen Ebenen. Den Rahmen setzt das dröge Wartezimmer einer psychiatrischen Notfallklinik in San Francisco, wo der Ich-Erzähler Jacob Hilfe sucht: Der zwanzig Jahre zurückliegende Aids-Tod seines Partners Doc hat ihn eingeholt, er wird von Halluzinationen und Stimmen verfolgt. Rückblenden auf Jacobs Leben sind in seine Tagebucheinträge gefasst; sie reichen über die manchmal quälende Liebe zu Doc, seine sinistren Begegnungen in der Sado-Maso-Szene und den Verzweiflungskampf der homosexuellen Community gegen Aids zurück bis in die brüchige Kindheit des Protagonisten. Sein Vater: ein libanesisches Herrensöhnchen, seine Mutter: das jemenitische Dienstmädchen, mit dem sich der Junge verlustierte. Sie wurde schwanger - und umstandslos vor die Tür gesetzt. So geriet Jacobs Kindheit zur Irrfahrt, welche die Mutter zurück in den unwirtlichen Jemen, dann nach Kairo in ein Bordell führte, den Sohn schließlich in eine libanesische Klosterschule, die alles andere war als ein Hort der Barmherzigkeit.
Später schafft er es nach Amerika, doch dort zeigt man sich gegenüber seinesgleichen nicht gnädiger. Er sei kaum wahrgenommen worden, notiert der Protagonist, außer von einigen Pädophilen: "dunkel, klein und exotisch, den ficken wir, ja bitte". Oder dann als Unterhund: Noch dem mittlerweile über Fünfzigjährigen hält eine Kundin vor dem Supermarkt wortlos ihre Einkaufstaschen hin, in der Annahme, er sei als Träger angestellt. Aber er, scheinbar der Randständige und Fragilste in Kreis seiner homosexuellen Freunde, wird einen nach dem andern durch den Kampf mit der Seuche begleiten und als einziger überleben.
Das gilt ihm Alameddine mit neuer Gesellschaft ab: Keine Geringeren als Tod und Teufel sowie die als die Vierzehn Nothelfer bekannten Heiligen lässt er in Jacobs Wohnung aufmarschieren und über die Menschen im Allgemeinen und den Protagonisten im Besonderen verhandeln. Frech, witzig, poetisch ist das aufgegleist, und am Ende erscheinen die Herrschaften in corpore, um dem Verzweifelten beizuspringen.
In dreien seiner Bücher rückt Alameddine weibliche Charaktere ins Zentrum. Oder müsste man von zweieinhalb sprechen? "The Wrong End of the Telescope" (2021) führt mit der Ich-Erzählerin Mina und der ihre neue Weiblichkeit lustvoll ausspielenden Emma gleich zwei Transgender-Figuren ein - und schafft damit einen Nebenschauplatz, der den Roman eher überfrachtet als bereichert. Denn das Hauptthema ist gewichtig: Handlungsort ist Lesbos, das eine Zeitlang Brennpunkt der Flüchtlingskrise war. Und dabei kann der Autor Eindrücke aus erster Hand verarbeiten. Alameddine wollte sich dort engagieren, nachdem er zuvor schon im Libanon Erfahrungen mit Menschen gesammelt hatte, die vor Asads brutalem Vernichtungskrieg gegen die Aufständischen geflüchtet waren.
Doch Lesbos war ein Schock. "Ich kam an und erlebte einen totalen Selbstverlust", gesteht er Kara Walker. "Nie hatte ich etwas Ähnliches erfahren. Ich verstand nicht mehr, wer ich war, was ich hier sollte." Um die nötige Distanz zum Stoff zu finden, habe er im Roman die Erzählstimme an Mina delegieren müssen; allerdings markiert auch der Schriftsteller selbst - zwar anonymisiert, aber durch gelegentliche Verweise auf sein Werk kenntlich gemacht - im Figurenensemble deutlich Präsenz. Und diese Doppelbesetzung verwässert den Fokus des Buches. Zwar entwickelt Alameddine eine berührende Erzählung um eine Flüchtlingsfamilie, blendet wiederholt auf die miserablen Lebensumstände im Lager, rapportiert auf realen Begegnungen fußende Einzelschicksale und wirft scharfe Streiflichter auf die im Gefühl des eigenen Gutmenschentums badenden freiwilligen Helfer. Aber die parallel dazu nachgezeichnete Lebensgeschichte Minas entwickelt keinen sinnfälligen Bezug zum Kernthema, und bei dem Alter Ego, welches Alameddine in den Roman vorschickt, blitzt neben Selbstironie dann und wann auch Selbstgefälligkeit auf.
Blenden wir zurück zu "I, the Divine", Alameddines erstem, 2001 erschienenen Frauenroman. Da gibt es Anfänge ohne Ende - das suggerieren zumindest die Kapitelüberschriften. Die meisten sind Variationen von "Chapter One", wobei Wortlaut oder Schriftart die kleinen Unterschiede schaffen. Diese Anläufe erschließen ein Themenspektrum, das teilweise auch die hier bereits vorgestellten Werke prägt: etwa die transnationale Erfahrung der Figuren, der libanesische Bürgerkrieg oder, eher peripher, gleichgeschlechtliche Beziehungen. Ins Licht rückt zudem das Drusentum, die Religionsgemeinschaft, der auch Alameddines Familie entstammt. Im Roman wird es durch den Großvater der Protagonistin verkörpert, der dieser auch den Namen Sarah - nach der von ihm vergötterten Sarah Bernhardt - und dazu ein entsprechendes Selbstbewusstsein gegeben hat. Ein geglücktes Leben garantiert das freilich nicht. Sarahs zwei Ehen werden scheitern, ebenso ihre tiefste und schmerzlichste Liebesbeziehung. Eine unverhofft erfolgreich begonnene Karriere als Künstlerin führt sie zudem gleich zweimal in die Sackgasse. Beim ersten Mal rettet sich die Heldin mit einer ironischen Volte, beim zweiten schämt man sich am Ende fast über das Amüsement, das einem das schmählich-triste Szenario zunächst beschert hat.
So sprunghaft und turbulent Sarahs Leben verläuft, so still ist dasjenige, welches Alameddine in seinem dritten und erfolgreichsten Frauenroman nachzeichnet; "An Unnecessary Woman" (2014) liegt in Marion Hertles Übertragung unter dem Titel "Eine überflüssige Frau" auf Deutsch vor. Aaliya heißt die zweiundsiebzigjährige Protagonistin, seit fünfzig Jahren übersetzt sie Weltliteratur ins Arabische, von Tolstoi bis W. G. Sebald, von Danilo Kiš bis Lampedusa. Hat sie ein Manuskript vollendet, verschwindet es für immer in einer der sich im Hinterzimmer ihrer Beiruter Wohnung stapelnden Schachteln. Denn Aaliyas Ansatz bei ihrem Tun ist wenig professionell, und sie weiß es. Was sie leistet, ist reiner, persönlicher Liebesdienst an der Literatur; was sie sucht, ist Zuflucht vor einem Leben, in dem sie zunächst nicht mehr war als das entbehrliche Anhängsel einer zänkischen Familie und später eines in jeder Hinsicht impotenten Ehemanns.
Die Insistenz, mit der einem die Romanheldin ihre Leidenschaft vorlebt, mag ihrer Situation entsprechen, wird aber mit der Zeit allzu penetrant; wo jede sich bietende Gelegenheit für ein Zitat, einen literarischen Verweis genutzt wird, stellt sich statt Würze ein schaler Geschmack nach Bildungsbürgertum ein. Das entspricht gewiss nicht Alameddines Intention; anderweitig aber bricht er Aaliyas Charakterbild bewusst und auf bestürzende Weise auf. Zu später Stunde fordern ihre Halbgeschwister, dass auch sie ihren Teil an der Verantwortung für die im Greisenalter stehende Mutter übernehme; die Protagonistin wehrt sich auf eine Art, die einen trotz ihrer tristen Familiengeschichte kalt erwischt, und es wird dauern, bis sich ihre Herzensstarre ein wenig löst. Verabschiedet wird sie dann mit einem Finale, das Strafe und Lohn zugleich ist; den Doppelschlag führt der Autor mit wunderbar leichter Hand.
Die brauche es, so wurde Alameddine eingangs zitiert, wenn man in seiner Heimatregion als Geschichtenerzähler antreten wolle - und genau das versucht er in "The Hakawati" (2008). Hakawati nennt man im arabischen Raum die traditionellen Geschichtenerzähler; eine solche Figur stellt der Autor im Roman als Türöffner zwischen die Realitätsebene und die mehr oder minder phantastischen Welten, die sie umlagern. Es ist Ismail al-Kharrat, der Großvater des Ich-Erzählers Osama. Durch diese beiden Figuren erfährt man die Familiengeschichte der al-Kharrats, von den obskuren Anfängen in einem drusischen Bergdorf bis zum Aufstieg in die Beiruter Hautevolee - und sie hat nicht weniger Saft als die drei Erzählungen, die sich parallel dazu entwickeln.
Diese sind durch gelegentliche Berührungspunkte untereinander wie auch mit der Realitätsebene verbunden, speisen sich aber aus unterschiedlichen Quellen. Da ist die aus Bibel und Koran gezogene Geschichte Abrahams, der nicht nur als Stammvater des Volkes Israel, sondern auch als derjenige der Araber gilt; dann ein nach orientalischer Fasson geschneidertes Märchen, das auf weiblicher Seite eine handfeste Heldin und auf männlicher eine homoerotische Komponente einbringt; und schließlich eine üppig ausgemalte Heldenvita, die vom volkstümlichen ägyptischen Epos über eine reale Persönlichkeit, den Mamluken-Sultan al-Zahir Baybars, inspiriert sein dürfte. Diese Erzählung allerdings, überlang und zunehmend repetitiv, droht dem Roman den Rücken zu brechen - es ist gerade die leichte Hand, die man hier vermisst. Zum Herrscher über Herzen und Köpfe der Lesenden jedenfalls taugt Radscha auf seinem zerbeulten Mercedes-Thron entschieden besser als der historisch verbriefte Held.
Rabih Alameddine: Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter)Roman
Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence.
Verlag C. H. Beck, München 2026. 351 S., kartoniert, 26 Euro.
Erscheint am 20. März 2026
Zur Leseprobe
(bestellen bei eichendorff21)
Mehr Infos beim C.H. Beck Verlag
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