Efeu - Die Kulturrundschau
Auftritte mit oder ohne Badehose
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.12.2025. Die Zeit erfreut sich in einer Hamburger Ausstellung an sakraler wie profaner Katzen-Kunst. Die taz fröstelt es in François Ozons Camus-Adaption "Der Fremde". Der Tagesspiegel erinnert an den Stadtplaner James Hobrecht, ohne den Berlin nicht aussehen würde, wie es aussieht. Warum interessiert sich niemand mehr für Jean Paul, fragt Franzobel in der Welt. Die SZ freut sich über eine 84 CDs umfassende Box mit Aufnahmen von Friedrich Gulda.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
31.12.2025
finden Sie hier
Kunst

Spatzenschreck. Deutschland, 1. Hälfte 20. Jahrhundert. © MARKK.
Foto: Paul Schimweg
Justine Konradt streift im Zeit-Auftrag durch die "Katzen!"-Ausstellung im Hamburger MARKK und lernt dort einiges über die lange Tradition von Katzendarstellungen auf aller Welt, oft verbunden mit religiösen Konnotationen: "Die Gegenwart der Katzenverehrung leuchtet uns ... pinkplüschig entgegen. Aus kleinen Augen in gigantischen Kopfovalen beobachten eine Vielzahl japanischer Hello-Kitty-Figuren die umherstreifenden Besucher und eine ganze Armee von Maneki-neko genannten Winkekatzen, ebenfalls japanischer Herkunft, lockt in den nächsten Saal. Mit ihren erhobenen, ständig vor und zurück schwenkenden linken Tatzen versprechen sie Wohlstand und Glück, heißt es. Diese popkulturell aufgepusteten Katzengestalten werden vor allem wegen ihrer grotesk übersteigerten Niedlichkeit geliebt: weg von göttlicher Huldigung hin zu profanem Kitsch."
Zerschnittene Leinwände, durchlöcherte Skulpturen. Das waren die Markenzeichen des Malers und Bildhauers Lucio Fontana (1899-1968), dem die Peggy Guggenheim Collection in Venedig derzeit eine Ausstellung widmet. Gezeigt werden zwar nur Keramiken, Marion Löhndorf bekommt in ihrer Besprechung für die NZZ dennoch das ganze Werk in den Blick: "Die Schnitte und Löcher der runden, ovalen oder elliptischen Objekte vermitteln - wie bei den Bildern - die Illusion eines hinter den Oberflächen liegenden Raums, den Fontana öffnen wollte. (...) Die Geste der Perforation, zusammen mit dem Einreißen oder der Gravur, überwand die Unterscheidung zwischen Skulptur und Malerei. Obwohl seine zerschlitzten Leinwände und Skulpturen etwas mit destruktiver Gewalt zu tun zu haben scheinen, bestand Fontana darauf, dass sie im Gegenteil die Hervorbringung von etwas Neuem seien: 'Ich habe etwas geschaffen, nicht zerstört.'"
Weiteres: Stefan Trinks vergleicht in der FAZ den Renaissancemaler Hans Baldung Grien mit KI-generierter Kunst und gibt, wenig überraschend, Grien den Vorzug. Auf monopol listen zahlreiche Autoren ihre liebsten Ausstellungen des Jahres 2025 auf. Besprochen werden ein Buch der Kunstwissenschaftlerin Nina Schedlmayer über die expressionistische Malerin Stephanie Hollenstein (taz) und eine Zauberkunst-Ausstellung im Hamburger Museum Bellachini (FAZ).
Film

François Ozons Adaption von Albert Camus' existenzialistischem Klassiker "Der Fremde" startet in den Kinos. Die Neigung des Regisseurs, seine Filme an große Namen der Filmgeschichte anzulehnen, tritt auch wieder zutage, schreibt Daniel Kothenschulte in der FR. "In Bildern karg wie der Neorealismus erinnert der Schwarzweißfilm zugleich an die Anfänge des Existenzialismus im französischen Kino. ... Er belässt der Vorlage in einem reduzierten Stil ihre Rätselhaftigkeit und arbeitet zugleich die Aktualität des anti-arabischen Rassismus heraus. ... In den Liebesszenen schillert eine unsentimentale Sensualität, etwas, das sich den romantischen Spielfilmkonventionen entgegenstellt. Offen, aber frei von Anzüglichkeit, besitzen diese Liebesszenen eine Erotik, die sich an den Oberflächen der Schönheit bricht."

"Unübersehbar ist die immer wieder aufscheinende handwerkliche Finesse Ozons", konstatiert auch Michael Kienzl im Perlentaucher, der darin aber nur den Versuch des Regisseurs sieht, sein Publikum für sich einzunehmen und von der Buchstabentreue des Films abzulenken. "Penibel folgt 'Der Fremde' sämtlichen Stationen aus dem Roman. ... Manche Szenen wirken wie lediglich pflichtschuldig abgehakt. ... Mehr gesehen hätte man gern von der so fragilen wie hartnäckigen Rebecca Marder, die als Marie der offensichtlichen Hoffnungslosigkeit mit berührend hilfloser Gutgläubigkeit begegnet. Aber solche Momente bleiben vereinzelte Lichtblicke in einer zu devoten Adaption, deren Buchstäblichkeit ihr zukünftig eine Karriere im Schulunterricht - wo Camus' Roman mitunter Pflichtlektüre ist - ebnen könnte."
Weitere Artikel: Michael Ranze schreibt im Filmdienst einen Nachruf auf Brigitte Bardot (weitere Nachrufe hier). Die Welt hat Elmar Krekelers Porträt des Schauspielers Hans Sigl online nachgereicht.
Bühne
Christine Dössel erinnert in der SZ an den verstorbenen Bühnen- und TV-Schauspieler Peter Sattmann. An den ebenfalls verstorbenen Bühnenschauspieler Roman Kaminski verfasst wiederum Simon Strauß in der FAZ eine persönlich gefärbte Hommage, in der BlZ widmet sich Ulrich Seidler dem Andenken Kaminskis. Christoph Becher lässt in der nachtkritik sein Opernjahr 2025 Revue passieren.
Architektur
Nikolaus Bernau widmet sich im Tagesspiegel James Hobrecht, einem Stadtplaner, der das Berliner Stadtbild der Moderne maßgeblich mitgeprägt hat und dieser Tage 200 Jahre alt wird. Hobrecht war zwar in erster Linie an technisch-funktionalen Fragen rund um Feuersicherheit, Abwasser und Ähnlichem interessiert, sein Wirken hat jedoch auch eine soziale Dimension: "Hobrecht entwickelte ein Ideal des Zusammenlebens nach Pariser Vorbild: In den unteren Geschossen des Vorderhauses sollten die wohlhabenderen Bürger wohnen, darüber Facharbeiter und Handwerker, unter dem Dach die Dienstboten, in den Hinterhäusern die Fabrikarbeiter: Durch diese Nähe der sozialen Schichten, so glaubte er, ließe sich der Revolution vorbeugen. Deswegen wandte sich Hobrecht auch konsequent gegen die Aufteilung der Stadt nach sozialen Gruppen und die Reihen- und Kleinhäuser: 'Nicht 'Abschließung', sondern 'Durchdringung' scheint mir aus sittlichen und darum aus staatlichen Rücksichten das Gebotene zu sein'. Mischung, das Stichwort eines liberalen Städtebaus unserer Zeit, hatte auch für ihn positiven Wert." (Mehr über Hobrecht beim RBB.)
Literatur

Weiteres: NZZ-Literaturkritiker Roman Bucheli geht in Rente und damit "einer, der die Bücher bedingungslos liebte - sogar die schlechtesten", seufzt sein Kollege Rico Bandle im Abschiedsbrief. Bucheli selbst verabschiedet sich mit einer Schau der schönsten Anfeindungen, die er in knapp 35 NZZ-Dienst erhalten hat. Andreas Platthaus schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den langjährigen Horen-Herausgeber und Schriftsteller Johann P. Tammen. Besprochen werden unter anderem Mirjam Zadoffs Essay "Wie wir überwintern" (Standard), David Wojnarowiczs "Waterfront Journals" (NZZ) und die dem Schriftsteller Lutz Seiler gewidmete, neue Ausgabe von Text + Kritik (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Musik
Eine 84 CDs umfassende Box mit Aufnahmen von Friedrich Gulda nimmt SZ-Kritiker Helmut Mauró zum willkommenen Anlass zu einer Darstellung von Leben und Werk des Pianisten. Um vermutete Intentionen der Komponisten, deren Werke er spielte, sei es ihm nie gegangen. Gulda "sah die Stücke als selbständige Kunstwerke, zu denen er Stellung nimmt. Er spielte das Werk und gleichzeitig seine Reaktion darauf. Deshalb spürt man in schier jeder seiner Aufnahmen diese ungeheure Spannung, die auch das kleinste Vorspiel zum großen persönlichen Drama anwachsen lässt, mit allem, was dazugehört: parlierende Gelassenheit, rasende Wut, verzweifeltes Aufbäumen, und am Ende ein tödlich stilles Zusammensinken in sich selbst." Als die Sechziger kamen, griff Gulda "das Freiheitsversprechen der Flower-Power-Zeit begierig auf". Obwohl: "Eigentlich brauchte Gulda keine Massenbewegung, um sich von menschlichen Zwängen zu befreien. Er war seine eigene Revolution. Auch wenn es nach außen hin nicht so aussah: Gulda nahm sich als Künstler ernst. Je lächerlicher er manchen auf der Bühne erschien, sei es bei Auftritten mit oder ohne Badehose, desto ernster war es ihm grundsätzlich: Ecce homo - sehet, ein Mensch."
In diesem Porträtfilm lässt er sich unter anderem über den "unverantwortlichen und übertriebenen Konservatismus" des Klassikpublikums aus.
"Die Zeit ist tatsächlich reif", findet auch Gregor Dotzauer im Tagesspiegel zu den sich offenbar konkretisierenden Plänen, das seit vielen Jahren geforderte "House of Jazz" nun in einem früheren Soldatenkino in Berlin-Reinickendorf entstehen zu lassen (mehr dazu bereits hier). "Berlin hat sich in den vergangenen beiden Jahrzehnten zu einer Welthauptstadt des Jazz entwickelt. Musikerinnen und Musiker aus aller Welt haben hier eine Bleibe gefunden. Während für die Amerikaner und Engländer die Unerschwinglichkeit von New York und London eine Rolle spielt, haben sich durch zusehends hochwertige Ausbildungsangebote zwischen Basel und Graz, Trondheim und Amsterdam, europäische Netzwerke herausgebildet, zu denen auch das Berliner Jazzinstitut, eine Kooperation von Hanns-Eisler-Hochschule und Universität der Künste, beiträgt. Trotz ihres Reichtums an Ideen und Talent ist die Szene aber ein Armenhaus geblieben."
Laut Tagesspiegel-Kritiker Ulrich Amling steckt "viel Trauer, Abschied und Herzensbruch" in der "überraschend bunten Abfolge von Vorspielen, Arien und Suiten", die das traditionelle Silvesterkonzert der Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko mit Benjamin Bernheim zu bieten hat. Die letzte Aufführung des Programms wird heute auch live im Radio3 des RBB und etwas zeitversetzt bei Arte im Fernsehen übertragen. Der Dirigent "lotet das Dunkle und Herbe in Tschaikowskys 'Romeo und Julia'-Ouvertüre aus, ehe er sich mit dem Vorspiel zu Massenets 'Werther' Goethes unrettbar an der Liebe und der Welt Leidenden nähert. Aus emotionalem Überdruck entwickelt er behutsam das Porträt einer verletzten Seele, ehe Bernheim Werthers Arie aus dem 3. Akt nahtlos, nur durch den Applaus getrennt, anschließt. Und er singt sie mit einer Hingabe an den Text und seine Nuancen, die man sonst nur bei wenig glamourösen Liederabenden antrifft."
Weitere Artikel: "Für das Neujahrskonzert bin ich ein junger Hüpfer", sagt Yannick Nézet-Séguin im Welt-Gespräch, durchaus geschmeichelt von dem Umstand, dass die Wiener Philharmoniker sich in diesem Jahr für ihn als Dirigenten entschieden haben. Konstantin Nowotny fragt sich in der taz, ob Harry Styles vor einem Karriere-Comeback steht. Besprochen werden Frank Schätzings Buch "Space Boy" über David Bowie, das der völlig entsetzte tazler Uwe Schütte in der Luft zerreisst, und DJ Hells neues Album "Neoclash" ("ein fundamentales, in die Zukunft blickendes Album ohne jedes Quantum Nostalgie", versichert Max Dax in der FR).
In diesem Porträtfilm lässt er sich unter anderem über den "unverantwortlichen und übertriebenen Konservatismus" des Klassikpublikums aus.
"Die Zeit ist tatsächlich reif", findet auch Gregor Dotzauer im Tagesspiegel zu den sich offenbar konkretisierenden Plänen, das seit vielen Jahren geforderte "House of Jazz" nun in einem früheren Soldatenkino in Berlin-Reinickendorf entstehen zu lassen (mehr dazu bereits hier). "Berlin hat sich in den vergangenen beiden Jahrzehnten zu einer Welthauptstadt des Jazz entwickelt. Musikerinnen und Musiker aus aller Welt haben hier eine Bleibe gefunden. Während für die Amerikaner und Engländer die Unerschwinglichkeit von New York und London eine Rolle spielt, haben sich durch zusehends hochwertige Ausbildungsangebote zwischen Basel und Graz, Trondheim und Amsterdam, europäische Netzwerke herausgebildet, zu denen auch das Berliner Jazzinstitut, eine Kooperation von Hanns-Eisler-Hochschule und Universität der Künste, beiträgt. Trotz ihres Reichtums an Ideen und Talent ist die Szene aber ein Armenhaus geblieben."
Laut Tagesspiegel-Kritiker Ulrich Amling steckt "viel Trauer, Abschied und Herzensbruch" in der "überraschend bunten Abfolge von Vorspielen, Arien und Suiten", die das traditionelle Silvesterkonzert der Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko mit Benjamin Bernheim zu bieten hat. Die letzte Aufführung des Programms wird heute auch live im Radio3 des RBB und etwas zeitversetzt bei Arte im Fernsehen übertragen. Der Dirigent "lotet das Dunkle und Herbe in Tschaikowskys 'Romeo und Julia'-Ouvertüre aus, ehe er sich mit dem Vorspiel zu Massenets 'Werther' Goethes unrettbar an der Liebe und der Welt Leidenden nähert. Aus emotionalem Überdruck entwickelt er behutsam das Porträt einer verletzten Seele, ehe Bernheim Werthers Arie aus dem 3. Akt nahtlos, nur durch den Applaus getrennt, anschließt. Und er singt sie mit einer Hingabe an den Text und seine Nuancen, die man sonst nur bei wenig glamourösen Liederabenden antrifft."
Weitere Artikel: "Für das Neujahrskonzert bin ich ein junger Hüpfer", sagt Yannick Nézet-Séguin im Welt-Gespräch, durchaus geschmeichelt von dem Umstand, dass die Wiener Philharmoniker sich in diesem Jahr für ihn als Dirigenten entschieden haben. Konstantin Nowotny fragt sich in der taz, ob Harry Styles vor einem Karriere-Comeback steht. Besprochen werden Frank Schätzings Buch "Space Boy" über David Bowie, das der völlig entsetzte tazler Uwe Schütte in der Luft zerreisst, und DJ Hells neues Album "Neoclash" ("ein fundamentales, in die Zukunft blickendes Album ohne jedes Quantum Nostalgie", versichert Max Dax in der FR).
Kommentieren



