Im Kino
Camus bleibt auf dem Podest
Die Filmkolumne. Von Michael Kienzl
30.12.2025. Wie gemacht für den Schulunterricht: François Ozon verfilmt Camus' Klassiker "Der Fremde" und löst sich dabei leider kein bisschen von der Vorlage. Zu den wenigen Lichtblicken zählt eine famose Rebecca Marder als Marie.
Wie eine antike Skulptur liegt der nackte, vom einfallenden Morgenlicht modellierte Körper Meursaults (Benjamin Voisin) auf dem Bett. Auch wenn die Kamera näher an sein wohlgeformtes Gesicht rückt, wirkt der junge französische Büroangestellte, der im kolonisierten Algier des Jahre 1930 lebt, als würden wir ihn aus weiter Ferne beobachten. Die Distanz beruht auf Gegenseitigkeit. Was um ihn herum passiert, rührt Meursault nicht. Teilnahmslos ist er allerdings auch nicht. Wenn er etwa allein in einem belebten Café sitzt, um sein Mittagessen zu verspeisen, scannen die wachen Augen präzise ihr Umfeld. Nur entsteht dabei kein Mitgefühl; weder mit dem wehrlosen alten Hund, der ständig von seinem verbitterten Herrchen (Denis Lavant) geschlagen wird, noch mit den jungen einheimischen Frauen, die von Meursaults Nachbar, dem schmierigen Zuhälter Raymond (Pierre Lotin), missbraucht werden. Der Protagonist aus "Der Fremde" bleibt passiv, schicksalsergeben und registriert jedes Unrecht mit demselben emotionslosen Blick, mit dem er einen krabbelnden Käfer auf einer Mauer beobachtet.
In der neuen Adaption von Albert Camus' existenzialistischem Klassiker - vor François Ozon wagten sich bereits Luchino Visconti und Zeki Demirkubuz an den Stoff - wirkt das sonnendurchflutete Algier von damals elegant und die in gut sitzende Anzüge gekleideten und erhaben rauchenden Menschen, die sich darin bewegen, auf nostalgische Weise anmutig. Doch so schön Meursault anzusehen ist, so gleichgültig und kalt ist er auch. Nicht einmal die Beerdigung seiner Mutter ringt ihm eine Gefühlsregung ab. Erst, als er seine ehemalige, offensichtlich schwer in ihn verliebte Arbeitskollegin Marie (Rebecca Marder) am Strand trifft, huscht ihm kurz ein warmes Lächeln übers Gesicht.
Meursaults konsequente Passivität übersetzt Ozon in eine traumwandlerische Stimmung. Der Alltags des manchmal wie ferngesteuert wirkenden jungen Büroangestellten ist von Wiederholungen bestimmt. Wenn er einmal aus seine Routine ausbricht, dann nur, weil er sich von Marie oder dem kleinkriminellen Raymond, der ihn gerne zuquatscht und zu halbseidenem Blödsinn überredet, leiten lasst. Der Zuhälter verwickelt seinen Nachbarn auch in die folgenreiche Auseinandersetzung mit einem arabischen Jungen, den Meursault schließlich im Affekt erschießt. Kurz bevor er den Abzug abdrückt, hält Ozon mit einem homoerotischen Blickwechsel die Zeit an, belässt die Tat aber letztlich so rätselhaft wie in der Vorlage.

Die sphärischen Sound-Collagen Fatima Al Quadiris, die sich teilweise wie ein Fremdkörper über die Bilder legen, verleihen dem Film eine unheilvolle Atmosphäre und sind teilweise deutlich ereignisreicher als das, was sich auf der Leinwand abspielt. Für eine Weile ist Ozons schwebend albtraumhafte Erzählweise durchaus einnehmend, aber dann will Camus' Buch weiter adaptiert werden. Als Mörder wird Meursault schließlich aktiv und muss sich damit auch seiner Verantwortung stellen. Sachlich, direkt und ehrlich verteidigt er sich vor Gericht, aber für die gottesfürchtigen Moralapostel von der Staatsanwaltschaft und im Zuschauerraum ist er lediglich eine Projektionsfläche. Sie verurteilen ihn nicht wegen der Tat, sondern wegen seines Weltbildes.
Zu diesem Zeitpunkt zeichnet sich bereits ab, dass Ozon keine überzeugende Herangehensweise an den Roman findet. Mit einer historischen französischen Wochenschau in kolonialistisch-überheblichem Tonfall, dem in arabischer Schrift eingeblendeten Filmtitel oder der Anklage einer jungen Algerierin wider die Besatzer versucht "Der Fremde" zwar, dem Unrecht von damals mehr Raum zu geben, belässt es aber bei symbolischen Ablasshandlungen. Zugleich betont der Film, dass seine Geschichte historisch ist, nutzt das alte Logo der Produktionsfirma Gaumont und färbt seine Bilder schwarzweiß. Damit wird jedoch nicht der eigene Blick in die Vergangenheit thematisiert, sondern lediglich die Vorlage als kostbar und unanatastbar auf ein Podest gestellt.
Penibel folgt "Der Fremde" sämtlichen Stationen aus dem Roman, statt auch mal etwas wegzulassen, zuzuspitzen, hinzuzudichten, sich den Stoff in irgendeiner Form anzueigenen. Manche Szenen wirken wie lediglich pflichtschuldig abgehakt und demonstrieren, dass Ozon dem literarischen Werk lieber nicht zu sehr zu Leibe rücken möchte. Der Ausflug ins Umland, den Meursault für die Beerdigung seiner Mutter unternimmt, wirkt unnötig langatmig, die Gerichtsszenen passen in ihrer überzeichneten Theatralität seltsam schlecht zum restlichen Tonfalls des Films.
Unübersehbar ist die immer wieder aufscheinende handwerkliche Finesse Ozons. Die mysteriöse Faszination, mit der die Kamera (Manuel Dacosse) Hauptdarsteller Benjamin Voisin umgarnt, bleibt ebenso im Gedächtnis wie die emotional dichte Konfrontation zwischen dem zum Tode verurteilten Meursault und einem übergriffig missionierenden Priester (Swann Arlaud). Mehr gesehen hätte man gern von der so fragilen wie hartnäckigen Rebecca Marder, die als Marie der offensichtlichen Hoffnungslosigkeit mit berührend hilfloser Gutgläubigkeit begegnet. Aber solche Momente bleiben vereinzelte Lichtblicke in einer zu devoten Adaption, deren Buchstäblichkeit ihr zukünftig eine Karriere im Schulunterricht - wo Camus' Roman mitunter Pflichtlektüre ist - ebnen könnte.
Michael Kienzl
Der Fremde - Frankreich 2025 - OT: L'Étranger - Regie: François Ozon - Darsteller: Benjamin Voisin, Rebecca Marder, Pierre Lottin, Denis Lavant, Swann Alaud u.a. - Laufzeit: 122 Minuten.
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