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28.10.2025. FR und FAZ entdecken in der Berliner Ausstellung "Netzwerke des Surrealismus" dramatische Geschichte(n) hinter Kunstwerken. Die SZ bekommt von Nürnberger Ballettchef Richard Siegal mit einer Installation in der Kongresshalle in Nürnberg gezeigt, wie man die Geister der Nazis austreibt. Die taz blickt auf Cancel-Culture-Exzesse in den USA. Und die Musikkritiker trauern um eine letzten großen Legenden des Jazz: den Schlagzeuger Jack DeJohnette.
"Ein unvergleichliches Panorama der surrealistischen Bewegung von den 1920ern bis in die Nachkriegszeit" wirdFR-Kritikerin Judith von Sternburg in der Ausstellung "Netzwerke des Surrealismus" in der Neuen Nationalgalerie in Berlin präsentiert. Die Schau zeige eine exquisite Auswahl von Werken aus der Sammlung von Ulla und Heiner Pietzsch und legt den Fokus auf die Provenienz der Kunstwerke - und so kann man hier den ein oder anderen "Kunstkrimi" verfolgen, so Sternburg: "Einer der Glücksfälle betrifft Massons aus Farbe und Sand gemaltes abstraktes Motiv 'Jäger': Es war in Paris beschlagnahmt worden, Hitlers Kunstagenten hatten es mit der Registriernummer KA 108 und einem Kreuz markiert, was 'Vernichten!' bedeutete. Aber es fand sich nach dem Krieg im Sammellager des Museums Jeu de Paume, wurde 1947 an die emigrierte jüdische Sammlerfamilie Kann zurückgegeben. Die brachte das Bild in den Kunstmarkt, wo Ulla und Heiner Pietzsch es Jahre später erwarben."
Auch FAZ-Kritiker Andreas Kilb begeistert sich für die Geschichte(n) hinter den Werken: "Am Eingang der Schau hängt Joan Mirós Gemälde 'Der Pfeil durchstößt den Rauch' von 1926, auf dem eine käferartige rote Figur auf tiefblauem Grund neben einem Gebilde aus schwarzen Punkten, Strichen und Flächen schwebt. Miró schenkte das Bild dem Choreographen Serge Lifar, der ab 1930 das Ballett der Pariser Oper leitete und auch dem Einmarsch der Wehrmacht im Amt blieb. 1945 erhielt er als Kollaborateur ein Jahr Berufsverbot. Nach dem Krieg kam 'Der Pfeil . . .' in die Sammlung des Galeristen Paul Pétridès, der ebenfalls wegen Kollaboration angeklagt worden war und sich nur durch umfangreiche Rückgaben entlasten konnte. Ulla und Heiner Pietzsch kauften das Bild in den Achtzigerjahren, es gehört zu ihren frühesten Erwerbungen."
Weiteres: Brigitte Werneburg führt uns für die taz durch die Sammlung der Fondation Cartier in Paris. In der NZZ fragt Philipp Meier, warum sich Taylor-Swift-Fans für den Ophelia-Mythos begeistern und in der Folge dem Museum in Wiesbaden die Türen einrennen, wo die "Ophelia" des kaum erinnerten Künstlers Friedrich Wilhelm TheodorHeyser hängt.
SZ-Kritikerin Dorion Weickmann ist beeindruckt von der Installation, die der neue Nürnberger Ballettchef Richard Siegal in der Kongresshalle auf dem ehemaligen NS-Reichsparteitagsgelände zeigt. Der Umgang mit dem historischen Erbe sorgte für viel Diskussion, 2021 entschied man, "die Kongresshalle als Ausweichspielstätte für das sanierungsbedürftige Opernhaus in der City herzurichten", erinnert Weickmann. Siegal zeigt mit seiner digitalen Installation "art.Life" jedenfalls schon einmal, wie man die Geister der Nazis vertreibt: "Fünf Dutzend japanische Athleten, Männer und Frauen in schwarzen Monturen und weißen Sneakern, die auf Kommando im Gleichschritt marschieren. Frontal, von oben, per Bodycam fängt der Choreograf die Formationen ein, verfremdet und vervielfacht sie, bis sie sich regelrecht aufzulösen scheinen. Auf der Leinwand zurück bleiben symmetrische Vignetten in Serie, die an frühe Tanznotationen erinnern: Schnörkel, Kringel, Linien ohne Anfang und Endpunkt."
Weitere Artikel: In der Welt fordert Jakob Hayner die Berliner Kulturpolitik auf, etwas gegen die finanziell dramatische Situation von Theaterprojekten wie dem RambaZamba-Theater in Berlin zu tun, in dem seit dreißig Jahren behinderte Menschen mitspielen. Besprochen werden Paul-Georg Dittrichs Inszenierung von Wagners Oper "Rheingold" an der Oper Köln, Mikheil Charkvianis Inszenierung von Sophokles' "Antigone" im Staatstheater Wiesbaden (FR), Roger Vontobels Inszenierung von Wagners "Lohengrin" am Nationaltheater Mannheim (FR) und Theresa Thomasbergers Bühnenadaption von Ken Krimsteins Graphic Novel "Die drei Leben der Hannah Arendt" am Deutschen Theater Berlin (taz).
Der Jazzschlagzeuger JackDeJohnette zählte zu den letzten großen Legenden des Jazz - er spielte mit Miles Davis, Thelonious Monk, John Coltrane, Bill Evans, Keith Jarrett und vielen weiteren, die, wie er, Rang und Namen hatten. Nun ist er im Alter von 83 Jahren gestorben. In den späten Sechzigern, frühen Siebzigern stieß er vom Jazz aus das Tor zur Rockmusik mit auf: "In den befreiten Improvisationen des Jazz zu dieser Zeit steckte genug Psychedelik, um auch bei Konzerten zu wirken, auf denen nach ihnen Band wie die Grateful Dead spielten", schreibt Andrian Kreye in der SZ. "Immer größer wurden die Ensembles und Festivals, immer lauter die Musik. DeJohnette passte ideal dazu, weil er sich mit seiner offenen Spielweise auch gegen elektrische Gitarren und Keyboards durchsetzen konnte." Später bei ECM Records "konnte sich Jack DeJohnette immer wieder neu erfinden und entwickeln. In seinen Gruppen New Directions und Special Edition entwickelte sein Schlagzeugspiel eine Zentrifugalkraft, die sich Generationen zum Vorbild nahmen."
"Diese Subtilität. Diese Kraft. Diese Präzision", schwärmt Gregor Dotzauer im Tagesspiegel, "dieser Sinn für perkussive Klanglichkeit, die sich ihren Raum nicht von der Notwendigkeit abkaufen lässt, das rhythmische Gerüst zu liefern. ... Ob er Hardbop-Bands einen Drive verlieh, der sie über ihre Grenzen hinaustrieb oder in Fusionsexperimenten wie Compost groovte, ob er seiner eigenen Band Special Edition Schachtelrhythmen verordnete oder sich den Fliehkräften eines freien Jazz hingab, wie ihn die afroamerikanische Association for the Advancement of Creative Musicians (AACM) seiner Heimatstadt Chicago pflegte: Er war von einer seltenen Vielseitigkeit und blieb, anders als viele Kollegen, dabei doch immer er selbst." Ja, "DeJohnette konnte alles - auch abseits des Feinnervigen Substanz liefern", schreibt auch Ljubiša Tošić im Standard. Einen weiteren Nachruf schreibt Ueli Bernays in der NZZ.
Weitere Artikel: Gregor Dotzauer porträtiert im Tagesspiegel den Jazz-Kontrabassisten FelixHenkelhausen. Wolfgang Sandner resümiert in der FAZ das Deutsche Jazzfestival 2025 in Frankfurt. YuvalWeinberg ist der künftige Leiter des RundfunkchorsBerlin, meldet Frederik Hanssen im Tagesspiegel. Tobias Langley-Hunt ist im Tagesspiegelratlos, warum die neue Single von Rosalía ausgerechnet "Berghain" heißt - jedenfalls lassen weder Text, noch Video einen Bezug zu dem Berliner Club erkennen.
Besprochen werden das neue Album von LilyAllen, die darauf laut Zeit-Online-Kritikerin Juliane Liebert "die zeitgenössische Dialektik des Persönlichen bespielt", eine Netflix-Doku über die Kokainsucht des Rappers Haftbefehl (Welt), ein Johann-Strauß-Konzert der WienerPhilharmoniker (Standard) und das neue Album des Berliner Schlagersängers TristanBrusch (Zeit Online).
"Man muss die Franzosen für ihren Furor unbedingt lieben", schreibt Tanja Rest in der SZ: Die Tatsache, dass der sagenhaft erfolgreiche chinesische Billigmode-Online-Anbieter Shein am 1. November in Paris in bester Lage an der Rue de Rivoli eine Dependance eröffnen will, treibt das modebewusste Frankreich hinaus auf die Straße, sogar die Bürgermeisterin Anne Hidalgo sendete eine Protestnote. Doch "davon abgesehen ist nichts an diesem Furor wirklich konsequent. AndereBilligriesen wie Zara oder Mango, auch nicht unbedingt für Nachhaltigkeit berühmt, unterhalten in der Stadt eigene Megastores an nicht minder gediegenen Adressen, H&M hat sogar schon im Rahmenprogramm der Fashion Week gezeigt. Der vielbeklagte Versand von Kleinstbestellungen via Luftfracht fällt bei einem Shein-Ladengeschäft weitgehend aus. Nicht zuletzt kaufen die Franzosen Fast Fashion mit einer ähnlich fulminanten, womöglich nicht mal schuldbewussten Besessenheit wie andere Nationen auch (aktive Shein-Nutzer in der EU pro Monat: 130 Millionen)."
Die SZ bringt ein 2006 geführtes Gespräch aus dem Archiv des FotografenSeppDreissinger mit der 2016 gestorbenen Wiener LyrikerinIlseAichinger, die darin herrlich österreichisch-existenzialistisch vom Leder zieht: Jeden Vormittag war sie auf "bis zu fünf Tassen" im Café Demel. "Der Grund dafür, warum ich ins Kaffeehaus gehe, ist derselbe, warum ich ins Kino gehe." Es "ist für mich der Versuch, zum Teil der Existenz zu entgehen, zu verschwinden. Im Saal wird es finster. Im Demel wird es zwar nicht finster, aber verschwunden ist man auch hier. Man ist weg von zu Hause, man ist anonym. Es ist ein sehr kostspieliger Versuch zur Anonymität. Zum Glück geht das im Augenblick, weil ich sonst nur die Kinoleidenschaft habe. Am Nachmittag bin ich immer im Filmmuseum. Ich nenne das Zeitverwüstung. Da sind immer fünf bis sechs Stunden weg."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Martin Seng blickt für die taz auf Cancel-Culture-Exzesse in den USA, wo christliche Fundamentalisten, rechtsradikale Freiheitsfeinde, MAGA-Antiamerikanisten und sonstige Idioten einen Feldzug gegen Schulbibliotheken führen und mit alleine im letzten Jahr fast 7000 Buchverboten Jugendlichen aus insbesondere armen Bevölkerungsschichten den Zugang zu Literatur verbauen. Ganz weit oben auf der Abschussliste: "A Clockwork Orange" von Anthony Burgess und "Der Report der Magd" von Margaret Atwood. "Die Verbote treffen auffallend oft Werke, die Sexualität thematisieren und sich mit Verhütung oder auch Scheidung - darunter auch 'Breathless' von Jennifer Niven - kritisch auseinandersetzen. Literatur wie 'Verkauft' von Patricia McCormick, die sich gegen die Ausbeutung von jungen Mädchen und patriarchale Gewalt stellt, wird stigmatisiert" ebenso wie Bücher, die Homosexualität, Missbrauch, Suizid und Rassismus thematisieren.
Außerdem: Andrea Pollmeier resümiert in der FR das Textland-Festival in Frankfurt, wo unter anderem die SchrifstellerinAntjeRávikStrubel auftrat. Stephan Klemm spricht in der FR mit der Bestseller-Autorin SusanneAbel über deren aktuelles Buch "Du musst meine Hand fester halten, Nummer 104", in dem sie von Heimkindern nach dem Zweiten Weltkrieg erzählt. Michael Moorstedt schaut sich für die SZ in der Welt des "PerformativeReading" um, einem Netztrend, bei dem man sich beim Buchlesen in der Öffentlichkeit fotografiert.
Besprochen werden unter anderem GaëlFayes "Jacaranda" (Standard), ÉdouardLouis' "Der Absturz" (online nachgereicht von der Welt), VirginiaWoolfs "The Life of Violet" mit drei frühen, bislang unveröffentlichten Geschichten (NZZ), HelleHelles "Hafni sagt" (FAZ) und BoraChungs "Dein Utopia" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Matthias Kalle verzweifelt auf Zeit Online über der Sky-Serie "Es: Welcome to Derry", die zwar auf StephenKings Horror-Epos "Es" basiert, zugleich aber auch ein Prequel zu dessen Verfilmungs-Zweiteiler von 2017 und 2019 darstellt. Kings Roman, unterstreicht Kalle, ist ein großes literarisches Meisterwerk, von dem Film- wie Serienschöpfer "AndyMuschietti, der von allem, was 'Es' tatsächlich ist, erstaunlich wenig zu verstehen scheint. Was den Roman so unvergleichlich macht, ist seine emotionaleTopografie - das Ineinanderfallen von Kindheit und Erwachsensein, das Flirren zwischen Erinnerung und Angst, das Wissen, dass man das, was man liebt, nicht festhalten kann. In 'Es: Welcome to Derry' ist dieses Gefühl bestenfalls Kulisse. Die Serie weiß, wie Horror aussieht, aber nicht, wie er sich anfühlt."
Außerdem: Bert Rebhandl resümiert im Standard die Viennale. Andreas Kilb (FAZ) schreibt einen Nachruf auf den Schauspieler Björn Andrésen, den die Filmgeschichte seit Viscontis "Tod in Venedig" als schönsten Jungen der Welt kennt.
Besprochen werden BenStillers auf AppleTV+ gezeigtes Doku-Porträt über seine Eltern, das Komiker-Duo Stiller and Meara ("bisweilen wird all dies ein bisschen zu viel Selbstbespiegelung", meint Nina Rehfeld in der FAZ), JulienColonnas "Kingdom - Die Zeit, die zählt" (taz), StefanHaupts Verfilmung von MaxFrischs Roman "Stiller", die laut dem ziemlich enttäuschten SZ-Kritiker Marc Hoch so "wirkt, als habe jemand versucht, Auszüge einer Wagner-Oper auf dem Klavier nachzuspielen", und die Netflix-Serie "Boots" (FAZ).
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