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20.08.2025. Die Feuilletons diskutieren die gestern erschienene Longlist für den Deutschen Buchpreis. Die SZ lobt die ausgewogene Besetzung der Liste, die FAZ legt sich bereits auf einen Favoriten fest. Die Documenta stellt derweil das künstlerische Leitungsteam für die kommende Ausgabe vor - und geht dabei auf Nummer sicher, findet die Welt. Die Zeit gedenkt des Labelbetreibers Alfred Hilsberg, der sich um die deutsche Nischenmusik von Punkbis Hamburger Schule verdient gemacht hat. Die FAZ ärgert sich darüber, dass der literarische Trend zur Autofiktion mehr und mehr in Authentizitäts-Kitsch erstarrt.
Die Longlist für den DeutschenBuchpreis ist da (in unserem Onlinebuchladen Eichendorff21 haben wir für Sie einen komfortablen Büchertisch mit allen Titeln zusammengestellt). Der Jury ist eine "durchaus vielfältige Liste" geglückt, freut sich Julia Hubernagel in der taz, doch "müsste man eine Richtung benennen, der das Gros der Romane zuneigt, so schlüge die Kompassnadel nach Osten aus. Reisen nach Kyjiw werden trotz Kriegsgefahr unternommen (DmitrijKapitelman: 'Russische Spezialitäten'), die Folgen des Kosovokriegs untersucht (JehonaKicaj: 'ë'), aber auch ferner reicht der Blick: Ein toter Vater lässt den Sohn in Richtung Türkei aufbrechen (FeridunZaimoglu: 'Sohn ohne Vater'), die Ermordung von JinaMahsaAmini ruft Erinnerungen an die Proteste während der Grünen Bewegung 2009 im Iran wach (JinaKhayyer: 'Im Herzen der Katze'). "Ja, die Jury beherrscht die Kunst des Ausgleichs", schreibt auch Marie Schmidt in der SZ: Bekannte Namen stehen neben solchen, "die für das ganz breite Publikum erst noch zu entdecken sind." Nominiert sind "je zehn Bücher aus den Frühjahrs- und Herbstprogrammen, die Geschlechterquote steht 12:8fürdieFrauen und die Zahl der Bücher aus kleinen unabhängigen Verlagen ist mit vier Romanen respektabel, wenn auch nicht auffällig hoch".
Bestellen Sie bei eichendorff21!Andreas Platthaus legt sich in der FAZ auf einen Favoriten fest: JonasLüschers' "Verzauberte Vorbestimmung" steht für ihn ganz vorne, "wobei die Konkurrenz beachtlich ist." Auffällig etwa, dass auf der Liste "zunächst einmal drei alte Bekannte" stehen, "quasi Dauerkandidaten auf den Deutschen Buchpreis: Wunnicke, Zaimoglu und vor allem Melle, der es mit allen seinen Romanen mindestens auf die Longlist geschafft hat; 'Haus zur Sonne' ist nun der vierte. Nur gewonnen hat Melle noch nie, aber diesmal dürfte er gute Karten haben, denn das neue Buch ist eindeutig sein bestes. "Doch "sie alle müssen nicht nur an DorotheeElmiger vorbei, deren 'Die Holländerinnen' das ausgefuchsteste Buch auf der Liste ist, sondern auch an solchen Überraschungen auf der Longlist wie JehonaKicaj oder FionaSironić", die "jeweils als Romandebütantinnen auf die Liste gekommen sind". Tagesspiegel-Kritiker Gerrit Bartels vermisst auf auf der Liste "die jüngsten Romane von Katja Lange-Müller, Christian Kracht und Christoph Hein", aber auch den neuen von "Leif Randt. Doch wer weiß? Vielleicht hat die Jury diese einfach als zu groß und zu bedeutend befunden, um darüber zu diskutieren. Oder vergessen. Oder sie sind von ihren Verlagen gar nicht eingereicht worden, auch das gibt es."
Jan Wiele blickt in der FAZ zurück auf die Authentizitäts-, Erfahrungs- und Lebensgesättigtheits-Debatten um die Literatur aus den letzten gut zwanzig Jahren, die so regelmäßig wiederkehren, dass man förmlich die Uhr danach stellen kann. Als "Speck.Lit" etwa wurde in der Arztsohndebatte vor etwas über zehn Jahren die Literatur der Bildungsbürgerkinder bezeichnet. "Obwohl der Authentizitätsbegriff längst ausgehöhlt scheint, hat er erstaunliches Beharrungsvermögen als positiv konnotierter literaturkritischer Wert", wundert er sich. "Und so bedenkenswert der gesellschaftskritische Aspekt des Vorwurfs gegen 'Speck Lit' auch ist, so erstaunlich unkritisch wird er oft verbunden mit ästhetischen Maximen, die nicht selten Kitsch befördern." In den letzten Jahren hat sich im Zuge des Memoir- und Autofiktions-Trends allerdings "eine Schreibweise und eine Art der Vermarktung durchgesetzt, die das Authentizitätsgebaren auf die Spitze treibt. ... Zu den absurdestenBlüten, die diese Entwicklung treibt, gehört der Wunsch, oder schlimmer, Zwang, die literarische Verarbeitung bestimmter Stoffe an Erfahrung oder Herkunft zu binden. ... Solche literaturpolizeilichen Vorschriften sind selbst mit dem glühendsten Engagement für mehr Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit nicht zu rechtfertigen."
Besprochen werden unter anderem DorotheeElmigers "Die Holländerinnen" (FR), Karl-HeinzOtts "Die Heilung von Luzon" (NZZ), LudwigFels' postum veröffentlichter Prosaband "Ein Sonntag mit mir und Bier" (Standard), UlfNilssons "Ein kleines Buch über die Kunst zu sterben" (taz), MarcoWandas "Dass es uns überhaupt gegeben hat" (online nachgereicht von der FAS), VerenaKeßlers "Gym" (Welt) und SusanneSchädlichs "Kabarett der Namenlosen" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Die nächste Documenta nimmt langsam aber sicher Gestalt an. Die künstlerische Leiterin Naomi Beckwith hat nun ihr Team vorgestellt; mit ihr gemeinsam an der Ausstellung arbeiten werden Romi Crawford, Mayra A. Rodríguez Castro, Xiaoyu Weng und Carla Acevedo-Yates. Wie sind diese Personalien gerade auch mit Blick auf den Antisemitismus-Skandal der letzten Ausgabe zu bewerten? Boris Pofalla kommentiert für die Welt: "Die Berufung des Documenta-Teams zeigt zweierlei: dass Naomi Beckwith zurück zur Normalität will und dass diese Normalität heute eine andere ist - weiblicher, nichtweißer, kontextueller, ohne die großen, herrischen Gesten, die noch vor einigen Jahren dazugehörten. Was heißt das für die Documenta 16? Der große Bruch, der kalkulierte Aufruhr ist nicht zu erwarten, aber auch kein Backlash hin zu einer traditionelleren Kunstauffassung, der wiederum für Stress im Betrieb gesorgt hätte. Nach dem Kontrollverlust von 2022 klingt diese Auswahl eher so, als wolle da jemand möglichst wenig Reibung erzeugen und keine Risiken eingehen. Ob das für die Marke Documenta eine gute Idee ist, wird sich zeigen."
Besprochen werden "Magical Realism: Imagining Natural Dis/order", eine Ausstellung zu Kunst und Magie im WIELS Brüssel (taz), die Schau "Neo Rauch, Zeichnungen 1965 bis 1968" in der Grafikstiftung Neo Rauch, Aschersleben (FAZ), die Ausstellung "Inszeniertes Selbst", die die Berlinische Galerie der Fotografin Marta Astfalck-Vietz widmet (FR, siehe auch hier) und die Edvard-Munch-Ausstellung in den Chemnitzer Kunstsammlungen (SZ).
Rossini Opera Festival - Zelmira. Foto: Amati Bacciardi Das Libretto der Rossini-Oper "Zelmira", deren Aufführung Manuel Brug für die Welt auf dem Rossini-Festival in Pesaro bewundern durfte, ist ein recht krudes, melodramatisches Tohowabohu - aber musikalisch wird der Abend zum Hochgenuss, denn: "Eine Colbran-Stimme, dunkel und sinnlich, dabei leidenschaftlich attackierend, doch mit strahlender Höhe, die besitzt die unorthodoxe, gern als eine Art Gothic Soprano antretende Anastasia Bartoli." Diese macht "aus diesem dreistündigen Verzierungsirrgarten und Koloraturenparcours der Extraklasse eine tolle Show als Darstellerin wie Sängerin. Dabei geizt sie nicht mit Spitzentönen, wagemutigen Intervallsprüngen, aber auch edel gesponnenen Melodien, insbesondere in ihrem Duett wie Terzett mit Marina Viotti als Vertraute Emma."
Außerdem: Egbert Tholl berichtet in der SZ vom Zürcher Theaterspektakel, bei dem unter anderem vermeintliche SUVs im Zürisee herumfahren, um auf die Klimakrise aufmerksam zu machen. Regine Müller blickt in van auf einige kleinere Formate bei den Salzburger Festspielen, die ihr außerordentlich gut gefallen haben. Besprochen wird Kirill Serebrennikovs Salzburger-Festspiele-Inszenierung von Vladimir Sorokins "Der Schneesturm" (Welt, "Stillstand bei gleichzeitiger Bühnenhektik", siehe auch hier).
Besprochen werden CelineSongs RomCom "Materialists" mit DakotaJohnson und PedroPascal (taz, Welt, FAZ) und die ARD-Doku "The Bibi Files - Die Akte Netanjahu" (FAZ).
Passend dazu schreibt Ingeborg Ruthe in der FR über einen bizarren Denkmalstreit rund um einen Altar im Naumburger Dom, der abgerissen werden soll, um den Status des Gotteshauses als Unesco-Weltkulturerbe zu erhalten. In Schweden wird derweil eine ganze Stadt aufgrund von Eisenerzabbau um fünf Kilometer verlegt, weiß Matthias Heine in der Welt: die berühmte Kirche des Ortes bleibt erhalten und wird in einer aufwändigen Prozedur zu ihrem neuen Standort transportiert.
Der Architekt Holger Kleine unterzieht die Bibel und insbesondere die Genesis in der FAZ einer originellen und dichten Relektüre; und zwar beschreibt er sie als einen "Gründungstext der westlichen Architekturphilosophie". Er denkt dabei weniger an - freilich gleichfalls analysierte - spektakuläre Episoden wie den Turmbau zu Babel und die Jakobsleiter, sondern vor allem an die vielen Passagen, die sich mit der Errichtung von Brunnen und Altären beschäftigen: "Komplementär sind (...) die psychosozialen Funktionen von Brunnen und Altar. Der eine ist die Keimzelle des öffentlichen Raums, der andere die Keimzelle des sakralen Raums. Es ist bemerkenswert, dass sich diese Aufgaben zunächst kaum überschneiden. Der Altar ist immer nur der Ort eines Einzelnen, der Einkehr und Zwiesprache mit Gott sucht; zu Orten familiärer, kollektiver und theatralischer Rituale werden sie erst später im Exodus. Umgekehrt ist der Brunnen nur für die ägyptische Magd Hagar ein Ort der Zwiesprache mit Gott, für die Hebräer ist er primär ein sozialer Ort."
Man kann doch nicht ernsthaft eine Sandale namens "Oaxaca Slip On" auf den Markt bringen, sich dabei an den Mustern indigener Kulturen Mexikos bedienen und dann aus allen Wolken fallen, wenn aus diesen Kulturen erheblicher Missmut darüber aufkommt, schreibt der Mexiko-Korrespondent der taz, Wolf-Dieter Vogel. So geschehen gerade bei Adidas. Der Textilkonzern und der zuständige Designer WillyChavarría haben sich zwar entschuldigt und unterstrichen, es handle sich dabei um eine Würdigung indigener Kulturen - aber so ein Nachreichen wirkt nach einem Shitstorm fahl. "Hört sich so an, als ob den Schuhproduzenten einfach mal durchgerutscht wäre, dass sie das Plagiat einer Sandale hergestellt haben, die bislang in der abgelegenen Sierra Norte, 100 Kilometer von Oaxacas Landeshauptstadt entfernt, produziert wird. So als ob so was noch nie vorgekommen wäre. Dabei gab es in den letzten Jahren in Mexiko zahlreiche Skandale um Raubkopien indigener Muster, und einige davon spielten ausgerechnet in der Region. So hat die französische Designerin IsabelMarant Blusen aus der Gemeinde Tlahuitoltepec kopiert, und das spanische Modeunternehmen Zara klaute Motive des Dorfes San Juan Colorado."
Kaum jemand in Deutschland hat Punk und andere Nischenmusik so auf den Weg gebracht wie AlfredHilsberg - erst als Journalist für Sounds in den Siebzigern, später dann als Labelbetreiber von ZickZack bis What's So Funny About. Jetzt ist er im Alter von 77 Jahren gestorben. Ja, ohne ihn "wäre die Geschichte der deutschen Popmusik eine andere gewesen", schreibt Jens Balzer in der Zeit. "Die ersten Bands, die er veröffentlichte, hießen Geisterfahrer, Abwärts und FreiwilligeSelbstkontrolle; in letzterer spielte der Journalist ThomasMeinecke, der später auch als Schriftsteller zu Bekanntheit gelangte. 1981 brachte ZickZack die erste EP ('Kalte Sterne') und das erste Album der EinstürzendenNeubauten heraus: 'Kollaps' prägte mit seinem infernalischen, selbstbewusst amusikalischen Krach und den romantisch-nihilistischen Texten des Sängers Blixa Bargeld eine ganze Generation junger Menschen, die mit der Gesamtsituation unzufrieden waren. ... Die von Hilsberg geförderten Bands bildeten gemeinsam eine deutschsprachige Pop-Avantgarde, in der wirklich etwas Neues passierte. Wenn es eine Neue Deutsche Welle gab, die diesen Namen verdiente, dann hat Alfred Hilsberg sie erfunden."
Als zentrale Initialzündung für ZickZack nennt Balzer die Compilation "Geräusche für die 80er", wir hören rein:
Hilsberg war allerdings auch so verdienstvoll, wie er berüchtigt war. "Mit Marketingstrategien, Bandpflege und Imageproduktionen hatte er es nicht so", schreibt Gerrit Bartels im Tagesspiegel. "Was da war, sollte raus, und das sollte bitte schön quer zum Markt liegen, echter Punk und Noise halt. In Jürgen Teipels Film 'Verschwende Deine Jugend' erzählt ein Musiker im Rückblick, wie das bei Hilsberg zuging: 'Alfred zog auf Anfrage einen Schuhkarton unterm Bett hervor und gab ein paar Hunderter heraus'. Und auch in Christoph Meuelers 2016 veröffentlichter, unautorisierter Hilsberg-Biografie 'Das ZickZack-Prinzip' erinnert sich der Family-Five-Musiker Xao Seffcheque, dass ZickZack 'das beste Label der Welt mit der schlechtesten Zahlungsmoral der Welt war'." Stimmt schon, Hilsberg "war eine Naturgewalt", schreibt Thomas Venker im Kaput Mag und gibt diverse Anekdoten zum Besten, die diese Einschätzung anschaulich unterstreichen. Um Regeln, Security und ähnlich Lästiges kümmerte er sich selten: "Gut, dass er sich dann irgendwann aus dem Betrieb zurückgezogen hat, bevor dieser nur noch von Beamten geführt wurde." Aber "die Welt ohne Alfred ist eine kältere. Mach es gut, OldNobody."
Außerdem: In der NZZfreut sich Marco Frei, dass der BoswilerSommer sich in seiner Neuausrichtung von den Experimenten zur mehr Offenheit des Davos-Festival inspirieren lässt. Jan Brachmann resümiert in der FAZ die "Raritäten der Klaviermusik" in Husum. Ljubiša Tošić blickt für den Standard vorab aufs JazzfestSaalfelden. Yuval Dvoran führt im VAN-Magazin durch die Musik von MariaHerz, die vor etwa 100 Jahren (damals noch unter Verwendung des Vornamens Albert ihres zuvor verstorbenen Mannes) mit ihren Kompositionen wahre Begeisterungsstürme beim Publikum hervorrief.
Besprochen wird das Album "Vom Jandln zum Ernst" von ChristianMuthspiel und dem OrjazztraVienna (FR).
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