Efeu - Die Kulturrundschau

Ein fast perfekter Text

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24.05.2025. Die Welt lässt sich in der Neuen Nationalgalerie von den "Objetos relacionais" der brasilianischen Künstlerin Lygia Clark einwickeln. Die FAZ hört bei den Ruhrfestspielen den Minotaurus singen. Die NZZ beschuldigt den Thomas-Mann-Biografen Tilmann Lahme des Voyeurismus. Die FR feiert den schönsten Film in Cannes: Oliver Hermanus' "History of Sound" über die Anfänge des American Folk. Zeit online entdeckt ganze Popwelten im neuen Album von Stereolab.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.05.2025 finden Sie hier

Kunst

Die Museumsbesucher hatten 1968 eine Menge Spaß mit Lygia Clarks "Biological Architecture nº2". Foto © Cultural Association "The World of Lygia Clark"


Ist das jetzt große Kunst oder "therapeutisch angehauchte Bastelstube" fragt sich Welt-Kritiker Boris Pofalla in der großen Retrospektive der brasilianischen Künstlerin Lygia Clark (1920-1988), die die Neue Nationalgalerie ausrichtet. Aber er scheint ganz glücklich zu sein, wie er da so liegt, "einen Plastiksack mit Wasser auf dem Bauch und einen rot umhäkelten Stein in der Hand - wer hätte das gedacht? Man kann sich auch Muschelschalen nehmen oder verpackte Kaffeebohnen, aber im Moment ist man ganz zufrieden so, umgeben von einem Gaze-Vorhang, der einen notdürftig von der wandlosen Weite der Neuen Nationalgalerie separiert. Die Matratze, die dem Besucher der Ausstellung von Lygia Clark zum Liegen angeboten wird, ist mit winzigen Styroporkügelchen gefüllt. Ihre Hülle ist durchsichtig und riecht stark nach Plastik wie ein neu gekauftes Schwimmtier. Entspannung, Urlaubsgefühle und die latente Peinlichkeit, hier als Kunstbetrachter sozusagen selbst ausgestellt zu sein, verbinden sich zu einer neuartigen Museumserfahrung."

Niklas Maak (FAS) verfolgt hingerissen, wie Lygia Clark ihre Ideen entwickelte, bis sie sich 1959 dem "Neoconcretismo" anschloss: "Sie entwickelt in der Folge die 'Bichos', vielleicht ihre schönsten Arbeiten aus Metallplatten und kleinen Scharnieren, die wie Lebewesen ihre Formen verändern - und vom Betrachter angefasst und in ihrer Form verändert werden können. In Berlin werden die Originale auf Podesten gezeigt. Neben den Originalen sind Nachbildungen auf roten Podesten ausgestellt, die der Betrachter selbst umbauen darf. Von den Bichos an ging es Clark darum, das Museum von einem Ort der Ausstellung zu einem Ort der Aktivierung zu machen." Ob das im Zeitalter der sozialen Medien immer noch emanzipatorisch wirkt? "Darüber kann man sich am Ende der Ausstellung streiten."

Weiteres: Olga Hohmann schreibt in der taz den Nachruf auf Eva, Teil des Künstlerinnenpaars Eva & Adele. Der brasilianische Fotoreporter Sebastião Salgado ist gestorben, meldet der Spiegel, im Tagesspiegel schreibt Birgit Rieger einen Nachruf. Und Philip Meier erinnert in der NZZ an den vor 100 Jahren geborenen Schweizer Fotoreporter Arnold Odermatt.
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Film

"History of Sound" zeigt die Flüchtigkeit des gemeinsamen Glücks

In Cannes werden heute Abend die Goldenen Palmen vergeben. FR-Kritiker Daniel Kothenschulte sah davor noch eine ganze Reihe von Hochkarätern, "jeder für sich ein Meisterwerk". Dazu zählt nicht nur der neue Body-Horror-Film "Alpha" von Julia Ducournau, die bereits 2021 mit "Titane" eine Goldene Palme gewann, Joachim Triers "Sentimental Value" und "Jeunes Méres", der neue Film der Dardenne-Brüder, sondern insbesondere auch Oliver Hermanus' südafrikanischer Film "History of Sound". Der für Kothenschulte "feinste und schönste Film des Wettbewerbs" erzählt von zwei Forschungsreisenden, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts die ersten Regungen des American Folk dokumentieren. "Dem Bewahren dieser erst Jahrzehnte später, durch Künstler wie die Everly Brothers, Joan Baez oder Bob Dylan, popularisierten Musiktradition steht indes die Flüchtigkeit des gemeinsamen Glücks entgegen. Wer sich für amerikanischen Folk interessiert, kann Auswahl und Interpretation der Lieder nur bewundern, erkennt aber auch Motive der Sammlerbiografien von John und Alan Lomax wieder. Nach einer Kurzgeschichte von Ben Shattuck entstand daraus aber etwas völlig Eigenes."

"The Secret Agent" verwirrt auf ansteckende Weise

"Den großen Favoriten im Wettbewerb gibt es bisher nicht", schreibt Tim Caspar Boehme in der taz (und richtig: eine kleine Zahl von Wettbewerbsfilmen wurde vor Redaktionsschluss der Zeitungen noch gezeigt). Aber dafür immerhin einige "erfolgreich mutige Filme". Auf der Zielgeraden kam noch Kleber Mendonça Filhos brasilianischer "The Secret Agent" dazu, ein "fiebrig verwirrender Thriller", der in den Siebzigern während der Militärdiktatur spielt. "Die ständige Bedrohung durch den Tod, um den sich zugleich kaum jemand zu scheren scheint, vermischt Mendonça mit Bildern, die von tropischer Schwüle durchfeuchtet scheinen, einem trügerisch leichten Bossa-Nova-Soundtrack und einer Art des Erzählens, die das Publikum über viele Einzelheiten lange im Dunkeln lässt. Das verwirrt, doch auf ansteckende Weise." Für Rüdiger Suchsland von Artechock wäre dies der Palmenfavorit. Auch Jan Küveler von der Welt sieht diese "in schwelgerischer Panavision gedrehte Aufarbeitung der Militärdiktatur" weit vorne.

Mehr von der Croisette: "Cannes mahnt - und summt in Moll", resümiert Maria Wiesner in der FAZ das Festival und beobachtet bei den amerikanischen Filmen eine "starke künstlerische Front, vor allem unter den unabhängigen Filmemachern". David Steinitz ist in der SZ Feuer und Flamme für Richard Linklaters Godard-Hommage "Nouvelle Vague", dem er auch einige Oscarchancen ausrechnet. Für Artechock sammelt Dunja Bialas Strandgut aus den Nebenreihen auf. Josef Lederle resümiert im Filmdienst die letzten Wettbewerbstage - und macht auf Joséphine Japys nur am Rande des Festivals gezeigtes Regiedebüt "The Wonderers" aufmerksam. Im critic-Podcast versammeln sich Till Kadritzke, Hannah Pilarczyk, Dunja Bialas, Andreas Busche und Valerie Dirk vor dem Mikrofon und lassen das Festival Revue passieren. Und zum Abschluss lohnt nochmal der Blick in den Kritikerspiegel von critic.de.

Weit weg von der Croisette: Aida Baghernejad lobt im Tagesspiegel die Kulturarbeit des Berliner Projekts Sinema Transtopia. Valerie Dirk spricht für den Standard mit dem Regieduo Mwita Mataro und Helmut Karner, die mit "Austroschwarz" einen Film über Schwarzsein in Österreich gedreht haben. Elmar Krekeler porträtiert für die WamS Iris Berben. Maria Wiesner gratuliert in der FAZ Doris Dörrie zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden Christopher McQuarries neuer "Mission Impossible"-Blockbuster mit Tom Cruise (Artechock, unsere Kritik), Dag Johan Haugeruds "Oslo Stories: Sehnsucht" (Artechock, critic.de) und Dean Fleischer Camps Live-Action-Remake von "Lilo & Stitch" (Artechock).
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Literatur

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Tilmann Lahmes große Thomas-Mann-Biografie speist sich vor allem aus "Voyeurismus", schimpft Roman Bucheli in der NZZ. Dass die Germanistik Manns Homosexualität lange Zeit unterschlagen habe, decke Lahme nicht nur auf, er sei regelrecht von ihr besessen, so Bucheli. Der Autor "ist mit seiner nur notdürftig drapierten Leidenschaft nicht allein. Gerade jüngst machten sich Editoren über Joan Didions Gesprächsprotokolle her, welche die amerikanische Autorin von 46 Therapiesitzungen bei ihrem Psychiater angefertigt hatte. ... Diese Dokumente schließen keine Bildungslücken. Sie waren nicht für die Nachwelt bestimmt, und die Nachwelt braucht sie auch nicht zu kennen." Aber "die Hyänen der Nachwelt sind unerbittlich. Sie geben erst Ruhe, wenn bis auf die letzte Pollution alles auf dem Tisch liegt."

Fürs Literarische Leben der FAZ spricht Matthias Jügler mit dem Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel, der aus dem Norwegischen und Französischen übersetzt und sein Glück noch gar nicht richtig fassen kann, dass er eben in Norwegen mit dem hochdotierten (im Zuge des Literaturnobelpreis für Jon Fosse ins Leben gerufenen) Fosse-Preis ausgezeichnet wurde. Dass künftig KI, die im Alltag bei Sprachbarrieren mittlerweile verblüffend pragmatisch Abhilfe schaffen kann, seinen Job überflüssig macht, glaubt er nicht: Gerade ließ er seine auf Norwegisch verfasste Dankesrede durch eine KI schnell ins Deutsche rückübersetzen: "Was dabei herauskam, war sehr interessant: ein fast perfekter Text mit einer Reihe echter Fehler, die man ja leicht rausredigieren kann, aber auch mit einem vollkommen verloren gegangenen persönlichen Zungenschlag. Das, was meinen Text im Wesen ausgemacht hat, war weg. Für mich ist das ein schöner Beleg - Kunst ist in so hohem Maße das Unerwartete! KI ist Statistik, sie kann nur das Erwartbare."

Weitere Artikel: Bei seinem Auftritt beim Jerusalem International Book Forum murmelte Michel Houellebecq vor sich hin, dass Westeuropa wohl auch mal wieder einen Krieg bräuchte, um zu alter Lebensfreude zurückzukehren, berichtet Rewert Hoffer in der NZZ. In den USA hat Daniel Kehlmann bei einer Veranstaltung mit Ian McEwan die englische Übersetzung seines Romans "Lichtspiel" vorgestellt, berichtet Martin Wittmann in der SZ. Vor 80 Jahren betrat Pippi Langstrumpf die Bühne der Literatur, erinnert Christine Knödler in der SZ. Und Lothar Müller schreibt in der SZ einen Nachruf auf den Germanisten Albrecht Schöne.

Besprochen werden unter anderem Jean-Baptiste Andreas 2023 mit dem Prix Goncourt ausgezeichneter Roman "Was ich von ihr weiß" (Freitag), Heike Geißlers Essay "Arbeiten" (taz), Alejandro Zambras "Nachrichten an meinen Sohn" (taz), Ines Berwings Lyrikband "zertanzte schuhe" (taz), Faruk Šehićs "Von der Una" (NZZ), Katja Riemanns "Nebel und Feuer" (FR), Lauren Elkins "Fassaden" (FAS), Maxim Billers Novelle "Der unsterbliche Weil" (FAZ) und Angela Carters "Die blutige Kammer" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Bühne

"Half Man / Half Bull", Foto: Alina von Zittwitz


"Das Ungeheuer singt", staunt FAZ-Kritiker Hubert Spiegel. "Es ist die Klage eines kindlichen Wesens und eines furchterregenden Menschenfressers, halb Mensch, halb Stier, der seines Schicksals müde ist, sich nach Erlösung sehnt und weiß, dass nur der Tod sie bringen kann." Wer da so ergreifend singt, ist der britische Musiker Phil Grainger, der mit Alexander Wright bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen die zweiteilige musikalische Theaterperformance "Half Man / Half Bull" hinlegt: "Es sind Studioprojekte, entstanden, als alle Bühnen in Großbritannien geschlossen waren: zwanzig Songs über zwei antike Mythen auf einem Doppelalbum, das Wright und Grainger zusammen mit Oliver Tilney aufgenommen und zunächst nur über das Internet vertrieben haben. Erst nach dem Ende der Pandemie wurde daraus ein zweistündiger Theaterabend, von vier charismatischen Bühnenperformern dargeboten als höchst eigenwillige, mitreißende und wohl einzigartige Melange aus Schauspiel, Musiktheater, Rap, Sprechgesang und Poesie."

Weitere Artikel: In der nachtkritik berichtet Dorothea Marcus über die Antrittspressekonferenz von Kay Voges am Schauspiel Köln. In der FAZ erinnert Jürgen Kaube an den Verbrecher Jonathan Wild, der heute vor 300 Jahren hingerichtet und von Bertolt Brecht als Peachum in der Dreigroschenoper verewigt wurde.

Besprochen werden außerdem Anna-Elisabeth Fricks Adaption von Robert Menasses Roman "Die Erweiterung" am Nationaltheater Mannheim (nachtkritik), Florentina Holzingers Choreografie "A Year without Summer" an der Berliner Volksbühne ("Kaum eine Künstlerin sonst trifft aktuell so sehr den Nerv junger Theaterbesucher. Und zwar, weil sie gerade kein zynisches Feuilletontheater macht, sondern eines, das empowert", ist sich taz-Kritikerin Anna Fastabend sicher), Lydia Steiers Inszenierung von Wagners "Tannhäuser" an der Staatsoper Wien (Standard), Raquel Nevado Ramos' Choreografie "Plié" bei den Wiesbadener Maifestspielen (FR), Peter Quilters Stück "Fisch sucht Fahrrad" in der Frankfurter Komödie (FR), Jetske Mijnssens Inszenierung von Wagners "Parsifal" in Glyndebourne (FAZ) und ein Opernverismo-Abend mit Ruggero Leoncavallos "Pagliacci" und Pietro Mascagnis "Cavalleria rusticana" an der Staatsoper München (SZ-Kritiker Helmut Mauró stürzt von einem Gefühlsbad ins nächste - "Das könnte man nur mit schlechterer Musik verhindern").
Archiv: Bühne

Architektur

Laura Weißmüller besucht für die SZ in London die aus Köln stammende Architektin Annabelle Selldorf, die gerade bei den "Fürsten des Kunstmarkts" super angesagt ist. Ihre ersten Entwürfe für die Sanierung des denkmalgeschützten Sainsbury Wing von Venturi und Scott Brown am Trafalgar Square wurden allerdings heftig kritisiert: Wie eine Flughafenlounge sehe das aus, hieß es. Woraufhin Selldorf ihren Entwurf abwandelte und etwas näher an den Postmodernismus der Erbauer rückte. "Die Säulen im Erdgeschoss etwa habe sie an das angepasst, was schon im zweiten Stock existierte. Gleichzeitig wurden diese verschlankt und zwei davon entfernt. Statisch war das leicht möglich." Zuspruch dafür fand sie übrigens in einem Brief, den der 2022 verstorbene Mäzen John Sainsbury in eine der Säulen hat eingipsen lassen: "Es sei hiermit informiert, dass einer der Stifter dieses Gebäudes absolut erfreut ist, dass Ihre Generation beschlossen hat, auf die unnötigen Säulen zu verzichten."

Weitere Artikel: Der Fasanenplatz in Berlin Wilmersdorf soll Mittelpunkt eines Kulturquartiers Fasanenplatz werden. Doch der Fasanenplatz gehörte zu einem Ensemble aus vier Plätzen, darunter der Prager Platz, der Nikolsburger Platz und der Nürnberger Platz, erinnert Detlev Schöttker, der sich für eine Renovierung auch des kriegszerstörten Nürnberger Platzes einsetzt, in "Bilder und Zeiten" (FAZ). Und Felix Ackermann besucht, ebenfalls für "Bilder und Zeiten" das Residenzschloss der Hohenzollern, später Hitlerresidenz, im polnischen Poznan.
Archiv: Architektur

Musik



Um 2000 gehörten Stereolab in jede Musiksammlung, deren Besitzer durch erlesenen Pop-Geschmack punkten wollten. Nach vielen Jahren Funkstille meldet sich die britische Band mit einem neuen Album namens "Instant Holograms on Metal Film" zurück. "Die Motorik von Krautrock, orchestraler Pop aus den Sechzigerjahren und französische Yé-yé-Musik trafen auf Postrock in überschaubarer Portionsgröße", beschreibt Jochen Overbeck auf Zeit Online die seinerzeit bediente, retrofuturistische Ästhetik der Band. Zu erleben war "ein Instrumentenpark, der in erster Linie aus damals kaum mehr verwendeten Synthesizern bestand." Aber "wo die Band damals Richtung Soul blickte, steht diesmal Loungemusik im Vordergrund. Ganes Gitarre wirft einen hübschen Twang in den Raum, stilprägend bleiben aber die Tasteninstrumente. Fender-Rhodes-Piano, Wurlitzer, Mellotron, Clavinet: Fans alter Synthies wird dieses Album glücklich machen." Auch der "Forschergeist in engagierten Zuhörern" wird geweckt, bietet das Album doch "zahlreiche Tapetentüren, durch die man in ganz andere Popwelten treten kann".

Außerdem: Frauke Steffens fragt sich in der FAZ angesichts des riesigen Prozesses gegen den Rapper P. Diddy, wie dessen mutmaßliche Taten so lange unbemerkt bleiben konnten. Robert Mießner wirft für die taz einen Blick in die Programme der Jazzfestivals im Sommer. Jakob Biazza lässt sich im SZ-Gespräch mit Rapper Jan Delay Lebens- und Karrieretipps geben. Besprochen werden ein Mahler-Konzert des ORF Radio-Symphonieorchester Wien (Standard), neue Alben von Blond (SZ), Ben Kweller (WamS) und Pulp ("Die neuen Grooves ... werden diesen Sommer bestimmt viele glücklich machen", ist sich Jan Wiele in der FAZ sicher).

Archiv: Musik
Stichwörter: Stereolab, Metal, Pulp