Im Kino
Gegen den Weltuntergang andiskutieren
Die Filmkolumne. Von Karsten Munt
21.05.2025. Die KI ist losgelassen und nur Tom Cruise kann sie stoppen! Christopher McQuarries (mutmaßlicher) Franchise-Abschlussfilm "Mission: Impossible - The Final Reckoning" brilliert zwar wieder einmal mit phänomenalen set pieces, dazwischen wird aber erstaunlich viel geredet.
Ausgerechnet ein VHS-Tape trägt die Nachricht, die sich, wie es sich ziemt, fünf Sekunden nach ihrer Übertragung selbst vernichtet. Agent Ethan Hunt (Tom Cruise) sitzt vor dem Röhrenfernseher, von dem aus US-Präsidentin Sloane (Angela Bassett) ihn anfleht, ihr den Schlüssel zu übergeben, den er seit "Dead Reckoning", dem ersten Teil des "Splitbusters", bei sich trägt. Die Zeit des Analogen ist gekommen, nachdem die schlicht "Entity" genannte KI losgeslassen ist und die Menschheit in kürzester Zeit an den Rand der Auslöschung getrieben hat. Überall herrscht Ausnahmezustand, alle und jeden hat Entity mit einer beispiellosen Desinformationskampagne gegeneinander aufgebracht, deren einziges Ziel die Vernichtung der Menschheit ist. Die dazugehörigen Warum-Fragen beantwortet die Super-KI auch Hunt nicht, als dieser in eine Art High-Tech-Version einer Eisernen Jungfer steigt, um Kontakt mit ihr aufzunehmen. Die Sache mit der Zeitgeistigkeit trägt im "Mission Impossible"-Universum ohnehin immer nur bis zum nächsten Action-set piece, in dem Tom Cruise, so lange es der Körper noch zulässt, vor der Gegenwart wegläuft.
In "The Final Reckoning" zählt entsprechend nicht wie, sondern nur dass die Pasta aus der Tube ist. Der Versuch, sie wieder in die Tube zu drücken, sprich, die KI in den Prototypen eines Diamant-artigen Datenträgers einzusperren, den Computer-Spezialist Luther (Ving Rhames) eigens dafür entworfen hat, muss erst einmal warten.
Der Rest der Menschheit, allen voran die US-Präsidentin, glaubt längst nicht mehr daran, dass Entity noch zu stoppen sein könnte. Sie wollen den digitalen Weltzerstörer lieber kontrollieren, als tatsächlich aus der Welt verbannen. Statt wirklich abtrünnig zu werden, wie es sich für einen Superagenten mit der Moral auf seiner Seite ziemt, versucht es Hunt noch einmal über die Dienstkanäle. Es wird erstaunlich viel geredet im zweiten Teil des Finales. Hunt verhandelt, trifft alte Bekannte, diskutiert mit der Weltregierung und plant mit dem Team, zu dem neben dem Stammpersonal (das von Simon Pegg gespielte Tech-Genie Benji und der bereits erwähnte Luther) noch allerlei alte und junge Bekannte stoßen.
Für den Film die perfekte Gelegenheit, die lange Karriere des Super-Agenten (und seines Teams) Revue passieren zu lassen. Ein ums andere Mal werden die langen Gespräche mit Schnipseln aus 30 Jahren "Mission: Impossible"-Geschichte befeuert. Entsprechend langsam startet der zweite Teil des Finales in seine fast dreistündige Laufzeit. "You must be exhausted", meint Erzfeind Gabriel (Esai Morales) gleich zu Beginn, und Tom Cruises perfektes Mimenspiel im Close-Up kann nicht immer glaubhaft das Gegenteil beweisen: gegen den Weltuntergang anzudiskutieren schlaucht.

Die Misere, in die sich die Cyberspace-abhängige Welt navigiert hat, muss verbal so hochgejazzt werden, dass die erste Atombombe, die das IMF-Team entschärft, nur eine kleine Ablenkung ist. Es geht um mehr, um alles. Die Welt ist immer nur ein set piece von Armageddon entfernt. Die Atombomben, die nicht live entschärft werden, lauern in den Silos der Nuklearmächte, die, eine nach der anderen, die Kontrolle über ihre Arsenale an Entity verlieren. Allein die USA halten noch durch, werden aber zunehmend zu einem nuklearen Erstschlag genötigt. So jedenfalls folgert der prominent besetzte Beraterstab der Präsidentin. Hunts Plan ist zugegeben nicht besser: Er gedenkt, sich einen Flugzeugträger zu leihen, ihn in die Beringsee zu navigieren, nach einem getarnten US-U-Boot zu suchen, von dort aus zu dem ebenfalls noch nicht lokalisierten Wrack des U-Boots "Sewastopol" zu tauchen, dort Entitys Quellcode und die dazugehörige Malware zu bergen und beim Wiederauftauchen nur so weit zu ertrinken, dass das auf dem Meereis wartende Team ihn für den nächsten Teil der Mission wiederbeleben kann. Die Einwände denkt der Film schon mit und quittiert sie, ganz der Routine des Franchises folgend, mit einem selbstironischen Achselzucken. Wird schon schief gehen - das war ohnehin immer das Erfolgsrezept des Superagenten.
Die um diese Attitüde herum gebastelten set pieces wissen noch immer zu überzeugen. Hunts Tauchgang zur "Sewastopol" ist ein weiterer Höhepunkt von McQuarries stets in drei Dimensionen gedachter (aber nicht in 3D gefilmter) High-Budget-Action-Opulenz. Anders als die ausufernden Sequenzen, die in der Folge bis zu drei Schauplätze und Scharmützel, im Schnitt perfekt getaktet, miteinander verschweißen, ist das Solo-Unterwasser-Abenteuer eine ziemlich intime Angelegenheit. Nur wir, Cruise/Hunt und das riesige U-Boot, das bald einen Meerescanyon hinabstürzt und jede Oben-Unten-Konfiguration im Sekundentakt über den Haufen wirft. Das Tiefsee-Sounddesign lässt weder Musik noch wirkliche Lautstärke zu. Am Ende steht der Aufstieg. In einer anderen Zeit hätte eine solche Szene Hunt/Cruise einen Platz im Olymp gesichert. Aber wie die analoge Ära der Menschheit geht auch der letzte Teil des Spektakel-Starkino-Franchises nicht mit einem Knall zu Ende. Es stemmt sich noch eine weitere, lange Stunde gegen die unweigerlich anrollende Zukunft. Ein letztes Mal mag dieser Kraftakt sie noch zurückzudrängen. Unsterblich aber wird diesmal niemand.
Karsten Munt
Mission: Impossible - The Final Reckoning - USA 2025 - Regie: Christopher McQuarrie - Darsteller: Tom Cruise, Hayley Atwell, Ving Rhames, Simon Pegg, Esai Morales, Pom Klementieff - Laufzeit: 169 Minuten.
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