Efeu - Die Kulturrundschau
Die Krähen künden von Unheil
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.05.2025. Die SZ ist glücklich mit dem International Booker Prize für die indische Schriftstellerin Banu Mushtaq, die auch schon Zielscheibe einer Fatwa wurde. Die taz lernt in Jafar Panahis iranischem Cannes-Beitrag "Ein einfacher Unfall", was man als Zivilist mit Schergen des Regimes tut. Die FR wird indes in Kirill Serebrennikovs "Das Verschwinden des Josef Mengele" von der Angst vor der Gegenwart gepackt. Und die taz lässt sich in Athen aus den traurigen Augen von Mastschweinen anblicken.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
22.05.2025
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Literatur

Weitere Artikel: Marc Reichwein porträtiert für die Welt den Verleger Thomas Schumann. Die Comiczeichnerin Katharina Kulenkampff füllt den Tagesspiegel-Fragebogen aus. Tilman Krause schreibt in der Welt zum Tod des Germanisten Albrecht Schöne.
Besprochen werden unter anderem Maren Kames' Neuübersetzung von Angela Carters Erzählungssammlung "Die blutige Kammer" (taz), Cordt Schnibbens "Lila Eule" (taz), Fern Bradys Autobiografie "Strong Female Character" (Standard), eine originalgetreue Umsetzung des Szenarios des Mosaik-Comics "Das Duell an der Newa", das in den Sechzigern wegen Bedenken der SED-Obrigkeit nicht gebracht werden konnte (FAZ.net), das von Marcel Beyer und Peer Trilcke herausgegebene Sonderheft von Text + Kritik zur 2021 gestorbenen Schriftstellerin Friederike Mayröcker (FAZ), Ocean Vuongs "Der Kaiser der Freude" (Zeit) und Joan Didions "Notes to John" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Film


Sehr beeindruckt ist FR-Kritiker Daniel Kothenschulte von Kirill Serebrennikovs zum großen Teil in schwarzweißem Cinemascope gedrehten "Das Verschwinden des Josef Mengele" mit August Diehl nach dem gleichnamigen Roman von Olivier Guez. "Ein idyllisches Eheleben streift zunächst die Stilmittel von 'The Zone Of Interest', bevor auf 16mm-Film die Ermordung und medizinische Präparierung zweier Häftlinge im Stil eines zeitgenössischen Lehrfilms dargestellt wird. Es wäre leicht, der Regie hier einen Exploitation-Vorwurf zu machen, doch jede vorsichtigere Darstellungsform wäre wohl bereits beschönigend. Tatsächlich sind es gerade die subtilen Verfremdungstechniken, die die beiden bühnenerfahrenen Künstler vor und hinter der Kamera hier aufbieten, die den Film über jeden Vorwurf des Über-Naturalismus erheben. August Diehl steigert noch einmal seine beeindruckenden Möglichkeiten, indem er das Überleben des Nationalsozialismus in der Sprache selbst zum Thema macht. Das Beklemmende an diesem Film ist weniger die Darstellung des Vergangenen, sondern die Angst, die er vor der Gegenwart weckt." Dieser Film wirkt zuweilen "wie ein Schlag in die Magengrube", hält Maria Wiesner in der FAZ fest.

Und die oben genannten Regiedebüts? "Intensiv, bewegend und kompromisslos" ist Kristen Stewarts "The Chronology of Water" geraten, ihre Verfilmung eines Romans von Lydia Yuknavitch, an der die Schauspielerin mehrere Jahre gearbeitet hat, schreibt Valerie Dirk im Standard. Der Roman handelt von "Erfahrungen mit Missbrauch, Leistungssport, Sucht und Sexualität. ... Es ist ein Ringen um die eigene Geschichte. Wenn man schon solche Erinnerungen hat, dann sollen sie wenigstens eine 'fucking good story' werden, heißt es gleich zu Beginn des Films." Dieser "öffnet sich wie ein flirrender Bewusstseinsstrom, der beständig auf der Suche zu sein scheint: nach anderen Bildern, einer anderen Art, über sexuelles Trauma und weibliche Lust zu sprechen, über den Leistungssport und das komplizierte Leben im Körper einer Frau. Stewarts Debüt verströmt die wütende und verletzliche Energie von Punk-Poetinnen der 90er, einer Fiona Apple etwa oder einer Kim Gordon." Scarlett Johannsons Film über eine betagte Frau, die sich die Holocaust-Erinnerungen einer verstorbenen Freundin zueigen macht, fällt bei Welt-Kritiker Hanns-Georg Rodek ("sympathieheischend, tränendrückend") und Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche ("viel melancholisches Klaviergeklimper") hingegen durch.
Mehr aus Cannes: Mascha Schilinski, Lynne Ramsay und Christian Petzold lassen ihre Filme allesamt in verhext anmutenden Häusern spielen, ist Katja Nicodemus von der Zeit aufgefallen. Auf Artechock resümiert Rüdiger Suchsland die letzten Festivaltage mit zahlreichen Notizen und Beobachtungen. "Ist Kevin Spacey nun wieder salonfähig", fragt sich Andreas Scheiner (NZZ) nachdem der seit einem MeToo-Skandal verfemte Schauspieler am Rande des Filmfestival in Cannes (und bei einer Veranstaltung, die nicht zum Festival gehört) für sein Lebenswerk geehrt wurde.
Fernab der Croisette: Knut Henkel spricht in der Jungle World online nachgereicht mit dem kubanischen Regisseur Fernando Pérez Valdés, der sich für freie Meinungsäußerung in Kuba und den unabhängigen Film einsetzt. Besprochen werden Athina Rachel Tsangaris "Harvest" (Perlentaucher, Standard), Christopher McQuarries "Mission Impossible: Final Reckoning" mit Tom Cruise (Perlentaucher) und "Sehnsucht", der dritte Teil aus Dag Johan Haugeruds "Oslo Stories"-Trilogie (taz).
Bühne
Für die SZ trifft sich Florian Hassel mit Ihor Tulusow, Generaldirektor der Charkiwer Oper, der zu Kriegsbeginn in das Operngebäude zog und den Betrieb seit 2024 unermüdlich aufrechterhält. Zwar ist der 1500-Zuschauer-Saal für Aufführungen gesperrt, aber "mehrere Stockwerke tiefer haben die Opernleute einen früheren Abstellraum zum Theater umgewandelt. (…) Werke russischer Komponisten, die vorher rund 40 Prozent des Repertoires ausmachten, sind in Charkiw wie auf anderen ukrainischen Bühnen seit einem entsprechenden Gesetz vom Juni 2022 tabu. Kein Tschaikowski, kein Rachmaninow, kein Rimski-Korsakow mehr. Stattdessen kommen die ukrainische Nationaloper 'Natalka Poltawka' oder von westlichen Komponisten stammende Evergreens wie 'Tosca', 'La Traviata' oder die 'Zauberflöte' zur Aufführung - wenn auch meist nur ausschnittsweise, denn oft fehlen passende Sänger oder männliche Tänzer ..."
Weitere Artikel: In der nachtkritik sendet der Regisseur Johannes Müller, derzeit Fellow im Thomas-Mann-Haus in Los Angeles, einen Theaterbrief aus den USA, in dem er schildert, wie die Theater versuchen, sich gegen Trumps geplante Streichungen des National Endowment for the Arts (NEA) und die verschärften Förderrichtlinien zur Wehr zu setzen. In der FAZ berichtet Frauke Steffens derweil, dass die Mitarbeiter des Kennedy Centers, dessen Vorstand Trump umbauen und sich zum Vorstand wählen ließ (unser Resümee), eine Gewerkschaft gründen wollen. Im Tagesspiegel bilanziert Rüdiger Schaper sehr zufrieden das Berliner Theatertreffen.
Besprochen werden Milo Raus Inszenierung von Elfriede Jelineks Skandalstück "Burgtheater" am Wiener Burgtheater (Zeit, mehr hier), die von Rugile Bardziukaite inszenierte litauische Supermarktkassen-Oper "Have a Good Day!" bei den Maifestspielen in Wiesbaden (FR) und Inszenierungen des Oratoriums "Solomon" und der Oper "Tamerlano" bei den Händel-Festspielen in Göttingen (FAZ).
Weitere Artikel: In der nachtkritik sendet der Regisseur Johannes Müller, derzeit Fellow im Thomas-Mann-Haus in Los Angeles, einen Theaterbrief aus den USA, in dem er schildert, wie die Theater versuchen, sich gegen Trumps geplante Streichungen des National Endowment for the Arts (NEA) und die verschärften Förderrichtlinien zur Wehr zu setzen. In der FAZ berichtet Frauke Steffens derweil, dass die Mitarbeiter des Kennedy Centers, dessen Vorstand Trump umbauen und sich zum Vorstand wählen ließ (unser Resümee), eine Gewerkschaft gründen wollen. Im Tagesspiegel bilanziert Rüdiger Schaper sehr zufrieden das Berliner Theatertreffen.
Besprochen werden Milo Raus Inszenierung von Elfriede Jelineks Skandalstück "Burgtheater" am Wiener Burgtheater (Zeit, mehr hier), die von Rugile Bardziukaite inszenierte litauische Supermarktkassen-Oper "Have a Good Day!" bei den Maifestspielen in Wiesbaden (FR) und Inszenierungen des Oratoriums "Solomon" und der Oper "Tamerlano" bei den Händel-Festspielen in Göttingen (FAZ).
Musik
Melanie Biedermann porträtiert in der NZZ den nigerianischen Popstar Femi Kuti, der sich wie sein berühmter Vater Fela für gesellschaftspolitischen Fortschritt stark macht. Ilko-Sascha Kowalczuk mag die Musik von Roland Kaiser zwar nicht, räumt der Historiker im Freitag ein, "aber er ist ein Citoyen im besten Wortsinne. Ein Schlagersänger, der seine hunderttausenden Fans nicht vor Warnungen vor der AfD verschont." In seiner Klassikkolumne für den Tagesspiegel rät Frederik Hanssen den Fans von ESC-Gewinner JJ es doch mal mit Wagner statt mit Opernpop-Crossover zu versuchen. In der Zeit rät Florian Gasser dem ORF und dem österreichischen Finanzminister vor den erheblichen Kosten einer ESC-Ausrichtung nicht zurückzuschrecken. Und JJ selbst rät dem Veranstalter EBU Agenturenmeldungen zufolge, Israel vom ESC auszuschließen - ob nun aus Konformitätsdruck, tiefsitzender innerer Überzeugung oder weil ihn das Kopf-an-Kopf-Rennen mit Yuval Raphael dann doch zu sehr belastet hat. Christian Schachinger blickt für den Standard auf die Fehde zwischen Bruce Springsteen und Donald Trump. Kolja Podkowik von der Antilopen Gang meditiert in der Jungle World über das Für und Wider vom Tragen von Band-T-Shirts. Besprochen wird David Longstreths Album "Song of the Earth" (FR).
Kunst

"Why Look at Animals" ist die Schau im Nationalmuseum für Zeitgenössische Kunst in Athen nach John Bergers gleichnamigem Essay benannt - und unter dem erweiterten Titel "A Case for the Rights of Non-Human Lives" werden hier in über zweihundert Werken Tierrechte und das menschliche Verhältnis zur Natur verhandelt, staunt Lorina Speder in der taz: "Oft sind es Nutztiere, die in der Ausstellung auf der Leinwand erscheinen. Wie Mastschweine in Ang Siew Chings Video 'High-Rise Pigs'. Die singapurische Künstlerin thematisiert deren kurzes Leben im Zhongxin Kaiwei Pig Building, der mit 26 Etagen größte Massentierhaltungsstall der Welt. Er wurde Ende 2022 in der chinesischen Provinz Hubei fertiggestellt und überschattet mit seinem Gestank und der architektonischen Größe das Dorf, in das er platziert wurde. Dass man dabei neben Eindrücken der beklemmenden Innenarchitektur auch von der Züchtung zusätzlicher Brustwarzenpaare für die Säue erfährt, lässt erschaudern."
Pünktlich zum hundertsten Geburtstag von Jean Tinguely reist Andreas Sieler für die FR nach Basel um die Dauerausstellung im Tinguely-Museum zu besuchen. Besonders beliebt war Tinguely in der Schweiz allerdings zunächst nicht, erinnert Philipp Meier in der NZZ. Bekannt wurde er zunächst im Ausland, etwa in Italien, wo Tinguely "im November 1970 einen riesigen Phallus in die Luft gehen ließ. Der über zehn Meter hohe Penis explodierte aber immerhin vor den Blicken von rund 8000 Zuschauern und schätzungsweise 5000 Tauben. 'Vittoria' - Sieg - nannte Tinguely seine ephemere Skulptur, die den Untergang des Symbols von Männlichkeit darstellen sollte. Und das war durchaus als bissiger Kommentar des Schweizer Künstlers zur hitzig geführten Debatte um das Frauenstimmrecht in seiner Heimat zu verstehen - Tinguely war ein Fürsprecher der Gleichberechtigung."
Weitere Artikel: In der Zeit hat Hanno Rauterberg nichts dagegen, dass die Gleichstellungsbeauftragten des Bundesamts für zentrale Dienste und offene Vermögensfragen in Berlin die Kopie der Medici-Venus aus dem Foyer verbannte: Allerdings nicht, weil die Nacktheit der Göttin als sexistisch empfunden werden könnte, wie die Gleichstellungsbeauftragten befürchteten, sondern weil jene Kopie vermutlich als NS-Raubgut in den Besitz von Hermann Göring kam, so Rauterberg. In der Berliner Zeitung schreibt Timo Feldhaus zum Tod von Eva, die als Teil des schillernden Berliner Paars "Eva & Adele" fester Bestandteil der Berliner Kunstszene war. Die Art Basel zieht nach Doha, meldet Jörg Häntzschel in der SZ und fragt: Wie wird man das "Dilemma mit den Menschenrechten" in Katar lösen? Auch Klaus Englert (FAZ) und Saskia Trebing (Monopol) haben dem neuen Migrationsmuseum Fenix (unsere Resümees) in Rotterdam nun einen Besuch abgestattet. Bei Monopol blickt der Maler Hans-Hendrik Grimmling, Mitorganisator des legendären Ersten Leipziger Herbstsalons in der DDR, auf seine Zeit zwischen Repression und Rebellion zurück.
Besprochen werden außerdem die Ausstellung "120 Jahre Brücke. 120 Berliner*innen. 120 Werke" im Berliner Brücke-Museum (taz), die Ausstellung "PhotonenSpur und Paragraphen" mit langzeitbelichteten Fotos von Plenartagungen und Politikertreffen von Angelika Kohlmeier im Berliner Willy-Brandt-Haus (taz) und die Ausstellung "KlimaZeugen" mit Fotografien von Thorsten Klapsch im Berliner Haus#1 (Tsp).
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