Im Kino
Siehst Du diese Linien
Die Filmkolumne. Von Tilman Schumacher
20.05.2025. Rachel Athina Tsangaris Historienfilm "Harvest"erzählt von einer Welt, die die Konsequenzen ihrer eigenen Vermessung tragen muss. Der Film ist hervorragend fotografiert, bleibt aber in erzählerischer Hinsicht unbefriedigend.
"Ich verzeichne gerade die Beschaffenheit des Landes. Siehst du diese Linien hier? Das ist euer Wald, das sind eure Felder, der See. Und das ist euer Dorf, und diese kleinen Punkte hier, das sind eure Leute." Diese Worte spricht der Kartograf Quill zu Walter Thrisk, der Hauptfigur von Athina Rachel Tsangaris neuem Film "Harvest", der zugleich ihr erstes Historiendrama ist. Ohne, dass der Film uns genauer ins Bild setzt, befinden wir uns, dem Dialekt und den authentisch anmutenden Requisiten nach zu urteilen, wohl im Schottland des 18. Jahrhunderts. Der Kartenzeichner bringt die Rationalität der Wissenschaft in eine Welt, die bis hierhin zeitlos und archaisch auf uns wirkte, eine Welt, in der man lebt, wie Generationen zuvor schon, die von Umbrüchen ausgespart scheint. Nun also die Vermessung dieser Welt - was nicht ohne Konsequenzen bleibt.
Während Quill seine auf die Staffelei gespannte Karte erläutert, knien beide Männer auf einer Anhöhe. Vor ihnen gibt die Landschaft den Blick auf Felder, Häuser und Bauersleute frei. Das Fleckchen Erde, das der schwarze Mann aus der Stadt mit geübten Handgriffen festhält, kennt Walter seit Kindertagen in- und auswendig. Er ist die rechte Hand seines Jugendfreundes Charles, beziehungsweise von Master Kent, wie die Dörfler ihn ehrerbietend nennen. Insignien der Macht fehlen dem Landbesitzer jedoch völlig. Er sieht mehr wie ein hippiesker Aussteiger aus, wenn es solche damals schon gegeben hätte. Durch Heirat ist er zu Land gekommen, nach dem Tod seiner Frau verwaltet er es nach Gutdünken und ohne erkennbare wirtschaftliche Ambitionen. Walter, sein Freund und wie er bereits Witwer, zieht es vor, unter den Bauern, statt im Landsitz zu leben. Hier schaut er für den Master nach dem Rechten. Beide verstehen sich als Teil einer "Familie", nicht als Herren von Knechten.
Durch die Karte nimmt Walter seine vertraute Heimat erstmals aus der Vogelperspektive wahr. Folgerichtet entschwebt die Kamera kurz darauf tatsächlich im Drohnenflug der Szenerie, ähnlich wie damals beim mystischen Ballonflug in Andrej Tarkowskijs "Andrej Rubljow" (1966). Im gottgleichen Blick begreift Walter, wie das Land, durch das er seit Jahrzehnten streift und das ihm bislang so nahbar erschien, mit dem Rest der Welt zusammenhängt. Die Magie, die er beim Betrachten der Linien empfindet, verfliegt schnell. Denn die angefertigte Karte dient einem konkreten, mit seinem Leben unvereinbaren Zweck: der Urbarmachung, das heißt der wirtschaftlichen Verwertung des Landes. Der Vetter von Kents verstorbener Frau lässt sich sein vererbtes Land - Charles hat als Witwer keinerlei Ansprüche - veranschaulichen. Anders als Kent geht es dem Edelmann darum, was die Ländereien für ihn abwerfen. Was verzeichnet ist, lässt sich später am Reißbrett umgestalten.

Unberührte Natur versus Zivilisation, traditionelles Leben und die am Horizont aufscheinende Moderne: Harvest erzählt eine Story, die man auch in vielen amerikanischen Western findet. Sie hat immer auch eine Tragik. Das Land ist weit und schön, es wäre Platz genug für alle da, wenn da nicht die Zäune, Waffen und Handlanger wären, die die Interessen der Gutsbesitzer gegenüber dem Gemeinwohl durchsetzen. Harvest ist dabei ganz auf der Seite der Schwachen, das heißt: auf der Seite der Bäuerinnen und Bauern, die sich gegen ihre neuen Herren stellen. Zwischen ihnen drohen Walter und Charles, nun selbst so etwas wie Knechte, zerrieben zu werden. Was wie eine gradlinige Politparabel klingen mag, ist, sieht man von der tatsächlich flugblattartigen Kritik am Frühkapitalismus ab, auch ein Werk überbordenden Filmästhetizismus.
Dafür sorgt die auf analogen 16mm-Kodak-Film zurückgreifende, erstaunlich tiefenscharfe und leuchtintensive Kameraarbeit Sean Price Williams', der bereits bei US-Independent-Filmen wie Alex Ross Perrys "Queen of Earth" (2015) und "Her Smell" (2018) sowie bei "Good Time" (2017) der Safdie-Brüder sein Können in puncto sensualistischer Analogfotografie unter Beweis stellte. Er ist auch ein Meister des organisierten Chaos, der wuseligen und zugleich wohlkomponierten Bilder. In Harvest klebt die Kamera förmlich an den Figuren und Naturerscheinungen, sie umkreist sie kontinuierlich, fährt nah heran, schlängelt sich durch Massen hindurch, präpariert Dinge in starker Untersichten mit monumentaler Wirkung heraus. Die Bilder liegen irgendwo zwischen dem für die Flüchtigkeit des Lebens sensiblen Blick des Impressionismus und der Ausdrucksdichte des Expressionismus.
Was der Film bei all seiner visuellen Kraft und allem Drang zum Sozialkommentar erstaunlich schlecht hinbekommt, ist, ein wirkliches Interesse an seiner Geschichte zu wecken. Das lieg wohl daran, dass sich Tsangari nicht entscheiden mag, ob sie von individuellen Menschen und ihren Beziehungen erzählen, oder lieber eine Parabel voller Sozialtypen und ihrer Gegensätze in einem hermetischen, betont eng abgesteckten Setting konstruieren will. Jedenfalls gelingt es dem Film eher schlecht als recht, das Konkrete und das Abstrakte unter einen Hut zu bekommen, und das, obwohl eine Laufzeit von über 130 Minuten doch für beides Raum bieten sollte. Die Nähe, die die Kamera vermittelt, steht oft dem Abstraktionsgrad der Story entgegen. Voice-Over und Plot-Points ziehen an einem vorbei, ohne dass es einen ergreift, ohne dass es die Story schafft, Williams' extremen Kameraparcours eine eigene Bewegung zur Seite zu stellen. Vielleicht hätte sich Harvest auch erzählerisch stärker an den klassischen Western Hollywoods orientieren sollen; an einem in der Regel unter 90-minütigen Populärkino, das es schafft, eine packende Geschichte zu erzählen, und zugleich wie nebenbei von der Geschichte und den Mythen jenes Landes berichtet, das die Held:innen konstant durchmessen.
Tilman Schumacher
Harvest - Grichenland u.a. 2024 - Regie: Athina Rachel Tsangari - Darsteller: Caleb Landry Jones, Harry Melling, Rosy McEwen, Arinzé Kene, Thalissa Teixeira - Laufzeit: 131 Minuten.
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