Efeu - Die Kulturrundschau
Total ästhetisch, total emotional
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19.03.2025. Die FAZ kniet nieder vor Jamie Lee Curtis, die in Gia Coppolas Film "The Last Showgirl" sogar Pamela Anderson die Show stiehlt. Die taz ist gerührt vom Anblick welken Kohls - in einer Münchner Ausstellung des Ikebana-Künstlers Kosen Ohtsubo. Sensibilität war ein Fremdwort in der DDR, lernt die FR von Annett Gröschner. Die Welt applaudiert Katharina Wagners Lohengrin-Krimi in Barcelona. Außerdem spaziert die FAZ über den generalüberholten Berliner Gendarmenmarkt und wäre lieber in Rom oder Madrid.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
19.03.2025
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Film

Gia Coppolas "The Last Showgirl" bildet mit "Babyface" von Halina Reijn (unsere Kritik) und "The Substance" von Coralie Fargeat (unsere Kritik) eine Welle an Filmen, die das Altern von Frauen (und damit auf zweiter Ebene auch: von Schauspielerinnen) thematisieren. Hier sind es Pamela Anderson, die ein Las-Vegas-Showgirl spielt, deren Falten das Licht nicht mehr ganz kaschieren kann, und ihr gegenüber Jamie Lee Curtis als desillusionierte Kellnerin. "Das Drehbuch lebt allerdings vom Andeuten, nicht vom Aussprechen", schreibt Maria Wiesner in der FAZ. "Coppola setzt in ihrem Vegas-Bild auf Kontraste zwischen den abgedunkelten Garderobenräumen und der harschen Realität draußen. Sie fängt Anderson also immer wieder in stiller Kontemplation im grellen Licht der Wüstensonne beim Spaziergang zwischen den Glasfassaden ein; das Gesicht trägt dann kein Make-up; Shelly wirkt nackter als in ihren freizügigen Revuekostümen." Aber "wenn Curtis ... als angetrunkene Kellnerin in nichts als glänzenden Strumpfhosen und einer zu engen Jacke mit tiefem Dekolleté zu Bonnie Tylers 'Total Eclipse of the Heart' mitten im Casino auf ein Podest steigt und zu tanzen beginnt, hat sie diesen Film allen anderen gestohlen, denn was sie da zeigt, ist zum Niederknien schön, traurig und wahr."
"Fühlen und weinen mit Bonnie Tyler", schreibt auch Silvia Szymanski auf critic.de zum Film: "Perfekt. Ich kapituliere." Diese Szene wollen wir uns nicht entgehen lassen:
Weiteres: In der taz empfiehlt Fabian Tietke die Doku-Reihe "Man wird nicht als Mann geboren" im Berliner Kino Krokodil. Andreas Scheiner (NZZ), Andrey Arnold (Presse) Jürgen Kaube (FAZ) gratulieren Bruce Willis zum 70. Geburtstag.
Besprochen werden Errol Morris' auf Netflix gezeigter Dokumentarfilm "Chaos - Die Manson-Morde" (Robert Wagner berichtet auf critic.de von "brutal eindimensionalen anderthalb Stunden"), Anthony und Joe Russos auf Netflix gezeigter Science-Fiction-Film "The Electric State" (FAZ, Zeit Online), die zweite Staffel der Netflix-Serie "Totenfrau" (Tsp, Welt) und die Sky-Dokuserie "Was geschah an Bord vom Flug 2525", die den Germanwings-Absturz vor zehn Jahren Welt-Kritiker Peter Praschl zufolge "fast perfide" für Verschwörungstheorien ausschlachtet.
Kunst

Kosen Ohtsubo, リンガジャポニカ / Linga Japonica, Schwertlilie, Erde, verschiedene Arten von Zweigen und Blumen, April, 1991;
Foto: Kosen Ohtsubo.
Dem Japaner Kosen Ohtsubo gelingt es, mit so etwas Banalem wie einem Blatt welken Kohls zu rühren, jubelt in der taz Sophie Jung. Ohtsubo ist ein außergewöhnlicher Ikebana-Künstler, der die japanische Tradition des Blumenarrangements mit einer Reflexion über die menschengemachte Umweltverschmutzung verbindet. Der Kunstverein München widmet ihm und seinem Schüler Christian Kōun Alborz Oldham derzeit eine Ausstellung. Jung ist begeistert: Die "dicken Adern" des Kohls "ziehen mäandernde Muster auf das weiche Blattgrün, dessen Färbung durch den Wassermangel schon ins Gelbliche übergegangen ist. Wie die Knackigkeit - wenn man so will: das Leben - aus dem Weißkohlblatt verschwindet, sieht schön aus. Noch schöner wird es durch den Sockel, der ein bisschen wie das postmoderne Design der italienischen Gruppe Memphis daherkommt: total ästhetisch, total emotional."

Besprochen werden die Schau "Arcimbaldo - Bassano - Bruegel" im Wiener KHM (FAZ), die Ausstellung "Gemalte Musik" im Wiener Schönberg Center, die dem malerischen Werk des Namenspatrons Arnold Schönberg gewidmet ist (Standard), die Isa-Genzken-Intervention im Frankfurter Liebieghaus (Welt), "Suzanne Valadon" im Centre Pompidou (NZZ) und die Pussy-Riot-Schau "Velvet Terrorism" im Münchner Haus der Kunst (monopol).
Architektur

Foto: Leonhard Lenz, Lizenz: CC0 1.0 Universal
Niklas Maak (FAZ) schaut sich verdutzt auf dem neugestalteten Berliner Gendarmenmarkt um. Das stadteigene Unternehmen "Grün Berlin" war für die Generalüberholung zuständig und hat, seinem Namen zum Trotz, eine Pflastersteinfläche ohne jede Begrünung geschaffen. Den Forderungen, alle städtischen Plätze mit Bäumen und Gebüsch vollzupflanzen, will sich Maak zwar nicht anschließen. Dennoch fühlt er sich auf dem renovierten Gendarmenmarkt nicht allzu wohl: "Im Zentrum von Berlin herrscht jetzt also: nichts. Das als Konzerthaus genutzte Schauspielhaus, der Deutsche sowie der Französische Dom stehen etwas verloren auf der neuen Rasterplatte, wie Architekturmodelle, die ein Riese auf dem Fliesenboden seines Badezimmers aufgebaut hat. Der Berliner Bürgermeister ist von der leeren Fläche dennoch begeistert und spricht vom 'schönsten Platz Europas', und man wäre trotz des Hauptstadtsparprogramms fast versucht, die Bereitstellung eines Reiseetats zu fordern, damit er sich einmal die Piazza del Popolo in Rom oder die Plaza Mayor in Madrid anschauen und dann noch einmal vergleichend begutachten kann, was ihm Grün Berlin in seine Stadtmitte hineingerastert hat."
Musik
Christian Schachinger blickt im Standard voraus auf "Gesamtklärwerk Deutschland", das im April erscheinende neue Album von Jonathan Meese und DJ Hell, die sich darauf an Kraftwerk abarbeiten. Konstantin Nowotny porträtiert in der taz den Leipziger Rapper HeXer. Jan Feddersen schreibt in der taz zum Tod der Rosenstolz-Sängerin Anna R (weitere Nachrufe bereits hier). Kolja Podkowik verneigt sich in der Jungle World vor Nina Hagen, die kürzlich 70 Jahre alt geworden ist, und stellt ein für allemal klar: "Das Album 'Nina Hagen Band' von 1978 ist eine der besten Platten, die je gemacht wurden, in Deutschland vielleicht die beste."
Besprochen werden Bernard MacMahons von der Band selbst produzierter und entsprechend hagiografischer Kino-Dokumentarfilm "Becoming Led Zeppelin" (taz), ein Konzert des Pianisten Pierre-Laurent Aimard in Frankfurt (FR), das neue Album der Wiener Band Cousines Like Shit (Standard) und neue Veröffentlichungen anspruchsvoller Musik, darunter ein neues Album des Oud-Spielers Anouar Brahem mit Django Bates, Anja Lechner und Dave Holland (Standard-Kritiker Ljubiša Tošić hört eine "Melancholie, die friedvolle Laune erweckt").
Besprochen werden Bernard MacMahons von der Band selbst produzierter und entsprechend hagiografischer Kino-Dokumentarfilm "Becoming Led Zeppelin" (taz), ein Konzert des Pianisten Pierre-Laurent Aimard in Frankfurt (FR), das neue Album der Wiener Band Cousines Like Shit (Standard) und neue Veröffentlichungen anspruchsvoller Musik, darunter ein neues Album des Oud-Spielers Anouar Brahem mit Django Bates, Anja Lechner und Dave Holland (Standard-Kritiker Ljubiša Tošić hört eine "Melancholie, die friedvolle Laune erweckt").
Literatur

Weitere Artikel: Alice Fischer resümiert im Perlentaucher unseren Abend im Deutschen Literaturarchiv Marbach. Oliver Jungen berichtet in der FAZ vom Auftakt der lit.Cologne, wo es auf zwei Veranstaltungen (Roberto Saviano über die Rolle von Frauen, Caroline Darian - die Tochter von Gisèle Pelicot - über die Verbrechen und Übergriffe ihres Vaters) um "toxische Männlichkeit in ihrer abscheulichsten Form" ging. Im BR-Nachtstudio spricht Christoph Hein über seinen neuen Roman "Das Narrenschiff". Francesca Polistina erzählt in der taz von ihrem Besuch im feministischen Buchladen Libreria delle donne in Mailand. Roman Bucheli gratuliert in der NZZ dem Schweizer Limmat-Verlag zum fünfzigjährigen Bestehen.
Besprochen werden unter anderem Yasmina Rezas "Die Rückseite des Lebens" (Standard), Chaim Nachman Bialiks Erzählungsband "Wildwuchs" (Zeit), Cristina Henríquez' "Der große Riss" (FR) und Roberto Savianos "Treue. Liebe, Begehren und Verrat - die Frauen in der Mafia" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Bühne

"Dieser Lohengrin geht über Leichen", staunt Welt-Autor Manuel Brug bei der Premiere der "Lohengrin"-Inszenierung Katharina Wagners am Gran Teatre del Liceu in Barcelona. Die bereits seit einigen Jahren geplante und immer wieder verschobene Aufführung verwandelt Richard Wagners Oper in einen rasanten Krimi. Brug gefällt das alles in allem ziemlich gut: "Fürstentochter Ortrud und ihr Lover Telramund - gesungen von der famos dramatisch Flüche speienden Miina-Liisa Varälä im rotgeschlitzten Samtkeid und dem kumpelhaften, doch auch trompetend auftrumpfenden Ólafur Sigurdarson - steigen schnell zu den Stars der Anti-'Lohengrin'-Show auf. Weil sie gar nicht böse sind, sondern was wissen wollen, dem unsympathischen Gralsritter auf der Spur sind. In ihrer großen, sinister-düsteren Szene am Anfang des zweiten Akts steckt ihnen der Schwan so einiges zu, und auch Gottfrieds Krone fischen sie nach eifrigem Schlammstochern aus dem trüben Teich."
Im Tagesspiegel zeigt sich auch Eleonore Büning angetan: "Ein intensives Kammerspiel, typisch für den Regiestil Wagners: Jede Figur wird hinterfragt. Keiner und keinem ist zu trauen. In dieser zeichenhaft filigran verhäkelten Inszenierung gibt es ein paar Lacher, die im Halse stecken bleiben. Auch offene Enden. Aber keine Sekunde leere Zeit."
Weitere Artikel: Die deutschen Theater wurden gestern bestreikt - aber nur eine halbe Stunde lang, wie Michael Wolf auf nachtkritik durchgibt. Ebenfalls in der nachtkritik denkt Maya Seidel in ihrem Ameisen-Videotagebuch über richtige und falsche Methoden nach, Theater für ein junges Publikum zu machen. Patrick Wildermann berichtet im Tagesspiegel von der prekären Situation am Berliner Theater Ramba Zamba. Einen "gehobenen(n) Boulevardabend" der Extraklasse erlebt Welt-Kritiker Jakob Hayner mit Marius von Mayenburgs neuem Stück "Ex". Der Autor inszeniert seine bissige Beziehungskomödie an der Berliner Schaubühne selbst und hat dafür wunderbare Darsteller zur Verfügung: "Sebastian Schwarz und Marie Burchard spielen dieses vom eigenen Erwartungsdruck geknechtete Paar zum Niederknien."
Besprochen werden Ersan Mondtags Verdi-Inszenierung "La forza del destino" an der Opéra de Lyon (Welt, "gehört nicht zu Mondtags allerstärksten Inszenierungen"), eine "Tosca"-Inszenierung am Staatstheater Wiesbaden (FR), Kaija Saariahos Oper "Innocence" an der Semperoper Dresden (VAN) und Leoš Janáčeks "Die Ausflüge des Herrn Brouček" an der Berliner Staatsoper Unter den Linden (VAN).
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