18.03.2025. Friedrich Schiller konnte der Feier zu 25 Jahren Perlentaucher leider nur aus der Ferne, auf seinem Statuensockel beiwohnen. Anja Seeliger erzählte in ihrer Rede von den Anfängen des Perlentaucher. Elke Schmitter, Ronya Othmann, Thierry Chervel und Ijoma Mangold diskutierten unter der Leitung von Jan Bürger über die Ergebnisse der Perlentaucher-Kritikerumfrage. Und Kai-Uwe Peter sagte, was Schiller gesagt hätte. Ein Resümee
Friedrich Schiller konnte der Feier zu 25 Jahren Perlentaucher leider nur aus der Ferne, auf seinem Statuensockel beiwohnen. Eine Position, die ihm allerdings einen guten Blick auf das ihm gewidmete Nationalmuseum und das Deutsche Literaturarchiv Marbach ermöglicht, in dessen Räumlichkeiten das Jubiläum stattfand. Dass der Perlentaucher eines Tages vom DLA archiviert werden würde, das hätte sich Mitbegründerin Anja Seeliger in den Anfangszeiten der Gründung wahrlich nicht vorstellen können, wie sie in ihrer Rede zur Eröffnung erklärte.
Anja Seeliger in Marbach. Foto: Arnim Eisenhut
Verständlich, schließlich war der Perlentaucher zu Beginn seiner Karriere ein Pionierprojekt, das als eines der wenigen die ersten Schritte in die unsicheren Weiten des Internets wagte - "Alles war möglich", so Anja Seeliger. Rückblickend auf die letzten 25 Jahre zeigt sich aber: die deutsche Literatur dieses letzten Vierteljahrhunderts und der Perlentaucher sind untrennbar miteinander verwoben.
Bevor Thierry Chervel im Plenum mit Elke Schmitter, Ronya Othmann, Ijoma Mangold unter kundiger Moderation von Jan Bürger in die Tiefen der Literaturdebatte einstieg, eröffneten sich noch vielfältige Perspektiven auf den Perlentaucher und seine Anfänge: Die Leiterin des Literaturarchivs, Sandra Richter, sah in seiner Struktur verblüffende Ähnlichkeit mit den Buchverzeichnissen der Schelmenromane des 17. Jahrhunderts, über die sie einst gearbeitet hatte.
Das DLA twittert selbstverständlich bei Bluesky:
'Zwischenbilanz oder 25 Jahre www.perlentaucher.de'. Jetzt im Deutschen Literaturarchiv - und im Livestream: https://www.youtube.com/live/ZQ583NYlhqk #Perlentaucher #DLAMarbach @thierrychervel.bsky.social @sandrarichterdla.bsky.social
Und Elke Schmitter verglich die Perlentaucher-Erfahrung mit einem Besuch im Kaffeehaus: alle Zeitungen auf einmal, aber jemand hat schon das Wichtigste herausgesucht und angestrichen - ein Service, den man bis heute, ob in Wien, Berlin, oder in den großen Weiten des Internets nur beim Perlentaucher finden kann. Nur bügeln würde der Perlentaucher die Online-Zeitung nicht.
Ich, als relativ neu dazugekommene Perlentaucherin, lernte an diesem Abend auch nochmal einiges über die Entstehungsgeschichte meines Arbeitsplatzes: Dass der Perlentaucher nicht nach dem "Start-Up-Prinzip", sondern nach dem "Currywurstbuden-Prinzip" gegründet wurde zum Beispiel, also weitgehend ohne Fremdkapital und als Familienbetrieb oder, dass im ersten richtigen Perlentaucher-Büro heute die Grünen von Berlin-Mitte sitzen. Es wurde aber allen Anwesenden auch noch einmal vor Augen geführt, welche Pionier-Arbeit der Perlentaucher in dieser Anfangszeit des Internets leistete und, viel allgemeiner, wie groß und schnell die Transformationen vonstatten gingen, denen sich die Literaturwelt seit dem Anbeginn des Internets ausgesetzt sah.
Das Podium, von links: Thierry Chervel, Elke Schmitter, Ronya Othmann, Ijoma Mangold, Jan Bürger. Foto: Arnim Eisenhut
Dann ging es aber vorrangig um Literatur: Der Perlentaucher hatte ja die bekanntesten LiteraturkritikerInnen gefragt: "Welches sind für Sie die prägendsten Bücher der deutschsprachigen Literatur seit 2000?" Dass die Zeit der "großen Zampanos" vorbei war, hatte man ja schon in Anja Seeligers Bilanz der Umfrage lesen können, und auch unsere Diskutanten stellten fest: die prägendsten Bücher für die befragten LiteraturkritikerInnen ergeben "ein weites Feld", aus dem nur wenige Monolithen herausragen. Könnte es daran liegen, überlegte Elke Schmitter, dass mit dem Fall der Mauer, "die letzten Schlachten geschlagen waren" und die deutsche Literatur mit dem Abtreten des "inneren Feindes DDR" in eine Entspannungsphase eintrat, die die großen literarischen Knaller aus Mangel an Krise nicht hervorbringen konnte? Ijoma Mangold endete die Diskussion gar mit diesem kühnen Statement, das sicherlich Diskussionsstoff für viele weitere Abende bieten würde: "Meine Vermutung ist, dass die Gegenwartsliteratur vielleicht im Moment nicht der spannendste Ort ist - und vielleicht ist das ja gar nicht dramatisch."
Ob man dem nun zustimmen möchte oder nicht, oder erstmal zum Buchregal stürmt, um einen eventuellen Gegenbeweis zu erbringen - klar ist, das führte Thierry Chervel noch einmal vor Augen, indem er den Fall des in Algerien inhaftierten Schriftstellers Boualem Sansal aufgriff, dass Literatur weiterhin versuchen muss, Ungesagtes sagbar zu machen, und das heißt auch auszusprechen, was beschwiegen werden soll - Algerien ist auch deshalb ein so charakteristischer Fall, so Chervel, weil dort tatsächlich ein Gesetz existiert, das Schweigen verordnet, angeblich um der Versöhnung willen.
Vielleicht können wir froh sein, dass eine solche literarische Stimme der Freiheit in den letzten 25 Jahren in Deutschland nicht so laut erklingen musste wie an vielen anderen Orten der Welt? Oder ist es eigentlich viel zu früh, diese Bilanz zu ziehen, wie Ronya Othmann meinte, wird man erst in fünfzig Jahren beurteilen können, wer eigentlich als prägender Literat oder Literatin aus dieser Zeit hervorgehen wird? Schließlich, gab Thierry Chervel zu bedenken, hätte in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts kaum jemand vorausgesagt, dass Franz Kafka zum epocheprägenden Schriftsteller werden würde, und viele, die sich damals großer Beliebtheit erfreuten, seien heute kaum jemandem mehr ein Begriff. Und: wichtige literarische Debatten gab es trotz allem noch genügend in den letzten 25 Jahren, wie unsere Diskutanten feststellten: Ijoma Mangold erinnerte an den Eklat um Martin Walsers "Tod eines Kritikers" und an die Vorwürfe an Christian Krachts "Imperium" oder auch an ganz frische Konflikte, wie zum Beispiel Ronya Othmanns und Juliane Lieberts Kritik an der Jury des Internationalen Literaturpreises des HKW.
Kai-Uwe Peter findet ein Schiller-Wort. Foto: Arnim Eisenhut
Was hätte nun Friedrich Schiller zu all dem gesagt? Dass sich Kai-Uwe Peter, Vorsitzender der Schiller-Gesellschaft, zum Abschluss der Veranstaltung der Worte Schillers bediente, um den Perlentaucher noch einmal (mit einem kleinen Augenzwinkern) im besten Licht erstrahlen zu lassen, kann ihn, der ja selbst die großen Emotionen liebte, kaum gestört haben: "Sie sind die Welt erhaltende Ordnung, aus der alles Gute fließt." Da haben wir es, das Motto für die nächsten 25 Jahre. Und, man kann nur wünschen, und ich sage das nicht nur, weil mein Arbeitsplatz davon abhängt, dass es die nächsten zwei Jahrzehnte genauso erfolgreich weitergeht und weiterhin jeden Morgen im Arbeits-Gruppenchat pünktlich fünf Minuten zu spät diese verheißungsvolle und erleichternde Nachricht gepostet wird: "Wir sind online!!!"
Ach, und übrigens: Den ganzen unterhaltsamen Abend kann man auch hier nochmal gucken:
Alice Fischer
25 Jahre Perlentaucher: Wir fragten die bekanntesten Kritiker und Kritikerinnen Deutschlands: "Welches waren für Sie die fünf prägendsten Bücher der deutschsprachigen Literatur seit 2000" (Editorial). Als Orientierung hatten wir ihnen diese Liste mit den meistbesprochenen Büchern der deutschen Literatur seit 2000 mitgegeben. Am 13. März feierten wir mit dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach und der Frage: Wohin geht die deutsche Literatur? Das Archiv der bisherigen Beiträge finden Sie hier. D.Red.
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