Efeu - Die Kulturrundschau
Leuchtende Lebensgier
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28.01.2025. Der Perlentaucher wird demnächst 25! Er lanciert eine Kritikerumfrage, die heute startet: "Welches waren für Sie die fünf prägendsten Bücher der deutschsprachigen Literatur seit 2000?" Ijoma Mangold antwortet als erster. Die Theaterkritiker applaudieren: Die SZ wird bei Tobias Kratzers Berliner Inszenierung von Richard Strauss' "Frau ohne Schatten" Zeuge einer gekonnten Entzauberung. Die taz staunt über den Minimalismus, mit dem Tilmann Köhler Durs Grünbeins Dresden-Roman "Der Komet" ebendort auf die Bühne bringt. Die taz freut sich außerdem, die völlig in Vergessenheit geratene Expressionistin Else Hertzer in einer Ausstellung in Berlin wiederzuentdecken.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
28.01.2025
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Literatur
Wir haben allen Grund zu feiern: Der Perlentaucher wird demnächst 25 - hier das Editorial von Anja Seeliger und Thierry Chervel. "Seit einem Vierteljahrhundert - so alt wie das Jahrhundert selbst ist - bilden wir die literarische Öffentlichkeit in Deutschland ab. Anlass für uns, die am meisten besprochenen Bücher der letzten 25 Jahre zu ermitteln (hier die Liste als PDF) und namhafte Kritiker zu fragen: "Welches waren für Sie die fünf prägendsten Bücher der deutschsprachigen Literatur seit 2000?"
Den Anfang unserer Reihe macht Ijoma Mangold, der gleich ausschert: Ihm geht es im Rückblick "um die Nachbrennerqualitäten, um den unverwechselbaren Ton, den man auch nach Jahren innerlich abrufen kann, ohne noch einmal das jeweilige Buch aufschlagen zu müssen. So geht es mir mit zwei Büchern, die komischerweise auf der Liste der meist besprochenen Titel gar nicht auftauchen, die ich hier gleichwohl reinschmuggeln möchte: Rainald Goetz' 'loslabern', weil es den ja doch irgendwie sich nicht von selbst verstehenden Nachweis erbracht hat, dass es noch immer die Sprache sein kann, die das komplexe Vibrieren der Gegenwart (die sich aus Körpern UND aus Gedanken zusammensetzt) einzufangen vermag. Und ich denke an Christian Krachts Roman '1979', auf das man in den Jahren danach immer wieder zurückkam, weil es einfach die knappste Chiffre für jenen Dekadenz-Selbstverdacht war, mit dem sich der Westen nach den Anschlägen des 11. Septembers 2001 gerne selbst quälte." Fünf weitere Bücher nennt Mangold aber natürlich dennoch.
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"In den Nachkriegsjahrzehnten herrschten unter den Gatekeepern der deutschen Verlagswelt sehr genaue Vorstellungen, wie die Judenverfolgung darzustellen sei und welcher literarischen Mittel es bedarf, um das unfassbare Grauen fassbar zu machen", schreibt Christian Dinger in einem Longread auf 54books zur Nach-Geschichte des Holocaust in der deutschen Literatur. Diese war "von Anfang an auch eine Geschichte der Aneignung" und der Normierung: "Dass die Einhaltung eines eng gefassten, normativen Literaturbegriffs höher gewichtet wurde als der individuelle Ausdruck von Zeug*innenschaft, blieb auch in den folgenden Jahrzehnten der Fall, als die publizistische Landschaft in Deutschland längst begonnen hatte, sich selbst für ihre schonungslose Erinnerungskultur zu loben." Im folgenden befasst sich Dinger sehr ausführlich mit den Kontroversen um die Autorenschaft von "Aufzeichnungen aus einem Erdloch", das 1948 unter dem Namen des Holocaustüberlebenden Jakob Littner erschien, in späteren Neuausgaben aber Wolfgang Koeppen als Autor auswies.
Weitere Artikel: Das beim renommierten Comicfestival im französischen Angoulême mit Anke Feuchtenberger, Jennifer Daniel, Marijpol und Tanja Esch erstmals gleich vier deutsche Zeichnerinnen in die offizielle Selektion aufgenommen wurden, ist "für die deutsche Comicszene ein großer Schritt in Richtung internationaler Anerkennung", freut sich Lars von Törne im Tagesspiegel. Die NZZ bringt Notizen des in Los Angeles lebenden, irischen Schriftstellers Colm Tóibín zu seinen Eindrücken vom kalifornischen Großbrand. In der FAZ gratuliert Dietmar Dath dem Schriftsteller Hermann Peter Piwitt zum 90. Geburtstag.
Besprochen werden unter anderem Jonas Lüschers "Verzauberte Vorbestimmung" (TA, NZZ), Ričardas Gavelis' "Vilnius Poker" (taz), Tommie Goerz' "Im Schnee" (NZZ), Gianluca Buttolos Comic "Laurel und Hardy" (Jungle World), Yuval Noah Hararis Kinderbuch "Unstoppable Us" (online nachgereicht von der FAZ) und Bela B. Felsenheimers "Fun" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Den Anfang unserer Reihe macht Ijoma Mangold, der gleich ausschert: Ihm geht es im Rückblick "um die Nachbrennerqualitäten, um den unverwechselbaren Ton, den man auch nach Jahren innerlich abrufen kann, ohne noch einmal das jeweilige Buch aufschlagen zu müssen. So geht es mir mit zwei Büchern, die komischerweise auf der Liste der meist besprochenen Titel gar nicht auftauchen, die ich hier gleichwohl reinschmuggeln möchte: Rainald Goetz' 'loslabern', weil es den ja doch irgendwie sich nicht von selbst verstehenden Nachweis erbracht hat, dass es noch immer die Sprache sein kann, die das komplexe Vibrieren der Gegenwart (die sich aus Körpern UND aus Gedanken zusammensetzt) einzufangen vermag. Und ich denke an Christian Krachts Roman '1979', auf das man in den Jahren danach immer wieder zurückkam, weil es einfach die knappste Chiffre für jenen Dekadenz-Selbstverdacht war, mit dem sich der Westen nach den Anschlägen des 11. Septembers 2001 gerne selbst quälte." Fünf weitere Bücher nennt Mangold aber natürlich dennoch.
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"In den Nachkriegsjahrzehnten herrschten unter den Gatekeepern der deutschen Verlagswelt sehr genaue Vorstellungen, wie die Judenverfolgung darzustellen sei und welcher literarischen Mittel es bedarf, um das unfassbare Grauen fassbar zu machen", schreibt Christian Dinger in einem Longread auf 54books zur Nach-Geschichte des Holocaust in der deutschen Literatur. Diese war "von Anfang an auch eine Geschichte der Aneignung" und der Normierung: "Dass die Einhaltung eines eng gefassten, normativen Literaturbegriffs höher gewichtet wurde als der individuelle Ausdruck von Zeug*innenschaft, blieb auch in den folgenden Jahrzehnten der Fall, als die publizistische Landschaft in Deutschland längst begonnen hatte, sich selbst für ihre schonungslose Erinnerungskultur zu loben." Im folgenden befasst sich Dinger sehr ausführlich mit den Kontroversen um die Autorenschaft von "Aufzeichnungen aus einem Erdloch", das 1948 unter dem Namen des Holocaustüberlebenden Jakob Littner erschien, in späteren Neuausgaben aber Wolfgang Koeppen als Autor auswies.
Weitere Artikel: Das beim renommierten Comicfestival im französischen Angoulême mit Anke Feuchtenberger, Jennifer Daniel, Marijpol und Tanja Esch erstmals gleich vier deutsche Zeichnerinnen in die offizielle Selektion aufgenommen wurden, ist "für die deutsche Comicszene ein großer Schritt in Richtung internationaler Anerkennung", freut sich Lars von Törne im Tagesspiegel. Die NZZ bringt Notizen des in Los Angeles lebenden, irischen Schriftstellers Colm Tóibín zu seinen Eindrücken vom kalifornischen Großbrand. In der FAZ gratuliert Dietmar Dath dem Schriftsteller Hermann Peter Piwitt zum 90. Geburtstag.
Besprochen werden unter anderem Jonas Lüschers "Verzauberte Vorbestimmung" (TA, NZZ), Ričardas Gavelis' "Vilnius Poker" (taz), Tommie Goerz' "Im Schnee" (NZZ), Gianluca Buttolos Comic "Laurel und Hardy" (Jungle World), Yuval Noah Hararis Kinderbuch "Unstoppable Us" (online nachgereicht von der FAZ) und Bela B. Felsenheimers "Fun" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Bühne

Zeuge einer gekonnten Entzauberung der "Geisterwelt eines Märchens aus dem Ersten Weltkrieg" wird SZ-Kritiker Wolfgang Schreiber an der Deutschen Oper Berlin: Tobias Kratzer hat Richard Strauss' und Hugo von Hofmannsthals Märchenoper "Die Frau ohne Schatten" auf die Bühne gebracht. Hier wird aus der Geschichte um eine kinderlose Kaiserin, die einer einfachen Frau ihren Schatten abkaufen will, (das heißt gebärfähig werden), eine recht realistische Oper übers Kinderkriegen, so Schreiber. Immer wieder gelinge es Kratzer, so Schreiber, "den erhabenen Kitsch der Oper in die reale Pfiffigkeit zu überführen." Er "bestückt das Märchen mit Elementen einer flotten Reportage: So wird Amme und Kaiserin ein Film gezeigt, der die künstliche Befruchtung in einer Arztpraxis minutiös dokumentiert. So erlebt man Färberin und Färber bei der emotional exakt nachgestellten Beratung im Büro einer Paartherapeutin. Kratzer gelingen in der verzaubernden Oper wiederholt komödiantische Bilder mit Knalleffekt, da unterläuft er schlicht die Maxime, dass Frauen für Liebe und Kinder zuständig sein sollen."
Auch Judith von Sternburg ist in der FR, trotz eines etwas "braven" Anfangs, überzeugt von diesem Abend, auch musikalisch: "Runnicles und das Orchester bieten dazu einen sinfonisch brausenden, sich - wie die Inszenierung - allmählich hineingroovenden Klang. Ein Großereignis für die tiefen Blechbläser, und sie machen etwas draus. Das Solistenensemble bewegt sich im erforderlichen Wagnerformat, angeführt von Brünnhilde, nein, pardon, Catherine Foster als ihrer schlechten Laune und ihrem aufbrausenden Temperament absolut hingegebene, glücklicherweise aber lieber charaktervoll als keifend singende Färberin. In ihrer nicht zu beruhigenden Unzufriedenheit ist sie, wie zumeist, die interessanteste Figur." Im Tagesspiegel stimmt Frederik Hanssen weitgehend in das Lob mit ein und hebt ein "exzellentes Solistenteam" hervor.

Fans von Frank Castorf können sich den Theaterbesuch von Tilmann Köhlers Inszenierung von "Der Komet" sparen, meint Michael Bartsch in der taz. Denn sie würden bei dieser Adaption von Durs Grünbeins Roman am Staatsschauspiel Dresden "halbstündiges Kino auf der Hinterbühne, aufgesetzte Predigten und Drastik nur vermissen". Köhler lässt die Geschichte über Dresden während des Nationalsozialismus stattdessen von seinem starken Schauspiel-Ensemble erzählen und setzt so "auf die ursprüngliche Kraft des Sprechtheaters. Das Konventionelle kann ja heute schon wieder als ausgefallen gelten. Sparsamkeit erweist sich als Gewinn. Man erlebt viel mehr als etwa eine szenische Lesung, denn die Illustrationen sind sehr genau gearbeitet und gestische Unterstreichungen harmonieren. Das nutzt sich über zweieinhalb Stunden reine Spielzeit auch nicht ab oder erschöpft sich in Stereotypen."
Peter Laudenbach kann dem in der SZ nur zustimmen: Die Schauspieler "übersetzen den Text szenisch mit schöner Klarheit und frei von pathetischem Dröhnen in Bericht und eher zeichenhaftes als übertrieben einfühlendes Spiel. Man könnte auch sagen: Sie zeigen und erzählen eine Geschichte von Verbrechen und Mord, die noch nicht so lange her ist und uns plötzlich wieder gefährlich nahe rückt. Die ziemlich großartige Henriette Hölzel spielt Dora Wachtel mit einem hellwachen, manchmal spöttisch erstaunten, kitschfreien Leuchten der Lebensgier."
Besprochen werden Lydia Steiers Inszenierung der Oper "Echo 72" am Staatstheater Hannover (taz), Barbara Freys Inszenierung von Molières "Tartuffe" am Wiener Burgtheater (FAZ, nachtkritik), Dagmar Manzels Inszenierung von Engelbert Humperdincks Oper "Hänsel und Gretel" an der Komischen Oper Berlin (SZ).
Film
Georg Diez befasst sich auf Zeit Online zum gestrigen Holocaust-Gedenktag ausführlich mit Julia von Heinz' "Treasure" und Jesse Eisenbergs "A Real Pain" (unsere Kritik), die beide von Reisen zu den Orten des Massenmords der Deutschen an den Juden erzählen. Die Figuren in beiden Filmen "sind geprägt von der Verstörung, vom Fehlen von Menschen, von der Abwesenheit, die sich nicht füllen lässt, indem man anwesend ist, an die Orte geht, selbst für sich sucht. 'A Real Pain', mehr noch als 'Treasure', schildert diese Unmöglichkeit, sich zu verbinden, über das Grauen hinweg. Dieses Grauen bleibt abwesend, muss es wohl bleiben - auf andere Art als in anderen Zeiten. Wir leben in einer psychologischen Epoche, mit viel Introspektion und Selbstversicherung und Selbstzweifel und Selbstverbesserung. Folglich ist auch die Betrachtung des Holocausts psychologisch, therapeutisch, von heute ausgehend - im Fall der beiden Filme von denen, die nachgeboren sind und die immer noch mit den Fragen und Folgen der Überlebenden wie der Toten umgehen. Der Holocaust wird privatisiert, weil alles privatisiert wird."
Demi Moore ("The Substance"), Nicole Kidman ("Babygirl", unser Resümee) und Pamela Anderson ("The Last Showgirl", unser Resümee) werden gerade in Hollywood für Filme auch preisverdächtig gefeiert, in denen es um das Altern von Frauen(körpern) geht. Zeichnet sich hier ein Sinneswandel in der Branche ab? Susan Vahabzadeh ist in der SZ nicht überzeugt, zumal zumindest Kidman und Moore seit vielen Jahren gegen den Lauf der Natur mit allerlei Eingriffen anarbeiten. "Die Frauen in Hollywood befinden sich seit der Erfindung des Kinos in einem Kampf gegen die Zeit." Doch "dieser Kampf ist verloren. 'The Substance', 'The Last Showgirl' und 'Babygirl' sind keine Anzeichen eines Wandels in Hollywood - sie sind eine Kapitulation. Den Zwang zur Perfektion, von dem sie erzählen, bilden sie ab. Aber sie haben ihm nichts entgegenzusetzen. Die ultimative Objektifizierung dürfte eingetreten sein, wenn sogar Frauen selbst ihren Körper als ewige Baustelle sehen (und das thematisieren) ... Jamie Lee Curtis und Emma Thompson gehören zu den Schauspielerinnen, die das Alter offenbar Alter sein lassen. Sie sind aber Ausnahmen, und sie zahlen einen Preis dafür, man sieht sie nur noch selten in größeren Rollen."
Außerdem: Wolfgang Hamdorf spricht für den Filmdienst mit der Regisseurin Frauke Lodders über deren Film "Gotteskinder", der von jungen Menschen in evangelikalen Gemeinden erzählt. Der deutschsprachige Filmnachwuchs setzt auf Authentizität und Emotion, beobachtet tazlerin Jenni Zylka beim diesjährigen Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken. In der FAZ gratuliert Jürgen Kaube der Schauspielerin Marthe Keller zum 80. Geburtstag.
Besprochen werden Brady Corbets "The Brutalist" (NZZ, Standard, SZ), Frauke Lodders' "Gotteskinder" und Benjamin Pfohls "Jupiter", die beide von Jugendlichen in Glaubensgemeinschaften handeln (Zeit Online) und Matthew Rankins "Universal Language" (taz, mehr zum Film bereits hier).
Demi Moore ("The Substance"), Nicole Kidman ("Babygirl", unser Resümee) und Pamela Anderson ("The Last Showgirl", unser Resümee) werden gerade in Hollywood für Filme auch preisverdächtig gefeiert, in denen es um das Altern von Frauen(körpern) geht. Zeichnet sich hier ein Sinneswandel in der Branche ab? Susan Vahabzadeh ist in der SZ nicht überzeugt, zumal zumindest Kidman und Moore seit vielen Jahren gegen den Lauf der Natur mit allerlei Eingriffen anarbeiten. "Die Frauen in Hollywood befinden sich seit der Erfindung des Kinos in einem Kampf gegen die Zeit." Doch "dieser Kampf ist verloren. 'The Substance', 'The Last Showgirl' und 'Babygirl' sind keine Anzeichen eines Wandels in Hollywood - sie sind eine Kapitulation. Den Zwang zur Perfektion, von dem sie erzählen, bilden sie ab. Aber sie haben ihm nichts entgegenzusetzen. Die ultimative Objektifizierung dürfte eingetreten sein, wenn sogar Frauen selbst ihren Körper als ewige Baustelle sehen (und das thematisieren) ... Jamie Lee Curtis und Emma Thompson gehören zu den Schauspielerinnen, die das Alter offenbar Alter sein lassen. Sie sind aber Ausnahmen, und sie zahlen einen Preis dafür, man sieht sie nur noch selten in größeren Rollen."
Außerdem: Wolfgang Hamdorf spricht für den Filmdienst mit der Regisseurin Frauke Lodders über deren Film "Gotteskinder", der von jungen Menschen in evangelikalen Gemeinden erzählt. Der deutschsprachige Filmnachwuchs setzt auf Authentizität und Emotion, beobachtet tazlerin Jenni Zylka beim diesjährigen Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken. In der FAZ gratuliert Jürgen Kaube der Schauspielerin Marthe Keller zum 80. Geburtstag.
Besprochen werden Brady Corbets "The Brutalist" (NZZ, Standard, SZ), Frauke Lodders' "Gotteskinder" und Benjamin Pfohls "Jupiter", die beide von Jugendlichen in Glaubensgemeinschaften handeln (Zeit Online) und Matthew Rankins "Universal Language" (taz, mehr zum Film bereits hier).
Kunst

Wer hat schonmal von Else Hertzer gehört? Nein? Kein Wunder, meint Verena Harzer in der taz, denn die expressionistische Malerin wurde völlig vergessen, kein einziges ihrer Gemälde hängt in einem deutschen Museum. Zu Unrecht, findet Harzer, und freut sich, dass die Künstlerin Sabine Herrmann ihren Werken im Verein der Berliner Künstlerinnen 1867 eine Ausstellung widmet: "Es gibt eine Notiz von Eberhard Roters, dem Gründungsdirektor der Berlinischen Galerie, über die Malerin. Auf einer Karteikarte vermerkte er 1990, dass ihre Freundschaft mit dem Expressionisten Karl Schmidt-Rottluff an ihrem Stil erkennbar sei. Vor allem in den 'kraftvollen expressionistischen Aquarellen der zwanziger Jahre'. Ein gutes Beispiel dafür ist das Aquarell 'Vorstadthäuser' von 1919. Fast ganz in schwarzgrauen Tönen gehalten, ragt im Zentrum des Bildes ein einzelnes, um einen halboffenen Innenhof gebautes Mietshaus auf. 'Wie ein Grabstein', sagt Herrmann, der die Bewunderung für Hertzers Bilder deutlich anzumerken ist. Die schwarzen Fensterhöhlen blicken alle in den engen Hof und lassen die dunklen Wohnungen dahinter erahnen. Die Bäume vor dem Haus sind schwarz und kahl, genau wie die drei einsamen Gestalten dazwischen."
Außerdem: In der SZ erklärt uns Werner Bartens die "Ikonodiagnostik" - die Disziplin, Krankheiten auf Gemälden zu identifizieren. Besprochen wird die Ausstellung "Von Odesa nach Berlin. Europäische Malerei des 16. bis 19. Jahrhunderts" in der Gemäldegalerie am Kulturforum in Berlin (FAZ) und eine Ausstellung mit Kunst von David Lynch: "My House is on Fire. David Lynch" im Horst-Janssen-Museum in Oldenburg (tsp).
Design
In seiner von der SZ dokumentierten Rede vor den Abschlussjahrgängen am Institut français de la mode in Paris, fragt sich Chris Dercon, wie die Mode der Zukunft aussehen sollte - und wie sich Mode an den Schnittstellen zur Kunst, aber auch zu Fragen des Klimawandels und gesellschaftlichre Umbrüche aufstellen sollte. "Mode sollte sich die Erlaubnis geben, Intelligenz zu erschaffen. Das ist der einzige Weg in die Zukunft. Intelligenz ist eine altruistische Geste, die einem Objekt einen Wert gibt, der die reine Ästhetik weit hinter sich lässt. Ich meine hier eine Intelligenz, die nicht nur als Innovation verstanden werden kann. Innovation hat heutzutage die Tendenz, vor allem anderen die Form in den Vordergrund zu stellen, was gar nicht nötig ist. Es ist auch die Intelligenz, die es uns ermöglicht, Veränderung hervorzurufen. Die Mode braucht ein Aufrütteln, das nicht nur ästhetischer Art sein kann. Dafür müsste man die Aufmerksamkeit auf Funktionalität lenken, was uns ermöglichen könnte, neue Materialien, Formen und Richtungen zu entdecken."
Musik
Gängige Darstellungen der Geschichte der europäischen Musikgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts sind zu einfach gestrickt und unterschätzen die Zäsur der nationalsozialistischen Verheerungen, kommentiert der Musikhistoriker Friedrich Geiger auf VAN, der das neue Langzeit-Forschungsprojekt "NS-Verfolgung und Musikgeschichte" leitet. "Noch immer glauben viele, das heutige Musikleben sei im Wesentlichen entlang weniger Hauptlinien organisch gewachsen. Doch die verdienstvollen Arbeiten und Initiativen, die sich seit über vierzig Jahren den Schicksalen NS-verfolgter Musikerinnen und Musiker widmen, haben längst das Gegenteil belegt. Sie zeigten, dass die europäische Musikkultur, bevor die Nazis mit ihrer systematischen Zerstörung begannen, viel reicher war, als wir es lange ahnten. Und sie machten deutlich, welchen Einfluss diejenigen, denen die Flucht glückte, auf die Musikgeschichte der zweiten Jahrhunderthälfte hatten. Wie sich herausgestellt hat, war dieser Einfluss zwar oft indirekt oder mittelbar, aber insgesamt erheblich. Das heißt: Musikgeschichtlich müssen wir die Zeit vor, während und nach der NS-Herrschaft neu denken."
Besprochen werden das neue Album von Franz Ferdinand (Jungle World), ein Konzert des Budapest Festival Orchestra in Frankfurt (FR), das neue Album der Folksängerin Avec (Standard), Chris Eckmans Album "The Land We Knew the Best" (FR) und neue Jazzveröffentlichungen, darunter "September Night" vom Tomasz Stanko Quartet (Standard).
Besprochen werden das neue Album von Franz Ferdinand (Jungle World), ein Konzert des Budapest Festival Orchestra in Frankfurt (FR), das neue Album der Folksängerin Avec (Standard), Chris Eckmans Album "The Land We Knew the Best" (FR) und neue Jazzveröffentlichungen, darunter "September Night" vom Tomasz Stanko Quartet (Standard).
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