Lässt allen existenzialistischen Weihrauch abziehen
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02.01.2025. So hin- und hergerissen wie der Film selbst, sind auch die Kritiker von Robert Eggers' Nosferatu-Remake "The Witch". Lebendiger erscheint ihnen Luca Guadagninos "Queer", der einen Schmierbolzen im mexikanischen Exil seinem schwulen Begehren nachforschen lässt. Der Standard bewundert in Wien den Champagnergeist Dagobert Peche, dessen knallige WienerWerkstätte-Entwürfe die Pop-Kultur bis heute prägen. Die SZ knetet mit Francis Bacon in London die Gesichter von Freunden.
Visionärer Wahnitz: "Nosferatu" von Robert Eggers RobertEggers, der sich seit seinem "The Witch" von 2015 als neuer Auteur des Horrorkinos empfiehlt, hat mit "Nosferatu" ein Remake des gleichnamigen Pionierfilms von F.W. Murnau gedreht. Damit will er dem Vampirfilm offenbar "jenen visionärenWahnwitz wiedergeben, den ihm die Popkultur in den letzten Jahrzehnten ziemlich gründlich ausgetrieben hat", schreibt Lukas Foerster im Perlentaucher und attestiert dem Regisseur, am Meisterwerk dann doch knapp vorbeigeschrammt zu sein. "Nicht zum ersten Mal kommt dem Regisseur sein Faible für möglichst originalgetreue Reproduktionen historischer Ästhetiken in die Quere. Das reduzierte Farbtableu etwa soll vermutlich Stummfilm-Viragierungen evozieren, die Ton-in-Ton-Kompositionen schauen jedoch allzu oft bloß steif und sauerstoffarm aus." Doch "das größere Problem ist ein Narratives. Filme, die" mehr oder weniger auf "Bram Stokers Briefroman 'Dracula' basieren, sind selten wirklich elegant erzählt. ... Und so verwandelt sich sein Film" ziemlich oft "in eine träge kostümfilmig anmutende Dialogwüste".
"Der Film ist laut und schrill, finster und frostig, aber dann hat er immer wieder, an den unmöglichsten Stellen, Momente einer fast jenseitigen Ruhe und Stille", schreibt Fritz Göttler in der SZ: "In diesem Hin- und Hergerissensein reibt sein Film sich auf, entwickelt eine ganz eigene, aufregend leere und leblose Schönheit, einen melancholischenSchrecken." Dieses Remake "sieht beeindruckend diabolisch aus", schreibt Jenni Zylka in der taz. "Doch weiter will Eggers nicht graben." Auch FAZ-Kritikerin Maria Wiesner kommt mit Katerstimmung aus dem Saal: "Das ist alles gut gemacht, wirkt aber spätestens nach der fünften Metaspielerei etwas arg wie die Dioramaschau eines Museumsbildbands."
Im aufgeräumten Dschungel: "Queer" von Luca Guadagnino Der italienische Autorenfilmer LucaGuadagninos adaptiert mit "Queer" den gleichnamigen autobiografischen Roman von WilliamS. Burroughs. Der frühere James-Bond-Darsteller DanielCraig gibt hier Burroughs' Alter Ego Lee, der im mexikanischen Exil seinem homosexuellen Begehren nachforscht. Dies nutzt der Regisseur "als Fundament für eine bittersüße Geschichte über Selbstverlust und unerwiderte Zuneigung", erklärt Michael Kienzl im Perlentaucher. "Nicht nur die Natur des Menschen bleibt ungreifbar, sondern auch zwischenmenschliche Beziehungen. Was im Film vielleicht manchmal zu abstrakt gedacht ist, wird durchs nuancierte Schauspiel zu Fleisch und Blut. Besonders Daniel Craig als abgewrackterSchmierbolzen, der seine Knarre stets sichtbar am Hosenbund trägt, ist eine Schau." Allerdings wirkt der Film mitunter manieriert: "Mexiko City wirkt wie eine leblose Kulisse und auch dem Dschungel versucht 'Queer' jeden Anflug von Authentizität auszutreiben. Selbst die drogengeschwängertenVisionen wirken seltsam aufgeräumt."
Der humanistische Kern in Luca Guadagninos Kino liegt darin, wie er das Verlangen und Begehren als Ausdruck des Lebendigseins feiert, hält Arabella Wintermayr in der taz fest. Doch "dem Verlangen, das William S. Burroughs in 'Queer' beschreibt, fehlt letztlich das lebensbejahende Moment ... Indem die Adaption der literarischen Vorlage weitgehend folgt, erforscht Guadagnino ... tatsächlich erstmalseine finsterere Facette des Verlangens und zeigt es als Geschenk, das sich durchaus in eine Grausamkeit verwandeln kann, wenn es niemals gestillt wird."
Weitere Artikel: Michael Kienzl wirft für den Filmdienst einen Vorab-Blick aufs Kinojahr 2025. Andreas Busche empfiehlt im Tagesspiegel das aus US-Independentkino spezialisierte Festival "Unknown Pleasures", das seinen Fokus in diesem Jahr vor allem auf Regisseurinnen legt. Dietmar Dath (FAZ) gratuliert dem Regisseur Taylor Hackford zum 80. Geburtstag. In der tazfreut sich Andreas Hergeth nach einer Baustellenbegehung, dass die Sanierung des prestigereichen KinosInternational gut vorankommt.
Besprochen werden MichaelGraceys Biopic "Better Man" über RobbieWilliams, der hier von einem (digitalen) Affen gespielt wird (FR, Standard), die DVD-Ausgabe von JTMollners "Strange Darling" (taz), die ARD-Serie "Levis Strauss und der Stoff der Träume" (taz) und ChristineUschyWernkes auf Amazon gezeigtes Porträt "Mein Name ist Otto" über OttoWaalkes (FAZ). Außerdem blicken Filmdienst und Tagesspiegel auf die Kinostarts der Woche.
Rainald Goetz' Medien-Comeback auf Instagram (wir berichteten) ist "eine kleine Sensation", schreibt Andreas Rosenfelder in der Welt: "Was ist das, versuchte Wahlbeeinflussung, lyrischePropaganda, Clickbait für die literarische Fanbase? Oder ein fortlaufender Kommentar zur Krise der Medien?"
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weitere Artikel: Wer wissen will, wie es zu Hitler kommen konnte, muss SebastianHaffners"Geschichte eines Deutschen" lesen, schreibt Hannes Hintermeier in der FAZ-Serie "Pflichtlektüre für Demokraten". Marie Schmidt denkt in der SZ angesichts des Thomas-Mann-Jahrs 2025 (150. Geburtstag, sowie 70. Todestag) darüber nach, was einem solche Gedenkjahre (insbesondere in der Häufung, wie 2025 eines darstellt) überhaupt noch sagen. Kai Spanke gratuliert in der FAZ dem BiografenRüdigerSafranski zum 80. Geburtstag. Jeremy Adler blickt für die FAZ zurück auf die Publikationen des Kafka-Jahres2024. Helenke Slancaar liest für den StandardStar-Autobiografien.
Besprochen werden unter anderem AnnaBurns' "Größtenteils heldenhaft" (FR), VolkerKutschers Krimi "Rath" (taz), Dora Kaprálovás "Winterbuch der Liebe" (Presse), AnneTylers "Drei Tage im Juni" (Presse) und die von NicolettaGiacon herausgegebene Korrespondenz zwischen Gerty und HugovonHofmannsthal (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
"AUFbrüche" lautet das Motto, unter dem Chemnitz sich dieses Jahr als Kulturhauptstadt präsentiert. In der tazerinnert Michael Bartsch an die zwei historischen Zäsuren, die neben den rechtsextremistischen Ausschreitungen zum schlechten Image der einstigen führenden deutschen Industriestadt beitrugen: "Die Nazis hatten die Stadt des Automobil- und Maschinenbaus schon vor dem Überfall auf Polen 1939 zu einem Schwerpunkt der Rüstungsindustrie ausgebaut. Die britisch-amerikanischen Bombardements Anfang 1945, am schwersten in der Nacht des 5. März, folgten der britischen Strategie, damit die Moral der Bevölkerung brechen zu wollen. Etwa 4.000 Menschen kamen bei diesen Angriffen ums Leben. Zerstört wurden nicht nur zahlreiche Betriebe, sondern auch die Innenstadt zu 80 Prozent und ein Viertel des Wohnungsbestands. Diese Wunde ist bis heute sichtbar. Weder der versuchte Aufbau einer sozialistischen Großstadt noch Solitäre simulierter Wohlstandsarchitektur nach 1990 haben Chemnitz ein Zentrum und eine organische Struktur zurückbringen können."
Der Bel-Air-Turm in Lausanne. Foto: Aramini Michael - Travail personnel, CC BY-SA 4.0
In der NZZerzählt Werner Huber die Geschichte der 1932 eröffneten und nun frisch sanierten Cité Bel-Air Métropole in Lausanne, gestaltet von dem Architekten Alphonse Laverrière, der aber vor allem den Wünschen des Zürcher Investors Eugen Scotoni folgen musste. "Die Konstruktion hat ihre Vorbilder in den USA: ein Stahlskelett, das mit Mauerwerk ausgefacht und mit Naturstein verkleidet ist. Die Entwicklung dieser Skelettkonstruktion gehörte - zusammen mit der Erfindung der Zentralheizung und des absturzsicheren Lifts - zu den drei Voraussetzungen, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Chicago den Bau der ersten Wolkenkratzer ermöglichten. (...) So groß die Einflüsse aus den USA auch waren, die Topografie des Bauplatzes hätte lausannerischer kaum sein können. 14 Meter beträgt die Höhendifferenz zwischen der Rue de Genève im Flon-Quartier und der höher gelegenen Place Bel-Air. Das Flon-Quartier, wo heute das Leben pulsiert, war damals ein als minderwertig geltendes Lager- und Gewerbequartier. Dementsprechend gestaltete Laverrière den Sockelbau wie ein Gewerbehaus: schmucklos, mit eng aneinandergereihten Fenstern in einer grauen Putzfassade."
Weitere Artikel: Andreas Hergeth ist ebenfalls in der tazguter Dinge nach einem Baustellenbesuch beim Berliner Kino International, dessen aufwändige Restaurierung voraussichtlich 2026 abgeschlossen sein soll.
Der Guardianwürdigte die aktuelle Francis-Bacon-Ausstellung "Human Presence" in der Londoner National Portrait Gallery als eine der besten, aber auch zugleich "brutalsten" Bacon-Ausstellungen überhaupt, und dem kann Peter Richter in der SZ nur zustimmen. Die Schau lässt allen "existenzialistischen Weihrauch" um Bacon abziehen und so sieht Richter vor allem "Freunde und Vertraute aus dem Nachtleben von Soho. Männer, mit denen er schlief. Kollegen, mit denen er tafelte. Frauen, mit denen er diskutierte, feierte und sich mit Hingabe betrank. Es ist höflich, aber doch auffällig viel von 'drinking companions' die Rede. Umso mehr schockiert dann die Gewaltsamkeit: Gesichter, die zur Faust geballt werden. Gesichter, die wie mit Fäusten zermantscht aussehen. Swirl-Effekte wie zum Unkenntlichmachen von Personen in der digitalen Bildbearbeitung, nur eben in Öl auf Leinwand und an Menschen, die ihm eigentlich nahestanden. Die Art, wie er sie porträtierte, sei von vielen tatsächlich als 'Verletzung' empfunden worden, gibt Bacon in einem Fernsehinterview zu".
Weiteres: Für die tazbesucht Frank Keil den Maler Dieter Glasmacher, der dieses Jahr seinen 85. Geburtstag feiert. Besprochen wird die RinekeDijkstra-Ausstellung "Still - Moving Portraits 1992-2024" in der Berlinischen Galerie (taz, mehr hier)
Von einem wunderbaren Neujahrskonzert der WienerPhilharmoniker unter RiccardoMuti berichten Christoph Irrgeher (Standard) und Christian Gohlke (FAZ). Dem Dirigenten gelang "die so heikle Balance zwischen Lebensfreude und Melancholie, Übermut und Eleganz, Anmut und Kraft", schreibt Gohlke, von "etlichen Genussmomenten" spricht Irrgeher. Wobei die Tatsache, dass mit einem Stück von ConstanzeGeiger erstmals das Stück einer Frau bei dem traditionellen Termin gespielt wurde, von beiden eher pflichtbewusst als euphorisch abgehakt wird: Das Stück ist zwar "ein veritabler Stimmungsaufheller", findet Irrgeher,doch "spürt man doch ein wenig, dass Geiger beim Komponieren erst 13 Jahre zählte". Und Gahlke informiert: "Die allein erhaltene Klavierfassung des charmantenStückes musste von Wolfgang Dörner erst im Stile der damaligen Zeit neu orchestriert werden. ... Die Musik, die so entstand, ist kaum Ausdruck persönlicher Empfindungen; meistens verdankt sie ihre Entstehung ja auch ganz konkreten Anlässen. Wenn sie so meisterhaft gespielt wird wie jetzt unter Riccardo Mutis Leitung in Wien, schenkt sie auch heute noch Lebensfreude und hohenGenuss." Ljubiša Tošić erklärt im Standard, wer Constanze Geiger war. Und Stefan Ender porträtiert im StandardYannickNézet-Séguin, der 2026 das Neujahrskonzert dirgieren wird.
Weiteres: Manuel Brug (Welt) und Peter Blaha (FAZ) stimmen ins Strauss-Jahr2025 ein. Arne Löffel blickt im FR-Gespräch mit Kruder & Dorfmeister auf die Musik der Neunziger zurück. Karl Fluch erinnert im Standard an den vor 30 Jahren gestorbenen TedHawkins. Wolfgang Sandner schreibt in der FAZ zum Tod des Jazzmusikers BarrePhillips. Besprochen werden ein Beethoven-Konzert der WienerSymphoniker unter MarieJacquot (Standard, Presse), das Album "The Good Kind" von OurGirl (FR) und ein Auftritt von Slime (FR).
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