Im Kino

Mit dem Begehren kommen die Ratten

Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster
01.01.2025. Robert Eggers möchte mit seiner "Nosferatu"-Neuverfilmung dem Vampirkino den visionären Wahnwitz zurückgeben. Das klappt nur teilweise - das zentrale dunkelromantische Liebesdreieck macht Freude, aber zwischendurch dehnen sich Dialogwüsten.

Gehe nicht, fleht Ellen Hutter ihren Mann Thomas an, als der sich vom heimischen Wisborg, einer schnieken deutschen Kleinstadt, aufmacht in den wilden Osten, ans Ende der Landkarte (und damit auch von der geschäftigen Neuzeit, die Wisborg erfasst hat, ins finstere Mittelalter zurück reist), um dem dort ansässigen Grafen Orlok ein Schloss zu verkaufen. Ein Geschäft wie jedes andere, könnte man meinen. Seine Frau jedoch hat böse Vorahnungen. Lily-Rose Depp spielt Ellen mit Vorliebe bebend und eindrücklich dünnhäutig, man meint förmlich das Blut in ihren Schläfenadern pulsieren zu spüren. Sie ist sozusagen von Anfang an nah am Vampir gebaut. Nicholas Hoult hingegen schaut als Thomas in seinen Großaufnahmen stets hübsch paralysiert drein. Für die Gefühlswallungen seiner Frau fehlen ihm die Rezeptoren und auch sonst ist er von allem, was übers emotionale Normalmaß hinausgeht, tendenziell überfordert. Als er wenig später zum ersten Mal dem erwähnten Graf Orlok, von Bill Skarsgård weniger verkörpert als ins Cine-Äther geraunt, gegenübertritt, traut er sich kaum, zu seinem mythenumrankten Geschäftspartner aufzublicken.

Ellen hingegen geht mit Orlok auf Tuchfühlung, hautnah und offenen Auges - obwohl sie hunderte Kilometer von ihm entfernt im vermeintlich saturiert-langweiligen Wisborg geblieben ist. Die fernpsychische Verbindung zwischen Ellen und Orlok ist auch in Eggers erzählerisch recht eng an Friedrich Wilhelm Murnaus gleichnamigem Schauerklassiker aus dem Jahr 1922 orientierten Version von "Nosferatu" nicht nur Dreh- und Angelpunkt der Handlung, sondern außerdem zentrale Antriebskraft visueller Imagination: Nosferatus fauliges Antlitz blendet in Helens Gesicht hinein, seine Klaue des Todes überwindet Zeit und Raum, schiebt sich riesenhaft übers Häusermeer, auf ein offenes Fenster und die in ihm wartende, gegen ihren Willen Willige zu. Schattenspiele des Begehrens, kopulierende Bilder.

Warum "Nosferatu" noch einmal drehen? Robert Eggers will dem Vampirkino, so scheint es, jenen visionären Wahnwitz wiedergeben, den ihm die Popkultur in den letzten Jahrzehnten ziemlich gründlich ausgetrieben hat. Kein postmoderner, metaphernbefrachteter Blutsauger sucht diesen Film heim und schon gar kein handzahmer "Bis(s) zum Morgengrauen"-Mädchenschwarm, sondern eine beschnurrbarte transylvanische Urwucht, die im rumänischen Death-Metal-Growl von Tod und ewiger Verdammnis kündet. Orlok ist, bei Eggers wie bei Murnau, gleichzeitig avant-garde und archaisch, einer, der alle Ordnungen, auch und gerade die patriarchal-bürgerliche des zu Filmbeginn noch geschäftig vor sich hin schnurrenden Wisborg, erschüttert und dem doch nicht die Zukunft gehören darf. Denn zwar ist Nosferatu das Begehren. Aber mit dem Begehren kommen die Ratten.


Das Bemühen, den irrationalen Kern der Vampir-Mythos nicht an eine allzu zeitgeistige Adaptation preiszugeben, ist dem Remake fast in jeder einzelnen stilistischen Entscheidung anzumerken. Solange das Dreieck Ellen-Thomas-Orlok im Zentrum steht, geht die Rechnung auf. Nicht zuletzt, weil die Konstellation von Anfang bis Ende erotisch ambivalent bleibt: Steht das animalisch-abgründige Phantasma Orlok dem bürgerlichen Liebesglück der (kinderlosen!) Eheleute Hutter im Weg? Oder drängt sich ganz im Gegenteil Thomas als Fleisch gewordenes Realitätsprinzip zwischen Ellen und ihre sexuelle Erfüllung in der Hingabe an ihre dunkelsten Fantasien? Die dritte Möglichkeit - Ellen als Hindernis und Medium der libidinösen Vereinigung von Thomas und Orlok - bleibt freilich latent. Da bedürfte es eines wagemutigeren Regisseurs als Eggers einer ist.

Dennoch: Wäre die dunkle, genuin melodramatische Liebesgeschichte um Ellen und ihre beiden Männer der ganze Film, wäre er nah am Meisterwerk. Leider hat Eggers andere Prioritäten. Nicht zum ersten Mal kommt dem Regisseur sein Faible für möglichst originalgetreue Reproduktionen historischer Ästhetiken in die Quere. Das reduzierte Farbtableu etwa soll vermutlich Stummfilm-Viragierungen evozieren, die Ton-in-Ton-Kompositionen schauen jedoch allzu oft bloß steif und sauerstoffarm aus. Man ist irgendwann über jeden Schimmer bunten Lebens froh; Ellens blaues Kleid ist gelegentlich einer, auch zwei freche kleine Mädchen dringen zwei-, dreimal als hochwillkommene kleine Sonnenscheine in den Film ein.

Das größere Problem ist ein Narratives. Filme, die direkt oder, wie in diesem Fall, indirekt auf Bram Stokers Briefroman "Dracula" basieren, sind selten wirklich elegant erzählt. Irgendwas muss an dem Stoff dran sein, klar, das Kino kommt schließlich einfach nicht von ihm los. Aber da ist doch stets ein bisschen zu viel Viktorianismus und auch schlichtweg zu viel Plot, der der Blutsauger-Action in die Quere kommt. Der Literalist Eggers möchte der Vorlage auch in dieser Hinsicht gerecht werden, und so verwandelt sich sein Film fast immer, wenn er sich vom erwähnten Dreieck Ellen-Thomas-Orlok wegbewegt, in eine träge kostümfilmig anmutende Dialogwüste. Die im Murnau-Film noch einigermaßen leicht zu ignorierenden, weil traumartig-stummfilmschwebenden Drehbuchvolten um Thomas' Freund Friedrich und dessen Frau Anna vor allem lasten bei Eggers schwer, zeitweise bleischwer auf den Bildern.

Nicht verschwiegen werden soll freilich das rundum famose Ende: Der neue "Nosferatu" läuft auf einen ziemlich spektakulären Sonnenaufgang zu, eine Ekstase der Aufklärung, einen todbringenden Exzess der Sichtbarkeit, der die Welt gleichzeitig entzaubert und rettet. Ein toller, musikalisch durchkomponierter Kinomoment ist das, auch einer der schönsten Maskeneffekte der jüngeren Filmgeschichte: gerade das Monströse am Monster, erkennen wir, macht es uns gleich. Die zwei Kinostunden, die diesem grandiosen Schlussakkord vorausgehen, werden einem freilich oft doch ziemlich lang.

Lukas Foerster

Nosferatu - USA 2024 - Regie: Robert Eggers - Darsteller: Lily-Rose Depp, Nicholas Hoult, Bill Skarsgård, Aaron Taylor-Johnson, Willem Dafoe - Laufzeit: 132 Minuten.