Efeu - Die Kulturrundschau
Kosmische Kriegsführung
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31.12.2024. Dass Feuerwerk auch eine Kunst sein kann, lernt die taz in einer Berliner Ausstellung. Auf critic.de erzählt Lukas Foerster von seinem Mammut-Projekt: alle deutschen Filme mit Kinostart aus dem Jahr 2024 gesehen zu haben. Boualem Sansal wird bei der Neujahrsamnestie des algerischen Präsidenten nicht freigelassen, meldet sein französisches Unterstützerkomitee. Kunst ist keine Wohlfühloase, erinnert in der Zeit Rainer Moritz. Die taz betrachtet die Architektur in Bulgarien. Die Zeit trauert um den Berliner Watergate-Club, der im neuen Jahr dicht macht.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
31.12.2024
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Kunst

Nicht ärgern, wenns heute nacht kracht. Dabei hilft vielleicht der Besuch einer Ausstellung im Berliner Kulturforum, das eine illustrierte Geschichte der Feuerwerkskunst seit dem 17. Jahrhundert zeigt. Denn Feuerwerk ist tatsächlich eine Kunst, lernt dort taz-Kritiker Martin Conrads: "Als Nebenprodukt einer durch Militärwissenschaft optimierten Artillerietechnik entstanden, ging es bei Feuerwerkskunst seit jeher darum, Krieg und Frieden zusammenzudenken. So werden hier nicht nur Feierlichkeiten aus Anlass von Siegen nach kriegerischen Auseinandersetzungen gezeigt - etwa im Kupferstich Daniel Marots (um 1702), der das Feuerwerk als Mittel geradezu kosmischer Kriegsführung für den Sieg der Niederlande über Frankreich und Spanien darstellt. Auch für Friedensfeiern wurden aufwendige Feuerwerke veranstaltet, wie auf einem Kupferstich von Peter Troschel (um 1650) zu sehen, der die Feierlichkeiten zum 'Nürnberger Frieden' zeigt, mit dem der Dreißigjährige Krieg beendet wurde. 'Der Krieg wird hier mit den Mitteln des Kriegs vernichtet', fasst [Kuratorin] Wienigk das Dargestellte zusammen."
Weiteres: Boris Pofalla unterhält sich mit dem kanadischen Künstler Jeff Wall, der gerade in der Londoner White Cube Gallery ausstellt, über die Komposition und Langlebigkeit von Farbfotos. Vincent Först unterhält sich für monopol mit Designer Fuseinatti über "Internet Aesthetics". Besprochen werden noch Gary Simmons' Ausstellung "Thin Ice continues" in der Galerie Hauser & Wirth in Manhattan (Hyperallergic) und Ai Weiweis "What You See Is What You See" bei Faurschou New York (Hyperallergic).
Film
Perlentaucher-Kritiker Lukas Foerster erzählt auf critic.de von seinem Mammutprojekt 2024: Wegen eines Jurypostens hat er in diesem Jahr sämtliche deutschen Filme mit einem Kinostart gesehen. Klischees über den deutschen Film will er fortan nicht mehr hören: Das deutsche Kino ist in jeder Hinsicht vielfältiger als notorische Nörgler behaupten. Trotzdem gibt es Leerstellen: "Zum einen fällt auf, wie wenige prägnante Auteur-Positionen" auszumachen sind - und dass es ein Kino außerhalb der Filmförderkultur fast nicht mehr zu geben scheint. "Die schillernden Außenseiterpositionen verweisen ex negativo auf das Systemische des deutschen Kinos. In der Tat stammen Filme, die außerhalb oder am Rande der Fördertöpfe entstehen, überdurchschnittlich häufig von Regisseuren ohne Filmhochschulabschluss. ... Die deutsche Filmszene ist gewissermaßen überintegriert: Filmhochschulabsolventen drehen Filmförderfilme, die im Anschluss Förderverleihstarts erhalten. Zumeist allerdings, siehe oben, ohne sich dadurch eine Autorensignatur zu erarbeiten; das System ist auf Förderkino geeicht, nicht auf Autorenkino." Dazu passend: Im Podcast "Lakonisch Elegant" des Dlf Kultur lassen Matthias Dell, Hannah Pilarczyk und Perlentaucher-Kritiker Kamil Moll den deutschen Kommerzfilm 2024 Revue passieren.
Georg Seeßlen nimmt auf Zeit Online Christine Uschy Wernkes auf Amazon Prime gezeigten Porträtfilm "Mein Name ist Otto" über Otto Waalkes zum Anlass, um über den deutschen Humor der späten Nachkriegszeit nachzudenken. "Mit Loriot und Gerhard Polt repräsentiert Otto heute ein Komödiantentum der Post-Wirtschaftswunderzeit, das ziemlich genau wiedergab, wie die Gesellschaft damals tickte. Loriot alias Vicco von Bülow war ein Vertreter des alten Bürgertums, der immer wieder daran scheiterte, Anstand und Würde zu bewahren. Polt war die Verdichtung eines bornierten neuen Kleinbürgertums, das seine eigene Begrenzung und seine Ressentiments zur Weltanschauung formte. Otto hingegen war das proletarische Kind, der junge Elefant in den Porzellanläden einer bei ihrer Modernisierung stecken gebliebenen Gesellschaft." Aber "was wäre, nur zum Beispiel, wenn Otto wie Jerry Lewis einen Martin Scorsese, wie Totò einen Pier Paolo Pasolini, wie Buster Keaton einen Charles Chaplin, wie Peter Sellers einen Stanley Kubrick, wie Bill Murray eine Sofia Coppola fände, um das Unheimliche im Heimeligen zu erforschen?"
Weitere Artikel: Das letzte Kino-Wochenende war (dank des Disney-Films "Mufasa") das umsatzstärkste des ganzen Jahres, meldet Christiane Peitz im Tagesspiegel, die allerdings nicht glaubt, dass dies an der insgesamt miserablen Bilanz dieses Jahres noch etwas ändern wird. Oliver Jungen freut sich in der FAZ darüber, wie sich die "Kurzschluss"-Halbstünder mit Anke Engelke und Matthias Brandt in der ARD langsam aber sicher zur Silvestertradition mausern: "ein Genuss und ein Glücksfall". Peter Kümmel plaudert für die Zeit mit Udo Wachtveitl, der im nächsten Jahr seinen 100. und letzten "Tatort" als Ermittler Franz Leitmayr absolvieren wird. Außerdem listet das SZ-Filmkritikerteam seine Magic Moments im Kino 2024 auf.
Besprochen werden Luca Guadagninos Burroughs-Verfilmung "Queer" mit Daniel Craig (BLZ), Robert Eggers' Neuverfilmung von "Nosferatu" mit Bill Skarsgård als Vampir (Presse), die ZDF-Serie "Hameln" (FAZ, Tsp) und die Netflix-Serie "No Good Deed" (taz).
Georg Seeßlen nimmt auf Zeit Online Christine Uschy Wernkes auf Amazon Prime gezeigten Porträtfilm "Mein Name ist Otto" über Otto Waalkes zum Anlass, um über den deutschen Humor der späten Nachkriegszeit nachzudenken. "Mit Loriot und Gerhard Polt repräsentiert Otto heute ein Komödiantentum der Post-Wirtschaftswunderzeit, das ziemlich genau wiedergab, wie die Gesellschaft damals tickte. Loriot alias Vicco von Bülow war ein Vertreter des alten Bürgertums, der immer wieder daran scheiterte, Anstand und Würde zu bewahren. Polt war die Verdichtung eines bornierten neuen Kleinbürgertums, das seine eigene Begrenzung und seine Ressentiments zur Weltanschauung formte. Otto hingegen war das proletarische Kind, der junge Elefant in den Porzellanläden einer bei ihrer Modernisierung stecken gebliebenen Gesellschaft." Aber "was wäre, nur zum Beispiel, wenn Otto wie Jerry Lewis einen Martin Scorsese, wie Totò einen Pier Paolo Pasolini, wie Buster Keaton einen Charles Chaplin, wie Peter Sellers einen Stanley Kubrick, wie Bill Murray eine Sofia Coppola fände, um das Unheimliche im Heimeligen zu erforschen?"
Weitere Artikel: Das letzte Kino-Wochenende war (dank des Disney-Films "Mufasa") das umsatzstärkste des ganzen Jahres, meldet Christiane Peitz im Tagesspiegel, die allerdings nicht glaubt, dass dies an der insgesamt miserablen Bilanz dieses Jahres noch etwas ändern wird. Oliver Jungen freut sich in der FAZ darüber, wie sich die "Kurzschluss"-Halbstünder mit Anke Engelke und Matthias Brandt in der ARD langsam aber sicher zur Silvestertradition mausern: "ein Genuss und ein Glücksfall". Peter Kümmel plaudert für die Zeit mit Udo Wachtveitl, der im nächsten Jahr seinen 100. und letzten "Tatort" als Ermittler Franz Leitmayr absolvieren wird. Außerdem listet das SZ-Filmkritikerteam seine Magic Moments im Kino 2024 auf.
Besprochen werden Luca Guadagninos Burroughs-Verfilmung "Queer" mit Daniel Craig (BLZ), Robert Eggers' Neuverfilmung von "Nosferatu" mit Bill Skarsgård als Vampir (Presse), die ZDF-Serie "Hameln" (FAZ, Tsp) und die Netflix-Serie "No Good Deed" (taz).
Literatur
Die Gerüchte über eine mögliche Freilassung Boualem Sansals im Rahmen einer präsidialen Neujahrsamnestie haben sich bisher leider nicht bewahrheitet. Das französische Unterstützerkomitee gibt seiner Besorgnis Ausdruck und ruft den französischen Präsidenten dringend zum Handeln auf: "Alles deutete darauf hin, dass der algerische Präsident die Gelegenheit nutzen würde, um eine nie da gewesene Krise in den französisch-algerischen Beziehungen zu überwinden. Im Gegenteil scheinen sich die algerischen Behörden bewusst dafür entschieden zu haben, die Spannungen zwischen unseren beiden Ländern auf die Spitze zu treiben. Nach der unrechtmäßigen Verweigerung des Visums für den französischen Anwalt, der Boualem Sansal beistehen sollte, und nach einer Ablehnung des französischen Antrags auf einen elementaren konsularischen Schutz, die beispiellos ist, geht das algerische Regime einen Schritt weiter und riskiert eine irreversible Schädigung der Gesundheit unseres Mitbürgers. Diese Situation ist nicht nur ungerecht und inakzeptabel, sondern gefährdet auch sein Leben."
In der Zeit nimmt Rainer Moritz schon einmal seinen anstehenden Abschied als Leiter des Literaturhauses Hamburg vorweg und schreibt von einem gewissen "Zorn auf diejenigen, die Freiräume für die Kultur schaffen sollten und mehr und mehr deren Vermarktbarkeit zum Maßstab nehmen". Aber "Literatur ist anstrengend, provozierend und oft schwer zu verdauen. Und wer sich nun daranmacht, nicht nur historische Texte nach unseren selbstgerechten Maßstäben zu glätten und überall Triggerwarnungen zu setzen, hat von Literatur nichts verstanden. Diese schafft keine Wohlfühloasen und dient, wenn sie ihrem Namen gerecht wird, nicht der bloßen Unterhaltung. Literatur tut oft weh, und sie hat per se keine Vorbildfunktion für gesellschaftliches Wohlverhalten." Wer daran "festhält, stößt seit Längerem auf Widerstände".
Weitere Artikel: Jan Wiele schaut für die FAZ auf die Entwicklung des Berlinromans in den letzten Jahren, der allmählich - analog zur beobachtbaren Flucht vieler Leute in den Speckgürtel - "seine Grenzen sprengt und zum Brandenburgroman wird". Roman Bucheli blickt für die NZZ zurück auf Thomas Manns vor 100 Jahren erschienenen "Zauberberg". Im Tagesspiegel gratuliert Gregor Dotzauer Rüdiger Safranski, dem "erfolgreichsten geistesgeschichtlichen Biografen der Republik", zum 80. Geburtstag. In der SZ empfiehlt Marie Schmidt mit Ljuba Arnautovics "Erste Töchter", Anna Burns' "Größtenteils heldenhaft", Maylis de Kerangals "Weiter nach Osten" und Ulrike Edschmids "Die letzte Patientin" vier kurze Romane von Frauen für einen Winternachmittag.
Besprochen werden Ulrich Rüdenauers "Abseits" (online nachgereicht von der FAZ), Ulrike Haidachers "Malibu Orange" (Presse) und Can Xues "Schattenvolk" (NZZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
In der Zeit nimmt Rainer Moritz schon einmal seinen anstehenden Abschied als Leiter des Literaturhauses Hamburg vorweg und schreibt von einem gewissen "Zorn auf diejenigen, die Freiräume für die Kultur schaffen sollten und mehr und mehr deren Vermarktbarkeit zum Maßstab nehmen". Aber "Literatur ist anstrengend, provozierend und oft schwer zu verdauen. Und wer sich nun daranmacht, nicht nur historische Texte nach unseren selbstgerechten Maßstäben zu glätten und überall Triggerwarnungen zu setzen, hat von Literatur nichts verstanden. Diese schafft keine Wohlfühloasen und dient, wenn sie ihrem Namen gerecht wird, nicht der bloßen Unterhaltung. Literatur tut oft weh, und sie hat per se keine Vorbildfunktion für gesellschaftliches Wohlverhalten." Wer daran "festhält, stößt seit Längerem auf Widerstände".
Weitere Artikel: Jan Wiele schaut für die FAZ auf die Entwicklung des Berlinromans in den letzten Jahren, der allmählich - analog zur beobachtbaren Flucht vieler Leute in den Speckgürtel - "seine Grenzen sprengt und zum Brandenburgroman wird". Roman Bucheli blickt für die NZZ zurück auf Thomas Manns vor 100 Jahren erschienenen "Zauberberg". Im Tagesspiegel gratuliert Gregor Dotzauer Rüdiger Safranski, dem "erfolgreichsten geistesgeschichtlichen Biografen der Republik", zum 80. Geburtstag. In der SZ empfiehlt Marie Schmidt mit Ljuba Arnautovics "Erste Töchter", Anna Burns' "Größtenteils heldenhaft", Maylis de Kerangals "Weiter nach Osten" und Ulrike Edschmids "Die letzte Patientin" vier kurze Romane von Frauen für einen Winternachmittag.
Besprochen werden Ulrich Rüdenauers "Abseits" (online nachgereicht von der FAZ), Ulrike Haidachers "Malibu Orange" (Presse) und Can Xues "Schattenvolk" (NZZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Architektur

Bühne
Jens Fischer unterhält sich für die taz (nord) mit Intendantin Sonja Anders, die im Sommer 2025 von Hannover zum Thalia Theater in Hamburg wechselt. "Dass Herkunft nicht stigmatisieren und von der Theaterkunst als Lebensmittel ausschließen muss, ist aus Anders' eigenem Werdegang zu lesen. Und es soll Folgen haben. 'Ich möchte vermitteln, dass Theater nicht beißt. Dass man nicht blöd ist, wenn man nicht alles sofort versteht, weil die Kunstform inzwischen doch recht hochgejazzt ist. Die Sprache, die Bilder, das assoziative Erzählen können überfordern. Ich habe mir das selbst angeeignet und das Theater für mich entdeckt.'" Und so gibts jetzt bei Anders "achtsam aufklärerische Helden" und "Selbstverständigungsabende für LGBTQ+-Communitys, PoC, Kinder und Enkel türkischer Gastarbeiter, Polizist:innen, perspektivlose Jugendliche, Betroffene von rassistischer und klassistischer Ausgrenzung, Fußballfans, alte weiße gescheiterte Männer, junge weiße gescheiterte Frauen".
Musik
Der Berliner Watergate-Club schließt nach der großen Silvestersause endgültig seine Pforten. Clubs hat man kommen und gehen gesehen, schreibt Jens Balzer in der Zeit, doch "jetzt hat man doch das Gefühl, dass sich in Berlin gerade etwas Grundlegendes ändert; dass eine Ära, von deren Glanz die Stadt lange zehrte, nun endgültig vorüber ist." Es ist die Spätfolge der Pandemie, ist sich Mit-Betreiber Niklas Eichstädt sicher: "Die Alten blieben aus, die Jungen kamen nicht mehr, und auch die Touristen kehrten nach Corona nicht mehr zurück. 'Der Berlin-Hype begann ja schon Ende der Zehnerjahre zu verblassen, und seit Corona ist es damit völlig vorbei. Was haben immer alle über die Touristen geschimpft, aber jetzt, wo sie wegbleiben, merkt man, dass die ganze Szene auch von ihnen getragen wurde.'" Auf Subventionen legt Eichstädt keinen Wert, auch wenn "der Senat etwas für die ganze Szene hätte tun können - vor sehr langer Zeit. Er hätte vor zwanzig Jahren darauf achten können, dass nicht die ganze Innenstadt an Investoren verscherbelt wird ... Die Politik hat über lange Zeit gar nicht verstanden, was für ein Schatz diese Clubkultur ist - und auch: was für ein Wirtschaftsfaktor." Kira Kramer hört sich bei der FAZ derweil unter Clubgängern um, wie diese die Krise wahrnehmen.
Weitere Artikel: Ane Hebeisen blickt für den Tagesanzeiger zurück aufs Popjahr 2024. Besprochen werden neue Boxsets (Standard) und eine Ausgabe des Gesamtwerks der stilbildenden Metal-Abrissbirne Death, die laut tazler Benjamin Moldenhauer im "schön-dumpfen Old-School-Death-Metal" angefangen hat, um mit ihren späteren Alben die "Verprogung" des Genres einzuleiten. Als Zäsur im Schaffen gilt das in den späten Neunzigern erschienene Album "The Sound of Perserverance":
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